Im Sechzgerstadion wurden nun neun neue Schilder angebracht, in denen auf die neue Antidiskriminierungsvereinbarung hingewiesen wird. Bei der feierlichen Veranstaltung im Grünwalderstadion mit dabei: Präsident Robert Reisinger, Vertreter der beiden anderen Münchner Vereine die das Stadion zukünftig nutzen wollen, Stadt- und Aufsichtsrätin Verena Dietl, Vertreter vom Fanprojekt, den Freunden des Sechzgerstadions sowie den Löwenfans gegen Rechts und weitere städtische Vertreter.

Das meiste was in der Antidiskriminierungsvereinbarung steht sind zum einen Selbstverständlichkeiten und zum anderen ohnehin schon mit der Stadionordnung bzw. mit dem Strafgesetzbuch abgedeckt. Auch hat sich bei 1860 vieles in den letzten Jahr(zehnt)en unheimlich gebessert:

Wir erinnern uns zurück an das Ende der 80er-und die frühen 90er-Jahre und betrachten die Kurve bzw. Fanszene heute:

Dass bei Sechzig eine Reichskriegsflagge geschwenkt wird? Früher Realität, Heute undenkbar. Dass ein dunkelhäutiger Spieler mit Affenlauten bedacht wird? Seit Jahrzehnten aus dem Sechzgerstadion verschwunden – zum Glück. Auch das sog. U-Bahnlied haben wir schon seit vielen, vielen Jahren nicht mehr gehört – und das ist gut so, ebenso wie die Tatsache dass Nazis, Rassisten und andere Menschenfeinde nicht mehr im Sechzgerstadion anzutreffen sind bzw. nicht als solche auftreten.

Aufkleber rund um´s Stadion mit dem Aufdruck „Löwenfans gegen Links“ und einer Postfachadresse für mehr Informationen? Auch diese sind seit mehr als zwei Jahrzehnten komplett verschwunden – hervorragend.

Vieles davon ist der Aufklärung bzw. Sensibilisierung geschuldet, sehr vieles davon natürlich auch der Arbeit der „Löwen-Fans gegen Rechts“ die sich hier seit vielen Jahren engagieren und hier äußerst aktiv sind. Hierfür haben sie  den Dank und Respekt von (fast) allen.

Bei der neuen Antidiskriminierungsvereinbarung ergibt sich dann aber doch das eine oder andere Fragezeichen: Zuallererst stellt sich die Frage, ob hier nicht „durch die Hintertür“ etwas im Stadion eingeführt werden soll, welches in ähnlicher Form bereits bei der Mitgliederversammlung 2019 in die Satzung des TSV 1860 aufgenommen werden sollte, aber die dafür erforderliche Mehrheit knapp verfehlte:

Den Antrag damals stellte ein Mitglied der Löwenfans gegen Rechts, laut der Rede von Robert Reisinger bei der Vorstellung der Antidiskriminierungsvereinbarung würde es diese nicht geben, wenn es nicht engagierte Mitglieder von 1860 geben würde die diese vorangetrieben hätten. Ein Schelm, wer hierbei an personelle Überschneidungen denkt.

Zum Inhaltlichen – die neue Antidiskriminierungsvereinbarung hat durchaus den einen oder anderen Punkt, der für Diskussionen sorgen könnte:

Man darf z.B. niemanden wegen seiner Religion diffarmieren, auch  nicht durch Kleidung und Aufnäher. Gilt hier schon das „Crossbuster-Logo“ der Punkband Bad Religion?  Vielleicht. Ein „Your God sucks“-Shirt, welches in ganz Deutschland problemlos getragen werden kann, wäre im Sechzgerstadion streng genommen zukünftig ein Grund, um jemandem den Einlass zu verwehren.

Noch problematischer ist die Sache mit der Herkunft bzw. der Diskriminierung deswegen: Weder darf man entsprechende Kleidungsstücke tragen, noch etwas in diese Richtung rufen. Höchste Vorsicht also, wenn sich auf der Kutte noch ein „Wir wollen keine Ossi-Schweine“-Aufnäher befindet oder man im Stadion etwas entsprechendes skandiert bei Spielen gegen Vereine aus dem Osten – zukünftig kann man dafür aus dem Stadion fliegen.

Aus der Gästekurve natürlich auch, wenn man umgekehrtes in Richtung Westen äußert. Oder ist die Herkunft nur ein Problem, wenn man in großen Grenzen denkt? Darf man also einen Ossi beleidigen, einen Österreicher aber nicht? Schwieriges Thema.

Was verbirgt sich eigentlich hinter folgender Formulierung: „…oder nach anerkannter Ansicht im rechtsextremen oder fremdenfeindlichen Bereich anzusiedeln sind“. Die leidige Kleidungsdiskussion: Wie „rechts“ sind New Balance, Fred Perry, Troublemaker, Lonsdale oder ein Shirt der Böhsen Onkelz oder von Freiwild? Oder eine Partei die nicht erst seit Thüringen in aller Munde ist? Was ist denn eine „anerkannte Ansicht“? Wer gibt diese anerkannte Ansicht vor?  Für ein Fußballstadion als öffentlichen Raum – dazu gibt es Urteile –  sollten eigentlich die gleichen Regeln geben wie für jeden anderen öffentlichen Raum. Warum sollte ein T-Shirt das jeder im Wienerwald problemlos öffentlich tragen ohne Ärger mit dem Gesetz zu bekommen ein paar Meter weiter ein Grund sein, um jemandem den Einlass zu verwehren?

Extremismus jenseits von rechts oder religiös motivierter ist in der Antidiskriminierungsverordnung im übrigen nicht vorgesehen: Wer also ein T-Shirt mit Stalin oder der Aufforderung zum Dschihad trägt, hat von der neuen Verordnung nichts zu befürchten – wer ein Shirt der AfD trägt oder etwas gegen „Wessi- oder Ossischweine“ skandiert, muss vermutlich draußen bleiben.

Grundsätzlich spricht natürlich nichts gegen eine Antidiskriminierungsverordnung und die Intention ist klar:  Ausländer, Homosexuelle & Dunkelhäutige sollen in einem Fußballstadion – hier dem Grünwalderstadion –  nicht beleidigt werden, Nazis sollen im Stadion nicht rekrutieren dürfen. Das ist aber durch Stadionverordnung und Strafgesetzbuch ohnehin schon der Fall.

Die jetzt vorgestellte Antidiskriminierungsverordnung ist sehr schwammig und zudem einseitig formuliert. Hier besteht Nachbesserungsbedarf.