Warum das Derby auch dann lebt, wenn die Vereine Welten trennen

Am heutigen Freitag erscheint ein Buch, das sich mit den 50 größten Niederlagen jenes Vereins aus der Seitenstraße beschäftigt, dessen Namensnennung wir hier bei sechzger.de eigentlich tunlichst vermeiden. Nun, in diesem Buchtipp Artikel fällt das ein wenig schwer. Der Autor – dieses natürlich keineswegs ersten Werks zu dem schönen Thema –  Daniel Roth hat sich mit uns in Verbindung gesetzt und einen Gastbeitrag geschrieben, in dem er seinen Blick auf die Situation in München zwischen Rot und Blau im Jahr 2026 beschreibt.
Vielen Dank dafür nach Wattenscheid!

Ich habe ein Buch über Niederlagen des FC Bayern geschrieben. Es heißt Bayern hat verloren. Die 50 größten Niederlagen des FC Bayern. Das klingt zunächst nicht unbedingt nach einer naheliegenden Qualifikation für einen Gastbeitrag bei sechzger.de.

Ich bin seit den frühen 90er Jahren Fußballfan – als Anhänger der SG Wattenscheid 09 aber in den bayerischen Vereinsrivalitäten nicht unbedingt tief verwurzelt. Die roten Münchner waren damals sportlich noch nicht ganz so dominant wie heute. Trotzdem hatte man über Bayern schon damals eine ziemlich klare Meinung: Man fand sie entweder super oder scheiße. Dazwischen gab es nicht besonders viel.Und eigentlich spielten die Roten auch damals schon in einer anderen Welt als die Blauen. Als 1860 den Durchmarsch in die Bundesliga schaffte, tauchten die Löwen aber plötzlich auch auf meiner persönlichen Fußball-Landkarte auf.

1860, das waren für mich lange Zeit vor allem Werner Lorant, Karl-Heinz Wildmoser und Bernhard Trares. Später erfuhr ich dann, dass die Löwen einmal der sportlich größere Münchner Verein gewesen waren. Und dass es in München offenbar noch immer die Erzählung gibt, Sechzig sei der eigentliche Verein der Münchner, während Bayern vor allem im Umland jede Menge Erfolgsfans eingesammelt habe. Ob diese Erzählung in dieser Einfachheit stimmt, sei einmal dahingestellt. Interessant ist aber, wie stark solche Geschichten zur Identität eines Vereins gehören.

Bayern, Nürnberg, Fürth – und natürlich München

Noch etwas später, als die Ultra-Kultur aufkam, bekam ich auch außerhalb Bayerns mehr von den unterschiedlichen Fanfeindschaften mit. Die Rivalität des FC Bayern mit dem 1. FC Nürnberg war plötzlich sehr präsent. Beim Club gibt es wiederum Fürth als lokalen Feind. Und in München sind es eben Bayern und 1860. 

Sportlich auf Augenhöhe? Davon konnte man irgendwann schon lange nicht mehr träumen. Auch strukturell gingen die Wege auseinander. Das gemeinsame Stadion endete bekanntlich nicht gerade in einer Erfolgsgeschichte. Aus der Ferne habe ich verfolgt, wie die Löwen um das Grünwalder Stadion kämpften und wie sehr sich bei 1860 irgendwann fast alles um die eigene Existenz und die Frage drehte, wohin der Verein eigentlich gehört. Auch die Fanszene habe ich dabei immer mit Interesse beobachtet. Während die Schickeria mit ihrem Club-Mate-Image und dem Auftreten rund um den FC Bayern außerhalb Münchens teilweise eher belächelt wurde und im Stadion das Telekom-T hinnehmen musste, hatten die Löwen mit “Cosa Nostra” und den “Giasinga Buam” Gruppen, die bundesweit durchaus als ernstzunehmende und gut organisierte Fanszenen wahrgenommen wurden.

Dann kam der ewige Streit um und mit Hasan Ismaik. Meine Wahrnehmung der Löwen war in den vergangenen zehn Jahren deshalb vor allem von einem Eindruck geprägt: Sechzig war ziemlich stark mit sich selbst beschäftigt. Von einer wirklichen Rivalität mit Bayern – auf Vereins- oder Fanebene – bekam man außerhalb Münchens vergleichsweise wenig mit.

Und dann kam dieses Banner

Umso erfrischender fand ich die Aktion bei Bayerns Meisterfeier in diesem Jahr. Über Geschmack kann man natürlich streiten. Aber so oder so war es vor allem eine geniale Aktion, weil sie genau das geschafft hat, was solche Aktionen schaffen sollen: Sie hat funktioniert. Die Meisterfeier des FC Bayern ist inzwischen eine ziemlich vorhersehbare Pflichtveranstaltung. Meisterschaft, Bühne, Schale, Bierdusche mit Sponsorengläsern, für die Kameras posieren. Und dann taucht plötzlich mitten in dieser Veranstaltung ein freches Banner auf, das offensichtlich eine Aktion des verhassten Stadtrivalen war. Ob man das lustig findet oder nicht: Für einen Moment gehörte die Bühne den Blauen. Und plötzlich war da wieder etwas von dieser alten Münchner Rivalität zu sehen.

Eine Rivalität mit sehr ungleichen Voraussetzungen

Bei der Recherche für mein Buch bin ich natürlich auch tiefer in die Geschichte eingestiegen. Das älteste Kapitel des Buches behandelt eine Bayern-Niederlage aus dem Jahr 1928. Damals war 1860 in München tonangebend. Aus der Saison 1965/66, der Meistersaison der Löwen, ist ebenfalls eine Bayern-Niederlage im Buch vertreten: das 1:6 beim 1. FC Köln. Und dann gibt es natürlich ein eigenes Kapitel über den 1:0-Sieg von 1860 im Derby im November 1999.
Das alles ist lange her. Bayern ist Serienmeister. 1860 spielt wieder in der Regionalliga. Auf den ersten Blick liegen die Vereine inzwischen so weit auseinander, dass man sich fragen könnte, ob eine Rivalität zwischen beiden überhaupt noch Sinn ergibt.
Ich glaube: Ja, gerade deshalb. Denn Rivalitäten funktionieren nicht ausschließlich über sportliche Augenhöhe.
Als Fußballfan mit einem gewissen Interesse an Fankultur weiß man, dass 1860 eben nicht einfach irgendein kleiner Verein ist, der zufällig im Schatten des FC Bayern steht. Das Grünwalder Stadion ist voll. Tickets zu bekommen, ist kein Selbstläufer – das musste ich vor einem Jahr selbst erfahren. Die blaue Fanszene muss sich ebenfalls nicht verstecken. In ganz Deutschland weiß man, dass 1860 eine große und aktive Anhängerschaft hat und in München selbst eine erhebliche Rolle spielt – auch dann, wenn die erste Mannschaft in der Regionalliga spielt.
Vielleicht ist genau das der Punkt. Bayern kann sportlich in einer anderen Welt spielen. Das bedeutet nicht automatisch, dass Bayern München die Stadt München für sich allein beanspruchen kann.

Das Salz in der Suppe

Rivalitäten sind beim Fußball nun einmal das Salz in der Suppe. Und deshalb hoffe ich als Außenstehender zunächst einmal, dass ihr wieder als Verein auf die Beine kommt. Nicht, damit 1860 irgendwann wieder Bayern regelmäßig in der Bundesliga schlägt. Das wäre vielleicht ein bisschen viel verlangt. Sondern damit es in München wieder zwei Vereine gibt, die sich gegenseitig das Leben schwer machen können. Denn genau dafür sind Stadtrivalen da. Das Banner bei Bayerns Meisterfeier hat jedenfalls Fans in ganz Deutschland gezeigt: Da ist noch Feuer drin.

Und vielleicht ist das für eine Rivalität die wichtigste Nachricht überhaupt.

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