Nach drei Nächten, die er darüber geschlafen hat, macht sich unser Redakteur Christian heute nochmal (final) Gedanken über die Ereignisse vom Sonntag in Giesing. Giesinger Gedanken zum Derby.

Erfahrung aus vielen Derbys

Ich blicke in meinem Leben als Löwenfan auf fast 50 Spiele zurück, die ich als “Münchner Lokalderby” bezeichne. Dazu zählen natürlich die Duelle beider Profiteams in der Bundesliga, aber auch viele – teils wirklich extrem hitzige und aufregende – Amateur-Derbys sowie die Spiele unserer ersten Mannschaft gegen die kleinen Roten. Wie am vergangenen Sonntag. Zugegebenermaßen waren die Duelle in der auch aktuell gegeben Konstellation in den 1980ern und frühen 90ern im ganzen Ablauf noch weit unaufgeregter als heute und eigentlich wenig Derby-like. Rote waren in Giesing da keine anzutreffen, die Zuschauerzahl war bei unseren Heimspielen deutlich größer, als bei den offiziellen Auswärtspartien. Viele Löwen weigerten sich, der Seitenstraße auch noch Geld in den eh schon vollen Allerwertesten zu schieben.

Aber seit Hasan Ismaik uns 2017 zum ersten Mal in die Regionalliga befördert hat, ist dieses Duell endgültig zum Ersatz-Derby geworden. Und es erinnert in Ablauf und Dramaturgie häufig sehr stark an die Treffen auf der großen Bühne der ersten Liga. So auch das am Sonntag.

Hoher Stellenwert für die Roten

Obwohl wir den Roten sportlich (außer vielleicht in der Ausnahmesaison 1999/2000) stets weit hinterherhinken, inzwischen ja Lichtjahre entfernt sind, hat die Partie für deren Anhang – auch wenn sie nur ihre Zweitvertretung schicken dürfen – einen ganz offensichtlich sehr hohen Stellenwert. Wie anders ist es sonst zu erklären, dass man diesmal schon beim vorabendlichen Bundesligaspiel in ihrer Arena gegen die Dosen aus Leipzig lautstarke Schmähgesänge gegen den TSV 1860 vernehmen konnte? War der Gegner in der Arena zu langweilig? Später am Abend marschierten dann ein paar hundert Anhänger in rot-weiß über den Marienplatz und versuchten sich selbst zu versichern, dass ihre AG die Nummer eins in der Stadt sei. Wenn sie meinen…

Diverse Fanszenen waren in Giesing schon deutlich lauter

Auf den Rängen war es nach meiner Wahrnehmung dann – ganz wie früher – ein absolut armseliger Auftritt der Roten. Sie kamen viel zu spät, mussten ihre Choreo (inklusive der seltsamen Aussparung bei Draufsicht rechts oben) auf die Halbzeit verschieben und als sie – lange nach Spielbeginn – mal anfingen, verbal etwas von sich zu geben, war das nicht sonderlich laut. Da waren Dresden, Rostock, Magedeburg, Chemnitz Halle, Essen, Aachen, Duisburg – um mal nur die zu nennen, die mir ganz spontan einfallen – in der Vergangenheit deutlich lauter zu vernehmen im Sechzgerstadion. Angesichts des Spielverlaufs und ihrer dauerhaften Führung war das wirklich gar nix!

Ob in rot…
…oder weiß: Die Choreo der Roten ist nicht komplett. Das hätte nicht sein müssen!

Mit München haben sie nichts zu tun

Und wie bei jedem Derby der Vergangenheit haben mich die “München”-Rufe aus ihrer Kurve auch diesmal wieder köstlich amüsiert. Neben der großen “AMATEURE”-Zaunfahne, die vielleicht auf den Punkt bringt, was die FCB-Kunden, die dahinter stehen, sind (nämlich Amateure), erfreute sich das Publikum in Giesing über die roten Lappen der “Pfälzer Bazis”, aus Neumarkt (in der Oberpfalz), Naila/Oberfranken, Bretten (bei Karlsuhe) oder Altenburg (in Thüringen). Und was hat das nun bitte genau mit München zu tun?

Einverstanden mit dem Löwen-Support

Dass die Löwenfans nach einem Derby – vor allem nach Niederlagen – mit sich selbst hart ins Gericht gehen, die eigene Support-Performance scharf kritsieren und teilweise sogar die mangelnden Unbterstützung von den Rängen für die Niederlage verantwortlich machen, kennt man auch – wenn auch nur vereinzelt – aus der Derby-Vergangenheit. Ich persönlich kann das nicht unterschreiben. Ich fand sowohl die Lautstärke, als auch die Auswahl des Liedguts aus Westkurve und Stehhalle (einige Wechselgesänge wurden sogar von der Haupttribüne mitgemacht) einem Derby völlig angemessen! Wie früher auch.

Spruchbänder

Zwei auf Tapete gepinselte Hinweise der roten Anhängerschar an die Öffentlichkeit waren am Sonntag Nachmittag in Giesing auch zu bewundern. Der eine beklagte den ihrer Ansicht nach zu hohen Eintrittspreis für die Premiumplätze in der Ostkurve im schönsten Stadion der Welt – inklusive des traumhaften Blicks auf die Westkurve. Undankbares Volk! Der andere Hinweis bewies, dass die gut erzogenen Mädchen und Buben aus den wohlhabenden Vororten Münchens und natürlich dem Rest der Republik (siehe oben) zwar Tage zählen können, aber sich leider mit der Struktur des TSV München von 1860 e.V. noch zu wenig auseinander gesetzt haben. Schade! Andererseits ist auch dies ein vertrautes Thema. Mit leicht wirren und angesichts der zur Schau gestellten Ahnungslosigkeit leider stets ein wenig peinlichen Spruchbändern fielen die Roten auch in früheren Bundesliga-Derbys gerne mal auf. Alles wie gehabt.

Ein Mahnmal der Ahnungslosigkeit: Wenn sich Rote mit Vereinspolitik bei 1860 beschäftigen.

Das Geschehen auf dem Rasen

Womit wir den Blick abschließend und in aller Kürze auf den Rasen richten: Auch hier zeigte dieses Derby die gleichen Erscheinungen, wie viele dieser Aufeinandertreffen in der Vergangenheit: Chancenwucher in blau und eiskalte Effizienz bei den anderen. Ein schneller Rückstand, der dann – nachdem die Löwen sich irgendwann auf die Tugenden Kampf und Leidenschaft besinnen – ein wenig korrigiert werden kann, ohne in ein finales (zumindest Teil-)Erfolgserlebnis zu münden. Das Thema mit dem Verballern klarster Torchancen war bezeichnenderweise sogar im historischen Löwen-Derbysieg am 27. November 1999 ein großes Thema. An diesem Tag machten die Roten halt keinen Stich, weshalb am Ende ein hochverdientes 1:0 auf der Anzeigetafel des Olympiastadions leuchtete. Zum Glück!

Derby-Akte 2026 schließen

Und damit will ich die Derby-Akte 2026 – nach so viel Wirbel um das Spiel in den letzten Wochen – endgültig schließen und mich den anstehenden Aufgaben widmen. Bis Mitte April kommenden Jahres. Dann steht das nächste innerstädtische Duell auf dem Programm. Mal sehen, ob das eine oder andere dann mal anders laufen, als wie gewohnt.

– – –
Die Giesinger Gedanken erscheinen regelmäßig als Kommentar und stellen die persönliche Meinung eines Mitglieds unserer Redaktion oder eines Gastautors dar. Sie spiegeln nicht grundsätzlich die Meinung der gesamten Redaktion wider.

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Hannesladoni

Spielen die ihr Heimspiel eigentlich bei uns oder in ihrer Kloschüssel?

Lohstrassler

Man kann von der Choreo von Rot sicherlich halten, was man mag (Stichwort seltsame Aussparung). Nüchtern betrachtet muss man allerdings feststellen: Im Gegensatz dazu konnten wir bei unserem Heimspiel optisch keinen besonderen Akzent auf den Rängen setzen. So ehrlich muss man leider sein.

KoenigRadi

Kann jemand erklären was die mit dem 17 Tage Spruchband meinen? Dass das Spielrecht nach 17 Tagen wieder in eine Spielbetriebsgesellschaft ausgelagert wurde? Ich versteh noch nicht mal was die denken da zu kritisieren ^^

ultrafuehrers from hell

ok, eigentlich die richtige Strategie, diesen vergangenen Sonntag abzuhaken,..

aber er wurde medial zumindest auch von sechzger.de selber ja ziemlich hochgejazzt.
..siehe den Beitrag über evtl. Verrbandsstrafen gegenüber dem fcb,(und jetzt fährt der bfv plötzlich gegen den TSV einige Vorfälle und Fehlverhalten auf…)

und jetzt wirds ganz schlimm…

… denn meiner Meinung nach sollten wir aufhören, die fcb-Fans, insbesondere die sog. aktive Szene so verächtlich kleinzureden. Diese Szene ist uns in EINIGEN Belangen deutlich überlegen und das sollte auch für unsere Szene eher Ansporn sein, statt Depressionen zu verursachen.
Und leider beanspruchen die roten die gesamte Stadt München sehr geschickt, aber auch intensiv. Das München mittlerweile mehr rote Präsenz aufzeigt als blau das lieb ist, sollte wohl schon seit Jahren klar sein. Egal ob Marienplatz, das Tal, das Westend oder Schwabing rund um die Münchner Freiheit…die nehmen sich den Raum halt.. leider…
Das wir uns so nach Giesing verzwergen ist das eine, das aber auch bei uns viele Fanclubfahnen in der West hängen die ihren Ursprungsort meistens über 50 bis 100 km weit weg vom Münchner Marienplatz haben ist auch Fakt. Also zieht das mit den roten-nichtmünchnern nur noch bedingt(war vor 20 Jahren tatsächlich noch etwas anders..)

somit lasst uns den Umstand und den Vorteil nutzen um unser Viertel intensiv zu bespielen, die nachbarschaftliche Beziehungen pflegen und ausbauen, die Komunikation mit den verschiedenen Netzwerken intensivieren und auch wahrhaben, das “unser Giasing” tatsächlich größer ist als der Tela-Boulevard und dieses München nicht zu groß ist um es den roten zu überlassen….

ThomasZander

Ist doch klar, dass die armseligen Roten nach solchen Tagen lechzen. Die sind ja komplett ausgehungert, was echte Fankultur, Leidenschaft und Spannung betrifft. Sie gehen in ihre sterile, langweilige Arena, werden in ihre Südkurve gepfercht, während drumherum Champagner saufende und Kaviar fressende Langweiler mit ihren Klatschpappen sitzen und jede aufkeimende Stimmung sofort abtöten.
Dann sehen sie Fußball, der sicherlich perfekt ist, aber eben auch unfassbar steril. Freuen können sie sich kaum noch, weil schon vor der Saison feststeht, dass sie Meister werden. Also quälen sie sich durch unendlich langweilige Champions-League-Vorrunden (weil mittlerweile auch da schon feststeht, wer weiter kommt), bis irgendwann das eine Spiel kommt, das tatsächlich spannend ist – und scheiden dann im Halbfinale aus. Jahr für Jahr.
Es gibt keine Aufs und Abs, keine Überraschungen, kein Fiebern, kein Leiden, aber auch keine echte Leidenschaft. All das, was für mich zum Fußball dazugehört, kennen die doch gar nicht mehr.
Insofern ist klar, dass sie solche Spiele herbeisehnen. Wir können das, glaube ich, kalt lächelnd quittieren. Sollen sie ihren Sieg feiern. Und dass sie einmal wieder was gespürt haben. Nächste Woche müssen sie sich wieder langweilen.
Wir nicht. Wir haben echte Leidenschaft, echte Fans, echten Fußball. Und bei all ihrer Borniertheit tun sie mir eigentlich wirklich wahnsinnig leid.

Last edited 1 Stunde zuvor by ThomasZander
Loewe Nobbi

Genau Tommy, auf die LÖWEN 606060

michl60

Sehr schön geschrieben, besser kann man es nicht zusammen fassen

RiemerLoewe

Perfekt auf den Punkt gebracht. Hätts nicht besser sagen können.

Bergloewin

Genau so ist es. 

Auf die Löwen und ihre treuen Fans 💙🦁💙