Endlich wieder Pokal – und zwar der Große. Endlich dürfen sich auch unsere Löwen wieder mit den Großen messen. Ein Kleiner von diesen Großen ist am Samstag im Grünwalder Stadion zu Gast. Nach der Auslosung war unter den Löwenfans schon fast Enttäuschung zu vernehmen, man hatte sich einen großen Namen a la Schalke oder Nürnberg gewünscht. Das hat sich nun hoffentlich geändert, denn wenn unsere Mannschaft gegen den Zweitligisten etwas reißen soll, braucht sie unsere volle Unterstützung. Es geht gegen einen Klub aus dem hohen Norden, der vor zwei Jahren zum ersten Mal Bundesligaluft schnuppern durfte. Es geht gegen die Kieler Sportvereinigung Holstein von 1900 e.V. !
Aktuelles – Die Ausgangssituation
Die Störche sind aktuell Zwölfter der zweiten Bundesliga. Mit zwei Punkten aus zwei Unentschieden – beides Mal war der Endstand 2:2 – gegen die ambitionierten Teams aus Darmstadt und St. Pauli ist man in Ordnung in die Saison gestartet. Der alte, neue Trainer Tim Walter steht also noch nicht unter besonderem Druck, eine Niederlage sollte er sich aber auch nicht unbedingt erlauben. Herausgestochen ist bisher Stürmer Phil Harres (24) mit zwei Toren und zwei Assists, womit er an allen Pflichtspieltoren beteiligt war. Im Tor steht normalerweise Timon Weiner (27), der – nach der aktuellen Kicker-Durchschnittsnote von 2,25 zu urteilen – bisher eine Top-Saison spielt. In München wird aber Eigengewächs Lio Rothenhagen (19) sein erstes Profispiel bestreiten!

Kader & Transfers
Bei den Kielern hat im Sommer ein größerer Umbruch stattgefunden. 18 Abgängen stehen 15 Zugänge gegenüber. Größter Transfer ist der erst vor wenigen Tagen vollzogene Wechsel von Alexander Bernhardsson (27, RA) für den der VfL Wolfsburg fünf Millionen Euro auf den Tisch legte. In Reaktion hierauf legten die Störche noch einmal nach und verpflichteten für die Außenbahn Gyan de Regt (23) von Excelsior Rotterdam. Außerdem holte man den 24-jährigen Dänen Noah Madsen von CS Maritimo (1.Liga Portugal), da mehrere Innenverteidiger aktuell verletzt sind.
Sonst wurden eher unbekannte Namen transferiert. Auffällig ist die hohe Zahl an Leihrückkehrern die im Anschluss verkauft oder weiterverliehen wurden. Spannend sind auch die abgebenden Vereine der Neuerwerbungen. Für eine Zweitligisten ist man sehr international unterwegs und machte Geschäft auf der ganzen Welt mit Klubs aus Argentinien (Newells Old Boys), Aserbaidschan, Kanada, oder Japan. Auch ligenmäßig ist von Regionalliga bis Oberhaus alles dabei. Aus der eigenen Jugend wurde hingegen nur ein einziger Spieler hochgezogen.

Trainer ist seit Februar diesen Jahres wieder Tim Walter (50), der nach seiner Zeit an der Seitenstraße schon in der Spielzeit 18/19 in Kiel an der Seitenlinie stand. Vor seiner Rückkehr war er in England bei Hull City tätig. Der Kraichgauer ist für seinen kompromisslos-spielerischen Ansatz bekannt, was die Löwen heute vielleicht nutzen könnten.
Vereinsgeschichte
Wie aus dem Vereinsnamen Kieler Sportvereinigung Holstein von 1900 herzuleiten ist, geht der Verein aus der Vereinigung zweier Vereine hervor, des 1. Kieler Fußball-Vereins von 1900 und des SV Kieler Fußball-Clubs Holstein von 1902, welche am 7. Juni 1917 fusionierten. Am 7. Juni 1917 tagten im Zentral-Hotel, dem Vereinslokal des 1. KFV von 1900, in gemeinsamer Sitzung die Mitglieder der beiden Klubs und fassten bei einer Stimmenthaltung einstimmig folgenden Beschluss: “Die Beschlüsse der beiden Vereine über ihren Zusammenschluss unter dem Namen Kieler Sportvereinigung Holstein von 1900 e. V. (kurz: Holstein Kiel oder KSV Holstein) werden gutgeheißen.”
Der deutlich mitgliederschwächere 1. KFV von 1900 schloss sich also dem erfolgreichen SV Holstein Kiel von 1902 an und ging völlig in ihm auf, was nicht nur im heutigen Namen Holstein Kiel zu erkennen ist. Dieser hatte alleine den bis heute größten Erfolg der Vereinsgeschichte errungen: die deutsche Meisterschaft 1912.
Auch in den 1920er-Jahren gehörte Holstein zur Spitze des deutschen Fußballs und erreichte 1930 erneut das deutsche Meisterschaftsfinale, verlor dieses jedoch mit 4:5 gegen Hertha BSC. Nach dem Zweiten Weltkrieg blieb Holstein zunächst erstklassig und spielte von 1947 bis 1963 durchgehend in der Oberliga Nord, bevor mit der Einführung der Bundesliga eine neue Ära begann. In dieser Zeit holte man noch den Titel bei den Amateuren 1961, als das Endspiel vor 80.000 Zuschauern im Niedersachsenstadion von Hannover mit 5:1 gegen Siegburg 04 gewonnen wurde.
Nach Gründung der Bundesliga
Nach der Gründung der Bundesliga 1963 begann für Holstein Kiel eine lange Phase zwischen den Spielklassen. Die KSV verpasste 1963 zunächst die Qualifikation für die neue Bundesliga und scheiterte 1965 in der Aufstiegsrunde nur knapp an Borussia Mönchengladbach. Danach geriet der Verein sportlich zunehmend ins Hintertreffen: 1974 verpasste Holstein sogar die Qualifikation für die neu geschaffene 2. Bundesliga und spielte fortan zunächst drittklassig. Nur von 1978 bis 1981 gehörten die Kieler noch einmal der 2. Bundesliga Nord an.
In den folgenden Jahrzehnten entwickelte sich Holstein zu einer Fahrstuhlmannschaft zwischen dritter und vierter Liga. Zwischen 1981 und 2013 wechselte die KSV mehrfach zwischen Regional- und Oberliga, ehe 2013 der Wiederaufstieg in die 3. Liga gelang. Dort etablierte sich Holstein und schaffte 2017 unter Trainer Markus Anfang den Aufstieg in die 2. Bundesliga. In den folgenden Jahren rückte der Verein wieder näher an die Spitze des deutschen Fußballs: 2018 und 2021 erreichte Holstein jeweils die Relegation zur Bundesliga, scheiterte aber zunächst an Wolfsburg beziehungsweise Köln.
Der größte Erfolg der jüngeren Historie gelang dann 2024: Ein 1:1 gegen Fortuna Düsseldorf reichte am vorletzten Spieltag, um den erstmaligen Aufstieg in die Bundesliga perfekt zu machen. Damit war Holstein nach 61 Jahren wieder erstklassig und zugleich der erste Bundesligist aus Schleswig-Holstein. Die Premierensaison 2024/25 endete allerdings mit dem direkten Wiederabstieg. Seit der Saison 2025/26 spielt die KSV also wieder in der 2. Bundesliga.

Die KSV Holstein zählt rund 12.000 Mitglieder, die Vereinsfarben sind Blau, Weiß und Rot. Neben Fußball (Herren, Frauen, Senioren und Schiedsrichter) werden noch Handball, Cheerleading und Tennis betrieben. Früher hatte der Verein noch mehr Sparten – z.B. Tischtennis und Schwimmen – die wegen verschiedenster Umstände, wie fehlenden Sportstätten nach dem 2. Weltkrieg, nicht mehr existieren. Die Handballfrauen der KSV wurden 1971 Deutscher Meister. Auf der Webseite sind 13 eingetragene Fanclubs aufgeführt, darunter einer aus dem Chiemgau!
Fanszene
Im “Blauen Brief” der Ultras Gelsenkirchen wird die Kieler Szene – ebenfalls auf der Westtribüne beheimatet – folgendermaßen vorgestellt: “Die historische Gruppe ist die “Fast Food Kolonne Kiel”, die 1998 gegründet wurde, aber schon seit Jahrzehnten nicht mehr in Erscheinung tritt. Seit ihrer Gründung 2007 war die “Supside Ultra Kiel” führende Gruppe auf der Westtribüne von Holstein Kiel. Im Jahr 2017 ging die Zaunfahne der Gruppe jedoch nach einem Auswärtsspiel in Aue in die Hände von Anhängern des FC St. Pauli über, welche den Szenebus bei Ankunft in Kiel abfingen, was die Auflösung zur Folge hatte.
Nur fünf Wochen nach diesem Vorfall rissen Darmstadt 98-Anhänger unter anderem die Fahne der Ultra-Gruppe Sektion Spielsucht vom Zaun des Gästeblocks, was die zweite Gruppenauflösung in kürzester Zeit nach sich zog. An die Stelle von Supside Ultra Kiel traten “Campagno Kiel” und die “New Connection”. Seit 2016 versammelt sich die aktive Fanszene von Holstein Kiel mehr oder weniger gemeinsam hinter dem Banner “Block 501”, welcher seit März 2024 offiziell als eingetragener Verein organisiert ist und sowohl als Verbindung zwischen Vereinsführung, aktiver Fanszene und übrigen Fans als auch zur fanszene-internen Koordination dient.”
Freundschaften pflegen Gruppen zu Hessen Kassel und nach Oldenburg. Größter Feind ist der VfB Lübeck, sonst ist man auf viele Vereine des Nordens nicht gut zu sprechen. Politisch ist die Ultraszene in Kiel mittlerweile eher auf der progressiveren Seite einzuordnen, besonders Compagno gilt als dezidiert linke Gruppe. Andere Teile der Fanszene wollen diese Einstellung nicht mittragen, weshalb es immer wieder zu Konflikten innerhalb der Kurve kam.
Hooligangruppen sind Jungblut und Paragraf 241. Letzterer definiert nicht nur den Straftatbestand der Bedrohung, sondern mit den Zahlen beginnen auch die Kieler Postleitzahlen. Im ersten Heimspiel der aktuellen Saison feierte die Gruppe Compagno ihren zehnten Geburtstag. Eine recht ausführliche Selbstbeschreibung findet ihr hier. Die Gruppierung unterhält auch den Förderkreis Vita-Unita über den Interessierte in die Fanszene eintreten können.
Auch in Kiel läuft derzeit in Projekt zum Stadionumbau. Die Fans begleiten die Planung und Umsetzung organisiert in der Interessengemeinschaft Holstein-Stadion e.V..

Trivia – Unnützes Wissen
- Erster Trikotsponsor der KSV im Jahr 1978 war die Ferienanlage Damp 2000.
- Holstein Kiel ist Schleswig-Holsteins mitgliederstärkster Sportverein.
- Mit rund 900km einfacher Strecke ist die heutige Auswärtsfahrt der Kieler eine der weitesten, die innerhalb Deutschlands möglich ist.
- Ein Fan der Störche bewältigte diese Strecke mit dem Fahrrad und weilt bereits seit Donnerstag in München.











Funfact: Auf der Compagno Website ist unten ein Podcast vom Fanprojekt Kiel verlinkt welcher den Namen “Football för de Lüüt” trägt.