Nicht mit dem gestrigen Spiel der Löwen in Ulm, das Münchens große Liebe knapp für sich entscheiden konnte, beschäftigen sich die heutigen Giesinger Gedanken, sondern mit Umfragen, teil real, teils gewünscht, die in den diesen Tagen im Umfeld des TSV 1860 umhergeistern. Ob die Online-Umfrage der Abendzeitung zur Stadionthematik, ob die vom Die Bayerische-Vorstand Martin Gräfer angeregte Mitgliederbefragung zu sportlichen Zielen oder die von der Initiative “Weiß blau für den TSV” gewünschte Umfrage zur Stadionfrage. Für unseren Redakteur Christian Jung ein guter Grund, sich (wieder) einmal grundsätzliche Gedanken zum Thema Umfragen zu machen. Giesinger Gedanken.
Pro Umfragen! (Fast) uneingeschränkt!
Umfragen sind etwas Wunderbares! Das sage ich hier nicht nur als diplomierter Soziologe mit einem damaligen Studienschwerpunkt in der empirischen Sozial- und Marktforschung. Sondern auch als Löwenfan und sechzger.de-Redakteur. Umfragen oder Befragungen (ein Begriff, den ich diesem Zusammenhang eigentlich bevorzuge) legen – meist in anoymisierter Form – den Willen einer großen Zahl von Menschen frei und bringen ans Tageslicht, was “Volkes Wille”, wie man so schön sagt, wirklich ist. Entscheider können auf Grundlage von Umfragen Entscheidungen treffen, bei denen es häufig (auch) um sehr viel Geld geht. Allerdings müssen die Umfagen dafür natürlich handwerklich richtig umgesetzt werden. Dafür gibt es hierzulande viele gut ausgebildete Fachkräfte. Und natürlich sollte der Gegenstand einer Befragung, wenn sie beispielsweise unter den Mitgliedern eines Vereins durchgeführt wird, auch relevant für die Mitglieder sein. Und inhaltlich sinnvoll. Das Ergebnis einer Umfrage, ob es nicht wünschenswert wäre, dass am nächsten Tag die Sonne scheint, mag für den einen oder anderen interessant sein. Daraus abzuleiten, der Fragesteller könne also tags darauf für Sonnenschein sorgen, wäre – darüber sollte Einigkeit herschen – aber ziemlich unsinnig. Rund um unseren Lieblingsverein war das Thema der empirischen Meinungserhebung in den letzten Tagen sehr präsent.
Abendzeitung glänzt nicht bei ihrer Umfrage
Die Abendzeitung hat nicht damit angefangen. Aber qualitativ den Vogel abgeschossen. Erstaunlich, dass ein durchaus anerkanntes Medium a) nicht in der Lage dazu ist, eine Frage fehlerfrei zu formulieren (“…wünscht Du Dir?” – fehlt da nicht ein “s”, Kolleg*innen?) und b) dann bei der Berichterstattung über das Ergebnis der Umfrage nicht realisiert, dass 49,9 + 51,1 = 101% ergibt. Dieser peinliche Fehler wurde übrigens inzwischen korrigiert. Online macht’s möglich! Diesen Vorteil nutzen wir auch regelmäßig.
Repräsentativ… für was und wen?
Zu lesen ist im AZ-Text zur Umfrage auch wieder mal der alte Kampfbegriff “repräsentativ”. Hier gibt man reumütig zu, das Ergebnis der Befragung sei “nicht repäsentativ”. Schade, aber wofür wurde dann der ganze Aufwand betrieben? Die Umfrage ins Netz gestellt, das Ergebnis ausgewertet, genauer betrachtet, drüber geschrieben? Unsere tags darauf in ähnlichem Wortlaut (nur ohne den oben benannten Rechtschreibfehler und mit einer weiteren Antwortmöglichkeit, damit sich jede und jeder in der Befragung wiederfindet) aufgesetzte Umfrage ist übrigens sehr wohl repräsentativ: Repräsentativ für die Leser*innen von sechzger.de, die an so einer Umfrage teilnehmen. Ob deren im konkreten Fall mehr als 1.000-fach abgegebene Meinung für die Stadionfrage bei 1860 relevanter ist als die der AZ-online-Leser*innen, die einfach Lust hatten, an der Umfrage teilzunehmen (egal ob Löwenfan, Seitenstraßler, fußballdes- oder sehr interessiert), sei mal dahingestellt. Bei uns sind zum jetzigen Zeitpunkt übrigens 75 % für ein “Modernes Grünwalder Stadion”, immerhin 22 % für einen “Neubau in Riem” und 3 % für keine dieser beiden Optionen. Ein ganz anderes Stimmungsbild als bei der AZ.
Wieder mal “Weiss & Blau für den TSV”
Umfragen oder gar Mitgliederbefragungen zu fordern, ist gerade en vogue! Erst heute vor zwei Wochen präsentierte die Initiative “Weiss & Blau für den TSV” ihren rund 300 Followern auf Instagram einen offenen Brief an Gernot Mang. Darin forderte man “den Präsidenten und die gesamte Vereinsführung” auf: “Startet eine Mitgliederbefragung zur Stadionfrage! Jetzt!” Untermauert wurde die Forderung dann gleich noch mit der Drohung, man werde, sollte man bis zum 1. Dezember keine Reaktion des Präsidiums erhalten, eine “öffentliche Petition” starten, um “den Druck zu erhöhen”. Petitionen sind auch irgendwie Umfragen, oder? Ich bin wirklich gespannt, was da morgen und in den kommenden Tagen aus Olching noch so zu vernehmen ist. Vorweihnachtliches Entertainment sozusagen.
Martin Gräfer auf facebook und Linked’In
Ebenfalls durchaus unterhaltsam, aber natürlich auf einem anderen intellektuellen und sprachlichen Niveau als der offene Brief von WuBfdTSV, ist der jüngste Beitrag von Martin Gräfer auf den Social Media Plattformen Linked’In und facebook zur Löwenlage angesiedelt. Dass der Versicherungsmann unterschiedliche Ansprachen für das selbe Anliegen wählt, das er auf dem Herzen hat, spricht für ihn. Natürlich erreicht man bei facebook eine andere Zielgruppe als auf dem Businessportal. Beide Texte enthalten im Kern aber die Forderung einer…? – Genau, einer Umfrage. Konkret: Einer Mitgliederbefragung. Gräfer will allerdings nicht – wie die Kollegen von der AZ oder wir oder die Weiß-und-Blau-Initiative – wissen, wo der gemeine Löwenfan denn gern das Stadion stehen hätte, in dem seine Mannschaft gegen den Ball tritt. Nein, er meint, bevor man sich mit dieser Frage befasst, müsse man erstmal eine Strategie entwickeln. Und die muss natürlich – eines seiner Lieblingswörter – “nachhaltig” sein. Und um diese Strategie zu entwickeln, will er die Mitglieder fragen (lassen): “Wohin wollt ihr mit dem Profifußball? Soll es wirklich in Richtung Oberhaus des deutschen Fußballs gehen, oder ist es ausreichend, in der 3. Liga oder gar Regionalliga zu bleiben und sich dort dauerhaft einzurichten?” (auf facebook) bzw.: “Welchen Anspruch habt ihr an den Profifußball?” (auf Linked’In – kurz und knapp).
Fußballfans wollen Erfolg
Dass das potenzielle Ergebnis der Frage(n) Gräfers natürlich völlig eindeutig ausfallen würde, steht außer Frage. Dass es eine relevante Anzahl an Löwenfans gibt, die ihr Team ernsthaft und ohne Not in der 3. Liga oder gar noch tiefer spielen sehen wollen, ist eine Legende, die von bestimmten, besonders lauten Protagonisten gerne gestrickt wird, aber davon nicht zutreffender wird. Fußballfans – sogar bei 1860 – wünschen sich für ihren Club und ihr Mannschaft immer den größtmöglichen Erfolg. Und also die höchste denkbare Ligenzugehörigkeit. Auseinander gehen die Positionen, wieviel Identität, Selbst- und Mitbestimmung man als Fan und/oder Vereinsmitglied für diesen sportlichen Erfolg aufzugeben bereit ist. Und diese Meinungsverschiedenheit bestimmt auch die Debatten unter den Löwenfans. Übrigens nicht erst seit gestern oder seit dem Einstieg Hasan Ismaiks, sondern spätestens seit Beginn der Ära Wildmoser. Und der liegt 33 Jahre zurück. Lange bevor ein Martin Gräfer sich dem TSV 1860 näherte. Wie also der Bayerische-Vorstand aus einer Mitgliederbefragung zu den sportlichen Zukunftsvorstellungen der Löwenfans eine konkrete und “nachhaltige” Strategie entwickeln will, bleibt sein exklusives Geheimnis. Ich persönlich glaube ja, unser Präsidium ist schon mindestens drei Schritte weiter!
Umfragen sinnvoll einsetzen, Wahlen akzeptieren
Fazit: Ernsthaft aufgesetzte Umfragen, die eine Entscheidungsgrundlage darstellen sollen (und das ist bei den hier eingangs genannten Beispielen auf sechzger.de und bei der AZ definitiv nicht der Fall, sehr wohl aber bei Mitgliedervoten), kosten viel Geld. Daher sollte ihr Einsatz wohlüberlegt sein und zum richtigen Zeitpunkt erfolgen. Und des Weiteren bleibt bei all den Forderungen nach Umfragen und Befragungen festzuhalten: Das derzeitige Präsidium, das bei der Mitgliederversammlung in diesem Sommer mit der klaren Botschaft angetreten ist, sich für einen Ausbau des Stadions an der Grünwalder Straße einzusetzen, wurde auf genau dieser demokratisch legitimierten Mitgliederversammlung mit über 97% Zustimmung ins Amt gehoben. Mehr klare Beauftragung kann nicht einmal eine – von mir so geschätze – Umfrage hervorbringen.
Die Giesinger Gedanken erscheinen regelmäßig als Kommentar und sind die persönliche Meinung eines Mitglieds unserer Redaktion oder eines Gastautors. Sie spiegeln nicht grundsätzlich die Meinung der gesamten Redaktion wieder.










Und ich bin der Ansicht, dass eine Befragung unter den Versicherten der Bayerischen, ob sie subjektiv der Ansicht sind, dass ihre Beiträge um durchschnittlich 10 bis 20% gesenkt werden sollten, hier klar Vorrang hat. Erst wenn dieses Ergebnis feststeht, kann daraus eine Strategie für neue Versicherungsprodukte entwickelt werden.
Danke Christian, dass du zu diesen hanebüchenen Umfrage-Diskussionen so viele Worte verlierst!
Von mir nur ein paar Worte an Herrn Gräfer:
Vielleicht sollten alle Fußballfans Deutschlands einfach abstimmen, ob ihr Verein in der Bundesliga spielen soll oder lieber doch nicht. Und so mach das dann!
Aufstieg, Abstieg alles hinfällig – wir stimmen einfach ab und dann spielen 40-50 Vereine in der Bundesliga!
Ich würde dann aber auch alle Fußballfans Deutschlands darüber abstimmen lassen, welcher Verein NICHT in der Bundesliga spielen soll. Dann würden vielleicht auch nur 18 Vereine übrig bleiben. Mir würden schon ein paar einfallen, die ich nicht mehr in der ersten Liga sehen will, wenn wir mal da oben sind.
Definitiv sinnvoll wird eine fundierte Mitgliederbefragung, wenn es denn möglichst bald um die Finanzierungsmodelle zum Stadionumbau auf Erbpacht durch Verein mit kgaa ? gehen wird.
Was Gräfer nach dem kläglichen Scheitern 2024 mit BZ u. Lutz & Co. nun bezweckt bleibt unklar, oder doch durchsichtig: die Zeit auf Einfluss läuft dem noch-Hauptsponsor offenbar davon. Oder aber er hat bei seinem heimatlichen Herzensklub Kölle Ziele für unseren T S V erkannt… was ja lobenswert wäre, wenn da nicht diese krasse Einflussnahme in der Vereinsführung stattfinden würde.
SPONSOREN bleiben wichtig, aber bitte in deren Bereich für Marketing in Kooperation!
Vlt bereitet er nur den Ausstieg des Sponsors “Die Bayerische” vor.
Das wäre schade, denn als Sponsor ist die Bayerische super.
Bloß in der Vereinspolitik hat die Versicherung samt ihrer Vertreter halt nichts verloren.
“Macht er auch nicht” hat der verlogene Typ bei der Vorstellung des sog. Bündnis damals gesagt.
Der ausufernde und peinliche Wahlkampf haben letztendlich das wahre Bild von Gräfer & Co. gezeigt.
Und jetzt macht er mit seiner Polemik weiter, ohne Worte…
Was bezweckt Gräfer mit seiner Forderung nach einer Umfrage? Will er damit erreichen, dass er einen wenig nachhaltigen Beweis erhält, dass die “Fans” einen Aufstieg in die BL wünschen? Soll dann die Umfrage als Nachweis dienen, dass nur ein neues Stadion für 1860 infrage kommt? War es nicht schon der Plan von Bündnis Zukunft und Gräfer, dass es ein neues Stadion bedarf, welches gleichzeitig Räumlichkeiten für weitere Institution umfasst? Ist es das Ziel der Bayerischen, zum Immobilieninvestor nach dem Vorbild von Rene Benko von der Signa zu werden?
Was er mit der Umfrage bezweckt beantwortet er auch auf Nachfrage leider nicht.
Gräfer hat scheinbar bis heute die krachende Niederlage seines Bündnisses nicht verkraftet. Mehr als das ist es nicht, denn eigentlich ist er viel zu intelligent für ein so billiges, populistisches Statement.
Vielleicht kann man mit diesem Inhalt im Trinktank Olching punkten, sonst schon aber auch nirgendwo.