Fußballfans in Deutschland stehen oft unter Generalverdacht – das ist für Löwen-Fans vor allem bei Auswärtsfahrten keine neue Erkenntnis. Eine exklusive Recherche des Tagesspiegels untermauert nun mit erschreckenden Zahlen, wie fehlerhaft die berüchtigte Datei “Gewalttäter Sport” (DGS) wirklich ist. Das Ergebnis: Viele Fans landen in der Kartei, ohne jemals eine Straftat begangen zu haben.

Die nackten Zahlen: Prävention statt Straftat

Die Debatte um die Sicherheit in deutschen Stadien kocht regelmäßig hoch. Ob Pyro-Einsatz oder Fan-Konflikte – die Politik reagiert schnell mit Rufen nach härteren Maßnahmen. Doch die Grundlage für diese Repressionen, die Datei “Gewalttäter Sport”, steht nun massiv in der Kritik. Wie eine Anfrage der Linksfraktion an das Bundesinnenministerium ergab, waren mit Stand März 2026 bundesweit 6.429 Personen in der Datei gespeichert. Die meisten Speicherungen entfallen auf Nordrhein-Westfalen (2.575), gefolgt von der Bundespolizei (978).

Das Problem: Der häufigste Grund für einen Eintrag ist zwar Landfriedensbruch, doch direkt danach folgen bereits Speicherungen, die keinerlei Straftat zugeordnet sind. Fast jeder fünfte Eingetragene landete in der Liste, weil lediglich eine “Identitätsfeststellung zur Verhinderung anlassbezogener Straftaten” stattfand.

“Gewalttäter Sport”: Ohne Verurteilung in die Kartei

Jan Köstering, Innenexperte der Linken, kritisiert gegenüber dem Tagesspiegel deutlich: “Wer in Deutschland Fußball schaut, kann in einer Polizeidatei landen, ohne überhaupt etwas Strafbares getan zu haben.” Oft reicht eine bloße Anzeige oder gar die Anwesenheit bei einer politischen Demonstration aus, um als “Gewalttäter Sport” abgestempelt zu werden.

Dabei hat ein Eintrag gravierende Folgen für den Alltag der Fans – auch abseits des Spieltags. Betroffene müssen bei Auslandsreisen mit intensiven Kontrollen und Schikanen an den Grenzen rechnen, selbst wenn sie nie von einem Gericht verurteilt wurden.

Paradoxe Sicherheitspolitik: Weniger Verletzte, mehr Repression

Besonders brisant: Die offiziellen Zahlen des Innenministeriums belegen, dass die Zahl der Verletzten in den ersten drei Ligen im vergangenen Jahr um etwa 17 Prozent zurückgegangen ist. Trotz dieser positiven Entwicklung drängen die Innenminister der Länder auf der kommenden Konferenz in Hamburg auf weitere Verschärfungen. Diskutiert werden unter anderem:

  • Personalisierte Eintrittskarten
  • Biometrische Identifikationssysteme (Gesichtserkennung)

Köstering warnt davor, die Stadien als “Versuchslabore für immer neue repressive Maßnahmen” zu missbrauchen. Während die Gewalt faktisch abnimmt, wird die Überwachung der Kurven massiv ausgebaut.

Was bedeutet das für uns?

Für die aktive Fanszene von 1860 München und alle Stadionbesucher zeigt dieser Bericht einmal mehr, wie willkürlich die Erfassung in Polizeidatenbanken erfolgen kann. Die Datei “Gewalttäter Sport” bleibt ein intransparentes Instrument, das den Rechtsstaat oft umgeht und Fans kriminalisiert, die sich nichts haben zuschulden kommen lassen.

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