Endlich die Schuhe ausziehen.

Ich falle direkt ins Bett, aber einschlafen werde ich noch eine Weile nicht können.

Liegt es an den Gesängen vor meinem Fenster, die immer noch nicht verklingen wollen?

Liegt es daran, dass mein endorphingetränkter Körper nicht will, dass dieser geile Tag zu Ende geht, und sich gegen die Müdigkeit wehrt?

Liegt es daran, dass meine Ohren immer noch etwas klingeln und ich es nicht schaffe, die Ruhe gewinnen zu lassen?

Vermutlich eine Mischung aus allem.

Ich versuche, mich zu beruhigen, schließlich will ich bald einschlafen.

Ich schließe meine Augen und versuche, ruhige Gedanken zu denken. Ruhige Gedanken.

Vielleicht hilft es ja, an früher zu denken…

Zeiten mit besserem Schlaf

DFB-Pokal. Flutlicht. Ein Spiel zwischen zwei Gründungsmitgliedern der Bundesliga. Eigentlich keine guten Voraussetzungen, um mich zum Einschlafen zu bringen.

Aber im grauen Rund auf dem Müllberg finden sich nur knapp 5.500 Menschen ein, um die Löwen und die Zebras kämpfen zu sehen. Dazu passt sich das Spiel dem auch noch an.

Ein Teufelskreis. Schlechte Leistungen machen schlechte Stimmung. Schlechte Stimmung macht schlechte Leistungen.

Nach solchen Spielen ließ es sich noch besser einschlafen. Heute ist das anders.

Der Roar of Giasing

Heute stehen wir in unserem Stadion. Heute sind mehr als 12,5% der Plätze belegt. Heute zieht sich eine Choreo über alle Tribünen und erinnert daran, was dieser Verein einmal war. Gerade diese riesige, wunderschöne Choreo zeigt aber auch, was dieser Verein wieder ist.

Das ganze Stadion steht. Das ganze Stadion singt. Westkurve, Stehhalle, Haupttribüne – die Grenzen verschwimmen immer wieder.

Der Roar of Giasing ist zurück.

Freiheit als Momentaufnahme

Dabei gab es solche Momente in Giesing schon. Beim ersten Heimspiel zurück in unserem Stadion gegen Burghausen. Beim Aufstieg gegen Saarbrücken. Bei Pokalfights gegen Schalke oder Dortmund. Momente, in denen sich das Grünwalder Stadion so angefühlt hat, wie es sich anfühlen sollte. Aber eines hatten diese Momente gemeinsam.

Sie wurden seltener. Irgendwann hatte ich sogar ein bisschen vergessen, wie sie sich anfühlten. Vielleicht war man müde geworden. Vielleicht hat man sich einfach daran gewöhnt. Vielleicht, weil diese Momente immer nur Momente waren, in denen man sich frei fühlen konnte. Ein kurzer Moment, in dem man nicht über Darlehen und Markenrecht nachdenken musste.

Wie klingt Freiheit?

Heute ist dieses Gefühl kein Bruch mit unserem Alltag mehr. Es ist der Alltag selbst.

Wir müssen uns nicht mehr 90 Minuten einreden, es wäre alles in Ordnung. Es ist in Ordnung.

Es fühlt sich anders an. Es hört sich anders an. Es klingt nicht mehr nach einem Moment, in dem wir frei sind. Es klingt nach Freiheit.

Die Gesänge vor meinem Fenster hallen immer leiser durch Giesing, auch wenn sie nicht ganz vergehen wollen. Ich versuche nicht mehr, sie auszublenden. Sie stören mich nicht.

Vielleicht konnte ich früher besser einschlafen.

Aber dafür habe ich heute endlich wieder einen Grund, warum ich nicht einschlafen kann.

 


Die Giesinger Gedanken erscheinen regelmäßig als Kommentar und sind die persönliche Meinung eines Mitglieds unserer Redaktion oder eines Gastautors. Sie spiegeln nicht grundsätzlich die Meinung der gesamten Redaktion wider.

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3 Comments
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Loewenpranke

Ich hab schon sehnsüchtig auf die Giesinger Gedanken gewartet. Gehört definitiv zu einer meiner Lieblingsrubriken.
Und ich wurde wieder nicht enttäuscht.
Was für entzückende, mitnehmende und derart nachvollziehbare Worte. Man taucht ein in die Gedanken, nickt zustimmend, fühlt sich wohlig umhüllt und verstanden.

Wer jetzt noch nicht verstanden hat, was ein freies Sechzig bedeutet, die letzten Jahre und vor allem einer gewissen Person nachtrauert und die jetzigen Verantwortlichen sowie die vielen Fans, die hinter dem Verein stehen weiter diskreditiert, dem ist leider nicht mehr zu helfen bzw. man sollte solche Menschen eigentlich komplett ignorieren.

Ich habe mich ganz neu in unseren Verein verliebt. Es kommen wieder Gefühle hoch, die irgendwie fast verschwunden waren.
Und ich lasse sie gerne zu, weil es so verdammt schön ist und unheimlich gut tut.

steve_60

Schön geschrieben , Gänsehaut

Fred

Mein Satz der Woche:

Wir müssen uns nicht mehr 90 Minuten einreden, es wäre alles in Ordnung. Es ist in Ordnung.

So ist es. Und kurz gesagt. Wir hatten Recht. Ist nicht wichtig, aber es macht schon zufrieden das zu wissen.
Danke für einen wunderbaren Text Tobias.
Bei mir wirkt der Samstag auch noch immer nach. Es hat einfach gepasst.