Wer am Wochenende im Grünwalder Stadion steht, umgeben von Schals, wehenden Fahnen und den Gesängen der Kurve, der fühlt sich oft als Teil einer ganz eigenen Welt. Doch was wir heute als Ultra- oder Fankultur bezeichnen, ist keine Erfindung der Neuzeit. Die wahren Erfinder der organisierten Kurve lebten vor fast 2000 Jahren in Rom und Konstantinopel. Ein Blick in die Geschichte zeigt: Die Stadien waren schon immer politische Pulverfässer – und interessanterweise spielten „die Roten“ damals irgendwann keine Rolle mehr.

Von Byzanz bis Giesing

Wenn im antiken Rom oder im byzantinischen Konstantinopel die Wagenrennen im Circus Maximus oder im Hippodrom stattfanden, ging es um weit mehr als um Pferde. Es war der wichtigste Treffpunkt der Gesellschaft. Die Rennställe waren in sogenannte Zirkusparteien unterteilt, die man sich exakt wie heutige Fußballvereine vorstellen muss.

Es gab Capos, die auf den Rängen die Gesänge koordinierten. Es gab feste Stammplätze (die antike Fankurve), choreografierte Beleidigungen gegen gegnerische Fahrer und Schiedsrichter. Man trug die Farben seines „Clubs“ auch im Alltag auf der Straße – spezielle Haarschnitte und farbige Tuniken waren die Kutten und Trikots der Antike. Und nach den Rennen kam es in den Gassen der Stadt regelmäßig zu handfesten Auseinandersetzungen. Hooliganismus, anno 300 nach Christus.

Das historische Schicksal der „Roten“

Ursprünglich gab es vier große Fraktionen: Die Blauen (Veneti), die Grünen (Prasini), die Weißen (Albati) und die Roten (Russati). Wer jetzt als Sechzger-Fan hellhörig wird: Ja, die Geschichte hält eine wunderbare Pointe bereit.

Während die Blauen und Grünen mit der Zeit zu riesigen, alles dominierenden Volksbewegungen anwuchsen, die von Leidenschaft und massiver Anhängerschaft getragen wurden, verloren „die Roten“ zunehmend an Relevanz. Sie wurden schließlich in die Bedeutungslosigkeit gedrängt und als eine Art Juniorpartner von den Grünen geschluckt. Ein historisches Schicksal, das man aus Giesinger Sicht manch anderem roten Konstrukt der Gegenwart durchaus auch wünschen würde. Am Ende regierten Blau und Grün die Stadt.

Das Stadion als politisches Pulverfass

Was die Zirkusparteien aber wirklich zum Vorläufer unserer heutigen Ultrabewegungen macht, ist ihr direktes Verhältnis zur Macht. Das Stadion war der einzige Ort im Reich, wo der einfache Bürger direkt auf den Kaiser traf. Dementsprechend war die Kurve hochpolitisch.

Das Verhältnis war dabei keineswegs stringent, sondern völlig ambivalent: Oft versuchten Kaiser, die Fanlager zu instrumentalisieren. Kaiser Justinian zum Beispiel war glühender Anhänger der Blauen und nutzte sie quasi als seine inoffizielle Schlägertruppe auf den Straßen, um politische Gegner einzuschüchtern. Man ließ sich von der Obrigkeit vereinnahmen, genoss Privilegien und Immunität.

Doch dieser Pakt mit der Macht konnte auch kippen. Als der Kaiser die Fanszene durch harte Strafen gegen einige Fans gegen sich aufbrachte, passierte das Unfassbare: Die verfeindeten Blauen und Grünen schlossen sich zusammen. Beim sogenannten Nika-Aufstand (532 n. Chr.) brannte die vereinte „Fanszene“ das halbe Zentrum Konstantinopels nieder. Es war ein blutiger Kampf der Kurve gegen den Staat, der fast den Kaiser stürzte.

Bis nach Istanbul, Kiew und Bergamo

Diese Mechanismen – die Vereinnahmung durch die Politik einerseits und die revolutionäre Wucht der Kurve andererseits – sehen wir bis heute weltweit. Ultras sind oft die am besten organisierten Jugendstrukturen einer Stadt. Sie wissen, wie man Massen bewegt, wie man sich gegen Polizei wehrt und wie man Zusammenhalt organisiert.

Wenn es gesellschaftlich brennt, stehen diese Strukturen plötzlich im Zentrum der Politik:

  • Der Schulterschluss in Istanbul: Bei den Gezi-Park-Protesten 2013 in der Türkei passierte etwas, das an den Nika-Aufstand erinnerte. Die zutiefst verfeindeten Ultras von Fenerbahçe, Galatasaray und Beşiktaş (Çarşı) legten ihren Hass beiseite. Sie bildeten mit ihrer Stadionerfahrung die vorderste Verteidigungslinie gegen Wasserwerfer und Tränengas der Regierung Erdoğan.
  • Der Maidan in der Ukraine: Beim Euromaidan 2014 in Kiew waren es organisierte Fußballfans und Ultras verschiedenster ukrainischer Clubs, die als Ordner fungierten und die Zivilisten vor den Schlägertrupps der prorussischen Regierung beschützten. Auch hier wurde die Kurve zum politischen Faktor.
  • Soziale Verantwortung in Bergamo: Wie tief die Verwurzelung in der Stadtgesellschaft reicht, zeigte die Curva Nord von Atalanta Bergamo während der ersten, tödlichen Corona-Welle. Während die Politik versagte, packten die Ultras an, bauten in Rekordzeit Feldlazarette auf und organisierten die Nachbarschaftshilfe.

Die dunkle Seite: Paramilitärs und Nationalisten

Doch die Macht der Kurve lässt sich, wie schon im alten Byzanz, auch für dunkle Zwecke missbrauchen. Wo organisierte, gewaltbereite junge Männer zusammenkommen, wittern Extreme ihre Chance.

Das dunkelste Beispiel der jüngeren Geschichte liefert Serbien in den 1990er Jahren. Die Ultras von Roter Stern Belgrad (Delije) wurden vom Kriegstreiber und Mafia-Boss Željko Ražnatović (bekannt als „Arkan“) gezielt unterwandert und instrumentalisiert. Aus Capos und Hooligans formte er die paramilitärische Miliz „Arkans Tiger“, die im Jugoslawienkrieg grausamste Kriegsverbrechen und ethnische Säuberungen verübte. Der Nationalismus der Kurve wurde gezielt zur Waffe geschmiedet.

Mehr als 90 Minuten

Ob im Hippodrom von Konstantinopel oder im Stadion an der Grünwalder Straße: Eine Kurve ist niemals nur Kulisse. Sie ist ein Querschnitt der Gesellschaft, ein organisierter Mikrokosmos, der unberechenbar bleibt. Sie kann sich vor den Karren der Politik spannen lassen, sie kann Solidarität leben wie in Bergamo, oder sie kann sich vereinen und gegen die Obrigkeit aufbegehren.

Und vielleicht erinnert man sich beim nächsten Blick auf die Vereinsfarben ja mal an die Antike: Blau hat überlebt – und die Roten sind am Ende in der Bedeutungslosigkeit verschwunden.

 


 

Die Giesinger Gedanken erscheinen regelmäßig als Kommentar und stellen die persönliche Meinung eines Mitglieds unserer Redaktion oder eines Gastautors dar. Sie spiegeln nicht grundsätzlich die Meinung der gesamten Redaktion wider.

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