Aufmerksam habe ich heute Mittag den Kommentar Kompassmodell durchsetzen – Regionalliga Bayern zerschlagen des Kollegen Leon hier bei uns gelesen. Und obwohl ich aktuell – mit großen Bauchschmerzen – wohl auch für das Kompassmodell votieren würde, weil vor allem die alternative 22/5-Lösung, die aktuell im Raum steht, aus meiner Sicht eine noch etwas schlechtere Lösung darstellt, habe ich deutlich mehr Verständnis für die Bedenkenträger gegen die Kompass-Lösung, als Leon. Ich bin auf jeden Fall froh, hier nicht entscheiden und abstimmen zu müssen. Aber ich bin gegen den – ja, ich nenne das mal so – aufgeregten Populismus, der in der ganzen Diskussion immer mehr zum Einsatz kommt!

KI stellt die Ligen zusammen

Gäbe es für die seit Jahren diskutierte Problemstellung Regionalliga-Reform eine einfache Lösung, dann wäre sie längst umgesetzt. Wer sich hinstellt und das Kompassmodell als den perfekten Lösungsansatz abfeiert, auf den man so lange gewartet hat, der negiert die zahlreichen Unwägbarkeiten, die diese wirklich neue Methode mit sich bringen wird. Eine KI stellt dann also irgendwann im Frühsommer die Ligen zusammen, in denen ein paar Wochen später gespielt wird. Sowas gab’s noch nie. Manchmal muss man etwas wagen, wenn man ein jahrelange Problem lösen will, aber ob diese Lösung dann wirklich besser ist, als die vorherige Praxis mit nun noch einem rollierenden Duell um den Aufstieg zwischen zwei RL-Meistern, muss sich erst erweisen. Und es sind nicht nur die machtbesessenen “Landesfürsten”, die hier Sorgen und Ängste haben, sondern zum Beispiel auch die Vereinsvertreter aus Hessen, die befürchten, zukünftig keinerlei langfristige Planungssicherheit im Hinblick auf ihre Ligenzugehörigkeit zu haben. Verständlich!

Seitz regt sich auf

Was in der teilweise durchaus aufgeheizten Diskussion keiner braucht, ist Populismus. Nichts anderes waren allerdings die Einlassungen von Ex-Haching-Spieler und derzeitigem Wiesbaden-Trainer Jochen Seitz im MAGENTA-Podcast 4zu3 zu diesem Thema. Auch wenn es den Rahmen hier vielleicht ein wenig sprengt: Ich möchte sie zitieren, damit sich der geneigte Leser eine Meinung bilden kann:

Ich bin komplett anderer Meinung als der Verbandspräsident, der die Regionalliga Bayern unbedingt beibehalten will. Ich verstehe es nicht. Die Regionalliga Bayern gehört tatsächlich aufgelöst, weil es dort kaum Vereine gibt, die in Richtung 3. Liga wollen. Teilweise gibt es dort Stadien, die überhaupt nicht Regionalliga-tauglich sind. Das ist ungerecht gegenüber allen anderen, vor allem der Regionalliga Nordost, wo du so viele tolle Stadien hast, so viele Fans, die dann schlussendlich auch mal in die 3. Liga gehören. Da muss eine Lösung her. Dass Bayern sich dagegen wehrt, ist eine absolute Unverschämtheit.

Der BFV reagiert via Instagram

Die Reaktion auf diese Worte, die der BFV via Instagram kommunizierte, nennt mein Kollege Leon “bemerkenswert unprofessionell”. Ich empfinde sie eigentlich als angebrachte – und angenehmerweise auch ein wenig humorvolle – Gegenrede gegen die Seitz’sche Tirade, die es heute ja in zahlreiche andere Medien geschafft hat. Zugegebenermaßen auch nicht völlständig sachlich, aber wenigstens mit einem Augenzwinkern, nachdem der Kollege Seitz bei seinen Einlassungen ja anscheinend einigen Schaum vor dem Mund hatte. Damit sich jeder, der es nicht gelesen hat, sich selbst ein Bild machen kann, zitiere ich auch den BFV mit seinem kompletten Statement:

Lieber Jochen Seitz, ja, die Emotion… für uns in der Tat unbegreiflich, dass Sie es 137 (!!) Spiele lang als Trainer an der Seitenlinie in der Regionalliga Bayern ausgehalten haben. In einer Spielklasse, die Ihnen vielleicht etwas gegeben, womöglich auch den Weg zu Höherem geebnet hat – und die Sie jetzt abschaffen möchten, wo Sie nicht mehr da sind, aber noch schwer damit zu tragen haben, gegen einen Klub dieser sportlich unbedeutenden Liga eine schmerzliche Niederlage bezogen zu haben. Wir nehmen Ihnen das nicht krumm, weil Fußball ja von Emotion lebt und wir diese Emotion lieben. Und da passt es ja perfekt ins Bild, dass Sie Zahl der Zuschauerinnen und Zuschauer als maßgeblich bezeichnen. Gefühlt mag das so sein, im Fußball aber wird nach wie vor am Ende noch nach Punkten und Toren abgerechnet. Fakten entscheiden Aufstiege, Ergebnisse eben. Und weil wir Fakten fast so gerne wie Emotionen haben, wollen wir an dieser Stelle festhalten, dass jüngst aus der Regionalliga Bayern nicht mehr, aber auch nicht weniger Klubs einen Lizenzantrag für die 3. Liga gestellte hatten als im Nordosten. Das haben Sie bei all der Emotion schlicht vergessen. Nicht tragisch. Ebenso wenig wie die sportliche Bilanz der Klubs aus der Regionalliga Bayern in den Drittliga-Aufstiegsspielen. Nix für ungut. Sie sind ja ohnehin nicht mehr da, in dieser vierten Liga. Sie sind jetzt eine Etage höher daheim. Glücklicherweise wird in der 3. Liga am Ende die Tabelle entscheiden und nicht die Zuschauerzahlen. Wir müssten uns sonst ernsthaft Sorgen machen, dass irgendeiner aus purer Emotion auf die Idee käme, den von Ihnen aktuell trainierten SV Wehen Wiesbaden – aktuell Tabellen-14. des Publikums-Rankings – absteigen lassen zu wollen. In diesem Sinne, passe Sie gut auf sich auf!

Die Regionalliga Nord…

Die häufig – auch in Leons Kommentar – vorgebrachte Beschreibung der Regionalliga Bayern ist nicht falsch. Diese aber als besonders singulär darzustellen und der bayerischen damit als einziger der fünf Regionalligen das Existenzrecht abzusprechen, ja sie – ganz martialisch – “zerschlagen” zu wollen, nährt den Verdacht von zu wenig Kenntnis der anderen Regionalligen. Zum Beispiel jener im Norden. Auch dort haben wir – jenseits des VfB Oldenburg – überwiegend sogenannte Dorfvereine, die überhaupt nicht in die 3. Liga wollen. Der VfB Lübeck ist ein Abbild der SpVgg Unterhaching. Hier will man – trotz vorhandener Profifußballgeschichte – das Abenteuer eines Aufstiegs aktuell nicht eingehen. Die Regionalliga Nord will aber komischerweise niemand “zerschlagen”.

…und die im Nordosten

Und schließlich noch ein paar Gedanken zur Regionalliga Nordost. Sie ist – bedingt durch die deutsche Geschichte – ein absoluter Sonderfall. Der deutlich höhere Zuschauerschnitt (in den letzten Jahren jeweils über 3.000 gegenüber knapp über bzw. unter 1.000 in den vier anderen Regionalligen) wird natürlich durch die Ex-DDR-Oberligisten mit großen Anhängerschaften und richtigen Fußballstadien hervorgerufen. Abgesehen von jenen acht oder neun Traditionsvereinen, die sich aktuell hier tummeln, befinden sich auch in der RL Nordost genau die Dorfvereine, die in jeglicher Hinsicht keinen bundesweiten Profifußball stemmen können. Und deswegen nicht in die 3. Liga wollen. Für die besagten Vereine, die von ihrem Namen und dem Umfeld eigentlich nicht in die Viertklassigkeit gehören, ist eine Lösung notwendig – ohne Zweifel. Allerdings liegt das strukturelle Problem viel tiefer, als dass es einfach dadurch gelöst wird, dass zukünftig ein Team aus dieser Liga als Meister fix in die Drittklassigkeit aufsteigt und nicht alljährlich an einem Vertreter aus Norddeutschland oder Bayern scheitert. Man darf gespannt sein, wie lange sich Vereine der – aus meiner Sicht – sportlich schwächsten Regionalliga jeweils in der 3. Liga halten werden. Welche Reform muss kommen, wenn Aue, Halle & Co. zwar als Meister jährlich auf- aber dann auch direkt stets wieder absteigen?

Machtstreben eines Landesfürsten?

Dass sich der Präsident des Bayerischen Fußballverbands, Dr. Kern, dagegen wehrt, dass die Liga seines Verbands, die in den letzten vierzehn Jahren zu einer eigenen Marke aufgebaut wurde, einfach kassiert werden soll, ist für mich nachvollziehbar. Alles andere wäre ein Affront gegen seine Mitglieder – die bayerischen Fußballvereine. Ob das wirklich viel mit dem Wunsch nach persönlichem Machterhalt eines “Landesfürsten” zu tun hat, möchte ich zumindest mal in Frage stellen. Diese Formulierungen liest man aktuell ja an vielen Stellen und sie dienen leider nicht der sachlichen Auseinandersetzung mit dem Thema.

DFB-Bundestag entscheidet am 18. Dezember

Wie geht es in der Sache weiter? Am 18. Dezember wird hoffentlich beim DFB-Bundestag die Reform der Regionalliga beschlossen, die dann ab der Saison 2028/29 greifen kann. Im Frühsommer 2028 wird also zum letzten Mal ein Aufstiegsspiel zwischen den Vertretern der Regionalliga Nordost und Nord ausgespielt. Wie schwierig aber die Entscheidung der Deligierten für die richtige Lösung ist, beweist übrigens auch die zuletzt hier auf sechzger.de laufende Umfrage zu diesem Thema: Bei fast 2.500 abgegebenen Stimmen lag am Ende der Unterschied zwischen dem Kompass- und dem 22/5-Modell bei weniger als 30 Stimmen.

 


Kommentare stellen die persönliche Meinung eines Mitglieds unserer Redaktion oder eines Gastautors dar. Sie spiegeln nicht grundsätzlich die Meinung der gesamten Redaktion wider.

 

0 0 votes
Artikelbewertung
Abonnieren
Benachrichtige mich bei
5 Comments
Newest
Oldest Most Voted
Stepanek

Dann schreibe ich auch hier den ersten Kommentar. Wie gesagt ich kann die Entscheidung weder beeinflussen, noch muss ich sie treffen.
Aber wir brauchen endlich eine Entscheidung!
Und nachdem nichts so beständig ist wie die Veränderung, man könnte eine getroffene Entscheidung auch wieder ändern, sobald man gemeinsam merkt, dass sie nicht zum besten Ergebnis geführt hat.
Mich persönlich hat an der Diskussion zum Teil gestört, dass oft nur geschrieben wird, was an der “anderen” Lösung schlecht sei. Auf die positiven Dinge der “anderen” Lösung wird häufig nicht eingegangen.
Nur ein Gesichtspunkt der 22/5-Lösung wäre für mich die Mehreinnahmen für alle Vereine durch die “TV-Gelder”. Es würden in der 3. Liga statt jetzt 380 Spiele dann 462 Spiele stattfinden, ein mehr von 21,6 %. Die Einnahmen für die Übertragungen steigen damit für alle Mannschaften und die Werbereichweiten auch entsprechend. Die Kosten für zwei zusätzliche Reisen halte ich in diesem Fall gering, es gibt ja auch zwei Heimspiele mehr.
Gut, dass ich nicht entscheiden muss.

Vorstopper

Also, ich glaube nicht, dass die Einnahmen in der dritten Liga steigen würden, bloß weil es noch mehr Spiele gibt, die eine breite Mehrheit überhaupt nicht interessiert. Ich wäre eher dafür die dritte Liga auf 18 Vereine, ohne Zweitvertretungen, zu reduzieren und dafür vier leistungsfähige Regionalligen zu haben.

Stepanek

Erstens spekulieren wir über etwas was höchstwahrscheinlich nicht kommen wird.
Zweitens wäre es vom Rechtevergeber höchst fahrlässig nicht mehr Geld dafür zu verlangen. Es spielt bei den Rechten doch nur eine sehr untergeordnete Rolle, ob die breite Mehrheit (wer soll das überhaupt sein) sich für alle Spiele interessiert.
Ich habe ein Produkt und verkaufe das, ich habe mehr Produkt also steigt der Preis.

Last edited 35 Minuten zuvor by Stepanek