Im Sechzgerstadion fand am gestrigen Mittwoch Abend die zentrale bundesweite Veranstaltung der 22. Gedenk- und Aktionswochen !Nie Wieder – Erinnerungstag im deutschen Fußball statt. Gut 120 Gäste, darunter sehr viele junge Menschen diesseits der 30 Jahre waren in den VIP-/Gastrobereich zwischen Ostkurve und Haupttribüne gekommen, um den zahlreichen Vorträgen und Gesprächsrunden unter dem Titel “Demokratie verteidigen – Lernen aus der Geschichte des Fußballs” zu lauschen. Veranstalter des mit einem sehr umfangreichen Programm bestückten Abends waren der Bayerische Fußballverband, das Fanprojekt München und die Evangelischen Versöhnungskirche in der KZ-Gedenkstätte Dachau. Der TSV 1860 wurde auf dem Podium durch seinen Vizepräsidenten Peter Schaefer vertreten.

Musikvideo zum Auftakt

Zu Beginn lauschten die Gäste zunächst Hiphop-Klängen des Berliner Rappers Matondo Castlo, der extra aus Berlin nach München-Giesing angereist war und später von der Moderatorin des Abends, Mara Pfeiffer unter anderem zur – mit einigen Schwierigkeiten behafteten – Entstehungsgeschichte des zugehörigen Musikvideos, befragt wurde. Der sehenswerten Clip ist hier verlinkt und verdient definitiv die Aufmerksamkeit der sechzger.de-Leser*innen!

Impulsvortrag von Anton Löffelmeier

Anton Löffelmeier (Autor des Buches “Die ‘Löwen’ unterm Hakenkreuz”) blickte in seinem Impulsvortrag auf die Entwicklung in und um die Sportvereine Deutschlands in den Jahren nach der Machtübernahme 1933, bezog dabei aber auch die Jahre der Weimarer Republik ein, in welchen ein “öffentlicher Resonanzraum” entstanden war, der dem Terror des NS-Staates den Boden bereitet hatte. An einen Aufmarsch von jugendlichen Fußballern aus dem ganzen süddeutschen Raum, der am 7. Mai 1933 quasi vor den Fenstern des gestrigen Veranstaltungsortes, im damaligen Heinrich-Zisch-Stadion stattgefunden hatte, erinnerte Löffelmeier mit Verweis auf damalige “Instrumentalisierung und Selbstmobilisierung”. Sein Vortrag stand unter diesem Titel. Einen Bogen zu den aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen spannte er mit den Worten “Wissen schafft Urteilskraft. In der Vergangenheit und heute” und der Mitarbeiter des Münchner Stadtarchivs forderte die Vereine auf, ihre eigene Geschichte während der NS-Diktatur (weiterhin) zu bearbeiten – und zu reflektieren.

Zeitzeuge René Kaufmann

Ebenfalls einen Bezug zwischen den Ereignissen vor rund 100 Jahren und heute stellte der Zeitzeuge René Kaufmann her und berichtete von seiner eigenen Aufklärungsarbeit z.B. in Schulen, zu der ihn erst der Überlebende des Konzentrationslagers Dachau, Max Mannheimer kurz vor dessen Tod vor knapp zehn Jahren überredet hatte. Sein Appell an das Publikum, vor allem mit jenen Menschen ins Gespräch zu kommen, die anders als die auf der Veranstaltung anwesenden Gäste über aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen denken würden, war sehr eindringlich.

Gesprächsrunde mit aktiven Münchner Fußballern

Die erste von zwei Gesprächsrunden mit mehreren Teilnehmer*innen an diesem Abend stand unter dem Motto “Erinnerungsarbeit und Erinnerungskultur in Fußballvereinen”. Michael Franke von der FT Gern, Stefan Lenz und Salif Sissoko vom FC Mainaustrasse sowie Alvaro von Lill-Rastern vom TSV Maccabi München berichteten ganz konkret aus ihren drei Vereinen, in welchen sie als Funktionäre und Spieler sowohl mit NS-Erinnerungsarbeit, aber eben auch mit dem Kampf gegen den derzeit zunehmenden Alltagsrassismus konfrontiert sind. Zunehmendem Antisemitismus, auch als Folge des Nahostkonflikts sehen sich Spieler des jüdischen Vereins TSV Maccabi ausgesetzt, wobei Lill-Rastern betonte, noch sei es nicht zu spät, den gesellschaftlichen Entwicklungen etwas entgegen zu setzen. Michael Franke unterstrich dabei die Bedeutung der Sportvereine als “Schule der Empathie” und forderte Verbände und öffentliche Institutionen auf, die Vereine vor allem auch ökonomisch zu befähigen, die dringend notwendige Erinnerungsarbeit zu leisten. In den Klubs selbst seien die Ressourcen dafür – neben dem eigentlichen Sportbetrieb – natürlich begrenzt.

1860-Vertreter auf dem Podium

Auf die zweite Gesprächsrunde waren speziell die zahlreichen erschienenen Löwenfans besonders gespannt. Peter Schaefer, seit letzten Sommer Vizepräsident im TSV München von 1860 e.V., Anne Wild von der Fachinformationsstelle Rechtsextremismus in München, Fotografin und bekennende Löwin – und daher auch mit blauem Pulli bekleidet – sowie Conrad Lippert vom Verein Roter Stern Leipzig nahmen Platz. Bei dieser Runde ging es – zumindest zunächst – weniger um die Erinnerungsarbeit durch und mit aktiven Sportlern, sondern um die Fußballstadien als Orte der Auseinandersetzung mit dem alten und neuen Faschismus. Der Löwenvertreter sprach dabei natürlich auch über den rassistischen Vorfall beim Spiel gegen Energie Cottbus Anfang November 2025. Er wies einerseits auf die positive Reaktion der Stadionbesucher, andererseits aber auch auf die vielen Relativierungsversuche in den Sozialen Medien hin, die auch wir bei sechzger.de mit den – auch heute noch – sehr lesenswerten Giesinger Gedanken bearbeitet hatten. Aus der Praxis eines aus der aktiven antifaschistischen Bewegung heraus gegründeten Fußballvereins in Leipzig berichtete der sowohl für die Öffentlichkeitsarbeit, als auch für die – mitunter durchaus gefährdete – Sicherheit bei diesem Verein zuständige Gast aus Leipzig, Conrad Lippert. Anne Wild konnte Beispiele aus der praktischen Arbeit der Fachinformationsstelle Rechtsextremismus beisteuern, bei der jeweils ein Bezug zu den Fanszenen des TSV 1860 und auch des FC Bayern besteht.

BFV-Präsident mit kurzem, aber klaren Worten

Fast zwei Stunden waren schon vergangen, ehe dann auch der Präsident des BFV, Dr. Christoph Kern den letzten Redebeitrag des Abends lieferte. Er fasste sich kurz und hob hervor, dass man sich beim bayerischen Fußballverband der Bedeutung der Erinnerungsarbeit für das Motto des Erinnerungstags, “Nie wieder”, sehr bewusst sei und seine vielen Mitgliedervereine ermutige, sich an der wichtigen Beschäftigung mit dem Thema zu beteiligen. Nach den Vorträgen blieben – trotz der vorgerückten Stunde -zahlreiche Besucher*innen noch auf ein Getränk und ein Gespräch im Sechzgerstadion. Sicher auch um sich über das zuvor Gehörte auszutauschen.

Abschließender Terminhinweis

Ergänzend zum Bericht über den gestrigen Abend möchten wir an dieser Stelle schon Mal auf eine weitere Veranstaltung zum Thema im Löwenumfeld hinweisen. Am Mittwoch, den 11. Februar laden die Löwenfans gegen Rechts um 18.60 Uhr ins Bamboleo ein. Bei der LFGR-Veranstaltung zum Erinnerungstag im deutschen Fußball wird erneut Anton Löffelmeier, aber auch andere Gäste zur Thematik zu hören sein.

 

 

 

 

 

 

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coeurdelion

Rap ist eigentlich nicht meine Musik……aber das Video ist tief bewegend !