Genau zehn Tage nach seinem ersten Gastbeitrag hier bei sechzger.de hat sich unser Leser Tobi erneut Gedanken gemacht und diese schriftlich niedergelegt. Heute geht es um die Unsicherheit bezüglich der Zukunft unseres Vereins, die viele Löwenfans quält. Als Belastung, aber auch als vielleicht nötigen Prozess bewertet Tobi das. Dabei beschäftigt ihn auch das Handeln der Verantwortlichen. Ist deren Schweigen falsch? Oder genau richtig? Hier wird das Ganze psychologisch eingeordnet. Zum Abschluss verweist unser Gastautor darauf, dass emotionale Lagen, wie die aktuelle, typischerweise die Phasen großer Veränderungen prägen.

Unsicherheit macht Angst

Als ich mich fragte: „Darf man?“, ging es um Hoffnung. Heute soll es um Unsicherheit gehen. Und darum, warum diese beiden Dinge viel näher beieinanderliegen, als man vielleicht denkt.

Wer sich lang und oft genug fragt, ob man darf, der wird sich irgendwann selbst verunsichern.
Die Unsicherheit, die momentan über den Löwenfans hängt, macht vielen Angst. Verständlicherweise! Keiner weiß, wie ein Rechtsstreit ausgehen würde. Keiner weiß, wie die Vereinsstruktur in ein paar Monaten aussieht. Keiner weiß, welche Folgen die letzten Wochen nach sich ziehen werden. Wir wissen insgesamt erstaunlich wenig. Und genau das macht Menschen verrückt.

Wir lieben Sicherheit. Selbst “schlechte” Sicherheit wird oft als angenehmer wahrgenommen als völlige Ungewissheit. Wir leben lieber mit einer bitteren Wahrheit als mit hundert offenen Fragen. Manchmal ziehen wir der Hoffnung die Gewissheit vor. Deshalb wird jede Aussage, jede Information, die man abgreifen kann, auf die Goldwaage gelegt. Jedes Gerücht verbreitet sich innerhalb von Minuten. Interviews mit Gernot Mang werden bis in den letzten Wortlaut analysiert. Es wird sich beschwert, weil Gernot Mang uns nicht genug informiert.

Wir haben es verdient zu wissen, was los ist!
Weil wir Antworten wollen.
Sofort.
Jetzt.
Am besten eigentlich schon vorgestern.

Schweigen ist scheiße…

Doch vielleicht ist genau das momentan der Fehler. Die Unsicherheit ist momentan mehr als unser größter Feind. Sie ist auch unsere stärkste Waffe. Seit Jahren waren die Fronten bei Sechzig klar. Die Lager standen fest zu ihren Positionen. Eine Situation, wie wir sie heute haben, schien so weit entfernt, dass sie weder in den Träumen der einen noch in den Albträumen der anderen auftauchte. Jeder kannte die Mechanismen. Heute weiß niemand so recht, was als Nächstes passiert. Und genau deswegen ist Schweigen vielleicht keine Schwäche. Vielleicht ist es Notwendigkeit. Vielleicht ist es Strategie.

Es gibt Dinge, die können in einer rechtlich so verzwickten Situation nicht öffentlich diskutiert werden. Es gibt Situationen, die man erst lösen muss, bevor man öffentlich darüber spricht. Eine unbedachte oder emotionale Aussage, sogar einzelne Sätze, könnten uns alles kosten, wofür wir momentan kämpfen.

… Reden ist beschissener

Das größte Problem an der Sache: Wir wissen es nicht. Und das macht uns wahnsinnig.

Doch nicht jede Informationslücke bedeutet auch ein Problem. Manchmal ist sie unabdinglich für den Prozess. Vor allem dann, wenn man etwas zu ändern versucht, das bereits über Jahre festgefahren war. Dass sich der Umschwung von Euphorie zur Unsicherheit unangenehm anfühlt, überrascht niemanden. Nach all den Jahren schien es so, als könnten sich bei Sechzig wirklich die grundlegenden Verhältnisse ändern. Und wie immer wurde aus dem Funken, der zum Feuer mutiert, schnell ein Flächenbrand. Zwischen “Jetzt wird endlich alles gut” und “Jetzt gehen wir vollständig unter” liegen bei uns nun mal selten mehr als drei Werktage. Doch auch das ist menschlich. Euphorie und Unsicherheit sind keine Gegensätze, nein, sie gehören fest zusammen. Je größer die Hoffnung, desto größer wird auch die Angst vor Enttäuschung. Deshalb fühlt sich die Unsicherheit momentan so schlimm an. Nicht, weil wir wissen, dass wieder dunkle Zeiten auf uns zukommen. Sondern weil wir es zum ersten Mal seit Jahren nicht mehr wissen. Und genau deshalb müssen wir in der momentanen Zeit etwas tun, das dem Umfeld traditionell nicht gelingen will: geduldig sein.

Große Fragen stehen im Raum

Bei Sechzig denkt man von Saison zu Saison. Dieses Verhaltensmuster ist so eingebrannt, dass man es auch auf die momentane Situation anwenden will. Nicht, weil wir dumm sind. Sondern weil wir gelernt haben, dass die Vorfreude auf die nächste Saison das Einzige ist, woran man sich überhaupt noch festhalten kann. Aber die Fragen, die momentan im Raum stehen, sind größer als der Kader, der noch aufgestellt werden muss. Größer als die Tabelle im kommenden Mai. Es geht hier um die nächsten Jahrzehnte. Auch ich würde echt gerne wissen, wie es momentan aussieht. Ich aktualisiere sechzger.de, andere News-Seiten und Foren mehrmals am Tag. Auch ich finde das Schweigen scheiße.

Unsicherheit als Hoffnung

Es wird in nächster Zeit immer wieder Phasen geben, in denen niemand genau weiß, wo die Reise hinführen soll. Wir werden noch oft von der Euphorie zur Unsicherheit und zurück springen. Genau so wie jetzt. Diese Unsicherheit wird nicht verschwinden. Nicht nach der Gesellschafterversammlung, nicht morgen und vielleicht nicht mal in den nächsten Monaten. Aber vielleicht müssen wir sie auch gar nicht bekämpfen. Vielleicht müssen wir lernen, sie auszuhalten. Lernen, mit ihr zu leben.Denn genau dort beginnt jede echte Veränderung. An dem Punkt, an dem keiner weiß, wie die Geschichte ausgehen soll. Und genau deshalb fühlt sich alles gerade so unangenehm an. Weil tatsächlich etwas auf dem Spiel steht. Weil eigentlich gar nicht mehr auf dem Spiel stehen kann als jetzt.

Das macht Angst.
Aber vielleicht ist Unsicherheit am Ende nichts anderes als Hoffnung, bei der man das Ergebnis noch nicht kennt.
Freiheit für Sechzig!

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1 Kommentar
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Befreiungskampf

Weniger emotional als der letzte Artikel, aber die Emotion trotzdem wieder sehr gut getroffen.

Gerne mehr!