Unser Leser Dominik aus Koblenz, der auch bereits bei uns im sechzger.de-Talk zu Gast war (Ausgabe 248 am 2. Februar 2026), hat uns einen Erlebnisbericht zum Groundhopping mit der Eisenbahn in Südeuropa gesendet. Teil 1 habt ihr sicher bereits gelesen. Hier kommt Teil 2 – wir wünschen viel Spaß beim Lesen!
Die Sonne scheint bei Tag und Nacht
Vigo Guixar – Es war noch nicht Mittag, als wir aus dem Bus die spanische Küstenstadt betraten. Kurz zuvor passierten wir den Monte Do Galiñeiro, dessen Abfahrt ein herrliches Panorama auf die wunderschöne Stadt an der Küste präsentierte. Wenige Höhenmeter mussten dann wieder erklommen werden, um ins nächste Hotel zu gelangen. Da die Preise im Vergleich verhältnismäßig günstig sind, bezogen wir ein Zimmer mit Balkon, von dem aus ein zweiter Eindruck über die Stadt entstand. Dass Vigo in etwa so groß ist wie Wiesbaden oder Augsburg wird einem bei dem Aufbau, beeinflusst durch die Topografie, nicht wirklich bewusst.
Ein paar Häuser und dahinter präsentieren sich Hochseehafenkräne, die im Ausblick auf die Bucht keineswegs stören. Weder im Zug noch im Schienenersatzverkehr bot die portugiesische Eisenbahn ein gastronomisches Angebot an – welch Wunder – woraufhin nach dem Check-In das nächstbeste – offene – Lokal aufgesucht wurde, um sich zu stärken. Auf dem Weg zum Strand war ich ein wenig enttäuscht, dass uns wieder nur eine Nacht bleibt, bevor wir die spanische Hauptstadt ansteuern. Ein Bus für pauschal 1,36€ brachte uns dann an die Atlantikküste. Unser jeweiliges erste Mal Ozeanbaden in einer Bucht, die auch als Parkplatz für schrottreife Schiffe diente.
Geheimtipp in der dritten Liga
In Vigo gibt es zwei Vereine die Profifußball betreiben. Zum einen den international bekannten Verein Celta Vigo und den Drittligisten Coruxo FC, dessen Kleinstadion in unmittelbarer Nähe zum malerischen Sandstrand, ein kleiner Geheimtipp ist.
Herrlich erfrischt besuchten wir dann abends ein Spiel der U23 von Celta, die Celta Vigo Fortuna, gegen den Sociedad Deportiva Eibar aus dem Baskenland, östlich von Bilbao im großen Stadion. Das leider im Umbau befindliche Stadion soll nicht der einzige glattgeleckte Betonbau sein, in dem wir noch Fußball schauen werden.
Kein Spektakel trotz vier Toren
Das Estadio Bailos sollte auch an diesem Abend nicht Schauplatz eines Spektakels werden, auch wenn das Endergebnis von 0:4 durchaus dafür sprechen möge. Die Jungspunde stießen durch schöne Ballstafetten, Einzelaktionen und feinen Füßchen zwar heraus, kassierten aber durch schlechte Manndeckung und zu passivem Engagement in Zweikämpfen, alle vier Tore innerhalb der ersten Hälfte. Somit erklang kein einziges Mal die Torhymne von L’amour tojours. Stattdessen gab es in der Halbzeit einen ersten Vorgeschmack des modernen, amerikanisierten Fußballs als Eventveranstaltung. Kein ehrliches Torwandschießen, das von einer lokalen Supermarktkette gesponsert wird sondern eine Kiss-Cam, Mei.
Knapp 5.000 Zuschauer – trotz Kiss-Cam
Nichtsdestotrotz war für ein Spiel, mit knapp 5.000 Zuschauer:innen, davon eine Hand voll aus Eibar, eine akzeptable Stimmung. Direkt nach den ersten Gegentoren wurde die Heimmannschaft weiter von den Fans motiviert und auch die Supporters hinter dem Nordtor gaben ihr Bestes. Da bekam eher der Schiedsrichter, der zugegeben nicht seinen besten Tag erwischte, das spanische Temperament zu spüren. Bestraft wurde nur der Trainer der Fortuna, der zu Anfang der 2. Hälfte mit Rot auf die Tribüne geschickt wurde. Das Spiel selber konnte man sich auch nicht schön trinken, da hier ein Alkoholverbot durchgesetzt wird.
Ganz gleich was man bestellt: Es wird in Flaschen ausgegeben, jedoch aus mir nicht erklärlichen Gründen, abgerissenem Deckel. Nach Spielende sind die letzten Busse gefahren und der Magen knurrte. Für wenig Geld gab es dann ehrliche spanische Küche, von der man die Caldo Galego wärmstens empfehlen kann. Der Dunst über der Stadt, der selbst in Halbzeit zwei schon ins Stadion zog, lag bis zum nächsten Morgen über der Stadt, sich aber schnell wieder verzog.
Mit dem Zug in die Hauptstadt
Es stand die nächste Zugfahrt bevor. Früh morgens ging es mit dem “avlo 2”, einem Billigzug der spanischen Staatsbahn, nach Madrid. Highlight der Fahrt war das Umspuren von iberischer Breitspur zur europäisch weit verbreiteten Normalspur. Die Räder wurden während der Fahrt bei 20 km/h beim Durchfahren einer kleinen Halle von der Radsatzwelle (der Achse) automatisch gelöst, angepasst und wieder arretiert. Für mich als Eisenbahner ein echtes Erlebnis.
Live-Fußball bei Rayo Vallecano
In Madrid war es geplant das Spiel Rayo Vallecano gegen RCD Español im Campo de Futbol de Vallecas zu besuchen. Das Stadion ist ein Betonzweckbau aus den 80er Jahren, mit engen Tribünen mitten im Arbeiterviertel, welches direkt an Häuserwände grenzt. Leider wurde das letzte Spiel dort im Mai diesen Jahres ausgetragen. Alle Partien von Rayo Vallecano werden der Baufälligkeit wegen in umliegende Spielstätten verlegt. Schon 2018 gefährdete ein herabstürzendes Teil der Tribüne ein Kind, dass den Zwischenfall zum Glück unbeschadet überstand.
Das weit draußen liegende Estadio Municipal de Butarque, was zur Ausweichstätte benannt worden war, sprach uns nicht wirklich entgehen zu lassen und die Stadt zu erkunden.
Abenteuer Online-Ticket-Kauf
Um auch in Madrid mit den Öffis mobil zu bleiben, musste man nach Ankunft mit dem avlo in einer Transferzone zwischen Fern und Nahverkehrsbahnsteigen ein Ticket für den ÖPNV kaufen. Ganze zwei Ticketautomaten ohne Servicepersonal waren prädestiniert für lange Wartezeiten. Ganze 40 Minuten Nettoumsteigezeit hätten im Voraus eingeplant werden müssen. Leider verlor ich mein Ticket im Eifer des Gefechts. Sodass ich mich dazu entschied ein Onlineticket zu kaufen. Was hier in Deutschland, gerade weil der DB Navigator jeden Tarifverbund anbietet, sich als ziemlich einfach gestaltet, ist in Madrid ein wahrer Kraftakt. Am Ende hatte ich nach weiteren Kämpfen und Krämpfen ein Revolut Buissness Konto, ein Konto bei der hiesigen Nahverkehrsgesellschaft, eine Revolut Buissness Karte auf der – oh Wunder – eine 24h Tageskarte gebucht war. Ein Gang zum Serviceschalter am Bahnhof des Hotels wäre vermutlich doch der Weg des geringsten Widerstands gewesen.
Sightseeing in Madrin
Sei’s drum, Highlights in Madrid der Besuch des Palasts und der ältesten Chocolateria Madrids aus dem Jahr 1894. Um Mitternacht versüßte eine kleine Tüte Churros mit dickflüssiger Zartbitterschokolade den Besuch der spanischen Metropole trotz der ganzen Umstände. Der Bahnhof Atocha war dann Startpunkt für die nächste Reise am kommenden Tag. Wie schon zuvor in Vigo und dann auch in Barcelona, ist es in Spanien essenziell ein flughafenähnliches Prozedere zu durchleben, bevor man in den Zug einsteigen darf. Dem gemeinen Eisenbahnfreund fällt der Schnellzug nach Barcelona sofort ins Auge. Denn er ist baugleich zum einstigen Flaggschiff des deutschen Hochgeschwindigkeitsverkehrs, dem ICE 3. Jener brachte uns mit 350 km/h von der Hauptstadt in die katalanische Metropole Barcelona.
Kommerzpalast zum Reiseabschluss
Mein Freund freute sich schon sehr auf den Besuch des “Spotify Camp Nou”, weshalb er auf das Spiel in der Vorplanung gegen Racing Santander wehement bestand. Zwei Tickets im Wert des Fluges oder aller Fernzugfahrten von Lissabon bis Frankfurt (M) Hbf zusammengerechnet waren Voraussetzung die Kirsche des Sahneeisbechers kommerzialisierten Fußballs erleben zu dürfen. Weder der Fanmarsch der wenigen hundert FCB-Ultras, begleitet von mindestens doppelt so vielen leuchtenden Handytaschenlampen und Handybildschirmen vor Anpfiff der Partie am späten Abend, noch das Baugerüst des katalanischen Kultstadions ließen die Vorfreude auf die Partie ansteigen. Getreu dem Motto: ,”Den Regenmantel lassen wir Zuhaus, in Spanien sieht es nicht nach Regen aus”, verzichteten wir auf die Mitnahme besagter Regenjacken und auf den Kauf von Ponchos vor dem Stadion. Eine Entscheidung, die sich als fataler Fehler herausstellen sollte.