Ein neuer Text der – unregelmäßig – auf sechzger.de erscheinenden Artikelserie Poppular Demand von Sabine. Sie berichtet von einer merkwürdigen Fahrt mit dem 54er Bus zum gestrigen Heimspiel gegen Landsberg.
Serious Drinking – Love on the Terraces
Mit dem 54er vom Ostbahnhof zum Candidplatz
Es ist Sonntag, kurz nach Mittag, und ich sitze im 54er Richtung Grünwalder Stadion. Heimspiel. Sechzig gegen Landsberg. Regionalliga. Der Himmel leuchtet weiß und blau, und ich genieße die Bummelfahrt durch die Wohnsiedlungen von Obergiesing. Manchmal mag ich das: wenn man langsam ankommt. Sozusagen Entschleunigung. Mit der Zeit wird der Bus voller. Dann steigt eine Familie ein: Vater, Mutter, Kind. Ich beschließe, meine Kopfhörer aus den Ohren zu nehmen und ein bisschen zuzuhören. Der Papa ist offensichtlich motiviert. Ich merke, dass er sich auf das Spiel und den Nachmittag freut. Der Sohn sieht eher unsicher aus. Die Mutter dagegen wirkt mürrisch und misstrauisch. Irgendwie spüre ich Schwingungen, die nicht so ganz zusammenpassen.
Sehnsuchtsort oder Bruchbude?
Als das Stadion vor unseren Augen auftaucht, sagt der Vater zum Sohn: „Da ist das Stadion.“
„Eher ’ne Bruchbude“, ergänzt die Mutter. Ich verschlucke mich fast.
„Was für ein hässlicher Kasten“, sagt sie, ihrem Sohn zugewandt.
Der Sohn schaut ungläubig und entsetzt in Richtung Stadion.
Der schönste Platz auf Erden!
Der Bus steht im Stau, und ich nutze die Zeit, ihn genauer zu betrachten. Seine Arme sind voller Schals. Mehrere Schals hängen nebeneinander um seine Arme. Wenn er sie ausbreitet, sieht er aus wie ein Tannenbaum mit Lametta. Die Mutter trägt ein Sechzger-T-Shirt.
„Da sollen wir jetzt reingehen?“, fragt der Sohn.
„Ist schon was anderes als die Allianz Arena“, sagt die Mutter. „Die ist schon einladender.“ Einladender. Die Allianz Arena. Ich muss mich kurz sammeln.
Der Vater ergreift leider keine Partei für unser Stadion. Also fühle ich mich bemüßigt, einzugreifen.
„Das ist der schönste Platz auf der Erde“, sage ich. „Es ist eine Ehre, dahin zu gehen.“ Die Mutter schüttelt den Kopf.
Ahnungslose aus der Seitenstraße
„Na ja, das wirst du dann schon sehen, wenn wir drinnen sind“, sagt sie in einem Ton, der ungefähr so klingt, als würde sie ihrem Sohn gleich eine Besichtigung einer stillgelegten Industrieanlage zumuten.
Der Vater zuckt mit den Schultern und gibt mir flüsternd zu verstehen, dass die Mutter dem Verein aus der Seitenstraße angehört. Aha.
Sie trägt ein Sechzger-T-Shirt. Ich beschließe, diesen Widerspruch erst einmal so stehen zu lassen.
Der Junge schaut mich ratlos an. Ich bin inzwischen auch ratlos. Noch ratloser werde ich, als der Vater sagt: „Na ja, du kannst ja jetzt Becher sammeln. Dann kickst du die anderen Jungs weg und hast wenigstens richtig gute Kohle, wenn du heimkommst.“
Bechersammeln im Sechzger-Stadion
Der Junge schaut begeistert. Ich kapituliere.
Das ist zu viel für mich an diesem schönen Sonntagnachmittag. Der Kapitalismus schreit mich an.
Die Familie steigt aus. Ich fahre weiter Richtung Candidplatz. Kurz bevor sich unsere Wege trennen, schaue ich den Jungen an. „Ich wünsch dir viel Spaß.“
Er schaut mich freundlich an. „Danke, dir auch.“ Vielleicht ist ja doch noch nicht alles verloren.
Besser die Stimmung aufsaugen
Ich hoffe, er hat beim Spiel zugeschaut. Dass er die Stimmung aufgesogen hat und gesehen hat, wie die Ränge hinter dem Team standen, auch wenn es nur zu einem 1:1 gereicht hat. Ich hoffe dass der Bub Erdogans gekonnten Dribbling-Trick namens Roulette gesehen und sich genauso darüber gefreut hat wie der Rest der Kurve.
Dass er vielleicht irgendwann verstanden hat, warum sein Papa so gerne in diese angeblich hässliche Ruine geht.
Und dass er sich nicht die ganzen 90 Minuten damit beschäftigt hat, Becher einzusammeln und sein Taschengeld aufzubessern. Im Stadion habe ich die Familie nicht mehr gesehen. Vielleicht war das ganz gut.
Vielleicht stand der Junge irgendwo mittendrin in der Westkurve und hat gerade angefangen zu verstehen, warum dieser Platz für manche Menschen der schönste auf der Erde ist. Das ist ein versöhnlicher Gedanke.











Merci – schöner Text. ich hätte mich da aber sicher anders eingemischt 😉
..oh jeh,.. mit dem “spirit of 66” kann man heutzutage in Bezug auf das “Städtische” schon mal nicht mehr wuchern… die Busse haben Verspätung, die Tram ist zu eng, Osram weg, Salus-Gelände leer, Candidplatz gewollt vergammelt, die Westkurve in Teilen marode(da wird bald das böse Erwachen kommen), von innen schauts insgesamt aus wie in einem riesigen Metallhandel(überall Zäune, Gitter, Netze und sonstiges Eisen, die 3 Kassenhäuschen hinter der West ungenutzt, kein imposanter Background vom Heizkraftwerk mehr, Sängerheim weg, Trepperl weg, Katakombe weg, Raintaler Hof weg, Zauberwürfel weg und bayern-fans hat es schon immer einige in der Umgebung gegeben.(SK 73)… mei wär ich nur bei der Busfahrt dabei gewesen….dann hätte ich dir das große unbedeutende, geheime, abseits von 1860 existierende München 90 mit nostalgischem Generve schön geredet..übrigens hast du immer noch eine single von den göttlichen “serious drinking” von mir(geklaut)..
München 45 hat schon immer die besten Singles gehabt !
Schön dass du auch hier bist Lothar! Alles gute nachträglich zum Sechzigsten!
Katakombe – made my day. Was für ein Ort und was für ein tragisches Ende damals!
@rude6977
Wir haben schon öfter gegenüber vom Trainingsgelände in der Südtiroler Straße oder Karneidplatz geparkt. Ist auch gut zu erreichen.
Dann mit der Straßenbahn zum Stadion. Oder Du machst einen kleinen Spaziergang.
Ja, das war immer meine Alternative wenn’s nichts mehr gab. Aber z.B. wenn wie gegen FCA II die Straße gesperrt wird, ist’s schon blöd…
Aber danke für deine Rückmeldung
Das Sechzger Stadion ist in meinen Augen Heimat, Identifikation, Vergangenheit (mit vielen unvergesslichen Erlebnissen) und Zukunft (mit hoffentlich auch vielen unvergesslichen Erlebnissen). Das Stadion wurde halt von der öffentlichen Hand (sprich: Stadt) verwaltet – wird Zeit für einen neuen Eigentümer, der dieses Kleinod in der Stadt gestaltet (gem. Machbarkeitsstudie).
ELIL & Football for the PEOPLE
Also Auswärtiger der mit dem Auto anreist, habe ich bei nem anderen Bericht schon mal nach besseren Parkmöglichkeiten als unter der Brücke gefragt, leider ohne Rückmeldung.
Wäre das eine Option? Wie sind die Parkmöglichkeiten am Ostbahnhof und in welchem Abstand fährt die Buslinie?
Karl Preis Platz = ab Silberhornstr. /Giesing miter Ubahn 2 Stationen, dort entlang der Straße alles kostenlos. Ostbahnhof parken unmöglich.
U-Bahn-Haltestelle Innsbrucker Ring ist auch eine gute Option. Danach vier Stationen mit U2 bis Silberhornstr.
Danke euch beiden, werde eine der Optionen morgen gleich testen.
Schönen Abend
Beim Innsbrucker Ring parke ich immer. Nie voll, günstig und dann entspannt die paar Stationen mit der U-Bahn fahren.
ach komm, des ist doch nicht wahr. welche mutter sagt so etwas zu ihrem kind? es sei denn sie ist eine MH (mutter des hoeneß).
bin ich froh, daß ich richtig sozialisiert wurde. aber danke, bis soeben hat sich mir nie die frage gestellt ob das eine ruine, bruchbude, betongrausamkeit oder bauhausvergewaltigung ist…… an die hoeneß mutter… du mußt das weite gar nicht suchen.. ist direkt vor dir. da, genau da… in fröttmaning, direkt bei dem müllberg, bei großlappen, bei der wunderbaren aussicht auf überhaupt sowas von keinem beton der autobahnen. geradezu einladend das weite. nur für dich errichtet.
Da ist mir die rothaarige (!) FCB-Ultra-Frau, mit der ich beim CrossFit immer verbal frotzele, fast lieber denn die spricht immerhin liebevoll von der „Hermann-Gerland-Kampfbahn“, wenn sie das Grünwalder Stadion meint und nicht von „Ruine“ 😂.
Mein Beileid an den Jungen weil er keinen Vater hat der etwas stolzer und streitlustiger auftritt bei so viel dümmlicher Oberflächlichkeit wenn er schon meint mit einer Seitenstraßlerin zusammen sein zu wollen 🙈.
Vielleicht war ja der kleine Junge derjenige, welcher kurz nach Spielende sich in der Stehhalle oben beim Aufgang Block L/M einfach mit den gesammelten Bechern hingestellt hat. Der stand da wie Obelix mit seinen Römerhelmen, und hat nur gewartet, dass die Becher obendrauf gesetzt wurden.😁 Habe ich in der Art auch noch nicht erlebt!
Schönheit liegt im Auge des betrachters. Einige der Fans sehen das GW durch die blaue Brille. Da wird selbst Prypiat schön. Unemotional gesehen ist das GW ein ziemlich hässlicher Kasten angestaubter und aus der Zeit gefallener Beton. Die Fans machen ihn zu etwas besonderem. Die AA ist für mich von außen betrachtet nicht sehr schön aber wer drin gesessen hat weiß mit welch Struktur die gebaut wurde. Guter Blick bis unter dir Decke. Da kann man im GW nur von träumen. Ich halte von diesem, teilweise krampfhaften und fetischartigen schönreden des GWs nichts. Das ist meine Meinung. Ohne die Fans ist es nichts. Und die Fans ohne Heimat nichts. Wo due Heimat ist sehe ich als zweitrangig an. Ich komme aber auch von außerhalb und bin kein boazn geher. Ich hoffe die Machbarkeitsstudie geht tatsächlich durch. Das wäre mega geil. Auf die Löwen. Egal wo, egal wann, egal welche Liga.
Sehe ich ähnlich. Ist halt ein traditioneller Ort. Aber definitiv umbaubedürftig. Potenzial für einen Umbau ist aber schon da, weil dort gute Stimmung aufkommen kann und der Flair schon da ist. Mir wäre es aber ohnehin lieber, wenn einfach erfolgreicher Fußball gespielt wird..
Mit Logik konnte man sich Heimat noch nie begreifbar machen. Ob das jetzt ne Ruine ist oder ein Tempel spielt dabei keine Rolle
Hmm ich finde von Außen wenn du den Candidberg hochgehst oder vom Grünspitz kommst unfassbar schön und absolut einzigartig… Die Ostkurve wurde leider beim Umbau verschandelt und die Haupttribüne mei…
Von Innen auch Unsere Westkurve ist einfach wunderschön und einfach ein genuss drauf zu schauen.. Bei der Stehhalle macht der Zaun einfach vieles Kaputt… Aber ansich ist das einfach ein Geiles Stadion.. Gerade die einzigartigkeit mit den ecken und kanten macht es aus. Aber liegt natürlich immer im Auge des Betrachters mir sind allgemein so alte Stadien lieber als die ganzen Neubauten..
Deine Bewertung als “hässlicher Kasten” ist halt auch nur deine sehr persönliche Sicht, und nicht eine objektive bzw unemotionale Sichtweise. Die Form und Konstruktion der Westkurve ist sehr schön und ich finde auch die Außenfassade der Stehhalle außergewöhnlich schön und begrüße es, dass das Architekturbüro die für das ganze Stadion übernimmt. Die Allianz Arena finde ich tatsächlich nicht schön, obwohl Herzog de Meuron tatsächlich schon oft meinen Geschmack getroffen haben. Renovierungsbedürftig lass ich beim GWS natürlich gelten. Deshalb wird jetzt ja was gemacht.
Sorry – das Kaiserklo kann ich nicht neutral betrachten. Da kommts mir immer hoch. Aber auch unser Sechzger kann ich nicht neutral betrachten… Es is hoit ein bisserl wie wia sechzig. A bisserl unrund und immer unvollendet.
Sorry, beim Wort Allianz Arena hab ich aufgehört.
Danke für diesen Bericht. Ich mag es, solche Alltagsgeschichten zu lesen. Das macht das ganze Spiel dann zur runden Sache und nicht nur zum Erleben der 90 Minuten. 👍