Die Meinungen zu Leistung im ersten Spiel nach Patrick Glöckner gehen stark auseinander. Während die einen eine wenig verbesserte, pomadige Mannschaft sahen, sind andere beruhigt ob des gestoppten Abwärtstrends und sahen erhebliche Verbesserungen. Nichtsdestotrotz war der gezeigte Kampfgeist unleugbar und dieser wird unabdingbar sein, wenn es am Sonntag weitergeht. Eine der weniger beliebten Auswärtsfahren steht an und es geht zu einem der weniger emotionalen Gegner. Ob dies auch auf die Mannschaft auf dem Feld zutrifft, vermag ich nicht qualifiziert zu sagen. Es ist die in die SV Wehen Wiesbaden GmbH ausgegliederte Kampfmannschaft des Sportverein Wehen 1926-Taunusstein e.V.!

Aktuelles – Die Ausgangssituation

Die Hessen stehen aktuell mit 13 Punkten, einer mehr als unsere Löwen, auf dem 10 Tabellenplatz. Wehen spielte bisher solide, weist eine Bilanz von 3-4-2 und ein Torverhältnis von 13:11 auf. Aktuell ist man in Wiesbaden auf einer Remis-Serie. Die letzten drei Spiele wurden die Punkte geteilt, wobei man nur ein Tor erzielte, im Umkehrschluss aber auch nur eins kassierte. Die bisher wenig ereignisreichen Gastspiele beim SVW könnten sich also weiter fortsetzen. Was die Mannschaft von Nils Döring zu leisten im Stande ist konnte man aber schon in der ersten Pokalrunde gegen die Seitenstraße beobachten. Dort bot Wehen eine sehr ansprechende Leistung und hatte den klaren Favoriten am Rande einer Niederlage.

Kader & Transfers

Eine für Drittligaverhältnisse ruhige Transferphase hat der SV Wehen hinter sich. 11 Abgänge stehen 13 Zugängen gegenüber, wobei von diesen drei Nachwuchsspieler aus der die aus der A-Jugend hochgezogen wurden, dabei sind.

Abgänge

Interessantester Abgang ist wahrscheinlich Thijmen Goppel (28, RA), den es nach Indonesien zu Bali United verschlagen hat. Sein Pendant auf der linken Außenbahn Nick Bätzner ging den gewohnten weg und läuft nun für Paderborn im Unterhaus auf. Mit Florian Carstens (26, IV, Rostock) und Bjarke Jacobsen (31, DM, Osnabrück) haben wir ja dieses Jahr schon Bekanntschaft gemacht. Exotischere Destinationen fanden sich für Ex-Löwe Emanuel Taffertshofer (30, DM) der nun in der zypriotischen Sonne für Aufsteiger Akritas Chlorakas auf dem Rasen steht, sowie für Franko Kovacevic (25, MS) der jetzt im slowenischen Oberhaus für NK Celje gegen den Ball tritt. Der manchen vielleicht aus Augsburg bekannte Ersatztorhüter Mohamed Amsif, seines Zeichens achtfacher Nationalspieler Marokkos, hat mit 36 Jahren im Sommer seine Karriere beendet.

Zugänge

Ersetzt wurden diese Verluste mit einer jüngeren Riege an Spielern. Für die offensiven Außen kamen Lukas Schleimer (25) aus Nürnberg, Simon Stehle (23) aus Saarbrücken und Robin Kalem (22) von Hannover II. Stehle und Kalem sind aktuell, aber angeschlagen. In der Innenverteidigung holte man Jakob Lewald (26) von Absteiger Sandhausen und Jordy Gillekens (25) aus dem belgischen Unterhaus. Von Viktoria Köln holte man den Doppelpack aus Niklas May (23, LV) und Donny Bogicevic (23, RA). Die drei Letztgenannten haben sich schon zu absoluten Stammspielern entwickelt. Von Botev Vratsa aus der bulgarischen Beletage wurde außerdem noch David Suarez (24) für das defensive Mittelfeld verpflichtet.

Vom Bestandskader ist besonders Kapitän und Torhüter Florian Stritzel zu nennen, der aktuell in bestechender Form ist. Mittelfeldchef Orestis Kiomourtzoglou ist aktuell verletzt, vorne wirbelt mit Fatih Kaya (25), Moritz Flotho (23) und Nikolas Agrafiotis (25) aber ein sehr gefährliches Trio, gegen das sich die Löwen Defensive von ihrer besten Seite zeigen muss.

Löwenpower: Fabian Greilinger

Vereinsgeschichte

Der Verein wurde am Neujahrstag 1926 in Wehen, einem Stadtteil von Taunusstein gegründet. Die Stadt grenzt im Nord-Westen an Wiesbaden. Nach dem Beginn in der C-Klasse wurde im folgenden Jahr ein eigener Sportplatz auf dem Wehener Halberg gebaut. 1933 wurde der Verein nach der Machtergreifung an den TV 1874 Wehen angegliedert. Bis zur Neugründung im Frühjahr 1946 wurde der Spielbetrieb mit gelegentlichen Freundschaftsspielen inoffiziell aufrechterhalten. Nach dem Wiedereinstieg in der B-Klasse konnte man Ende der 50er Jahre erste Erfolge verzeichnen. 1960 gewann man den Kreis- und Bezirkspokal und stieg 1965 in die A-Klasse auf.

Im Jahre 1979 steigt Heinz Hankammer als Hauptsponsor und Präsident ein. Mit dieser Unterstützung konnte 1987 sogar die Landesliga erreicht werden. 1989 stieß man in die Oberliga und 1994 sogar in die Regionalliga vor. 1988, 1996 und 2000 gewann man außerdem den Hessenpokal. Der größte Erfolg gelang dann 2006/07 mit dem erstmaligen Aufstieg in die 2. Bundesliga, der zwei Saisonen andauerte. Seitdem hält man sich auf Bundesebene, meist in Liga 3, aber mit Ausnahmen in den Saisonen 2019/20 und 2023/24. Ab 2007 erfolgt dann ein großer Umbruch in Taunusstein, der eng mit der Familie Hankammer und dem Unternehmen Brita zusammenhängt.

Der neue SVW

Im Zuge dessen wurden für die Öffentlichkeit Name, Logo und Standort geändert. Die Ultras von Wehen beschreiben das folgendermaßen:

Mit dem Aufstieg 06/07 kam der große Umbruch, der uns als Szene heutzutage immer noch vor große Probleme stellt. Mit der Umwandlung des Vorstands in ein Präsidium im Jahre 2002/03 legte Hankammer den ersten Grundstein zur drohenden Katastrophe. Der Aufstieg in die Zweite Liga wurde begleitet vom Bau der Brita-Arena (bis zur Fertigstellung im Oktober 2006 gastierte der SV Wehen bei Eintracht Frankfurt) und der Gründung der SV Wehen Wiesbaden GmbH, die von nun an den Spielbetrieb aufnahm. Parallel wurde die FI Fußball Invest GmbH gegründet, welche 90% der Anteile am Geschäft des Spielbetriebs der SV Wehen Wiesbaden GmbH innehat (10% hält der Gründungsverein SV Wehen), und die Stadion Berliner Straße GmbH, die das Stadion dem SV Wehen abkaufte und an diesen neu verpachtete. Perverser wird es, wenn man sich die Verflechtungen beider Unternehmen anschaut.sdf

Nicht nur gehören beide zur Hanvest/Brita-GmbH, sondern viele der führenden Köpfe stecken zeitgleich in Personalunion durch eine Anstellung oder ehemaligen Anstellung bei Brita. Als sei dies nicht genug, um die Position der Familie Hankammer beim SV Wehen zu festigen, indem das finanzielle Schicksal des Vereins an die Hankammer’s gekoppelt wurde, vollzog sich eine autoritäre Vereinsumgestaltung. Hankammers (auf den Vater folgte Sohn Markus) stellen den Präsidenten des Vereins SV Wehen 1926 Taunusstein e.V. seit ´82 ununterbrochen. Um die eigene Position zu festigen wurde ein Ehrenrat eingeführt. Dieser Ehrenrat fungiert als Kontrollorgan, welcher als einziges Gremium Präsidentschaftskandidaten vorschlagen kann.

Besonders problematisch wird es, wenn man erfährt, dass der geschäftsinnehabende Präsident als einziger die Zusammensetzung dieses Ehrenrates bestimmen kann. Somit verliert das einfache Vereinsmitglied nicht nur eine seiner basisdemokratischen und grundlegendsten Funktionen, sondern der Präsident schirmt sich somit auch gegen negative Einflüsse ab, indem er in der Lage ist den Ehrenrat in seinem eigenen Sinne zu berufen. Erschreckenderweise gingen die Ideen der Familie Hankammer soweit, dass gänzlich der Taunussteiner Urverein aufgelöst und eine Forcierung auf Wiesbaden angestrebt werden sollte. Dies konnte glücklicherweise von der Stadt Taunusstein abgewehrt werden, welche die dem Vereinen mit Sanktionen drohte, falls Taunusstein komplett entfiele. Das Stadion am Halberg wird heutzutage als Nachwuchsleistungszentrum genutzt und wird von der Stadt Taunusstein subventioniert.”

Der Verein

Der SV Wehen 1926 vereint knapp 700 Mitglieder und bietet nur Fußball als Sport an. Die Profis, sowie die U19, U17 und U16 sind in die SV Wehen 1926 Wiesbaden GmbH ausgegliedert. Den Namen verwenden aber auch die e.V. Mannschaften. Unter Einhaltung von 50+1 gehören 90% der Fußballfirma der “FI Fußball Invest”, welche eine 100%-ige Tochter der Hanvest Holding GmbH ist. Die restlichen 10% gehören dem SV Wehen 1926-Taunusstein e.V..

Die Hanvest ist die Holding-Gesellschaft der Familie Hankammer, die darüber auch ihr größtes Unternehmen “Brita” kontrolliert. Brita ist Hauptsponsor des SVWW und Namensgebern des Stadions. Auch Teil der Hanvest ist die “Stadion Berliner Straße GmbH & Co. KG”, welcher das Stadion gehört. Der Geschäftsführer der Holding ist Markus Hankammer, Sohn des Brita Gründers Heinz und Präsident des SV Wehen 1926-Taunusstein. Wer sehen will wie man 50+1 umgehen will und im Zuge dessen auch die Identität eines Vereins umschreiben will, hat in Hessen das Paradebeispiel stehen.

Fanszene

Die Fanszene des SV Wehen ist ähnlich wie der Verein eher klein und wenig bedeutsam. Aktuell gibt es eine wirkliche Ultragruppe, und zwar die “Supremus Dilectio“, welche 2009/10 gegründet wurde. Als Jugend- und Umfeldgruppe fungiert die “Supcrew”, Teil ist auch die “Sektion Rheingau”. Ganz lückenlos ist die Geschichte der “SD” nicht, da im Anschluss an Reibereien mit der Polizei nach einem Auswärtsspiel im Saarland 2014 über die Hälfte der Szene Stadionverbot bekam und deshalb für zwei Jahre Pause eingelegt wurde. In dieser Zeit wurden ersatzweise die Amateure im heimischen “Halberg-Stadion” unterstützt.

Abseits von “Ultrá” gibt es noch 8 offizielle Fanclubs, wovon die “Allianz Wiesbaden” und “Die Halbergtramps” öfter auswärts dabei sind. Als Alleinstellungsmerkmal sehen die Ultras ihre kritische Einstellung gegenüber dem modernen Konstrukt SVWW und unterstützen eigentlich den Hauptverein mit dem taunussteiner Namen.

Eine Freundschaft gibt es zu Szene des FC Ingolstadt 04. Feindschaften gibt es zum FSV Frankfurt, mit Abstrichen auch zu den Kickers Offenbach und Mainz 05.

Das Stadion

Der SV Wehen Wiesbaden trägt seine Heimspiele in der “Brita-Arena” in Wiesbaden aus, die am 11. Oktober 2007 eingeweiht wurde. Das Stadion fasst 12.100 Plätze und gehört über die Hanvest Holding GmbH dem Hauptsponsor, der auch Namenssponsor der Arena ist. Der Bau war zu Beginn komplett in Stahlrohrbauweise ausgeführt und dauerte nur 4 Monate. Dementsprechend ist auch der Charme des Stadions, das auch damit irritiert, dass im Innenraum die Farbe Blau des Sponsors dominiert.

Brita-Arena

Eigentlich war die Arena nur als Provisorium auf 5 Jahre angelegt, feste Neubaupläne konnten aber bis jetzt nicht umgesetzt werden. Mittlerweile ist aber die Westtribüne als fester Neubau umgesetzt, nachdem von der Stadt der Bebauungsplan geändert wurde. Für die anderen drei weiterhin “provisorischen” Tribünen ist alle 5 Jahre eine Erneuerung der Baugenehmigung erforderlich. Aktuell ist im Nutzungsvertrag mit der Stadt Wiesbaden geregelt, dass der Verein seine Heimspiele bis 2047 in der Brita-Arena austrägt.

Trivia – Unnützes Wissen

  • Der SV Wehen steht auf Platz 1 der ewigen Tabelle der 3. Liga.
  • Beim Aufstieg in die A-Klasse Wiesbaden 1965 stellten die Taunussteiner mit einer Saisonbilanz von 54:0 Punkten und 117:15 Toren einen bundesweiten Rekord auf.
  • Benjamin Siegert schoss am 5. Oktober 2007 im Spiel gegen Fürth nach 8 Sekunden das 1:0 für Wehen. Dies ist bis heute das schnellste Tor in der Geschichte des deutschen Profifußballs.
  • Der russische Schriftsteller Fjodor Michailowitsch Dostojewski verspielte während seiner Deutschlandreise 1865 in Wiesbaden seine Reisekasse und wählte die Kurstadt offenbar als Vorlage des fiktiven Schauplatzes Roulettenburg seines 1866 verfassten Romans Der Spieler.
  • Wiesbaden ist mit 15 Thermal- und Mineralquellen eines der ältesten Kurbäder Europas.

Der 10. Spieltag im Überblick

Freitag 19:00 Uhr MSV 02 Duisburg – FC Hansa Rostock
Samstag 14:00 Uhr SV Waldhof Mannheim – VfL 1899 Osnabrück
14:00 Uhr FC Viktoria Köln 1904 – TSV Havelse 1912
14:00 Uhr SSV Jahn Regensburg – 1. FC Saar–brücken
14:00 Uhr 1. FC Schweinfurt 05 – SC Verl 1924
14:00 Uhr FC Ingolstadt 04 – SSV Ulm 1846 Fußball
16:30 Uhr FC Energie Cottbus – Aachener TSV Alemannia
Sonntag 13:30 Uhr FC Erzgebirge Aue – Rot-Weiss Essen
16:30 Uhr SV Wehen Wiesbaden – TSV 1860 München
19:00 Uhr TSG 1899 Hoffenheim II – VfB Stuttgart II

 

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Nordhessenloewe

Hätte auch noch eine kleine Ergänzung in der Rubrik “Unnützes Wissen” (wo nebenbei erwähnt eigentlich das ganze Konstrukt SVWW reingehört, hehe):

Als der SV Wehen Ende der 80’er Jahre in die damals drittklassige Oberliga Hessen und später in die neu gegründete Regionalliga aufstieg trugen sie als einziger Verein ihre Heimspiele noch auf einem Hartplatz am Hallberg in Wehen aus.
Schon damals kam es manch anderem ambitioniertem hessischem Verein (z.B. zu erfragen bei damaligen Konkurrenten wie Hessen Kassel, FSV Frankfurt, RW Frankfurt, Kickers Offenbach, Darmstadt 98 etc.) seltsam vor woher jede Saison eine neue Genehmigung dafür herkam, ein Schelm wer auch jetzt noch Böses darüber denkt.

Dass die Gastvereine mit dem Untergrund ihre Probleme hatten und Wehen entsprechend bereits vor dem Anpfiff klar im Vorteil war brauche ich glaube an dieser Stelle nicht zu erklären.
So fiel manch hauchdünne Entscheidung am Ende der Saison um Platz 1, 2 oder 3 evtl. eben nicht auf dem grünen Rasen sondern auf dem roten Sand des Hallbergs.

Bis nachher in Wehen, äh, Wiesbaden 😉

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Perfekter Artikel von Peter. Eine Ergänzung hätte ich noch. Mit dem SV 1899 Wiesbaden gibt es einen Traditionsverein in der Stadt, dessen große Zeiten schon lange vorbei sind und über eine kleine Fanszene verfügt. Der Helmut-Schön-Sportpark befindet sich gleich neben der Brita-Arena. Die Verantwortlichen des SVW haben freundlicherweise den Spielbeginn am Sonntag auf 14.30 Uhr vorverlegt, damit die Groundhopperfreunde des TSV 1860 auf ihre Kosten kommen und sich wenigstens eine Halbzeit anschauen können.

Apollo

Bisher hatte ich mich nicht so sehr mit dem Verein beschäftigt. WW tangiert mir auch 0,0.

Nachdem ich den Artikel hier gelesen habe, bin ich leicht fassungslos.

Wie blind muss als DFB eigentlich sein, wenn man solch ein Konstrukt nicht beanstandet?
Der Präsident bestimmt den Ehrenrat und nur dieser Ehrenrat darf den Präsidenten vorschlagen?
Erinnert mich irgendwie an ihn hier:

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Last edited 6 Monate zuvor by Apollo