Vier Spieltage vor dem Saisonende steht der TSV 1860 München neun Punkte hinter dem Relegationsplatz. Angesichts dieser Tabellensituation von einer existenziellen Krise zu sprechen, wäre verfehlt. Es ist vielmehr eine tiefgreifende sportliche Ernüchterung – insbesondere vor dem Hintergrund, dass weite Teile des Umfelds und der medialen Begleitung die Löwen vor der Saison als automatischen Aufsteiger gehandelt hatten. Die Diskrepanz zwischen der sommerlichen Euphorie und der tabellarischen Realität im Frühjahr ist eklatant. Anspruch und Wirklichkeit liegen mal wieder meilenweit auseinander.
Euphorie des Sommers: Anspruch und Wirklichkeit
Rückblickend war der Sommer 2025 von einer enormen Erwartungshaltung geprägt. Die Rückholaktionen namhafter Akteure wie Kevin Volland und Florian Niederlechner sorgten für Aufbruchstimmung. Im Zentrum der medialen Berichterstattung stand dabei der damalige Sportgeschäftsführer Dr. Christian Werner, der sich für die Zusammenstellung “seines” Kaders feiern ließ.
Dass eine Ansammlung prominenter Namen jedoch nicht automatisch ein funktionierendes Kollektiv ergibt, war bereits frühzeitig absehbar. Am 2. September 2025 – der TSV 1860 stand nach vier Spieltagen mit zwei Siegen und zwei Unentschieden auf dem dritten Tabellenplatz – äußerte ich in Folge 182 des Podcasts “Giesinger Bergfest” deutliche Kritik an der Kaderstruktur. Die Reaktion des Hosts Alexander Augustin dokumentiert, wie sehr diese Skepsis damals im Kontrast zur allgemeinen Stimmung stand:
“Harte Meinung, ich hab es am Anfang für Sarkasmus gehalten, aber der Bene meint das wirklich bierernst. Die Kritik, dass der Kader falsch zusammengestellt ist, würde ich auf keinen Fall teilen.”
Aus heutiger, nüchterner Perspektive betrachtet, haben sich die damals formulierten Bedenken jedoch als die zentralen Problemfelder der Saison erwiesen.
Strukturelle Defizite in der Kaderplanung
Die mangelnde sportliche Durchschlagskraft lässt sich auf klare, handwerkliche Fehler in der Kaderzusammenstellung zurückführen:
- Mangelnde Balance der Mannschaftsteile: Einem deutlichen Überangebot im defensiven Mittelfeld und auf den Innenverteidigerpositionen stand eine eklatante Unterbesetzung auf den offensiven Außenbahnen sowie in der kreativen Zentrale gegenüber.
- Fehlende Zuarbeit: Mit Volland und Niederlechner sowie zwei weiteren Angreifern verfügte man zwar über vier Topstürmer, jedoch fehlte das Personal, um diese Spieler mit der nötigen Schnelligkeit und Kreativität adäquat zu bedienen. Dynamik wurde im Sommer abgegeben und nicht nachbesetzt. Volland muss sich im Mittelfeld aufarbeiten und fehlt auf der Position, auf der seine große Stärke liegt.
- Hohes Risikoprofil: Es wurden Spieler mit beeindruckenden Lebensläufen verpflichtet, deren Verletzungshistorie jedoch Fragen aufwarf. Retrospektiv drängt sich der Verdacht auf, dass München für einige Akteure nur deshalb eine Option war, weil andere Vereine aufgrund der gesundheitlichen Prognosen abgewunken hatten.
Die Altlasten der Ära Werner
Dass Dr. Werner am 28. September 2025 freigestellt wurde, war die logische Konsequenz. Ihm wurde laut diversen Medienberichten nicht nur die unrunde Kaderplanung angelastet, sondern auch die Vorgabe einer taktischen Ausrichtung mit Dreierkette, die sich für die 3. Liga als wenig tauglich erwies.
Erschwerend kam hinzu, dass der Kader mit 33 Spielern weit über dem Ligadurchschnitt lag. Diese quantitative Überladung war der Hauptgrund dafür, dass die neue sportliche Führung um Manfred Paula und Trainer Markus Kauczinski im Wintertransferfenster nicht tätig werden konnte. Die finanziellen und strukturellen Kapazitäten waren schlichtweg blockiert.
Trainer Markus Kauczinski ist in dieser Analyse ausdrücklich von Vorwürfen auszunehmen. Unter den gegebenen Umständen hat er punktemäßig das Optimum aus einem Kader herausgeholt, dem es grundlegend an Spielstruktur fehlt.
Perspektive: Das NLZ als Fundament für die Zukunft
Ihre eigentliche Bewährungsprobe müssen Kauczinski und Paula nun in der kommenden Sommertransferperiode ablegen. Die vorgegebene strategische Ausrichtung bietet dabei Grund für einen vorsichtigen Optimismus.
Das Konzept, den Kader merklich zu verjüngen und verstärkt auf Spieler aus dem eigenen Nachwuchsleistungszentrum (NLZ) zu setzen, ist der richtige Schritt. Die Mannschaft muss flexibler, schneller, kreativer und mit einer gewissen Unbekümmertheit agieren, um weniger ausrechenbar zu sein. Wenn Sean Dulic nach seiner Verletzung wieder vollständig fit ist, bildet er gemeinsam mit Talenten wie Fassmann und Althaus sowie dem erfahrenen Volland einen Kern aus dem eigenen Nachwuchs. Diese Achse hat das Potenzial, im kommenden Jahr zu den zentralen Leistungsträgern zu avancieren.
Mit Steffen Winter als neuem NLZ-Leiter und Stefan Lex in der wichtigen Funktion als Bindeglied zwischen der Jugend und den Profis ist der Verein administrativ professionell aufgestellt. Diese klare Fokussierung auf nachhaltige Werte und die eigene Identität lässt mich deutlich positiver in die kommende Saison blicken, als es die mediale Euphorie des vergangenen Sommers jemals konnte.
Die Giesinger Gedanken erscheinen regelmäßig als Kommentar und sind die persönliche Meinung eines Mitglieds unserer Redaktion oder eines Gastautors. Sie spiegeln nicht grundsätzlich die Meinung der gesamten Redaktion wider.











Volle Zustimmung.
Hoffentlich wird endlich mal mehr mit dem Pfund NLZ gewuchert.
Und ein weiterer Punkt kommt bei einer Kaderverjüngung noch dazu: bei den überschaubaren Finanzen ist die Generierung von Transfererlösen Pflicht. Dazu bietet der Einsatz von jungen NLZ Spielern eine ordentliche Entlohnung über die Jugendprämien.
Und schlechter angestellt als die anderen haben sich die Herren Dulic, Fassmann, Althaus und Dordan auch nicht.
Bin kein Fan davon alles an eine Person zu hängen. Zumal ich finde manche Argumentationen kommen auch nicht zu tragen..
Das System 3-5-2/3-4-2-1 hat schon einige male bei anderen funktioniert (Dresden, Bielefeld, Cottbus, Duisburg) und hat sich eigentlich in der gesamten Liga etabliert. Allerdings bei uns nicht.
Dafür sehe ich aber nicht Werner in der Schuld, denn die Spieler dafür hätten wir gehabt. Was in dem Artikel aber mit keinem Wort erwähnt ist ist einfach die Verletzungsmisere im gesamten Kader. Wäre ein Jakob, Deniz, Verlaat, Niederlechner, Pfeifer, Schröter und wie sie alle heißen. nicht durchgehend verletzt gewesen glaube ich würden wir ganz woanders stehen. Eine Nachbesetzung im Winter wäre notwendig und möglich gewesen. Aber man hat sich ja dagegen entschieden.
Was man Werner vorwerfen kann, ist die Wahl des Trainers zum System.. Glöckner hat zuvor immer auf Viererkette gesetzt und sollte nun ein anderes System spielen.
Ich glaube unsere Mannschaft wird nächstes Jahr mit Fassmann, Dulic (wenn er bleibt) und Althaus in der Startelf geschmückt sein. Aber wenn wir wirklich hoch wollen dann sollte man dringend im Mittelfeld (außen wie innen/offensiv wie defensiv) Verstärkung holen und was mit das wichtigste ist: Haugen davon zu überreden zu bleiben. Bin gespannt was Paula im Petto hat.
Die Ausrichtung im NLZ sehe ich ab Mai wieder auf dem Stand von vor übereinem Jahr. Also weder verbesserung noch verschlechterung. Nur leider ein Jahr ohne Entwicklung. Bin auch hier gespannt wie man mit den Top-Spielern aus der U21 umgeht. Glaube kaum die werden alle hochgezogen.
Ist es angebracht Markus Kauczinski komplett aus der Verantwortung für die teilweise desaloten Spiele zu nehmen?
Immer wieder wird moniert, dass die Außenbahnspieler die Sturmspitzen nicht mit genauen Flanken bedienen. Zudem wird kritisiert, dass die Standards (ohne Elfmeter) nicht zu Torerfolgen führen.
Kann das nicht auch wärend der Saison gezielt trainiert werden, ohne dass die Regeneration vernachlässigt wird?
Mir klingen noch die Worte Vollands bei MagentaSport nach dem Spiel im Ohr. Der war dermaßen frustriert, das kann man kaum beschreiben. Da ging es nicht um den Trainer, sondern um die Mentalität der Mitspieler und darum, dass sich keiner anbieten und den Ball haben wollen würde. Wenn er selbst den Ball hatte, waren sofort 3(!) Gegenspieler bei ihm; ähnlich auch bei Jakobsen. Umgekehrt waren die Unseren fast grundsätzlich zu weit weg vom Gegner, der schon seit mehreren Spieltagen ab der Mittellinie freie Bahn bis zum 16er hat. In der 2. HZ des letzten Spiels war es ja dann ein bisserl besser. Das liegt schon an der Bereitschaft der Spieler, was da auf dem Platz passiert.
Mir kommt es mittlerweile so vor, dass sich im Laufe der Jahre eine Art Phlegmatischleier über die Mannschaft legt und langsam ausbreitet. Und der befällt so gut wie alle Spieler.
Jetzt Klartext. Wenn ich zum Teil die Spieler der Mannschaften über uns sehe (auch zum Teil von unteren), dann gibt es da nicht wenige, die 90 Minuten mit den „Messer zwischen den Zähnen“ den Platz und den Gegenspieler beackern.
Bei uns ist da wenig zu sehen. Viel zu wenig Aggressivität und zu viel „nimm ihn du ich hab ihn sicher“. Da wird ein bisschen abgewunken, Alibiläufe und resignierendes Abwinken nach Fehlern nehmen auffallend zu. Klar ist Saisonende, der ein oder andere Spieler sieht sich nach was Neuem um, möchte sich nicht mehr verletzen. Aber..mir fehlt z.B. diese Aggressivität auf dem Spielfeld seit Beginn. Volland machts doch vor..schließen sich – aus welchen Gründen auch immer – zu wenige Mitspieler an.
So genug gejammert. Nächste Saison kommt der Knallerkader (nicht von den Namen – nur vom Können), DFB-Pokal marschieren wir von Runde zu Runde und aufsteigen derma a.
Basta!
Viele (inkl. meiner Wenigkeit) haben sich zumindest leicht blenden lassen. Nichtsdestotrotz könnte gerade aus den verbleibenden fünf Pflichtspielen ein fruchtbares Fundament für die kommende Spielzeit entstehen.
Wichtig wäre es gewisse Spieler teils ablösefrei ziehen zu lassen und durchaus konsequent auf die aufkommenden Nachwuchstalente um Althaus und Fassmann in Kombi mit den erfahrenen Haudegen Volland, Dähne und Haugen zu setzen.
Jacobsen und Verlaat muss man m. M. n. nicht verlängern. Jacobsen ist ein stetiger Bremsklotz im Offensivspiel und fällt außer seiner bis Regensburg verlässlichen Elfmeterqualität kaum positiv auf. Allein sein Stellungspiel in der Defensive spricht Bände. Verlaat ist einfach zu verletzungsanfällig. Er hatte in all seinen Saisonen längere Verletzungsepisoden und es ist einfach nicht förderlich, wenn der Kapitän immer wieder lange ausfällt.
Mein Traumkader für kommendes Jahr ist folgender:
TW: Dähne, Bachmann, Vollath
LV: Pfeifer, Jakob
IV: Reinthaler, Voet, (Schifferl), Dulic, Fassmann,
RV: Rittmüller, (Danhof)
ZM: Althaus, Dordan, Maier, Christiansen, Husic, Deniz, Volland
LM: X, Erdogan, (Phillipp)
RM: X, , (Wolfram), Steinkötter
ST: Hobsch, Haugen, Niederlechner, Klose
System: auf jeden Fall 4er-Kette. 4-2-3-1, 4-1-4-1 oder 4-4-2 kommen mir da in den Sinn.
Größte Baustellen wären demnach RV, LM & RM.
Ob man mit den in Klammern genannten Spielern verlängert, muss individuell und v.a. mit Blick auf das Kaderbudget entschieden werden. In jedem Fall sollten das das stark leistungsbezogene Verträge sein.
Von meinen Träumen ist das weit weg!
Verlaat nicht verlängern?
Verlaat ist einer der wenigen die Mentalität zeigen, wenn es drauf ankommt.
Da wir außer Volland keine richtigen Kämpfer haben ist ein Verlaat im Kader Gold wert.
Bei mir hätte Verlaat immer einen Platz in der Innenverteidigung, wenn er fit ist.
„Wenn er fit ist „. Ist er leider nicht seit September vergangenen Jahres. Und auch letzte Saison war er lange weg. Fußballerisch gesehen ist er ein guter Spieler für die dritte Liga, aber durch seine teilweise vogelwilden Ausflüge nach vorne auch gerne mal ein Sicherheitsrisiko. Da gefällt mir ein Reinthaler besser auf der Position. An der Abwehr liegt es nicht, dass es auch heuer wieder scheitert. Wie schon hier 1000x geschrieben, von etlichen Usern, ohne offensives Mittelfeld ist es fast unmöglich dauerhaft zu punkten.
Sehe es genauso! Die Wurzel des Übels war die Kader- Zusammenstellung bzw. die Entscheidung im Sommer, auf das 352 zu gehen. Da man außer Schrötter (viel verletzt) und Maxi Wolfram keine Flügelspieler hat, ist man in dem System, welches nicht funktioniert, mehr oder weniger gefangen. Wichtig ist jetzt, dass man ehrlich zu sich selbst ist und im Sommer wieder auf ein 4231, 4411 oder Ähnliches geht.
Naja, Pfeifer und Jakob (links) bzw. auch Danhof (rechts) entsprechen dem Profil schon und sogar mehr als Wolfram, der die erforderlichen Defensivaufgaben nicht ausreichend erfüllen kann.
Aber gerade rechts fehlt es schon extrem an Tempo – und das ist im 3-5-2 Gift!
Hi Stefan, da hast du schon Recht, die beiden sind aber eher Verteidiger vom Profil her und bringen offensiv kaum Input. Zumal es bei uns die meiste Zeit (leider) eher eine 5er-Kette, statt einer 3er-Kette war. Eine Umstellung auf Viererkette ist unausweichlich im Sommer. Gerade ein Pfeifer hätte bestimmt noch mehr Schwung, mit einem Partner auf seiner Seite. Doppelpass, Hinterlaufen usw.