Am 3. Juni 1993, also heute vor 33 Jahren musste des TSV 1860 München beim 1. SC Norderstedt antreten. In der Aufstiegsrunde zur 2. Bundesliga. Und nach einem durchaus aufregenden Spiel stand ein 2:2 auf der Anzeigentafel. Ein weiterer wichtiger Punkt für den Aufstieg. Zwei Spiele später knallten in Giesing die Sektkorken. Die Rückkehr in die 2. Liga unter Trainer Werner Lorant – nach nur einem Jahr Bayernliga – war gelungen. Dass nur gut ein Jahr später dann gar die Rückkehr ins deutsche Fußballoberhaus bejubelt werden durfte, konnte im Juni 1993 natürlich noch keiner ahnen.
Aufstiegsrunde mit Favorit Ulm…
“Einer aus vier” lautete damals die Formel zum Aufstiegsglück. Die Meister bzw. auch einige Vizemeister der Amateur-Oberligen (dem Unterbau unter der 2. Bundesliga) mussten sich in Aufstiegsrunden mit Hin- und Rückspielen duellieren und nur der am Ende die Vierergruppe mit den meisten Punkten anführende Verein qualifizierte sich für die 2. Liga. Zwei Jahre zuvor war dies den Löwen unter Trainer Karsten Wettberg und großem Jubel gelungen. Nun musste man also erneut durch dieses Nadelöhr, um in den Proffußball zurück zu kehren. Und die Chancen wurden vorher als nicht allzu rosig angesehen. Der SSV Ulm galt als großer Favorit. Allerdings hatte 1860 direkt im ersten Spiel ein triumphales 2:0 im Donaustadion erzielt. Das Heimspiel gegen die Spatzen war erst für den letzten Spieltag der Aufstiegsrunde angesetzt.
…Kickers Offenbach und dem 1. SC Norderstedt
Dazwischen war Sechzig daheim über ein 1:1 gegen Kickers Offenbach nicht hinausgekommen und hatte den Vizemeister der Oberliga Nord, den SC Norderstedt in Giesing mit 1:0 besiegt. Nun hatte man noch die Auswärtsspiele in Norderstedt und Offenbach vor der Brust. Ehe es zum möglichen Showdown gegen Ulm kommen würde. Verlieren war auf jeden Fall verboten. Zur Partie im Norden von Hamburg machten sich rund 2.000 Löwenfans an einem Mittwoch auf den Weg. Der Verfasser dieser Zeilen kam in den außergewöhnlichen Genuss, mit zahlreichen anderen Fans die Lufthansa-Manschine zu besteigen, in der auch die Mannschaft reiste. Den Tripp hatte der damalige Geschäftsführer Werner Brugger organisiert. Ein unvergessliches Erlebnis, von dem zahlreiche fotografische Impressionen Zeugnis geben.



St. Pauli-Fans unterstützen 1860!
Unter den 7.000 Zuschauern im Edmund-Plambeck-Stadion befanden sich damals sehr viele Anhänger des Hamburger SV und des FC St. Pauli. Erstere waren den Gästen aus München gegenüber merklich feindselig eingestellt, wohingegen sich die braun-weißen Fans – heute fast undenkbar – selbstvertständlich zu den Sechzgern gesellten und die Löwen mit unterstützten. Die Fanfreundschaft, die in den frühen 1990ern, insbesondere auch am Rande von Spielen der Kiezkicker im Olympiastadion gegen die Roten, ihren Anfang genommen hatte, wurde an jenem Mittwochabend im Juni 1993 weiter vertieft. Lang ist’s her…
Norderstedt offensiv – und die Löwen treffen
Auf dem Rasen zeigte der dort beheimatete Underdog, der zu diesem Zeitpunkt schon keine realistische Chance mehr auf den Aufstieg hatte, dass er die Gäste aus München auf jeden Fall mindestens ärgern wollte. Überraschend offensiv und aggressiv ging das Team von Trainerlegende Willi Reimann in die Partie. Kneißl & Co. mussten sich darauf erstmal einstellen. Was dann auch gelang. Norderstedt hatte die Chancen und 1860 ging in Führung. Fünf Minuten vor der Pause spielte sich Horst Schmidbauer nach einem eher unbeabsichtigten Pass von Jens Keller im Strafraum frei und schoss das Spielgerät aus 13 Metern rechts unten ins Gehäuse der Gastgeber. Großer Jubel beim weiß-blauen Anhang zur Pause.
Zwei Standards führen zum Rückstand
Im zweiten Abschnitt wollten die Löwen das Ganze locker herunterspielen und wohl schon die Kräfte für die am folgenden Sonntag anstehende Partie auf dem Bieberer Berg schonen. Lange sah es so aus, als ob dies auch gelingen könnte. Dann schlugen die Nordlichter zu. In der 63. und 83. Minute konnten sie jeweils per Kopf nach Eckbällen die Partie drehen. Die entsetzten Löwenfans versuchten sich in der Schlußphase bereits damit abzufinden, dass nun wohl zwei Siege in den zwei abschließenden Spielen dieser Aufstiegsrunde nötig seien. Doch die Ängste quälten den Anhang nicht lange. Kurz vor dem Abpfiff erlöste Bernhard Trares alle im Stadion, die Sechzig die Daumen drückten und hielt aus rund zwanzig Metern einfach mal drauf. Ein Spieler der Gastgeber fälschte den Ball unhaltbar für den eigenen Torhüter ab – 2:2. Gott sei Dank!

Kleiner Platzsturm trotz provisorisch errichteter Bauzäune
Die Gastgeber hatten auf Anraten der Sicherheitsorgane in der Nacht vor der Partie noch provisorische, etwa zwei Meter hohe mobile Bauzäune (!) um das Spielfeld aufgestellt. Diese hinderte jedoch einen Teil der Löwenfans nicht daran, ihrer Erleichterung mit einer kurzen Platzbegehung Luft zu machen. Und abgesehen von ein paar Freundlichkeiten, die zwischen Löwen und den oben angesprochenen HSV-Fans ausgetauscht wurden, blieb im Stadion zum Glück auch alles friedlich.


Party auf der Reeperbahn
Der wichtige Punkt auf dem Weg Richtung 2. Bundesliga wurde von der fliegenden Reisegruppe in dieser Nacht auf der Reeperbahn ausgiebig gefeiert. Morgens gegen 7.00 Uhr machte man sich wieder auf den Weg Richtung Flughafen Fuhlsbüttel und bestieg, zusammen mit den – Dank einer Hotelübernachtung – ausgeschlafenen Spielern, das Flugzeug Richtung München. Die Abendzeitung titelte an diesem Tag: “Glück im Norden: Löwen weiter Kurs 2. Liga”
Drei Tage später gelang bei den Offenbacher Kickers ein 1:1. Und so reichte dann das selbe Ergebnis im abschließenden Heimspiel gegen den SSV Ulm ebenfalls, um nach einem Jahr Abstinenz wieder direkt in die 2. Liga zurück zu kehren. Der Rest ist Geschichte.
1. SC wird später zum FC Eintracht
Den Gegner von jenem 2. Juni 1993, den 1. SC Norderstedt sucht man in heutigen Tabellen übrigens vergebens. Zehn Jahre nach der hier besprochenen Partie gründeten die Fußballer des SCN den FC Eintracht Norderstedt, in dem bis heute ausschließlich Fußball gespielt wird. Die erste Herrenmannschaft des neu gegründeten Klubs gehört seit 13 Jahren kontinuierlich der viertklassigen Regionalliga Nord an und belegt in der Regel jeweils gesicherte solide Mittelfeldplätze ohne große Ambitionen auf höhere sportliche Ziele.
Die Aufstellung des TSV 1860
Trainer Werner Lorant schickte am 2. Juni 1993 folgende Mannschaft aufs Feld:
R. Berg – Ossen – Strogies, Mauerer – Keller, Miller, Störzenhofecker, Trares, Ziemer (65. Kroninger), Kneißl (78. Gröber) – Schmidbauer
Tore: 0:1 Schmidbauer (40.), 1:1 Bachmann (63.), 2:1 Jeschke (83.), 2:2 Trares (86.)









