Besondere Momente erfordern besondere Maßnahmen: Anlässlich des ersten Heimspiels der neugegründeten Spielbetriebs-GmbH stammen die heutigen Giesinger Gedanken vom ehemaligen Verwaltungs- und Aufsichtsrat Nicolai Walch. Warum YOU ARE NOW ENTERING FREE GIESING weit mehr als ein Stickermotiv ist…
Giesinger Gedanken von Nicolai Walch
2017: Nach Giesing zurück. 2026: Freiheit für Sechzig. 07.08.2026: Freiheit für Sechzig und nach Giesing zurück. TSV 1860 München gegen Augsburg II im ausverkauften Sechzgerstadion. Das erste Spiel seit dem Neuanfang in unserer geliebten Heimat. Es tritt nicht die KGaA, sondern die TSV München von 1860 Spielbetriebs- GmbH an. Nicht diejenige zerbrochene Gesellschaft, die international für ein maximal gescheitertes Investorenmodell steht. Seit ihrer Gründung 2002 hatte die KGaA keinerlei relevanten Erfolg. Täglich bereitete Sie uns Kummer. Nun aber tritt diejenige Gesellschaft an, die das freie Sechzig verkörpert. Sie ist schuldenfrei, hat kein strukturelles Defizit und 100% der Anteile liegen in den Händen der Mitglieder. Eine Profifußballgesellschaft der Löwen, in einer Umsetzung, von der man nicht mehr zu träumen gewagt hatte. Ein Weg, hinter dem jeder stehen muss, der sportlichen und wirtschaftlichen Erfolg will.
Bereits am Donnerstag hatte ich nur Gedanken an den Spieltag im Kopf. Gegen Abend dominierte dann eine Aufregung, die mich nicht mehr losließ. Ich werde gefragt, ob ich bei einer Feier in der Ambar vorbeikommen wolle und entscheide mich dagegen, um am Spieltag komplett fit zu sein. Es wird ein ein langer und auch anstrengender Tag werden, da ich zugesagt hatte, bei der Organisation und dem Aufbau der Merch-Stände zu helfen und dort T-Shirts zu verkaufen. Zur Überbrückung der Zeit schreibe ich meinem Freund, dem berühmten Allesfahrer mit der Hadern-Fahne, ob wir telefonieren wollen. Ungewöhnlicherweise bekomme ich keine Antwort. Zwei Stunden später schreibt er mir dann zurück, dass er schon geschlafen habe, um am nächsten Tag fit zu sein. Ich freue mich, dass es ihm wohl genauso geht wie mir und lege mich ins Bett.
Ärger über ein bodenloses Interview
Freitag. Freigenommen wegen dem besonderen Tag. Vormittags begehe ich den Fehler in einem kommerziellen Lobbyblog das Interview mit Ismaiks ehemaligem Statthalter Biel Ballester Relat zu lesen. Es steigt Wut in mir auf. Wie kann er nur den Sohn des Vorgängerpräsidenten und die Tochter des aktuellen Präsidenten mit an den Haaren herbeigezogener Kritik an die Öffentlichkeit zerren? Beide kenne ich und beide mag ich sehr. Ich weiß genau, was beide aufgrund der Ehrenämter ihrer Väter schon einstecken mussten. Sollen ihnen zur Strafe nun auch noch rechtlich und moralisch völlig einwandfreie Praktika im Umfeld des TSV 1860 verboten werden? Auch weitere Passagen des Interviews sind unterirdisch.
Unweigerlich gehen mir Geschichten durch den Kopf. Äußert hier derjenige Kritik, der nach der Rückkehr der Mannschaft von einem Spiel mit seinen Freunden „erfolgreich“ die Sauna blockiert hat? Derjenige, der seine private Wäsche beim TSV 1860 von einer Mitarbeiterin mitwaschen lassen wollte? Meint derjenige, der noch im März ernsthaft und ausdrücklich Tickets für das DFB-Pokalfinale 2026 in Berlin kaufen wollte, soweit der TSV 1860 dort spiele oder die Chance darauf habe, er hätte den Löwen jemals eine Hilfe sein können?
Entering Free Giesing
Am frühen Nachmittag begebe ich mich Richtung Giesing. Bereits beim Zustieg am Scheidplatz sind Löwenfans in der U-Bahn. Alle mit Fanartikeln des e.V. Wow! Ich setze mich bewusst nicht in deren Nähe, um noch Ruhe zu haben. An der Silberhornstraße steige ich aus und hebe in der alten Post noch Bargeld ab. Auf dem Weg ein Aufkleber, der besagt: „YOU ARE NOW ENTERING FREE GIESING“. Gänsehaut. Am Löwenstüberl treffe ich meine ehemaligen Kollegen aus dem Verwaltungsrat Beatrix, Sebastian, Günther und Gerhard sowie die neuen Verwaltungsräte Uwe, Jan und Dominik. Gemeinsam werden wir im Stadion T-Shirts verkaufen. Die Frage um meine Mithilfe ist nicht aus der Not heraus erfolgt, sondern war eine Einladung. Ein Zeichen des Respekts. Das Wiedersehen mit dem Gremium rührt mich.
Im Stadion bauen wir dort unsere beiden Stände auf, wo früher die Wägen von Hasans Merch GmbH standen. Nicht Genugtuung, sondern Erleichterung und Stolz. Wir verkaufen 1000 Shirts im Design der provisorischen weißen Trikots vom Totopokalspiel in Berglern, hergestellt von den famosen Leuten von SOCIETAS. Besonders spitzfindige Löwenfans kommen bereits beim Aufbau an den Zaun, um das begehrte Shirt abzugreifen. Wir müssen es leider sehr schnell stoppen. Öffnung der Tore um 17:30 Uhr. Die Fans stürmen an unseren Stand. Ich sehe strahlende Gesichter. Ich höre ständig „Danke“ und werde sogar um Fotos und Unterschriften gebeten. Der Dank überfordert mich und ich gebe ihn zurück. In kürzester Zeit sind alle Shirts ausverkauft.
Es bleibt sogar noch Zeit für einen Besuch bei Michi Achhammers Löwenbräu am Grünwalder. Dort sehe ich den besagten Top Lad mit der Hadern-Fahne. Wir sehen uns in die Augen und denken das Selbe. Ihm geht es wir mir. Mindestens.
Ganz große Emotionen im Grünwalder Stadion
Mit meinem Freund Consti betrete ich das Stadion an der Gegengerade. Mit unseren Akkreditierungen vom Verkaufsstand laufen wir über das Innere der Gegengerade zur Westkurve. Abklatschen mit Bekannten und Unbekannten. Vorfreude pur. Rede von Gernot Mang. Wir halten am Zaun vor den Fahnenschwenkern und hören zu. Tränen.
Erste Halbzeit Westkurve. Block H unten. Blue Vikings. Emotionale Begrüßungen, Umarmungen. Spielbeginn. „Wir sind der Verein“ in einer noch nie gekannten Lautstärke. Tor für die Löwen! Jubelexplosion wie noch nie.
Zweite Halbzeit Block F1. Pascal & Co. Party on! Ich entdecke Kraiburger und Family. Tiefgründige Gespräche: „Ja, wir haben es wirklich geschafft“. Auswechslung Niederlechner. Er schreitet am applaudierenden Block vorbei. Vertrauen und tiefe Verbundenheit auf beiden Seiten.
Zur letzten Viertelstunde zurück in die Westkurve. Auf dem Weg: Gegentor 2-2. Am Ende des Aufgangs zur Westkurve bleibe ich stehen und drehe mich um. An der Brüstung die Jungs von BBF. Diejenigen, die mich durch all die Jahre seit 2017 getragen haben. Sie singen sich die Seelen aus dem Leib. Ich bleibe am Durchgang stehen und singe mir ebenfalls die Seele aus dem Leib.
Abpfiff. 2-2. Ein Sieg trotz Unentschieden auf dem Platz. Schnell noch zur Haupttribüne, um das Präsidium zu sehen. Umarmungen und emotionale Wortwechsel mit Peter und Gernot. Als alle gegangen waren, treffe ich noch Adi vom genialen Vereinsmanagement. Danke, Danke, Danke. Im Gespräch fallen wir uns spontan um den Hals. Das alles wird und kann uns keiner mehr nehmen.
Party in Giesing
Nach dem Spiel entschwinde ich schnell in eine leere Gasse. Telefonat mit Robert von Bennigsen zum Geburtstag. Er ist im Urlaub und sehr glücklich über meinen Bericht. Kurze Stärkung mit einer Cola im Außenbereich einer fast leeren Spielo-Bar an der Tegernseer Landstraße. Gedanken an alte Zeiten. Leeds vor 26 Jahren. Derbysiege. 36 Stunden im Zug nach Borisov. Aufstiege.
War es jemals schöner als heute? Nein.
Grünspitz, Bamboleo, Bumsvoll. Party!
Die Giesinger Gedanken erscheinen regelmäßig als Kommentar und sind die persönliche Meinung eines Mitglieds unserer Redaktion oder eines Gastautors. Sie spiegeln nicht grundsätzlich die Meinung der gesamten Redaktion wider.











Ich konnte am Freitag leider nicht im Stadion sein… jetzt sitze ich hier auf meiner Couch, lese diese Zeilen und hab Gänsehaut am ganzen Körper und Tränen in den Augen.
Vielen Dank Nicolai, vielen Dank ans Präsidium, den VR und jeden der für die Freiheit des TSV München von 1860 e.V. gekämpft hat!
Ach wär ich auch nur dortgewesen… 😢 Muss ja wirklich eine Atmosphäre dort gewesen sein 🤗
Dem emotionalen Verbalexkurs von Nicolai Walch kann ich zum Teil folgen. Auch ich freue mich über den Neustart von 1860.
Dennoch sehe ich es nicht ganz so euphorisch.
“Dieser Weg wird kein leichter sein – dieser Weg wird steinig und schwer.”
Deshalb bei aller Löwenliebe – ich war 1973 zum ersten mal im Sechzger – müssen wir alle viel Geduld und Demut mitbringen und vor allem alle an einem Strang ziehen! Auf in die Zukunft!
Ja, ich sehe auch, dass die Löwen eigentlich viel Demut mitbringen sollten, stattdessen sehe ich aber nur naiv Schuldzuweisungen an den Investor, der Sechzig immerhin viele Jahre 2. und 3. Liga ermöglichte und auch stets die Chance aufzusteigen.
Warum das aber letzendlich nicht gelang hatten immer die Verantwortlichen, Spieler und Trainer selbst in der Hand bzw im Fuß.
Ob 1860 auf absehbare Zeit höher als Regionalliga spielt, bleibt wohl auch lange abzuwarten.
Langjährige Löwen Fans wie ich erinnern uns auch an Bayernliga Zeiten, wo es sehr, sehr lange dauerte bis man tatsächlich wieder höherklassig spielen konnte.
Damals hat es übrigens keine so Worthülsen wie Freiheit für 60 und was weiß ich was gegeben .
Damals hatte man immerhin eingesehen es selbst verbockt zu haben und ist ohne Sündenbock ausgekommen und hat keine Kullertränen verdrückt.
Ein Unentschieden zu Hause gegen Augsburg 2 zu feiern, ist schon eher peinlich, aber ich denke da werden wir uns daran gewöhnen müssen.
Schauen wir mal, wie es weiter geht.
Der Saisonstart war jedenfalls wie eigentlich zu erwarten schwach. Es sieht wohl eher alles nach einem Kater aus als nach einem Löwen, wenn man so ehrlich und von mir aus frech sein darf.
Aus 🐱 wird 🦁! 😉
Ich werde ab sofort Biel Ballester Relat für immer mit “schmutziger Wäsche” in Verbindung bringen!
Der wollte wirklich, dass ihm die Mitarbeiterinnen die Wäsche wäscht? Was für ein Schlumpf!
Danke für Deinen leidenschaftlichen Bericht zum vergangenen Freitagabend auf und um Giesings Höhen.
Ja es war einzigartig berührend und ja es war besonders! Aber auch ja : es war schon schöner als an diesem Tag für unser 1860:
Deutscher Pokalsieger 1964 und Wembley 65
Deutscher Meister 1966 und Vize 67
sowie die Aufstiege in die 1. Bundesliga
1977, 1979 und besonders 1994 !
Das 3:2 1984 gegen Freiburger FC
Das 6:1 Gründonnerstag 1984 gegen Fürth
Leeds und Parma 2000 .
Aber ja : dieses historische Heimspiel für unseren Verein im Befreiungskampf mit HAM in Insolvenzphase KGaA bleibt unvergesslich!
Ehrlich gesagt fand ich es 1999/2000 schon schöner mit zwei Derbysiegen und der Quali in Leeds … oder noch emotionaler das 0-4 , 4-0 , 2-0 im Jahr 1977, insbesondere als 14jähriger die Auswärtsfahrt nach Bielefeld ein unvergessenes Erlebnis, Beginn etwa 5 h am Hauptbahnhof … aber ich kann mit der aktuellen Situation auch gut leben … mal schauen, was die Zukunft noch bringt …
Sorry, warum bloß 1000 Shirts ?????
Beim Freiheit für 60 Shirt waren es schon viel
Zu wenig !!!!!
Ich vermute, das dürfte ebenfalls ein wenig dem Zeitdruck geschuldet gewesen sein. Auch 1000 Shirts musst du erstmal produzieren. Fairtrade versteht sich!
hab‘ als halbe irin mütterlicherseits, die 1978 mit fünf vom papa das erste mal mit zu sechzig genommen wurde, eine kleine träne im auge. sehr schöner beitrag 🩵