Was soll ich denn jetzt führen? Himmelhoch jauchzend. Zu Tode betrübt.
Dazwischen liegt bei Sechzig bekanntlich nicht besonders viel. Manchmal sind es Wochen, manchmal 90 Minuten und manchmal nur ein Fehlpass. Aber was passiert, wenn man irgendwo dazwischen liegt? Ich habe gestern kein schönes Spiel gesehen. Trotzdem freue ich mich über die Fortschritte im Befreiungskampf. Was soll ich denn jetzt Fühlen?

Gemischte Gefühle

Ich müsste mich darüber ärgern. Darüber, dass wir ausgeschieden sind. Über die Art und Weise, wie wir gespielt haben. Über die Erkenntnis, dass dieser Verein auch nach allen großen Veränderungen immer noch Fußball spielt. Und darüber, dass er Fußballspiele auch manchmal verliert. Und das tue ich auch. Ich bin enttäuscht. Aber gleichzeitig fühlt sich dieser Tag an wie der Abschluss der wichtigsten Wochen, die dieser Verein seit langem erlebt hat. Ein positiver Abschluss.

Der Löwe ist zurück. Die letzten Verbindungen zu Hasan Ismaik sind gekappt. Spieler und Mitarbeiter konnten gehalten werden. Der Neustart, den wir uns jahrelang herbeigesehnt haben, ist keine Hoffnung mehr. Kein Wunschdenken. Kein „wenn“. Er ist passiert. Es fühlt sich an, als wäre nicht nur etwas zu Ende gegangen. Es fühlt sich an, als hätte gestern etwas begonnen. Es fühlt sich an, als hätte die Zukunft von Sechzig begonnen.

Und dann verlieren wir ein Fußballspiel…

Und dann verlieren wir ein Fußballspiel.
Ich versuche, zwei Gefühle miteinander zu vermischen, die eigentlich gar nicht miteinander vermischt werden müssen. Euphorie und Enttäuschung. Freude und ärger. Was soll ich denn jetzt fühlen? Ich suche dazwischen nach einem Gefühl, das beides gleichzeitig aushält. Dabei muss ich das gar nicht. Ich darf mich ärgern. Ich darf mich freuen. Ich kann enttäuscht sein und trotzdem euphorisch.

Wie trennt man die beiden Gefühle?

Aber hier lauert auch eine Gefahr. Euphorie weckt Erwartungen. Und plötzlich wird aus dem Gefühl, dass gerade etwas Großes passiert, die Erwartung, dass jetzt auch auf dem Platz etwas Großes passieren muss. Ich merke selbst, wie ich aufpassen muss, die Euphorie über den gelungenen Neustart nicht mit einer Erwartung an den sportlichen Neustart zu verwechseln. Wir haben gestern endgültig Strukturen und Besitzverhältnisse verändert. Der Schlussstrich wurde gezogen. Die Voraussetzungen für ein selbstbestimmtes Sechzig sind geschaffen. Wir haben etwas zurückbekommen, das wir lange nicht mehr hatten. Die Möglichkeit, selbst in der Hand zu haben, wie es weitergeht. Was wir nicht bekommen haben, ist eine Garantie. Keine Garantie für Siege. Keine Garantie für einen Aufstieg. Wir haben nicht automatisch eine Erfolgsgeschichte geschrieben, weil wir Hasan Ismaik los sind. Wir haben endlich mal wieder die Möglichkeit bekommen, eine Erfolgsgeschichte zu schreiben.

Alte Muster

Und hier liegt die größte Veränderung. Über Jahre waren sportlicher Erfolg und Vereinspolitik so eng miteinander verbunden, dass man sich schwer tat, den Anfang des einen und das Ende des anderen zu finden. Eine schlechte Saison war nie einfach nur eine schlechte Saison. Eine Niederlage nie nur eine Niederlage. Ein Trainerwechsel nie nur ein Trainerwechsel. Alles war immer auch ein Beweis: Für falsche Entscheidungen. Falsche Personen. Falsche Strukturen. Für die falsche Seite.

Und jetzt? Jetzt müssen wir vielleicht erstmal wieder lernen, dass eine Niederlage auch einfach eine Niederlage sein darf. Sie muss uns nicht die Freude darüber nehmen, was sich rund um diesen Verein gerade verändert. Aber das gilt auch umgekehrt. Die Euphorie über diesen Neustart darf auch nicht dazu verleiten, alles schönzureden. Beides darf existieren. Das ist irgendwie komisch. Ich war es gewohnt, dass man sich von Krise zu Krise hangelt. Dass auf einen großen emotionalen Ausschlag direkt der nächste folgt. Himmelhoch jauchzend. Zu Tode betrübt. Aber was soll ich denn fühlen, wenn dieses Muster durchbrochen wird?

Neue Muster

Vielleicht muss hier etwas anderes seinen Platz finden. Geduld. Nicht weniger Begeisterung für Sechzig. Aber weniger Anspruch darauf, dass aus dieser Begeisterung auch sofort sportlicher Erfolg entsteht. Was man dafür braucht, ist vor allem Zeit und Ruhe. Das gilt auch für die Mannschaft. Sie kann nichts dafür, dass wir gerade eine historische Phase erleben. Sie kann nichts dafür, dass sich unsere Erwartungen damit auch vergrößert haben. Für die Spieler ist dieser Neustart schließlich genauso Neuland wie für uns. Auch für sie ist gerade nicht alles leicht. Deshalb kann ich Pfiffe gegen unsere Mannschaft nicht verstehen. Ich werde sie unterstützen. Auch wenn die Leistungen mal schlechter sind. Nicht, weil Kritik verboten wäre, sondern weil sie eine faire Chance verdient. Wir müssen nicht weniger euphorisch werden. Wir müssen nur aufhören, unsere Euphorie mit unseren sportlichen Erwartungen zu verwechseln.

Gemeinsam neu starten

Ich weiß mittlerweile, was ich fühlen soll. Eigentlich muss ich mich gar nicht einordnen. Ich freue mich über den Neustart. Über die Rückkehr des Löwen. Ich ärgere mich über schlechte Spiele. Über das Ausscheiden. Das eine nimmt dem anderen nichts weg. Himmelhoch jauchzend. Zu Tode betrübt. Dazwischen liegt bei Sechzig bekanntlich nicht besonders viel. Aber vielleicht ist das unsere Chance. Nicht irgendwo dazwischen zu landen, sondern zu lernen, dass auch beides geht. Und genau das ist unser eigentlicher Neustart. Nicht die Erwartung, dass ab jetzt alles gut wird, sondern die Möglichkeit, dass es wieder gut werden kann. Und diese Möglichkeit müssen wir alle gemeinsam nutzen.


 

Die Giesinger Gedanken erscheinen regelmäßig als Kommentar und sind die persönliche Meinung eines Mitglieds unserer Redaktion oder eines Gastautors. Sie spiegeln nicht grundsätzlich die Meinung der gesamten Redaktion wider.

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10 Comments
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Loewe60

” The same procedure as last year ? the same procedure as every year..” Dieser Gedanke kommt einem, wenn man die zahlreiche Kommentare zur neuen Saison liest. Jedes Jahr ” es wird gut.. wir, bzw die Mannschaft braucht Zeit.. muss sich einspielen… usw… Aufstiegsfavorit letztes Jahr, dieses Jahr .. Optimismus ist gut, reicht aber nicht, aber Realismus ist gefragt. Im Moment ist die Mannschaft in dieser Zusammenstellung einfach nicht in der Lage, vorne mitzuspielen. Das muss man ehrlicherweise so feststellen. Wichtig ist, dass ALLE den sportlichen Erfolg und den Profifußball wollen und diesen unterstützen.

Peter vom Deich

Kluge Beobachtungen! Hilft auf jeden Fall, das emotionale Chaos etwas besser zu sortieren. 

Peter vom Deich

Kluge Beobachtungen! Hilft auf jeden Fall, das emotionale Chaos etwas besser zu sortieren. 

chiela 60

Dieser Kommentar sagt Alles…GEDULT!!!🦁

Tom60

Ehrlich gesagt, hat mich das Spiel gegen Landsberg noch mehr geärgert, als das gegen Buchbach. Da hat man den Gegner unnötig stark gemacht. Das müssen die Jungs in den Griff bekommen und ich hoffe, das der Trainer die richtigen Schrauben dreht.

Lenggrieser Loewe

Hackyloewe bin ganz bei dir .👍🦁

 

Hackyloewe

Hach, wenn doch nur alle sich das hinter die Ohren schreiben würden: Geduld, Ruhe und Zeit!

chris.b

Sehr gut auf den Punkt gebracht! Ein wenig Demut und Dankbarkeit, dazu Geduld und Herzblut, alles andere kommt dann Schritt für Schritt 💙🦁

Darock

Auf den Punk!