Unser Leser und inzwischen regelmäßiger Gastautor Tobi, der sich im Juni hier mehrmals mit Texten zu Wort gemeldet hat (nämlich hier zum ersten, hier zum zweiten und hier zum dritten Mal), hat sich wieder mal Gedanken gemacht und diese dann zu Papier (oder vielleicht besser: zu WORD) gebracht. Herausgekommen ist ein etwas längerer und durchaus anspruchsvoller Gastbeitrag. Er beginnt mit einem Dialog zwischen zwei Löwenfans. Und er zeigt analytisch grundlegende Mechanismen bei inhaltlichen Konflikten auf. Und wie man diese vielleicht überwinden kann.
Ein Dialog an der Tanke in Giesing
“Du glabst a jed’n Dreck, den ma’ da’ verzählt!”
Der Satz trifft mich völlig unvorbereitet. Eben standen wir noch nebeneinander an der Tanke. Zwei Löwen. Zwei Bier. Ein ganz normales Gespräch nach einem schönen Heimspieltag in Giesing. Jetzt schauen wir uns an, als stünde uns ein Roter gegenüber.
Ich schüttle den Kopf. “Nein!” antworte ich. “Ich glaube eben nicht einfach alles, im Gegensatz zu dir.”
Er lacht. Dieses kurze Lachen, bei dem man sofort merkt, dass es hier nicht mehr um eine Diskussion geht.
“Genau das meine ich. Ihr seid alle so verblendet!”
Gesprächsabbruch
Irgendwann drehe ich mich einfach um. Sogar mein Bier lasse ich einfach am Boden stehen, weil er mich so nervt. Ich gehe nicht, weil ich keine Argumente mehr habe – auch, wenn er das jetzt denken mag – sondern weil ich merke, dass wir längst nicht mehr über Argumente reden.
Doch das Gespräch will mir nicht mehr aus dem Kopf gehen. Ich gehe jede Antwort durch. Jeden Satz. Ärgere mich, dass ich nicht etwas anderes gesagt habe. Hätte ich ruhiger bleiben sollen? Hätte ich es anders erklären können? Je länger ich darüber nachdenke, desto weniger wird mir klar, wie er das nicht sehen kann. Es ist doch so offensichtlich.
Bestätigung im Web
Zuhause angekommen öffne ich meinen Browser. “Das passt ja gut”, lache ich. In einem neuen Artikel geht es um Leute, wie den Löwenfan, mit dem ich mich eben noch gestritten habe. Ich lese Satz für Satz und nicke dabei immer wieder. Genauso ist es. Der Autor weiß, wie ich mich fühle. Die Kommentierer drunter wissen es auch. Nach dem Lesen fühle ich mich direkt besser. Nicht, weil sich etwas verändert hat, sondern weil ich mich nicht alleine mit meiner Meinung fühle.
Wer erkennt sich wieder?
Vielleicht hast du auch gerade beim Lesen innerlich genickt.
Vielleicht hast du gedacht: “Ja, genau so laufen diese Diskussionen inzwischen.”
Vielleicht hast du dich selbst gefragt, wie man so verblendet sein kann.
Vielleicht hast du eine Person aus diesem Streit instinktiv einer Personengruppe zugeordnet. Nicht, weil du voreingenommen bist. Sondern, weil unser Gehirn Informationslücken nur sehr ungern offenlässt. Es ergänzt sie mithilfe von Erfahrungen, Erinnerungen oder einfach mit dem, was sich für uns plausibel anfühlt. Und genau deswegen könnten diesen Einstieg vermutlich zwei Menschen lesen, die sich fünf Minuten vorher an der Tanke angeschrien haben und würden sich beide bestätigt fühlen. Beide würden glauben, der Autor habe genau ihre Sicht beschrieben. Und beide wären sich sicher, dass sie wiedermal Recht hatten.
Ich muss beichten: Ich habe euch gerade angelogen. Zumindest ein kleines bisschen.
Der Artikel, den unser Fan zuhause gelesen hat, erschien nicht hier, sondern auf einem kommerziellen Blog, betrieben von einem Liebhaber von Stecksemmeln. Plötzlich fühlt sich der Streit anders an. Vielleicht sogar etwas unangenehm. Eben haben wir den Löwenfan noch alle verstanden. Mit dieser einen Information ändert sich das fundamental.
Meinung als Teil der Identität
Genau hier beginnt Psychologie wirklich spannend zu werden. Menschen ändern ihre Meinung erstaunlich selten. Nicht, weil sie dumm sind. Irgendwann werden Meinungen Teil unserer Identität. Ab diesem Moment fühlt sich ein Widerspruch nicht mehr wie ein Widerspruch an, sondern wie ein Angriff auf die eigene Wirklichkeit.
Das Faszinierende daran ist: Genau dasselbe wäre auch passiert, wenn ich den Streit andersherum erzählt hätte.
Beide Seiten hätten genickt. Beide hätten gedacht, dass die anderen genauso sind.
Und genau deshalb bringt es so wenig, sich gegenseitig Dummheit vorzuwerfen. Menschen glauben nicht an Dinge, weil sie möglichst irrational sein wollen. Sie glauben sie, weil die Dinge in ihrem Weltbild Sinn ergeben. Weil sie zu den Erfahrungen passen, die sie gemacht haben. Weil andere Menschen, Journalisten oder (Ex-)Funktionäre, denen sie vertrauen, dieselben Geschichten erzählen. Und weil es sich einfach gut anfühlt, wenn plötzlich alles zusammenpasst.
Die schweigende Mehrheit
Und deswegen müssen wir jetzt über einen Begriff sprechen, der bei Sechzig in den letzten Jahren sehr oft gefallen ist:
Die schweigende Mehrheit.
Es ist eine sehr interessante Beschreibung, weil sie nicht nur eine Gruppe beschreibt, sondern vor allem ein Gefühl. Das Gefühl, dass viele Menschen – ja, sogar eine Mehrheit der Menschen – genau so denken, wie man selbst, aber aus irgendeinem Grund nicht gehört werden. Dieses Gefühl kann unglaublich stark sein. Wer möchte nicht glauben, dass die eigene Meinung nicht nur eine Meinung ist, sondern die Meinung vieler? Das Problem beginnt dort, wo wir unsere eigene Wahrnehmung mit der gesamten Realität verwechseln. Wir sprechen mit Menschen aus unserem Umfeld. Wir lesen die Kommentare unter den Beiträgen, die wir lesen. Wir bewegen uns in Gruppen, in denen bestimmte Meinungen gehäuft vorkommen. Und irgendwann entsteht daraus der Eindruck: “Alle sehen das so”.
Nur bedeutet ein Echo nicht automatisch, dass die Stimme dahinter größer geworden ist. Es bedeutet nur, dass sie zurückkommt.
Bei einer Analogie mit David und Goliath zeigt sich dann aber der Widerspruch in der Selbstwahrnehmung der “schweigenden Mehrheit”. Jeder möchte gerne David sein. Er steht nicht nur für den Kleineren. Er steht für jemanden, der trotz scheinbar unüberwindbarer Widerstände auf der richtigen Seite steht. Derjenige, dessen Stimme eigentlich überhört wird.
Ein Problem entsteht dabei aber, wenn gleichzeitig zwei Rollen beansprucht werden. Wenn man der unterschätzte Einzelne sein möchte, der aber gleichzeitig die Mehrheit hinter sich hat. Wenn man gegen eine scheinbar übermächtige Mehrheit kämpft und gleichzeitig glaubt, selbst die Mehrheit hinter sich zu versammeln.
Irgendwann passt diese Geschichte nicht mehr zur Realität. Eine Realität, in der Verwaltungsratswahlen, Abstimmungen über neue Gesellschaften oder der allgemeine Tenor im Stadion eine Sprache sprechen, die nicht mehr mit dieser Selbstwahrnehmung vereinbar ist.
Bestätigung gibt Sicherheit
Aber auch, wenn einzelne Erlebnisse dieser Wahrnehmung widersprechen, können Menschen sie erstaunlich gut in ihr bestehendes Weltbild einordnen.
Menschen suchen nicht nur Informationen. Sie suchen Bestätigung. Nicht bewusst. Nicht um die Wahrheit zu vermeiden. Sondern weil unser Gehirn darauf ausgelegt ist, Widersprüche zu vermeiden. Wird unser Weltbild von einer Information bestätigt, gibt sie uns Sicherheit. Wird unser Weltbild infrage gestellt, werden wir gezwungen, uns infrage zu stellen.
Und genau deshalb entstehen Echokammern. Nicht, weil Menschen absichtlich nur mit Gleichgesinnten sprechen wollen. Sondern weil es angenehm ist, wenn die eigene Sicht immer wieder bestätigt wird.
Ein Kommentar, der die eigene Meinung trifft. Ein Artikel, der die eigenen Emotionen in Worte fasst. Menschen, die dieselben Erlebnisse genauso bewerten, wie man selbst es tut. Und irgendwann fühlt es sich nicht mehr so an, als ginge es um die eigene Meinung, sondern um die Realität.
Narrative zur Reduzierung der Komplexität
Diese Verstärkung entsteht nicht nur dadurch, dass Menschen dieselben Meinungen teilen. Sie entsteht dadurch, dass bestimmte Geschichten immer wieder erzählt werden. Und Menschen denken gerne in solchen Narrativen. Oft sind sie greifbarer, als einzelne Daten oder Fakten. Sie erklären nicht nur, was passiert ist, sondern auch warum. Sie geben den Ereignissen einen Zusammenhang. Das Problem mit den Geschichten ist: Wer sie erzählt, der hat die Deutungshoheit. Und werden sie von jemandem erzählt, der ein kommerzielles Interesse am Streit hat, wird sich das in der erzählten Geschichte widerspiegeln.
Genau deshalb sind Narrative so mächtig. Sie reduzieren die Komplexität und machen aus vielen einzelnen Ereignissen eine klare Linie. Je öfter eine solche Geschichte erzählt wird, desto schwerer wird es auch, einzelne Teile davon infrage zu stellen. Und genau hier hört man auf, eine Meinung zu verteidigen. Man verteidigt die Geschichte, die man sich selbst über die letzten Jahre erzählt hat.
Subjektive Wahrheiten
Und genau deshalb scheitern diese Diskussionen so oft. Wir glauben alle, dass wir über Fakten sprechen. In Wirklichkeit sprechen wir aber über völlig unterschiedliche Geschichten.
Wenn zwei Menschen dieselbe Information lesen, sie aber in zwei verschiedene Erzählungen einordnen, entstehen auch zwei verschiedene – subjektive – Wahrheiten. Wer mit Fakten angreift, wird damit also auch keine Geschichte verändern. Häufig passiert genau das Gegenteil. Je stärker Menschen das Gefühl haben, ihre Geschichte verteidigen zu müssen, desto vehementer verteidigen Sie diese.
Diese theoretische Basis lässt sich als Ansatz verwenden, um die verhärteten Fronten bei Sechzig zu erklären. Es wurde diskutiert, argumentiert, Beweise wurden gesammelt. Und trotzdem hatten viele am Ende nur noch das Gefühl, dass die jeweils andere Seite endgültig den Verstand verloren haben muss.
Und damit kommen wir zur wichtigsten Frage: Wie verändert man eine Geschichte, wenn es nicht klappt, jemandem zu erklären, dass sie falsch ist?
Ich glaube nicht, dass wir Menschen mit noch mehr Diskussionen “zurückholen” werden.
Die humanistische Psychotherapie kennt einen einfachen Grundsatz: Veränderung entsteht selten durch Konfrontation, sondern dann, wenn Menschen sich sicher genug fühlen, ihre eigene Geschichte zu hinterfragen.
Wer sich angegriffen fühlt, verteidigt sich. Wer sich verstanden fühlt, beginnt manchmal zuzuhören.
Falschbehauptungen nicht hinnehmen
Das bedeutet bei Weitem nicht, dass wir alle Aussagen stehen lassen sollten. Offensichtliche Falschbehauptungen müssen wir nicht unwidersprochen hinnehmen. Wer von Brunnenvergiftern spricht, oder Frauen lieber nicht in Führungspositionen sieht – einfach aus Prinzip – der sollte dafür seine Quittung bekommen. Aber vielleicht müssen wir akzeptieren, dass wir Menschen nicht aus einer Geschichte herausdiskutieren können, in die sie sich jahrelang hineinerzählt haben.
Sterbende Narrative
Narrative sterben nicht daran, dass sie widerlegt werden. Sie sterben dann, wenn sie irgendwann niemand mehr weitererzählt. Das kann passieren, wenn treibenden Kräften hinter den Narrativen die Stimme genommen wird, oder wenn die Wirklichkeit beginnt, eine andere Geschichte zu erzählen.
Momentan beginnt genau so eine Zeit, in der manche Geschichten immer schwerer aufrechtzuerhalten sind. Nicht, weil sie widerlegt wurden, sondern weil die Realität immer weniger zu ihnen passt. Und genau in diesem Moment entscheidet sich auch, wie wir als Fans vom selben Verein miteinander umgehen wollen.
Empfinden wir Schadenfreude, weil andere ihre Geschichte langsam infrage stellen? Oder erinnern wir uns daran, dass wir alle irgendwann Geschichten geglaubt haben, die für uns Sinn ergeben haben? Wer jetzt lacht und nachtritt, bestätigt nur das nächste Narrativ. Wer zuhört, gibt Menschen vielleicht die Möglichkeit, ihre Geschichte selbst zu verlassen. Denn selbst in einer Kammer wird ein Echo mit jedem Mal ein bisschen leiser.
Zurück an die Tanke
Vielleicht treffen sich die beiden Löwenfans irgendwann wieder an der Tanke. Sie trinken Bier. Sie reden über Sechzig. Vielleicht sind sie sich wieder uneinig. Vielleicht ändert keiner von ihnen seine Meinung.
Aber vielleicht schaffen sie es diesmal trotz zwei verschiedener Geschichten gemeinsam dieselbe Wirklichkeit auszuhalten.
Und vielleicht lässt diesmal keiner sein Bier stehen.











Ich glaube auch nicht, dass man mit argumentieren jemanden “zurückholen” kann. Allerdings sehe ich das zurückholen auch gar nicht als Ziel so einer Diskussion, zumindest nicht im Internet.
Ich möchte nicht, dass noch mehr Menschen in diese Richtung abdriften und deshalb finde ich Widerspruch wichtig, egal ob es sich um Falschbehauptungen oder fehlgeleitete Meinungen handelt.
In einem persönlichen Gespräch macht es absolut Sinn Vertrauen und Sicherheit aufzubauen, damit die andere Person gegebenenfalls (fast) von selbst auf den richtigen Weg kommt. Im Internet hat man allerdings eine unbegrenzte Anzahl an Zuschauern welche von dem “Gespräch” beeinflusst werden können. So eine Art der Gesprächsführung kann dann schnell wie eine Legitimation oder gar wie Zustimmung wirken. In dem Fall gehe ich dann lieber auf Konfrontationskurs anstatt zu riskieren, dass andere auch diesem Unsinn Glauben schenken.
Du bist nicht vom Land oder?