Rund 40 Minuten lang sprach Gernot Mang auf der gestrigen Mitgliederversammlung des TSV München von 1860 e.V. unter dem Tagesordnungspunkt 8a) Bericht des Präsidenten zu den über 1.000 Anwesenden. Und seine Rede kann aufgrund ihrer Inhalte in diesen bewegten Zeiten durchaus als historisch bezeichnet werden. Ein wichtiger kommunikativer Schritt im Befreiungskampf des Vereins. Hier gehen wir ausführlich auf die Ansprache des Oberlöwen ein.

Wenig Schlaf, viele Gespräche

Gleich zu Beginn seiner Ausführungen sprach Mang über seine ganz persönlichen Empfindungen angesichts der Entwicklungen der jüngsten Vergangenheit und kündigte maximale Offenheit an. Die Mitglieder lauschten gebannt. Immer wieder wurden die Ausführungen aber auch von lautstarkem Applaus unterbrochen. Kritische Zwischenrufe gab es auch, allerdings nur sehr vereinzelt und selten.

Die letzten Wochen waren hart für uns als Verein, für das gesamte Präsidium und für viele Mitarbeiter. Und ich bin mir sicher, auch für viele von euch. Ich habe in diesen letzten Wochen wirklich sehr wenig geschlafen. Ich habe, wie wir alle, viele Gespräche geführt. Wie lange haben wir einfach gewünscht, heute hier stehen zu können und zu dürfen und einfach nur über sportliche Erfolge zu sprechen. Aber das wäre nicht ehrlich und Ehrlichkeit sind wir diesem Verein und seinen Mitgliedern schuldig. Deshalb ist heute der Moment gekommen, in dem ich offen, transparent über die Lage sprechen möchte. Ihr habt ein Recht darauf zu erfahren, was in den vergangenen Monaten und vor allem in den letzten Wochen wirklich passiert ist, was hinter den Schlagzeilen stand, was verhandelt wurde, welche Entscheidungen getroffen wurden und vor allem warum diese Entscheidungen getroffen wurden.

Rückblick auf die vergangenen zehn Monate

Gernot Mang regte an, statt des Worts “Krise” von einem “Aufbruch” zu sprechen und die sich jetzt bietende Chance, einen “eigenen Weg zu gehen, ein neues Kapitel aufzuschlagen,” zu nutzen. “Wirtschaftlich solide, sportlich ambitioniert, transparent, unabhängig und getragen von den Menschen, die diesen Verein wirklich lieben.”  Dann blickte er nochmal zurück auf die vergangenen zehn Monate, die bisherige Wirkenszeit seines Präsidiums. Mang erinnerte an die Euphorie vom Sommer 2025 mit einer sportlich ambitionierten Mannschaft, an die Neubesetzung des Aufsichtsrats nach dem gescheiterten Anteilsverkauf und den anfangs durchaus konstruktiven Austausch mit Hasan Ismaik: “Es war nicht alles negativ.” Nach der sportlichen schlechten Entwicklung im Spätsommer und der Freistellung von Trainer Patrick Glöckner und Geschäftsführer Christian Werner nahm bekanntlich Manfred Paula seine Arbeit auf.

Mit der Bestellung von Manfred Paula wurde zum ersten Mal seit Jahren die Zusammenarbeit mit dem NLZ ernsthaft vorangetrieben. Die künstlichen Grenzen zwischen KGaA und NLZ sind gefallen. Das ist ein Fundament, das längst überfällig war!

Von der Gründung einer “Task Force” im Herbst 2025 berichtete Mang, die zum einen den geplanten Anteilsverkauf Hasan Ismaiks “wohlwollend unterstützen und begleiten” sollte. Zum anderen wurde damals mit der ernsthalfen Sanierung der KGaA begonnen. Das operative Defizit der Gesellschaft konnte deutlich reduziert werden. Aufgrund bestehender Verträge könne allerdings das Defizit nicht innerhalb einer Saison auf Null reduziert werden. Die Zusammenarbeit mit HAM bezeichnete Mang als “professionell”. Bis zum 21. Mai diesen Jahres. Zur Verantwortung für den danach aufgetretenen Konflikt zwischen den Gesellschaftern erläuterte Mang:

Die hohen Ausgaben und damit das operative Defizit wurde über Jahre hinweg im dafür zuständigen Aufsichtsrat beschlossen. Und zwar stets mit der Mehrheit der HAM als sechzigprozentigem Gesellschafter und nicht selten gegen die Stimmen der VR-Vertreter, die vor der fehlenden Deckung warnten. Die ist auch so protokolliert. (…) Und deshalb bitte ich wirklich darum, nicht reflexartig auf den e.V. zu zeigen, wenn es um Verantwortung geht. Und noch eine Richtigstellung: Es ist schlichtweg falsch, wenn in einem BR Interview behauptet wird, die HAM habe nicht einmal eine Kaffeemaschine kaufen dürfen. Der Mehrheitsgesellschafter hatte in den letzten Jahren stets Budgethoheit. Das hat nichts mit der 50+1 zu tun. Alles andere ist eine bewusste Falschdarstellung.

Die Geschehnisse rund um den 3. Juni

Dass die kurzfristige Kündigung der Darlehen Ende Mai unwirksam waren, haben mittlerweile drei unabhängige Anwaltskanzleien bestätigt. Als “kurios” bezeichnete Mang, dass der Vertrag von Geschäftsführer Manfred Paula noch wenige Tage vor dieser Kündigung vom Beirat einstimmig beschlossen wurde. Ausführlich und chronologisch ging er schließlich auf die  Vorgänge rund um den 3. Juni 2026 ein. Man habe  teilweise bis in die Morgenstunden in Meetings zusammengesessen und nach Lösungen gesucht, um den Nichterhalt der Drittligalizenz abzuwenden.

Am Morgen des 3. Juni haben wir einen vollständig ausformulierten Vertragsentwurf vorgelegt, freigegeben vom Aufsichtsrat, Verwaltungsrat, Präsidium und – und das ist ganz, ganz wichtig – von den insolvenzrechtlichen Beratern der KGaA. Der Entwurf war der HAM-Seite bereits seit Nachmittag, 2. Juni bekannt. Er wurde sofort abgelehnt, ohne Diskussion. Obwohl dieser Entwurf 90 % der Forderungen enthielt.

Die unvermeidbare Kündigung des Kooperationsvertrags

Die HAM-Vertreter bestanden auf die Streichung der Einschränkung ‘soweit verbandsrechtlich zulässig’ bei den Vereinbarungen, was allerdings für das Präsidium des e.V. nicht akzeptabel war, da man den Regularien des DFB und der DFL unterliege und sich darüber nicht hinwegsetzen könne. “Das ist keine Frage des guten Willens, sondern des Rechts.” Auch über die von HAM verlangte Verpfändung der Ticketeinnahmen der kommenden zwei Spielzeiten an einen den e.V.-Vertrtern “völlig unbekannten Dritten”, der anschließend die für den Lizenzerhalt nötigen Millionen bereitstellen sollte, berichtete Mang in seiner Rede. Und erläuterte nochmal, dass diese Forderungen – auch aufgrund persönlicher Haftung der Vertreter des Muttervereins – nicht erfüllbar waren.

Wir haben uns nach diesem Scheitern zusammengesetzt und hier ist etwas zusammengewachsen. Präsidium und Verwaltungsrat haben die Lage ehrlich bewertet. Ein ‘Weiter so’ war nicht möglich. Am 4. Juli um 19:15 hat das Präsidium den Kooperationsvertrag von 30. Mai 2011 mit der HAM fristlos gekündigt. Diese Entscheidung war das Ergebnis einer klaren Analyse. Ein Verein, der zum zweiten Mal in die Viertklassigkeit geschickt wird, der mit einem Partner zusammenarbeitet, der DFB-Richtlinien ignorieren will, der Ehrenamtliche in strafrechtliche Haftung zu drängen versucht und das Geld der Fans in Form von Ticketeinnahmen verpfänden will… Dieser Verein kann so nicht weitermachen! Nach 15 Jahren müssen wir uns eingestehen: Es war ein Missverständnis. Und jetzt ist der Moment gekommen, neue Wege zu gehen im Sinne des TSV München von 1860.

An dieser Stelle erhielt Gernot Mang wohl den lautesten Applaus seiner gesamten Rede. Dann widmete er sich der wichtigen Frage, wie es nun weitergehe mit dem TSV 1860. Eine Frage, die sich naturgemäß viele Fans im Moment stellen.

Wir haben noch einiges vor uns. Wir haben in der vergangenen Woche noch einmal alles versucht, um eine Einigung mit Hasan Ismaik zu erzielen. Konkret: Wir haben als e.V. Mitte dieser Woche ein Güteangebot abgestimmt mit Erwerb der 60% Anteile, inklusive des Merchandising gegen eine faire Vergleich Zahlung im mittleren einstelligen Millionenbereich. Um Hasan einen guten Weg aus der Partnerschaft zu ermöglichen. Auf dieses Angebot wurde bislang von Seiten nicht ernsthaft eingegangen. Seit Mittwoch ist es da. Das finde ich auch sehr, sehr traurig. Dabei lag – nach den vorliegenden Informationen – gleichzeitig ein Angebot eines externen Investors mit deutlich geringeren finanziellen Gegenleistungen auf dem Tisch. Ich habe das Gefühl, dass Hasan Ismaik seine Anteile lieber jemandem anderen verkaufen will, als dem e.V. Das sagt vieles aus. Eine schnelle und gütliche Trennung von Hasan Ismaik, vielleicht das, was man als ‘Märchenlösung’ bezeichnet hat, bei der die Anteile in die Hände der Fans zurückgehen, ist damit in sehr weite Ferne gerückt. Die Zeit drängt! Nach aktuellem Stand wird die KGaA in der kommenden Woche Insolvenz anmelden müssen.

Anschließend ging Mang auf die ganz konkreten zu tätigenden Schritte nach der möglichen Anmeldung der Insolvenz ein. Den “Abschied vom Investorenmodell der vergangenen 15 Jahre” und die Gründung einer Spielbetriebsgesellschaft (zu der die Mitgliederverammlung ja später am Tage mit überwältigender Mehrheit die Zustimmung gab) benannte er konkret. Man wolle sich dann schnellstmöglich mit dem zuständigen Insolvenzverwalter zusammensetzen, um über die Themen Markenrechte, Dauerkarten und natürlich den Spielbetrieb in der bevorstehenden Saison zu sprechen. Eine “schlagkräftige Mannschaft” soll aufgebau werden, die diesem Verein auf dem Platz würdig sei. “Das schulden wir ihnen. Das schulden wir uns allen. Und das werden wir auch einhalten!”

Rekordmitgliederzahl: 29.000

Zum Ende seiner Rede wollte Gernot Mang – als Präsident des gesamten Turn- und Sportvereins – natürlich auch noch auf Themen eingehen, die explizit den Verein in seiner Breitensportausrichtung betreffen. Die erreichte Rekordmitgliederzahl von 29.000 wurde vermeldet, aber ebenso die den Verein bedrohende Zahl von 1,4 Millionen Euro Verlust, die man in den letzten Jahren angehäuft habe. “Jeder Stein” sei umgedreht worden, man habe Strukturen hinterfragt und sei nun auf dem guten Weg keine Verluste mehr zu machen. Im kommenden Geschäftsjahr rechne man für den e.V. mit einem Plus, was lediglich durch die Unsicherheit von Anwalts- und Gerichtskosten aus den möglichen Auseinandersetzungen mit dem KGaA-Gesellschafter noch in Gefahr geraten könne.

Grünwalderstadion: “Unsere Zukunft”

Als letzten Themenblock – für den Mang allerdings nur gut fünf Minuten aufwendete, nachdem das Thema ja noch an anderer Stelle in der Mitgliederversammlung ausführlich behandelt werden sollte – ging der Oberlöwe auf das Thema Sechzgerstadion ein. Mit einem Hinweis auf die zentrale Bedeutung des Spielorts der ersten Mannschaft der Löwenfußballer leitete er das Thema emotional ein.

So eine Sache noch. Es ist etwas, was uns persönlich sehr viel bedeutet. Etwas, das nicht aus einer Notlage entstanden ist, sondern aus Überzeugung. Aus Liebe zu diesem Verein. Aus dem Glauben daran, dass wir eine Zukunft verdienen, die unserem Namen gerecht wird. Das Grünwalder Stadion. Unser Zuhause, unsere Zukunft. Dieses Stadion ist nicht irgendein Spielort. Es ist der Ort, an dem Generationen von Löwen gewonnen und verloren haben, geweint und gejubelt haben. Es ist der Ort, der uns zusammenhält. In guten Zeiten. In schlechten Zeiten. Und es ist der Ort, der uns in Zukunft gehören soll.

Seine Rede beendet Mang mit einer kämpferischen Aussage an die Mitglieder und Fans des TSV 1860 – aber auch an alle Kritiker und Beobachter im Umfeld der Löwen:

Wer am Ende immer noch behauptet, dieser Verein sei am Ende, der soll sich das merken: Der Verein lebt stärker denn je! Befreit sich von seinen Schwächen und zeigt Zähne. Und das sage ich mit vollem Stolz, mit voller Überzeugung: Wir sind der Verein!

 

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8 Comments
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Stephan Tempel

Vielen Dank für diesen ausführlichen Artikel. Leider werden ihn viele der kommentierenden auf den diversen Social-Media-Plattformen bzw. deren Seiten nicht lesen – es wäre gut, ihn auch dahin zu tragen :).

KaiKiste1860

Für mich war es gestern einfach nur gut zu hören, der e.V. hat eine Vision für die Zukunft. Was da ab dem 21.5. über unseren Verein gekommen war, stell ich mir als den absoluten Horror für alle die sich im e.V. engagieren, Präsidium, VR etc.. vor. Ich weiß nicht wirklich, wie man da so ein Tagesgeschäft organisieren kann, der eigentliche Hauptberuf auf der Strecke bleiben muss. Da schon mal Danke an Alle für das gezeigte Herzblut.
Und ja Gernot Mang wusste um die Schwierigkeit der bevorstehenden Aufgaben. Am 12.02. war Gernot Mang beim Talk auf der “Blauen Couch” von Bayern1 und man konnte da schon sein enormes Engagement heraushören, wie er sich für den e.V. engagiert. In seiner gestrigen Rede im Zenith kam das auch perfekt und glaubwürdig zum Tragen.

HuiWaeller

Wie immer vielen, vielen Dank für eure Berichterstattung. Vor allem mit den ausführlichen Zitaten ist das wirklich sehr wertvoll für alle, die aus welchem Grund auch immer am Sonntag nicht dabei sein konnten.

Ich habe das Gefühl, dass Hasan Ismaik seine Anteile lieber jemandem anderen verkaufen will, als dem e.V. Das sagt vieles aus. Eine schnelle und gütliche Trennung von Hasan Ismaik, vielleicht das, was man als ‘Märchenlösung’ bezeichnet hat, bei der die Anteile in die Hände der Fans zurückgehen, ist damit in sehr weite Ferne gerückt.

Das ist natürlich sehr schade, aber war leider abzusehen dass von dieser Seite aus noch Steine in den Weg gelegt werden. Interessant finde ich, dass seit dem Privatjet-Bild auch auf Ismaiks Kanälen Funkstille herrscht. Klammert die HAM-Seite sich doch noch an den letzten Strohhalm und hofft dass der DFB irgendetwas zu ihren “Gunsten” entscheidet?

Esperanza

Leider sind die Boulevardzeitungen brutal schmierig. Bin eben am Zeitungskasten vorbei gegangen. Die Headline der “AZ” “Das gibt´s nur bei 1860 – Insolvenz, die Löwen feiern es!”in Kombination mit einem komplett aus dem Kontext gerissenen Foto und einer dümmlichen KI-Illustration, finde ich journalistisch unterste Schublade. Auf dem Bild sieht man ein applaudierndes Löwenpräsidium, das aber tatsächlich den Sechzger-Musikanten Beifall klatscht, nicht wie suggeriert einer Insolvenz. Ist das euer Ernst, Abendzeitung? Ich finde sowas erbärmlich.

Last edited 35 Minuten zuvor by Esperanza
Stefan Kranzberg

Da stimme ich Dir vollumfänglich zu.

D.Pest

Wenn wir am 17.05.2030 (wahrscheinlich eher 2031) unser offizielles Eröffnungsspiel im sanierten Schmuckkastl „Sechzgerstadion“ haben, hoffe ich, dass wir alle diese momentane Zeit mit einem „sehr kurios“ abschließend beschreiben können.

juergen

Mit Gernot haben wir zur richtigen Zeit den richtigen Mann an der richtigen Stelle! 🦁🦁🦁

Danke Gernot, Präsidium und Verwaltungsrat 

HolledauerBua

Bravo Gernot Mang

Aufgehts Löwen pack mas an