Ein Tag nachdem ich im Giesinger Regen das Lizenz-Aus erfahren musste, habe ich angefangen die Zeit bis zur Mitgliederversammlung in einer persönlichen Chronologie der Ereignisse und meiner Gefühlswelt niederzuschreiben. Ein Glück bin ich zufälligerweise auch noch Redaktionsmitglied bei sechzger.de, und habe somit eine Plattform um sie zu veröffentlichen:

Eine persönliche Chronologie 

02.06.2026, München-Giesing:  

Mit meinem Redaktionskollegen Peter bespreche ich, ob er denn morgen am Trainingsgelände sein wird. Klar wird er das, genauso wie mindestens ein Dutzend mir persönlich Bekannte. An diesem Abend lag die erste Nachricht von der Darlehenskündigung eine Woche zurück. In der Zeit dazwischen habe ich das Geschehen eher nebenbei verfolgt, so richtig damit beschäftigen wollte ich mich aber nicht. Hauptsächlich der Umstand, dass ich nur machtlos zuschauen kann, während ein Möchtegern-Investor meinen Verein erpresst, führte dazu, dass ich mich anderen Dingen in meinem Leben gewidmet habe. Dementsprechend war auch meine Antwort auf die Frage, ob ich denn am Trainingsgelände sein werde: „eher nicht“. 

03.06.2026, am Schreibtisch:  

Sogenannter Schicksalstag. Welchem Journalisten schickt Ismaik diesmal kommentarlos eine Zahl? Während der Arbeit werfe ich immer mal wieder einen Blick in den sechzger.de-Liveticker und merke, wie meine Anspannung Stunde für Stunde steigt. Irgendwann schickt Ismaik dem BR eine „3“. Später wird er diese wieder löschen. So weit, so Hasan-like. Es tut sich weiterhin nichts Stichfestes und mit jeder Stunde denke ich weniger daran, dass man sich einigen wird. Um kurz nach 16 Uhr schicke ich also Peter eine Nachricht, dass ich doch noch vorbeikomme, wenn sich bis kurz vorher nichts bewegt. Also zum Rosenheimer Platz zur Tram eilen, um Punkt 17 Uhr am Trainingsgelände aufzukreuzen. 

03.06.2026, Trainingsgelände:  

Pünktlich angekommen, verbringe ich die Zeit damit, bekannte Gesichter zu grüßen, über das aktuelle Geschehen zu fachsimpeln und immer wieder nach oben Richtung Treppenhaus zu schauen, während der Regen in mein Gesicht prasselt. Gut, zeitweise stand ich auch unter einem schützenden Dach, aber so klingt es dramatischer, oder? Anyway: Kurz bevor sich ein Teil der Funktionsträger den wartenden Fans stellt, macht bereits die Meldung die Runde, dass das Lizenz-Aus besiegelt ist. Meine Gefühlslage zu diesem Zeitpunkt habe ich gar nicht mehr so richtig im Blick, aber einen positiven oder negativen Ausbruch gab es nicht wirklich. Einmal noch kurz den sogenannten Mehrheitsgesellschafter besingen, Gernot Mangs Statement bei YouTube hochladen – und schon sitze ich zusammen mit meinen Redaktionskollegen im Löwenstüberl. Der Abend besteht aus sowas wie Gruppentherapie in den diversen Giesinger Lokalitäten. 

04.06.2026, Zuhause:  

Der TSV München von 1860 e.V. kündigt den Kooperationsvertrag mit HAM International Limited. GEIL! JAAA!! Danke an den e.V.! Danke dafür, dass klare Kante gezeigt wird, danke, dass man diese ermüdenden Spiele nicht mehr mitspielt! Die Zukunft scheint ungewiss, aber man hat das Gefühl, dass wir uns nun unsere Selbstbestimmung zurückholen. Der restliche Tag besteht daraus, alles aufzusaugen, was dazu kommuniziert, kommentiert und diskutiert wird. Die gesamte Trägheit, die mich die vergangene Woche begleitet hat, wurde auf einmal von einer unfassbaren Euphorie und Aufbruchsstimmung zur Seite gedrängt. 

05.06.-20.06.2026: 

Die Tage zwischen dem großen Knall und der Mitgliederversammlung sind in jedweder Hinsicht verrückt. Einerseits lese ich über aus dem Boden gestampfte Spendenaktionen, über 1.000 neue Mitglieder, einen leergekauften e.V.-Shop, und spüre einen unfassbaren Zusammenhalt unter den Löwenfans. Und ich weiß, es gibt unterschiedliche Meinungen dazu, aber ich nehme diesen ausgerufenen Befreiungskampf gerne an. Andererseits stehen da aber auch höchst peinliche „Fragen zum Nachdenken“ von Hasan Ismaik, der nun mit Gauweiler einen Anwalt engagiert hat, bei dem man auch abseits seiner aktuellen Tätigkeit genügend Grund zur Verachtung findet. 

Diese zwei Wochen sind auch aufreibend. In der sechzger.de Redaktion laufen die Tastaturen heiß, und ich bin unfassbar dankbar dafür hier meinen Beitrag leisten zu können. 

In diesen Tagen wird mir auch immer bewusster, worum es jetzt eigentlich geht. Natürlich diskutieren wir darüber, welche Spieler bleiben, wie konkurrenzfähig die Mannschaft nächste Saison sein wird oder wo wir denn eigentlich trainieren. Aber je länger ich darüber nachdenke, desto mehr erscheinen mir diese Fragen als Nebenschauplätze. 

Was hier passiert, das ist größer als die Kaderplanung für die kommende Saison. Zum ersten Mal seit langer Zeit besteht die Chance, die Weichen für eine selbstbestimmte Zukunft zu stellen. Es geht darum, sich von Altlasten zu lösen, die uns seit Jahrzehnten begleiten. Um einen echten Neuanfang also – nicht den nächsten Versuch, kurzfristig finanzielle Löcher zu stopfen, sondern den Verein so aufzustellen, dass er nie wieder von den Entscheidungen oder Launen einzelner Personen abhängig ist. 

21.06.2026, Kulturhalle Zenith: 

Der große Tag! Auch dank der hervorragenden kulinarischen Verpflegung, die von Freunden mitgebracht wurde, ließ sich das Geschehen in der angenehm kühlen Halle gut verfolgen. Während der Aussprachen kam von der “schweigenden Mehrheit” kein einziger substanzieller Beitrag. Dabei wäre eigentlich Raum für kritische, aber sachliche Nachfragen gewesen. Die wurden am Ende auch gestellt – nur eben von den angeblichen „gehorsamen Anhängern des Giesinger Staates“. Die Wortbeiträge von einigen der Unverbesserlichen, welche zufälligerweise ein paar Reihen vor mir saßen, beschränkten sich stattdessen auf „Pfui“-Rufe und Getuschel, sobald e.V.-Funktionäre oder Mitglieder in Vereins-Merch an ihnen vorbeiliefen. Es hat sich halt einmal mehr gezeigt: Es gibt sie nicht, die oft heraufbeschworene „schweigende Mehrheit“. Sie sind schlichtweg in der Minderheit – auch wenn sie in den Kommentarspalten und beim Pöbeln laut auftritt. Lustig anzusehen war es aber teilweise allemal, auch wenn ich mich währenddessen oft gefragt habe, wie man denn überhaupt so wird. 

Nach der erfolgreichen Zustimmung zur Gründung der beiden Gesellschaften und der Wahl meiner Wunschkandidaten blickte ich am Sonntagnachmittag nun endgültig optimistisch in unsere Zukunft. Nachdem Peter Schaefer am frühen Abend die Versammlung für beendet erklärt hatte, packten Funktionäre, Mitarbeiter, das Fanprojekt und Mitglieder gemeinsam mit an und stapelten die Stühle, um die Halle aufzuräumen. Zum Ausklang des Tages – und gewissermaßen der gesamten letzten Wochen – ging es mit ein paar Redaktionskollegen und Freunden noch auf ein verdientes Bier in einer nahegelegenen Gaststätte.

Auf die (selbstbestimmten) Löwen!  


Die Giesinger Gedanken erscheinen regelmäßig als Kommentar und sind die persönliche Meinung eines Mitglieds unserer Redaktion oder eines Gastautors. Sie spiegeln nicht grundsätzlich die Meinung der gesamten Redaktion wider.

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