Man darf mit Fug und Recht behaupten, dass es wohl keinen Verein gibt, mit dessen Namen in der jüngeren Geschichte des TSV 1860 so viele emotionale Erinnerungen verbunden sind, wie mit dem, der heute Abend wieder einmal auf einen Kick in München vorbeischaut. Am Sonntag, den 27. Mai 2018 nachmittags gegen zehn vor Vier brachen nach dem 2:2 gegen den 1. FC Saarbrücken in Giesing alle Dämme…Wer erinnert sich nicht an zwei legendäre Relegationsschlachten, die unsere Löwen damals wieder zurück in den Profifußball beförderten? Auch Löwendompteur Michael Köllner, der damals gerade mit dem Club in die Bundesliga aufgestiegen war  erinnert sich an “zwei packende Spiele,” die er selbst im Fernsehen verfolgte. Darüber dass nach dem Rückspiel “ganz Giesing Kopf stand” wurde Köllner von Freunden aus München mit Handyvideos informiert. Nach derlei Eindrücken war die Entscheidung für ein Engagement bei 1860 eineinhalb Jahre später sicher eine ganz einfache.

Doch mit der historischen Dimension im Zusammenhang mit Spielen gegen Saarbrücken nicht genug: Heute Abend kommt es im Sechzgerstadion angesichts der derzeitigen sportlichen Lage erneut zu einem echten Knaller, der Kribbeln hervorruft und an den man später noch erinnern wird: Der aktuelle Tabellenführer empfängt seinen ärgsten Verfolger, der allerdings mit einem Spiel weniger auf der Habenseite nach Giesing kommt. So ehrlich muss man sein: Schon ein Punkt im Nachholspiel des 4. Spieltags gegen den MSV Duisburg und die Saarländer wären Tabellenführer und unsere Löwen wiederum deren erster Verfolger.

Der Liganeuling, der seit Beginn dieses Jahres von Lukas Kwasniok trainiert wird, ist mit viel Euphorie in die Saison gestartet. Einem Punkt beim Mitaufsteiger Lübeck zum Auftakt folgten zwei souveräne Siege über Rostock und Halle und ein Last-Minute-Triumph gegen die Münchner Vorstädter am vergangenen Sonntag. Zum ersten Mal nach fast fünf Jahren absolvierte der 1. FCS diese Spiele wieder im heimischen Ludwigspark, was – gegen die beiden Ostvereine – jeweils immerhin 900 Fans genauso begeisterte, wie die Resultate. Mit dem Völklinger Exil, das wir Löwenfans in den oben angesprochenen Relegationsspielen 2018 ja auch persönlich kennenlernen durften, konnte man sich an der Saar nie wirklich anfreunden. So etwas ähnliches kennen wir ja aus unserer eigenen Geschichte… Noch etwas länger, als die Heimspiele fernab des eigenen Terrains mussten die Anhänger der Blau-Schwarzen die sportliche Stagnation in der viertklassigen Regionalliga Südwest ertragen: Die letzten sechs Spielzeiten verbrachte man dort, nachdem man 2014 aus der 3. Liga abgestiegen war. Auch die Jahre zuvor waren durchaus turbulent: Nach dem letzten von insgesamt vier Bundesliga-Gastspielen in der Saison 1992/93 folgte zwei Jahre später der Lizenzentzug durch den DFB und der Absturz in die drittklassige Regionalliga West/Südwest, die man erst nach der Jahrtausendwende wieder gen 2. Bundesliga verlassen konnte. Einige Wechsel zwischen Zweit- und Drittklassigkeit später stieg der 1. FC Saarbrücken im Jahr 2007 in die Oberliga Südwest (damals viertklassig) ab und verpasste im Jahr darauf als Tabellenfünfter auch noch denkbar knapp die Qualifikation für die damals neu gegründete Regionalliga West. Erstmals spielte man nur noch fünftklassig – ein Schicksal, das uns Löwen bislang Gott sei Dank noch nicht ereilt hat. Aber anstatt nun für alle Zeiten in die Bedeutungslosigkeit zu entschwinden, stieg das “Stehaufmännchen FCS” direkt zweimal hintereinander wieder auf und landete 2010 somit erneut im Profifußball, in der 3. Liga – für immerhin vier Spielzeiten (siehe oben). Die Saarländer blicken also – wie wir Löwen – auf eine bewegte Geschichte zurück.

Heute Abend auf Giesings Höhen duellieren sich zwei Gründungsmitglieder der Bundesliga zum insgesamt 22. Mal. Die Bilanz ist dabei aus Löwensicht sehr positiv: Dem Schützenfest zum ersten Bundesligaduell am 9. November 1963 (7:1) folgten weitere zwei Siege und ein Unentschieden im Oberhaus: Das Rückspiel im März 1964 und dann zwei Aufeinandertreffen in der Saison 1977/78, als man nochmal zeitgleich erstklassig gegen den Ball trat. 1978 stiegen beide Vereine punktgleich und zusammen mit dem FC St. Pauli in die 2. Bundesliga ab. Dort traf man dann in der weiteren Folge insgesamt 14 Mal aufeinander – fünfmal siegten die Löwen, dreimal die heutigen Gäste, sechsmal endete das Ganze unentschieden. Und auch im DFB-Pokal gab es bereits ein Spiel der beiden Kontrahenten: Ein gutes halbes Jahr nach dem oben genannten Schützenfest im Herbst ’63 besiegten die Löwen – auf dem Weg zum Cuptriumph gegen Eintracht Frankfurt in Stuttgart – im Viertelfinale die Saarbrücker vor 8.000 Zuschauern im Ludwigspark mit 3:1. Nach der weißen Weste in der legendären 2018er-Relegation stehen insgesamt also zehn Pflichtspielsiege nur drei Niederlagen gegenüber – so kann es heute Abend gerne weitergehen, Löwen!

Löwencoach Michael Köllner muss auf dem Weg zu diesem Ziel auf den gesperrten Philipp Steinhart verzichten. Wie er in der Pressekonferenz am Dienstag Mittag gegenüber sechzger.de erklärte, war ein Einspruch beim DFB gegen die erste gelbe Karte, die der Linksverteidiger im Rostock nach gut einer Stunde wegen Ballwegschlagens kassierte, aber kein Thema. Natürlich sei Steinhart derzeit ein absoluter Leistungsgarant und für ihn persönlich sei das Fehlen gegen Saabrücken besonders bitter, nachdem er ja auch schon bei den beiden Relegationsspielen vor zwei Jahren mit dabei war. Dennoch wollte Sechzig – ähnlich wie der Gegner vom Samstag – nicht nachkarten, sondern die Tatsachenentscheidungen der Punkteteilung in Rostock akzeptieren und es damit auf sich beruhen lassen. Ich finde diese Haltung ehrenwert und sie unterstreicht Köllners generelle Herangehensweise, mit der Fehlersuche immer erstmal bei sich selbst und der eigenen Mannschaft zu beginnen und nicht auf Schiedsrichtern und Umständen herumzureiten. Nach vorn schauen ist die Devise.

Das wollen wir auch tun. Der Verfasser dieser Zeilen hat eine besondere Beziehung zum 1. FC Saarbrücken bzw. seinen Anhängern, da er für ein saarländisches Unternehmen (allerdings in München!) arbeitet und naturgemäß zahlreiche Kollegen in der Firmenzentrale den Blau-Schwarzen die Daumen halten. Insofern also noch bitterer, dass auch heute wieder keine Zuschauer im Sechzgerstadion erlaubt sind und das eine oder andere Bier vor und nach dem Spiel nicht getrunken werden kann. Die Löwenfans finden sich heute Abend – Corona-gewohnt – wieder vor den TV-Geräten (sofern MAGENTA vorhanden ist) und/oder im Liveticker von sechzger.de ein.

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