Der TSV 1860 München befindet sich gegenwärtig in einer bemerkenswerten Extremsituation, die von einem scharfen Kontrast geprägt ist: Während den Profifußballern auf dem Rasen der wirtschaftliche und sportliche Absturz in die viertklassige Regionalliga droht, treibt die Vereinsführung hinter den Kulissen ambitionierte und zukunftsweisende Pläne für den Ausbau und die Modernisierung der Heimspielstätte an der Grünwalder Straße voran.

Die Pläne für das Grünwalder Stadion und die Neuausrichtung

Der konkrete Anlass für die aktuelle Diskussion ist die für den 21. Juni terminierte Mitgliederversammlung des Vereins. Unter dem Tagesordnungspunkt 13 bittet das amtierende Präsidium die Mitglieder um die formelle Zustimmung zur Gründung einer neuen Betreibergesellschaft, der “Betriebsgesellschaft Sechzgerstadion mbH”. In dieser Rechtsform sollen künftig sämtliche Aufgaben rund um das Stadion – namentlich die detaillierte Planung, die Finanzierung, der anstehende Umbau sowie der spätere laufende Betrieb – zentral gebündelt werden.

Das Stadion befindet sich gegenwärtig im Eigentum der Landeshauptstadt München und bedarf ohnehin einer zeitnahen und grundlegenden Sanierung. Ein entsprechender Bauvorbescheid aus dem Jahr 2020 liegt bereits vor. Dieser sieht vor, die Zuschauerkapazität der Arena von den aktuellen 15.000 Plätzen auf 18.105 Plätze zu erweitern. Das im Sommer 2025 neu gewählte Präsidium unter der Führung von Gernot Mang hat sich nach Jahren des Zögerns jedoch zu einem noch mutigeren Kurs entschlossen. Mang bekennt sich klar zum traditionsreichen Standort im Stadtteil Giesing und hat sogar ein Erbpachtmodell ins Gespräch gebracht, bei dem der Verein das Stadion selbst übernimmt. Darüber hinaus lässt die Vereinsführung im Rahmen einer Machbarkeitsstudie prüfen, ob die Kapazität sogar auf 25.000 Plätze ausgebaut werden kann, womit die Arena die Kriterien für die Fußball-Bundesliga erfüllen würde.

Die sportlich-finanzielle Krise und die Rolle des Investors

Diese weitreichenden Infrastrukturpläne stehen in starkem Kontrast zur akuten Existenzkrise der Profimannschaft. Die Fußballer müssen bis zum 3. Juni eine Summe von 2,7 Millionen Euro beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) hinterlegen, um die Lizenz für die Dritte Liga zu erhalten. Gelingt dies nicht, droht der automatische Zwangsabstieg in die Viertklassigkeit. Die Frage bleibt: Stellt Hasan Ismaik die benötigte Summe rechtzeitig zur Vefügung oder muss die Lücke gegebenfalls über Dritte geschlossen werden?

Die geplante Stadion-GmbH soll von diesen Streitigkeiten explizit unberührt bleiben. In dieser neuen Gesellschaft wäre der Verein der alleinige Gesellschafter, was eine vollständige Unabhängigkeit von den Launen und Forderungen des Investors garantieren soll.

Breiter Rückhalt aus der Münchner Kommunalpolitik

Trotz der akuten Turbulenzen und der drohenden Viertklassigkeit der Profis signalisiert die Münchner Stadtpolitik parteiübergreifend Gelassenheit und langfristige Unterstützung für das Stadionprojekt. Die Verantwortlichen betonen unisono, dass die Infrastrukturfrage unabhängig von einer einzelnen sportlichen Saison bewertet werden muss.

Verena Dietl, die für Sport zuständige Dritte Bürgermeisterin der Stadt München erklärte in der SZ, dass man sich im ständigen und konstruktiven Austausch mit dem TSV 1860 befinde. Nach ihren Informationen mache die Machbarkeitsstudie gute Fortschritte. Sie geht fest davon aus, dass die Sanierung beginnen kann, sobald die Ergebnisse der Studie vorliegen und der Stadtrat eine entsprechende Entscheidung getroffen hat.

Grün und Schwarz sind sich ausnahmsweise einig

Auch Beppo Brem, der sportpolitische Sprecher der Grünen-Fraktion im Stadtrat, sieht in der aktuellen sportlichen Misere kein Hindernis. Er betont den langfristigen Charakter des Projekts, da Stadien für Jahrzehnte gebaut werden, und drückt sein Vertrauen in die Zukunft des Vereins aus. Gleichwohl räumt er ein, dass aufgrund der Finanzkraft der Löwen und des vorgeschlagenen Erbpachtmodells noch intensive Verhandlungen und Gespräche notwendig sein werden. Die Notwendigkeit der Sanierung an sich stehe jedoch außer Frage.

Selbst Manuel Pretzl, der Fraktionschef der CSU im Stadtrat, plädiert dafür, die Sanierung völlig losgelöst von der kommenden Spielzeit zu planen. Er bringt zudem eine weitere strategische Dimension ein: Das Grünwalder Stadion ist nicht nur als Spielstätte für den TSV 1860 von Bedeutung, sondern ist auch fester Bestandteil des Münchner Bewerbungskonzepts für zukünftige Olympische Spiele. Im Falle eines Zuschlags für München könnten dadurch erhebliche neue Fördermittel für den Umbau fließen.

Ausblick und zeitliche Dimensionen

Während die Entscheidung über die sportliche Zukunft und die Drittliga-Lizenz bereits Anfang Juni fallen muss, bewegen sich die anderen Prozesse auf einer deutlich langfristigeren Zeitschiene. Die Olympia-Unterlagen der Stadt München werden am 4. Juni beim Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) eingereicht. Die Entscheidung darüber, ob und für welches Jahr (2036, 2040 oder 2044) München ins internationale Rennen geschickt wird, fällt erst Ende September.

Zu diesem Zeitpunkt wird der Ball im Grünwalder Stadion längst wieder rollen – unabhängig davon, ob der TSV 1860 München dann in der Dritten Liga oder in der Regionalliga antritt.

Titelbild: CR-Fotos

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