Für viele Löwenfans meiner Generation ist Karsten Wettberg der größte Löwentrainer aller Zeiten. Warum? – Weil er sich, wie wahrscheinlich zuvor und danach kein anderer auf dieser Position, mit dem Verein identifizierte. Weil er das Löwenherz am exakt richtigen Fleck und zuweilen auch auf der Zunge trug. Was ihm im Rahmen seines sportlichen Wirkens bei 1860 auch immer wieder Schwierigkeiten bereitete – und am Ende seines Trainerdaseins bei den Löwen vielleicht letztlich auch zum Verhängnis wurde. Insofern ist Karsten Wettberg auch eine Symbolfigur für die Zerissenheit dieses Vereins – und seiner Anhänger – die eine sehr lange Tradition hat.

Der Löwentrainer in persönlich prägenden Jahren

Natürlich spielt bei meinen Abschiedsworten und -gedanken an den König von Giesing auch die ganz eigene Löwensozialisation und -historie eine Rolle, bei der Karsten Wettberg an einigen ganz entscheidenen Punkten und Ereignissen der Mann an der Seitenlinie war.

Aufstieg 1991 – nach neun Jahren Bayernliga

Auf den Tag genau an meinem 15. Geburtstag übernahm Wettberg die erste Mannschaft an der Grünwalder Straße. Ein wahres Geschenk, wie sich zeigen sollte. Holte er doch direkt in der laufenden Saison in bemerkenswerter und dramatischer Weise den Rückstand auf Tabellenführer Schweinfurt auf. Zwar scheiterten wir dann tragisch mit einem 3:3 gegen eben diesen Gegner im vielleicht packendsten Spiel, das ich mit 1860 je verfolgen durfte. Aber nur ein Jahr später erlebte ich unter diesem Coach – endlich – mein erstes Auswärtsspiel mit dem TSV 1860 außerhalb Bayerns (den Aufstiegrundenauftakt in Neunkirchen). Und ein paar Wochen später, am 16. Juni 1991 gelang der umjubelte Aufstieg in die 2. Bundesliga! Nach neun langen Jahren in der Bayernliga. Bei der Aufstiegsfeier auf dem Marienplatz nach dem Triumph fand Karsten Wettberg – wie so oft – die emotional passendsten Worte, als er zusammenfasste: “Sechzig ist nie sportlich abgestiegen, aber sportlich wieder aufgestiegen!”

Abschied von der Trainerbank 1992

Mein erstes Löwenspiel im bezahlten Fußball mit den Löwen, das 1:2 beim SC Freiburg am 24. Juli 1991 war Wettbergs erste Niederlage als Löwentrainer nach 54 ungeschlagenen Spielen in fast eineinhalb Jahren! Eine unglaubliche Serie. Die folgende Saison verlief sportlich unglücklich und Wettberg hatte mit extrem viel Gegenwind und Widerständen aus den eigenen Funktionärsreihen zu kämpfen. Dass er sich bis zum regulären Saisonende (1860 musste danach noch in eine Abstiegsrunde mit dem TSV Havelse und Fortuna Köln und stieg letztlich wieder in die Amateuroberliga ab) überhaupt auf dem Trainersessel halten konnte, lag gewiss auch an seiner riesigen Beliebtheit bei uns Fans, denen eine Entlassung des Aufstiegstrainers und Herzblutlöwen Wettberg nicht zu vermitteln war. Nie habe ich – trotz teilweise ernüchternder Darbietungen anno 1991/92 – “Wettberg raus”-Rufe oder ähliches vernommen.

Wettberg – ein engagierter Mann

Das spätere Wirken Karsten Wettbergs als Funktionär im e.V. habe ich – in den Arena-Zeiten auf verhältnismäßig großer Distanz insbesondere zum vereinspolitischen Geschehen – eigentlich nur aus einer sehr fernen Beobachterrolle verfolgt. Insofern bleibt mir Karsten Wettberg vordergründig als Mann an der Seitenlinie in Erinnerung. Aber auch für seinen Einsatz für 1860 neben dem Fußballplatz kann man wohl zusammenfassen, dass der gesellschaftlich engagierte Träger des Bundesverdienstkreuzes stets mit viel Emotionalität, Herzblut und Ehrlichkeit bei der Sache war.

Mit 82 noch aktiv am Ball

Ein für mich sehr beeindruckendes sportliches Erlebnis mit Wettberg gab es vor knapp zweieinhalb Jahren nochmal auf dem Trainingsgelände. Eine schottische Fanauswahl, die gerade zur Europameisterschaft in München weilte, traf in einem Freunschaftskick auf eine Auswahl von Löwenlegenden. Und der 82jährige Karsten Wettberg spielte weite Strecken der Partie mit!

Wettberg, der Wembley-Fahrer

Die schließlich letzte Begegnung mit dem – für mich – größten Löwencoach aller Zeiten liegt ein knappes Jahr zurück. Beim Erinnerungabend an das Europacufinale in Wembley von 1965 war er zu Gast und berichtete von der Reise nach London, die er als 24jähriger mitgemacht hatte. Ich bin froh, dass ich bei dieser Gelegenheit noch einmal ein paar Worte mit Karsten wechseln konnte. Unter anderem gab er dabei auch einen Ergebnistipp für das nächste Spiel der Profis gegen Erzgebirge Aue ab.

Die zentralste Erinnerung

In der zentralsten Erinnerung an Karsten Wettberg wird mir persönlich aber ein Auftritt von ihm auf Giesings Höhen bleiben, den viele Löwenfans vielleicht gar nicht auf dem Schirm haben. Anfang September 1992 war’s. Nur gut drei Monate nach seiner Entlassung in Giesing kehrte er als Trainer von Jahn Regensburg zum Bayernligaduell mit seinem nun ehemaligen und dennoch weiterhin Herzensverein zurück. Nach dem zähen 1:0 der Löwen über Wettbergs Mannschaft bewegte er sich vorsichtig, fast schüchtern in Richtung Westkurve, den Platz im Stadion an dem er in den Jahren zuvor so oft so frenetisch gefeiert worden war. Er blieb stehen und hielt inne… Und als die Anhänger dort ein “Karsten, du bleibst trotzdem unser Freund!” anstimmten, verbeugte er sich einfach nur. Demütig und bescheiden. So werde ich ihn in Erinnerung behalten.

Servus Karsten! Ruhe in Frieden!

 

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Jan Walla

Toll geschrieben, Christian 🙂

United Sixties

Es macht auch mich traurig einen solch engagierten Löwendompteur für immer verabschieden zu müssen. Nach Ostersonntag 2025 mit Werner Lorant nun auch der „König v. Giesing“ im Löwenhimmel ist in seinem Alter zwar wahrscheinlicher geworden aber bleibt traurig. Ich durfte ihn seit 2005 etwa oft persönlich sprechen und mit ihm über die Zukunft nach Wildmosers diskutieren u. streiten. Mit Albrecht v. Linde und einigen seiner ehemaligen Spieler wie B. Winkler, D. Hoffmann oder Martin Max wollte er eine neue Ärs als Funktionär begründen. In den oft dubiosen Machtkämpfen zwischen Arge und pro1860 als seine Unterstützer oder Hausmacht wurde er aufgerieben und in Sachen AA-Anteileverkauf bleibt eine unglückliche Erinnerung an 2006 mit dem Ziffzger-Desaster und der folgenden Mieterschaft bei den Seitenstrasslern bis 2017, die uns wirtschaftlich erledigte und auch HAM 2011 einbrockte.
Aber seine sportliche Expertise bleibt unangetastet wie auch sein soziales Engagement im Fussball wie darüber hinaus oder auch als Post-Gewerkschafter.
Ruhe in Frieden.
Unendlich Danke bleibt für mich persönlich, dass er mich nachTrainings-Casting 2010 zur 150-Jahr-Feier
in seine Fanelf nominierte und im Sechzger am 25. Juli beim Vorspiel gegen Löwen-Allstars 2 x 20 Minuten als IV mit 42 J. komplett durchspielen liess vor 13 000 Fans ( danach 1860- B. Dortmund mit Klopp 1:2)..meine allerschönste Erinnerung im Stadion auf Giesings Höhen nach den Aufstiegen 1991,1993 und 1994. Und der endgültigen Rückkehr 2017!
Und Karsten doch es ged hoid scho:
Raus aus Fröttmaning-BAUT DAS SECHZGER AUS

Joerg

RuF Karstem

Vorstopper

Sehr schöner Nachruf.
Es kommt bei mir nicht häufig vor, aber als ich gestern die Nachricht von seinem Tod erhalten habe, musste ich weinen.

GoerlitzerLoewe

Hallo Vorstopper. Damit bist du nicht alleine. Mich hat diese Nachricht auch zum weinen gebracht. Innerhalb von einem Jahr Lorant und Wettberg ist schon hart zu verkraften.

Danke dir Christian für diesen sehr persönlichen Nachruf.