Auf der Mitgliederversammlung des TSV München von 1860 e.V. wurden erste Ergebnisse aus der Machbarkeitsstudie zum Um- und Ausbau des Grünwalder Stadions vorgestellt. Dabei kamen auch Mitarbeiter der Powerhouse Company zu Wort und stellten sich den Fragen interessierter Mitglieder. sechzger.de knüpft dort an und hat Sander Apperlo, Partner Architect aus dem Münchner Büro des niederländischen Unternehmens, zum Interview gebeten.

Interview mit der Powerhouse Company

sechzger.de: Ein Stadionumbau am Standort Giesing ist von diversen stadtpolitischen und gesellschaftlichen Interessen geprägt. Wie kam die initiale Zusammenarbeit zustande – sind Sie proaktiv auf den Verein zugegangen, und betrachten Sie das Vorhaben als strategisches Leuchtturmprojekt für Ihr Büro?

Powerhouse Company: Die vereinsinterne Stadionkommission ist Ende 2025 mit der Anfrage auf die Teilnahme an einem Wettbewerbsverfahren für die Erstellung einer Machbarkeitsstudie zur Sanierung und Erweiterung des Grünwalder Stadions auf uns zugegangen.

In dem Verfahren konnten wir uns aufgrund unserer Referenzen, des sehr kompetenten Projektteams mit unseren Partnern und unserem Vorschlag einen holistischen Ansatz zu erarbeiten, der eine Perspektive aufzeigt und über das Konzept einer reinen Machbarkeitsstudie hinausgeht, gegen insgesamt 7 Architekturbüros durchsetzen.

Trotz unseres niederländischen Ursprungs mit Hauptsitz in Rotterdam sind wir bereits seit 2018 mit einem Bürostandort in München beheimatet und haben über die Jahre ein tiefes Verständnis für die Stadt und die Münchener Kulturlandschaft, an welcher der TSV 1860 München einen großen Anteil hat, entwickeln können. Demnach verstehen wir natürlich auch die Strahlkraft eines solchen innerstädtischen Leuchtturmprojekts für den Verein, aber auch für Giesing und die Stadt München.

Wichtige Erfahrungen aus Rotterdam

sechzger.de: Neben der Machbarkeitsstudie für Giesing ist die Powerhouse Company auch am umfassenden Masterplan für das neue Feyenoord-Stadion in Rotterdam beteiligt. Inwiefern lassen sich planerische Erfahrungen aus einem derart groß dimensionierten städtebaulichen Projekt auf die weitaus kleinteiligere, hochverdichtete Bestandstransformation des Sechzgerstadions übertragen? Und wenn wir auf Ihr gesamtes architektonisches Portfolio blicken: Wie viele Stadionprojekte haben Sie als Büro bislang insgesamt realisiert oder in der Planung begleitet?

Powerhouse Company: Die Projekte unterscheiden sich zwar deutlich in ihrer Größe, dennoch lassen sich wichtige Erfahrungen aus Rotterdam auf das Sechzgerstadion übertragen. Bei beiden geht es um die behutsame Weiterentwicklung einer historisch und emotional stark aufgeladenen Spielstätte.

Entscheidend ist dabei weniger die Übertragung konkreter baulicher Lösungen als vielmehr die Methodik: den Bestand und seine Identität genau zu verstehen und daraus eine maßgeschneiderte Weiterentwicklung abzuleiten. Themen wie Besucherströme, Sicherheit, Wirtschaftlichkeit, Schallschutz, Nachbarschaft und die Einbindung unterschiedlicher Beteiligter müssen dabei von Anfang an gemeinsam gedacht werden.

Zu unseren öffentlich bekannten Stadionprojekten zählen die Transformation von De Kuip in Rotterdam und die Machbarkeitsstudie für das Sechzgerstadion in München. Darüber hinaus arbeiten wir an weiteren Sportstättenprojekten, zu denen wir derzeit noch keine Angaben machen können.

Emotionale Identifikation als relevanter Faktor

sechzger.de: Die Formensprache Ihres Entwurfs orientiert sich stark an der bestehenden Stehhalle, und auch die markanten Reliefs an der Fassade der Ostkurve sollen erhalten bleiben. Ein zentrales Element der Stadionhistorie ist die Westkurve, einst entworfen von Rudolf Ortner, einem Schüler von Mies van der Rohe. Da diese Kurve aufgrund der aktuellen Bausubstanz nicht erhalten werden kann: Wie integrieren Sie den historischen Geist und die spezifische Architekturgeschichte dieses Bereichs in den anstehenden Neubau der Westkurve?

Powerhouse Company: Wir haben uns im Zuge der Machbarkeitsstudie sehr intensiv mit der Stadionhistorie, der Entwicklung der baulichen Strukturen und der Emotionalen Identifikation mit dem Bauwerk als solches auseinandergesetzt. Unserem Verständnis nach ist vor allem die besondere Formensprache der bestehenden Westkurve mit der oval geschwungenen Anordnung der Stehtribünen, welche der zur Mitte hin ansteigen, prägend für das Bauwerk. Die Zuschauer haben somit auch aus jeder Position immer einen guten Blick auf das Stimmungszentrum im Zentrum der Kurve, was die besondere Atmosphäre an diesem Ort ungemein fördert.

Es ist somit nicht nur die Wiege der Fanfolklore, sondern auch das Herz des Stadions. Wir wollen mit unserem Konzeptvorschlag daran anknüpfen und eine Art Reminiszenz an diese Struktur an selber Stelle wieder errichten, welche die ikonische Form und die Atmosphäre durch steilere Ränge und die Wiedererhöhung der historischen Zuschauerkapazität, fortschreiben soll. Wir planen ein Stadion für die Fans. Die Westkurve ist der Mittelpunkt unserer Fans, deswegen haben wir diese von 8.000 auf 13.000 Zuschauer erweitert.

Ziel: Maximale Erhöhung der Zuschauerkapazität

sechzger.de: Ein bauliches Detail in Stadien sind die sogenannten Mundlöcher als direkte Zugänge zu den Rängen. Aus der aktiven Fanszene wird oftmals bemängelt, dass solche Erschließungsportale das geschlossene optische Bild einer Stehplatzkurve zerschneiden und die Durchführung großflächiger Choreografien massiv erschweren. Wie gehen Sie in der Neuplanung der Kurvenbereiche mit diesem Spannungsfeld zwischen architektonischer Erschließung, baurechtlicher Entfluchtung und dem Wunsch nach einer optisch durchgehenden Tribünenstruktur um?

Powerhouse Company: Uns ist auch bewusst, dass die aktuelle Treppenerschließung mit einem umlaufenden Erschließungsgang in der Mitte der Westkurve, ein möglicherweise einheitlicheres Kurvenbild ermöglicht. Jedoch hat es durchaus einen Grund, warum heutzutage kaum mehr eine solche Erschließungsform in den Stadien zu finden ist. Dieser ist in der kapazitären Ineffizienz gegenüber den weitverbreiteten Mundlöchern begründet. So sieht man auch, dass in den Fankurven anderer Stadien, wie z.B. der Südkurve in Dortmund oder Nordkurve auf Schalke, trotz der Anordnung vieler Mundlöcher, durchaus beeindruckende und großflächige Fan-Choreografien möglich sind.

Nachdem eine der Vorgaben der Stadionkommission für die Machbarkeitsstudie die Untersuchung einer maximalen Erhöhung der Zuschauerkapazität ist, haben wir im ersten Konzept nun hier ebenfalls die effizientere Lösung mit der Tribünenerschließung über Mundlöcher vorgeschlagen. Bei der Erhöhung der Zuschauerkapazität waren die Vorgaben für Brandschutz, Entfluchtung und generell die Sicherheit der Zuschauer einzuhalten. Um die Vorgaben für die Baugenehmigung zu erfüllen, müssen leider die Fans ihre Choreografien den Gegebenheiten anpassen.

Kommunikation mit Fans zur Entscheidungsfindung

sechzger.de: Bei konventionellen Großprojekten definiert ein klassischer Bauherr die Vorgaben. Wie bewerten Sie beim Sechzgerstadion die Rolle der Fans im Planungsprozess?

Powerhouse Company: Bei der Entscheidung ob das Grünwalder ausgebaut oder außerhalb der Stadt ein neues Stadion gebaut wird haben Präsidium und Stadionkommission bereits die erste große Entscheidung für die Fans getroffen. Ein solches Projekt ist immer stark durch den Einfluss die vielfältigen Beteiligten (Stakeholder) geprägt. So wie bei der Grundsatzentscheidung spielen die Fans hierbei natürlich auch eine tragende Rolle und wurden frühzeitig in den Planungsprozess mit eingebunden. Hierzu hatten Mitglieder der Stadionkommission bereits in der frühen Projektphase der Machbarkeitsstudie Austausch mit einigen Fangruppen. Auch bei der Zusammenstellung der Stadionkommission wurden die Fans berücksichtigt. Zwei Vertreter der Fangruppen sind Mitglied der Stadionkommission. Die Wünsche der Fans wurden bereits durch die Stadionkommission abgefragt und werden bei der späteren Umsetzung berücksichtigt.

Größte Herausforderung als Chance nutzen

sechzger.de: Wo liegen aus baulicher und planerischer Sicht die größten Hürden bei der Transformation eines Bestandstadions im dicht besiedelten urbanen Raum?

Powerhouse Company: Die größte Herausforderung an diesem Standort ist mit der besonderen innerstädtischen Lage gleichzeitig auch die größte Chance dieses Stadions. Diese enge Beziehung mit dem umliegenden Viertel hat eine lange Tradition und bildet einen prägenden Anker in der Identifikation zwischen den Fans, dem Verein und der Stadt München. Diese Situation ist in Deutschland einmalig und gilt unbedingt zu erhalten. In so einem dichten Geflecht ist es daher sehr wichtig frühzeitig auf die Interessen und Belange aller Beteiligten einzugehen. Der gegenseitigen Rücksichtnahme gegenüber der Nachbarschaft kommt hierbei eine signifikante Rolle zu. So war die oberste Vorgabe in unserer Planung von Anfang an der maximal mögliche Schutz der Anwohner, durch tiefgreifende Schall- und Lichtschutzmaßnahmen und ein klares Zugangs und Sicherheitskonzept.

Stadion als „Viertelkraftwerk“?

sechzger.de: Moderne Infrastrukturprojekte erfordern zwingend schlüssige ökologische Konzepte. Welche übergreifenden baulichen und energetischen Maßnahmen sind in der Planung generell vorgesehen, um eine CO2-neutrale Realisierung sowie einen klimaschonenden Betrieb des Stadions zu gewährleisten? In welchem Umfang wird dabei unter anderem auch mit Elementen wie Fassaden- oder Dachbegrünungen arbeitete?

Powerhouse Company: Aufgrund der umlaufenden Überdachung aller Tribünenbereiche, besteht hier die Möglichkeit Teile zu begrünen oder großflächig PV-Anlagen anzubringen, die sowohl den Stadionbetrieb unterstützen könnten, als auch eine Wiedereinspeisung in das städtische Stromnetz erlauben würden. Auch ein Konzept das Stadion als eine Art „Viertelkraftwerk“ zu nutzen, um Giesing und die umliegende Nachbarschaft mit Solarstrom zu versorgen ist hier durchaus denkbar. Die Umsetzung eines privaten Stromhandels bedarf jedoch ein höheres Investment, Behördengenehmigung und ist eine Herausforderung für den Datenschutz. Einen Netzeinspeisung ist leichter umzusetzen.

Die Rundumbedachung wird für die PV Anlage benötigt. Eine Dachbegrünung ist wartungsintensiv. Die Dachstatik darf nicht überfordert werden (Schneefang). Neben den baulichen Maßnahmen spielt vor allem das Mobilitätskonzept eine tragende Rolle. So entstehen ca. 70% der CO2 Emissionen an einem Spieltag durch die An- und Abreise der Fans. Gemeinsam mit der Stadt München gilt es hierbei nun ein Konzept zu entwickeln, dass eine klimaneutrale An- und Abreise mittels ÖPNV, Fahrrad und E-Mobilität, sowie Car-Sharing und P+R Angeboten ermöglicht. Der besondere innerstädtische Standort bietet hier aufgrund der guten Anbindung an das bestehende Netz der MVG eine Chance für die Entwicklung eines Vorzeigeprojekts für eine funktionierende Verkehrswende.

Craven Cottage als innerstädtische Referenz

sechzger.de: Wenn Sie die Stadionarchitektur der vergangenen zwei Jahrzehnte analysieren: Welche Projekte betrachten Sie im Hinblick auf städtebauliche Integration und bauliche Umsetzung als besonders gelungen?

Powerhouse Company: Die Tendenz in der Stadionarchitektur der letzten Jahrzehnte zeichnet ja leider eher eine Abkehr von den innerstädtischen Stadien auf. Das liegt natürlich an den immer größeren Anforderungen an Gastronomie-, Funktions- und Erschließungsflächen, die im beengten Umfeld der Stadt nur schwer zu realisieren sind. Auch ist trotz dem Bewusstsein für klimagerechtes Bauen nach wie vor das Auto viel zu stark im Fokus und entsprechende Flächen werden hier weiterhin gefordert.

Somit sehen wir, mit Ausnahme des Millerntors in Hamburg, vor allem die innerstädtischen Stadien in England (z.B. die Erweiterung des Riverside Stands im Craven Cottage), als spannende Referenzen an. Hier wurden trotz der beengten Lage ausgewogene Konzepte entwickelt, die neben der immer wichtiger werdenden Gewinnmaximierung, dennoch den ursprünglichen Charakter historischer Spielstätten wahren konnten.

sechzger.de: Zwei Beispiele für sehr außergewöhnliche Stadionarchitektur sind das Stadion in Braga von Eduardo Souto de Moura und der Entwurf von Bernardo Bader in Lustenau. Wie bewerten Sie diese beiden Bauwerke aus Architektensicht? Zieht man aus solch speziellen Ansätzen auch Inspiration für die eigene Arbeit an einer Sportstätte?

Powerhouse Company: Das sind beides Stadien mit sehr klarer, bestechender Formensprache und einem starken Ortsbezug. Daher ist gerade der jeweilige Umgang mit dem umgebenden Kontext wahnsinnig inspirierend. Für uns ist es immer wichtig ein tiefes Verständnis für die lokalen, historischen und kulturellen Einflüsse eines Ortes zu entwickeln und daraus Inspiration für die weitere Architektonische Entwicklung abzuleiten.

Transparente Kommunikation zwischen Stadt und Verein

sechzger.de: Von Seiten der Stadt München und des Vereins wird aktuell wiederholt kommuniziert, die Gesprächsatmosphäre in der Planungsphase sei äußerst konstruktiv und zielführend. Inwiefern können Sie diese Wahrnehmung aus der Perspektive der ausführenden Architekten bestätigen, insbesondere wenn es um die notwendige Kompromissfindung geht?

Powerhouse Company: Mit der guten Zusammenarbeit und der transparenten Kommunikation zwischen Stadt und Verein hat die Stadionkommission in den vergangenen Monaten sehr wichtige Vorarbeit für die Ausarbeitung der Machbarkeitsstudie geleistet. Wir hatten somit die Möglichkeit in dieser frühen Phase alle Beteiligten aus der Stadtverwaltung in den Entwicklungsprozess einzubinden und gemeinsam erste Lösungsansätze innerhalb der bau- und planungsrechtlichen Möglichkeiten auszuarbeiten. Es ist nun wichtig auf dieser Basis aufzubauen und das Projekt konsequent weiterzuentwickeln, um auch am Ende eine Realisierung möglich zu machen.

sechzger.de: Die Machbarkeitsstudie liegt vor, die Einreichung der Bauvoranfrage steht an. Welche konkreten administrativen und planerischen Schritte müssen in den kommenden Monaten erfolgen, damit aus dem aktuellen Entwurf Baurecht und schließlich Realität wird?

Powerhouse Company: Die Einreichung einer Bauvoranfrage stellt einen wichtigen Meilenstein dar, um bereits früh Klarheit zu den bau- und planungsrechtlichen Möglichkeiten an diesem Standort zu erlangen. Darüber hinaus sollte bereits in den kommenden Monaten eine zügige Konkretisierung der Planungsansätze angestrebt werden, um zeitnah fundierte Aussagen zu den Bau- und Planungskosten treffen zu können.

Eine wichtige Voraussetzung ist hierzu natürlich das Zustandekommen des Erbpachtvertrags. Die Eckpunkte liegen hierzu der Stadt bereits vor. Nur dann kann der Verein auch ein umsetzbares Finanzierungskonzept auf die Beine stellen, um somit gegenüber den Fans und der Stadt München ein klares Signal zur Zukunft des Sechzgerstadions zu übermitteln.

sechzger.de: Herzlichen Dank für die ausführlichen Erläuterungen!

Sämtliche Grafiken wurden uns von der Powerhouse Company zur Nutzung zur Verfügung gestellt.

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3 Comments
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Wasserwachtler

Es wäre einfach nur grandios, wenn das alles umgesetzt werden kann.
Kann man die Studie eigentlich irgendwo online einsehen? Ich würde mir das auch gerne mal in Ruhe durchlesen. Momentan finde ich nur die alte mit 18.060 Kapazität.

Franco60

Danke für dieses sehr konstruktive Interview. Klingt alles wie in einem Märchen, wenn es sich nicht um unseren geliebten TSV handeln würde. Sehe leider, auch wenn es sich so schlüssig anhört, zwei Schwierigkeiten: 

A) diese zum Teil aufmüpfige Bevölkerung – hier Anwohner, die uns das Leben mit Gerichtsverfahren zur Hölle machen könnten (darf nur an die Donnersberger Brücke erinnern 30er Zone) 

B) wer zahlts 

Wenn das alles geklärt ist, freu ich mich natürlich auf das Eröffnungsspiel gg S04?  😉

age

zu Punkt A) es werden eigentlich deutliche Verbesserungen (Licht/Lärm) gegenüber dem Status Quo geplant.
Des weiteren wurden die Anwohner bereits während der Studie in mehreren Versammlungen mit einbezogen und man muß sich weiter rechtlich absichern.

zu Punkt B) ganz normaler Prozess, der nach der Bauvoranfrage geklärt werden muß (ist doch beschrieben) 😉