Laut, bunt und – vor allem – absolut friedlich haben am gestrigen Sonntag in Leipzig tausende Fußballfans aus ganz Deutschland unter dem Motto “Der Fußball ist sicher” für den Erhalt der einzigartigen Fankultur in deutschen Fußballstadion protestiert. Hintergrund ist die Anfang Dezember anstehende Konferenz der Innenminister der Länder (IMK), von der befürchtet wird, dass unter dem Deckmantel der Wahrung einer angeblich gefährdeten Stadionsicherheit politische Maßnahmen auf den Weg gebracht werden, die für die derzeitige Fankultur existenzgefährdend sind. Auch rund 100 Anhänger des TSV 1860 München hatten sich auf den Weg nach Sachsen gemacht, um den Fanprotest auf die Straße zu tragen.
Fünfstellige Teilnehmerzahl bei Fandemo
Wie bei solchen Veranstaltungen üblich gingen die Angaben über Teilnehmerzahlen relativ weit auseinander. Während die Veranstalter von 20.000 Fans sprachen, die sich am Demozug durch Leipzig beteiligt hätten, zählte die mit rund 500 Sicherheitskräften anwesende Polizei etwa 8.000 Personen. Ein Reporter des MDR wiederum bestätigte zumindest eine fünfstellige Zahl von Fußballanhängern aus dem ganzen Bundesgebiet. Als sich die Fans von insgesamt 38 namentlich genannten Vereinen zum Demozug aufstellten, war dieser über 500 Meter lang und reichte vom Leipziger Hauptbahnhof bis zum Richard-Wagner-Platz. Aufgrund der hohen Zahl an Teilnehmern, mit der die Veranstalter nicht gerechnet hatten, setzte sich der Marsch für Fanrechte erst mit einer gut einstündigen Verspätung in Bewegung.

Fangruppen friedlich nebeneinander
Positiv und bemerkenswert und für viele Kritiker der (meist jugendlich dominierten) Ultra-Szenen hierzulande wahrscheinlich überraschend, verlief die Veranstaltung, trotz der gleichzeitigen Teilnahme stark rivalisierender Fangruppen, absolut friedlich. Auch aus München hatten sich sowohl rote, wie blaue Anhänger auf den Weg in die Messestadt gemacht. “In den Farben getrennt, in der Sache vereint” lautete das bereits aus der Vergangenheit bekannte Motto. Ein Teilnehmer der Löwen-“Delegation” äußerte sich gegenüber sechzger.de wie folgt:
Für uns war es mit Erhalt der Info eigentlich direkt klar, dass wir an der Demo teilnehmen wollen. Immerhin wird durch die Vorhaben der IMK unsere gesamte Subkultur und die Fanlandschaft als Ganzes gefährdet. Organisatorisch war es natürlich schwierig, da die Demo erst recht spontan organisiert worden war. Nichtsdestotrotz und obwohl Leipzig nicht der nächste Weg ist und natürlich viele das spielfreie Wochenende schon anderweitig verplant hatten, fand sich ein ordentlicher Haufen, der den Weg auf sich nahm.
Ein komisches Gefühl war es irgendwo schon, mit so vielen anderen Fanszenen gemeinsam auf die Straße zu gehen, vor allem natürlich mit dem anderen Verein aus unserer Stadt. Dennoch war es mir von vornherein klar, dass dort nichts passieren würde und das sollte sich dann ja auch bewahrheiten. Rivalitäten wurden für diesen Tag ausgeblendet, um für ein größeres Ganzes einzustehen und das wurde eindrücklich bewiesen.
Die Vorhaben der Innenminister und Sicherheitsbehörden sind übertrieben, grundlos und würden nicht nur uns als Ultras, sondern jede*n Stadiongänger*in betreffen und einschränken. Dementsprechend hoffen wir, dass unser Protest etwas gebracht hat und die IMK die geplanten Einschränkungen doch nicht verabschiedet.

Forderungen der Fans
Nach dem Marsch um den Leipziger Innenstadtring, der von rund 450 Fans von Union Berlin angeführt wurde, gab es bei der Abschlusskundgebung am Richard-Wagner-Platz einen Redebeitrag, bei dem erneut auf die Pläne der IMK hingewiesen wurde. Zum einen geht es um eine Novelle der Richtlinien für Stadionverbote. Demnach sollen diese zukünftig schon bei bloßen Verdachtsfällen ausgesprochen und umgesetzt werden können. Die in unserem Rechtssystem stets geltende Unschuldsvermutung wird damit faktisch abgeschafft. Zudem wehren sich die Fußballfans gegen immer mehr personalisierte Tickets und eine mögliche KI-gestützte Gesichtserkennung an den Eingängen der Stadien. Danny Graupner vom Dachverband der Fanhilfen e.V. erklärte in einer später am Sonntag veröffentlichen Mitteilung zur Leipziger Fandemo:
Aus Leipzig geht heute eine unmissverständliche Botschaft an die Innenministerkonferenz und die Verbände heraus: Schluss mit den Verhandlungen hinter verschlossenen Türen, Stopp der Pläne und Start eines offenen und faktenbasierten Dialogs zur Stadionsicherheit mit allen Beteiligten. Wir und alle Fans im gesamten Land erwarten jetzt, das sich die Innenminister nach dem heutigen Tag auf Fans und Vereine zu bewegen.
Ein paar Impressionen der Fandemo sind auf Youtube zu finden:











Ich sehe das alles schon eher ambivalent.
Auf der einen Seite sind diese Allmachtsphantasien von totaller Kontrolle und Aufhebung elementarer Rechtsstaatlichkeit natürlich abzulehnen. Gleichzeitig fehlt mir die Reflektion der Fanszenen bzgl. tatsächlich begangener Straftaten und Ordnungswidrigkeiten. Ganz abgesehen von einem grundsätzlichen Kodex, wie man sich in der Öffentlichkeit verhält. Und da spreche ich jetzt nicht von irgendwelchen Stickern, sondern aus dem Stegreif fallen mit folgende Sachen ein.
Nur mal aus der jüngeren Vergangenheit. Alles leicht zu googeln. Ja, der Fußball mag in den Stadion so sicher sein wie nie zuvor. Liegt halt daran, dass eh schon alles überwacht ist. Die beschriebenen Szenen sprechen aber eben eine andere Sprache als “Fußball ist sicher”. Und wer, außer den aktiven Fanszenen könnte da Abhilfe schaffen? Leider ist da offensichtlich der Korpsgeist doch immer noch höher angesehen, als das vernünftige und anständige Verhalten in der Öffentlichkeit.
Nachvollziehbare Argumentation, der ich auch beipflichte. Dennoch betrifft halt nur einer der von Dir aufgeführten Punkte das Stadionerlebnis direkt (Fußball ist sicher), die anderen das mal nähere, mal weitere Drumherum. Im Endeffekt geht es doch um die Relation und die Konsequenzen, die es nach sich zöge, wenn es wirklich so käme wie geplant.
Nennt es Hufeisentheorie oder Whataboutism, aber hinsichtlich der Straftaten oder Ordnungswidrigkeiten müsste das Oktoberfest dann aber auch ab sofort mit solchen Maßnahmen belegt werden, wenn man konsequent vorgehen möchte.
Ich sehe es tatsächlich als äußerst schwierig an, Tagestickets ausschließlich auf personalisierter Basis auszugeben. Dazu habe ich einfach schon zu oft gesehen und leider auch selbst erlebt, wie schnell Unbeteiligte oder Streitschlichter ins polizeiliche Visier geraten sind, weil dann in der Hektik nicht mehr differenziert wird.
Bin ich bei dir. Nur fällt es mir tatsächlich schwer, das so differenziert zu sehen. Diese Repressalien, welche ich für vollkommen überzogen halte, sollen im Endeffekt genau das Klientel treffen, welches m.E. für die oben genannten Punkte verantwortlich sind. Ich glaube, wir sind uns einig, dass das eigentlich auch Scheißaktionen sind. Und da würde ich mir mehr Reflektion in den Fanszenen wünschen, da ich tatsächlich den Eindruck habe, dass das alles gerne weggeschoben wird. Bei der ersten Aktion im Zug aus MM gab es glaub ich schon eine Ansage. Aber lang hat es halt nicht gehalten, wenn der aus Regensburg schon wieder demoliert wurde.
Nachträglich kommen mir noch die Szenen in Rostock gegen Dresden in den Sinn. Nur als Beispiel, dass es zwar statistisch erwiesen weniger Gewalt gibt, diese aber immer noch da ist.
“In den Farben getrennt, in der Sache vereint”
Ich bin beeindruckt, 20.000 Fans, hätte ich nicht so erwartet. Danke auch an die 100 Sechzger Fans, die dabei waren.
Kein Fan, der sich an die Regeln hält, kann sich ernsthaft gegen eine “mögliche KI-gestützte Gesichtserkennung” wehren.
Im Gegenteil, nur so können diejenigen, die glauben, sich permanent über bestehende Regeln hinwegsetzen zu dürfen, erkannt und endlich zur Rechenschaft gezogen werden.
Ob es es nun Pyro-Zündler, Schläger, Sachbeschädiger etc. sind, Auswärts oder Heim-“Fans”.
Sehe ich als Fan, der sich an die Regeln hält, komplett anders.
Ich will grundsätzlich nirgendwo KI-gestützte Gesichtserkennung und auch keine personalisierten Tickets. Und ich würde mich sehr wohl, sehr ernsthaft dagegen wehren.
Du findest es also in Ordnung, wenn jede*r überwacht (personalisierte Tickets, Gesichtserkennung) wird, nur weil er oder sie ins Stadion geht? Und Leute ohne Urteil ein Stadionverbot bekommen (also eine Strafe, ohne dass eine Schuld festgestellt wurde)?
Noch dazu, wenn das Stadionerlebnis für alle Beteiligten so sicher ist wie seit Jahrzehnten nicht.
Wenn du das wirklich in Ordnung findest, dann empfehle ich dir erstens dass du mal 1984 liest und zweitens dich nochmal mit dem Grundgesetz auseinandersetzt. (Und vermutlich würde weniger Boulevard-Lesen auch nicht schaden).
Ich habe kein Wort von einem Stadionverbot für Unschuldige geschrieben.
Dein letzter Satz ist ebenso unsachlich.
Das “Wer nichts zu verbergen hat, hat auch nichts zu befürchten” stirbt wohl nie aus.
Ich kann mich in den letzten 4 Saisons, seitdem ich wieder eine Dauerkarte habe, an keinen einzigen Vorfall in der Stehhalle erinnern, bei dem irgendjemand zu Schaden gekommen wäre. Keine Pyro, keine Schlägerei, und auch keine Sachbeschädigung. Insofern, nein, da gibts nix zu überwachen.
Als nächstes kommt dann noch die “KI-gestützte Mundbewegungserkennung”, um “die Stadien sicherer und zu einem Ort der Zusammenkunft zu machen” und dann kriegt man Stadionverbot ohne Einspruchsmöglichkeit, wenn man es wagt, einen Spieler, Schiedsrichter, oder gar den DFB zu beleidigen.
Wehre den Anfängen.
Ich habe auch kein Wort von der Stehhalle geschrieben.
Sondern davon, dass Straftaten bei Verwendung der Gesichtserkennung den Tätern zu zu ordnen sind. Diese können dann identifiziert, bestraft und mit Regress belastet werden.
Sowohl im Stadion, den Waschräumen (Stichwort Cottbuser im Sechzger ) und auch in Zügen (Stichwort “Sechzger” in Regensburg).
Wer kann ernsthaft etwas dagegen haben, dass solche Straftaten unterbleiben und dass, falls sie doch geschehen, bei Tätern, nicht beim Verein, sanktioniert werden?
Aber als Profilbild Kurve mit Rauchtöpfen verwenden, genau mein Humor….
Ich habe von Pyros, nicht von Rauchtöpfen geschrieben und unterstelle, dass Dir der Unterschied auch hinsichtlich der Gefahr geläufig ist.
Ist genauso verboten, was du ja anprangerst, aber für ein schönes Profilbild scheinen die Verbote doch nicht zu gelten.
Es geht auch um die Gefahr und da ist ein gewaltiger Unterschied zwischen Bengalos und Rauchtöpfen.
Wer kann ernsthaft etwas dagegen haben, dass die o.g. Straftaten unterbleiben und dass, falls sie doch geschehen, bei Tätern, nicht beim Verein, sanktioniert werden?
Wer bereit ist, Freiheit zu opfern, um Sicherheit zu gewinnen, verdient weder das eine noch das andere, und wird am Ende beides verlieren.