Ein neuer Text der – unregelmäßig – auf sechzger.de erscheinenden Artikelserie Poppular Demand von Sabine.
Manchmal fallen zwei Ereignisse auf einen Tag, die für mich beide eine große Bedeutung haben. Am vergangenen Sonntag waren das das Derby und mein dritter Jahrestag ohne Alkohol (und andere Drogen). Das Derby nimmt eine Löwin natürlich mit, auch wenn der Hype aus meiner Sicht zeitweise drüber war.
Aber das ist eine andere Geschichte.
Drei Jahre ohne Alkohol sind für mich ein Anlass, zurückzublicken. Ich werde häufig gefragt, wie ich zu dieser Entscheidung gekommen bin, wie es mir damit geht und ob mir etwas fehlt. Von vielen Seiten bekomme ich dafür großen Respekt, und dafür bin ich dankbar.
Mit dem Alkohol aufzuhören, war eine bewusste Entscheidung, eine Art Notbremse. Ich hatte gemerkt, dass ich unter Alkoholeinfluss nicht mehr gut auf mich aufpassen konnte. Ich sah den Alkohol als Verstärker meiner psychischen Probleme und wollte ausprobieren, ob es mir besser geht, wenn ich ihn weglasse.
Das war zunächst nicht der Fall.
Soziale Ängste werden schließlich nicht unbedingt kleiner, wenn man aufhört, sie mit Alkohol zu dämpfen. Und meine Leidenschaften haben viel damit zu tun, unter Menschen zu gehen: zum Fußball, ins Stadion und auf Konzerte. Das weiterhin zu machen, hat mich anfangs einiges an Überwindung gekostet.
Bei Konzerten, vor allem bei Hardcorekonzerten oder in der Straight-Edge-Szene, fiel mir das vergleichsweise leicht. Beim Fußball war es schwieriger, besonders bei den Löwen. Ich kenne dort wirklich viele Menschen und ich kenne auch die unterschiedlichen Auswirkungen, die Alkohol auf sie haben kann. Manche werden fröhlich und herzlich, manche überschreiten Grenzen und werden aufdringlich, andere aggressiv.
Das hat für mich oft bedeutet, lieber nach Hause zu gehen, statt den Abend in Giesing ausklingen zu lassen. Oder mich irgendwo allein hinzusetzen und nachzudenken.
In diesen drei Jahren hat sich das verändert. Ich fühle mich inzwischen sicherer und kann nüchtern Menschen besser einschätzen. Ich kann länger bleiben, auch wenn um mich herum getrunken wird. Vielleicht nicht unbedingt bis morgens um drei, aber doch ein paar Stunden länger als früher. Das klingt vielleicht nicht nach viel, ist für mich aber ein großer Fortschritt.
Ich habe meine Ängste nicht mehr mit Alkohol betäubt, sondern sie bewusst erlebt. Das war anfangs alles andere als angenehm. Aber dadurch konnte ich mich mit ihnen auseinandersetzen und besser verstehen, was in mir passiert. Die Ängste sind nicht einfach verschwunden. Aber ich habe gelernt, besser mit ihnen umzugehen und nicht mehr jede Entscheidung von ihnen abhängig zu machen.
Auch das Derby am Sonntag habe ich sehr bewusst erlebt. Die rollenden Bierflaschen auf dem Boden beim Fanmarsch, die Gesichter der Menschen, die Anspannung, die Dynamiken. Ich habe viel beobachtet und wahrgenommen, was um mich herum passiert. Ein Derby ist schließlich nicht nur das, was auf dem Platz stattfindet.
Am Abend war ich fix und fertig. Aber ich war auch glücklich. Ich hatte diesen Tag von morgens bis abends bewusst und mit all meiner Leidenschaft miterlebt. Ich musste nichts betäuben und nichts ausblenden. Ich war einfach mittendrin.
Wobei ich nicht behaupten möchte, dass ich besonders geduldig geworden bin. Wenn mir jemand zum zwanzigsten Mal dieselbe Geschichte erzählt, kann es schon passieren, dass ich sage: “Du, als du mir die Geschichte vor einer halben Stunde erzählt hast, klang das aber noch ein bisschen anders.”
Wenn man gemeinsam darüber lachen kann, ist das doch schon mal was. Und manchmal entwickeln sich aus solchen Situationen richtig gute und auch lustige Gespräche.
Ich muss nicht genauso trinken wie andere, um mit ihnen einen schönen Abend zu verbringen. Und ich muss auch niemanden davon überzeugen, dass mein Weg der bessere ist. Ich bin kein Missionar.
Trotzdem finde ich es schön, dass sich gesellschaftlich – zumindest teilweise – ein kritischerer Umgang mit dem Thema Alkohol entwickelt. Beim Fußball ist davon allerdings noch nicht allzu viel zu merken. Biertrinken gilt weiterhin als gesellig, fröhlich und beinahe unverzichtbar. Alkoholfreie Getränke im Stadion sind zu teuer und das Angebot ist zu klein.
Aber man kann sich arrangieren. In den Spätis und Tankstellen rund um Giesing gibt es genügend alkoholfreie Getränke. Und wenn andere Bier trinken, trinke ich eben etwas anderes.
Für mich wäre es jedenfalls keine Lösung, mich nur noch in der Straight-Edge-Szene zu bewegen und Situationen zu vermeiden, in denen Alkohol eine Rolle spielt. Ich möchte weiterhin auf Konzerte gehen, im Stadion stehen, Menschen treffen, lachen und diskutieren. Ich möchte meine Leidenschaften nicht aufgeben, nur weil ich keinen Alkohol mehr trinke.
Ich habe gelernt, besser auf mich aufzupassen. Nicht immer, nicht perfekt, aber besser. Ich muss niemanden bekehren und mich auch nicht aus einer Welt zurückziehen, zu der ich gehöre. Ich darf meinen eigenen Weg gehen, auch wenn andere einen anderen wählen.
Hold my ground. Das ist mein Weg. Und der führt mich weiterhin mitten hinein ins Leben und natürlich nach Giesing.
Hat das jetzt eigentlich noch was mit Fußball zu tun?
Egal.












Drück Dir die Daumen auf Deinem Weg.
Guter Text und noch bessere Lebensentscheidung.
Kann die Verfasserin sehr gut verstehen.
Bei mir war’s vor 2 Jahren, als ich nach einem heftigen Absturz dachte, jetzt wird es mal Zeit für eine Alkpause. Mittlerweile genieße ich die absolute körperliche Kontrolle und der tägliche Sport wurde intensiver und zur (Ersatz) Sucht.
Ich sag nicht, dass ich nie wieder Alk trinken werde, aber ich hätte damals nie gedacht, dass das so „befreiend“ wirken kann. Aber..jeder wie er mag..eh klar.
Wieder mal ein super Text von Sabine.