Mein Sohn hatte in den Wochen vor den Sommerferien mit der kicker-App kurzerhand entschieden, dass wir dieses Jahr den Sommerurlaub in Belgien verbringen werden und dort so einige Stadionbesuche absolvieren würden. Gesagt getan – bei mir rennt er da ja himmelweit geöffnete Türenein. Als erstes Spiel stand für uns direkt am Tag nach dem 1:1 unseres TSV 1860 München bei Rot-Weiss Essen ein Ausflug nach Lüttich in eins der sehenswertesten Stadien Europas auf dem Programm.

Lüttich – eine Fußballstadt

Es war nicht mein erster Besuch im Stade de Sclessin, das offiziell Stade Maurice Defrasne heißt. In meiner Zürcher Zeit hatte ich das Vergnügen im Jahr 2011 den FCZ bei Standard Lüttich in der CL-Qualifikation zu sehen. Damals natürlich im Gästeblock und mir blieben sowohl das Stadion als auch das Publikum als absolut spektukulär in Erinnerung. Als wir am Nachmittag in die Trambahn Richtung einsteigen, ist diese eher spärlich mit erkennbaren Fußballfans gefüllt. Aber man kann sich nicht verfahren, weil es nur einen Ttrambahnlinie gibt und diese ihre Endstation am Stadion hat. Lustigerweise ist ausgerechnet die Endhaltestelle gesperrt. Als wir ankommen, verstehen wir auch warum. Es sind so viele Fans in den engen Straßen Richtung Stadion unterwegs, dass die Trambahn schlicht nicht durchkommen würde. Außerdem klärt sich auf, warum nur wenige Standard-Fans in der Trambahn waren. Die sind alle schon da! Sie haben sich rund ums Stadion verteilt und verpflegen sich mit fester und flüssiger Nahrung.

Standard Lüttich Fans auf den Trambahngleisen unterwegs in Richtung Stadion
Überall rund um’s Stadion kann man sich mit Getränken und Essen versorgen

Alles läuft sehr relaxt ab und wir stellen und an einem der zahlreichen Stände einfach dazu und nehmen ein Kaltgetränk und genießen den Ausblick auf die möglicherweise steilsten Stadiontribünen der Welt. Ein wirklich beeindruckender Anblick:

Die steilen Tribünen des Stade de Sclessin von Außen

Das Publikum kommt einem so ein wenig wie bei 1860 in den Neunzigern vor. Eine bunte Mischung aus Allem. Es sind komplette Großfamilien über drei Generationen unterwegs, von denen drei Viertel der Entourage in feinste RSCL-Ballonseide Trainingsanzüge gehüllt sind. Genauso trifft man auf Normalos, Ultras und auch durchaus erkennbare Freunde der dritten Halbzeit. Uns fällt besonders auf, dass auch überdurchschnittliche viel ältere Herrschaften am Start sind.

Steil, steiler, Sclessin

Wir begeben uns dann auf unsere Plätze. Ich habe Plätze auf der Haupttribüne im dritten Rang gekauft, um die Steitlheit der Stadion wirklich genießen zu können. Die Eingangskontrollen sind bei uns lasch. Bei der Tribüne hinter dem Tor erkennen wir die guten alten Turnstiles englischer Prägung, da wird wohl schärfer kontrolliert. Nach dem tatsächlich etwas kräfteraubenden Anstieg bietet sich uns ein toller Blick auf Spielfeld und beide Kurven.

Blick auf’s Spielfeld von unserem Platz aus

Die Stufen sind so klein und so hoch, dass die Leute sich immer wieder gegenseitig helfen, um den Aufstieg bewältigen zu können. Was ich nicht wusste: Standard hat mittlerweile zwei Ultrakurven. Die “neue” und deutlich kleinere ist direkt neben dem Gästeblock und hier scheinen eher jüngere Semester zu stehen. Zu Spielbeginn wurde hier auch eine kleine Pyroshow zum Besten gegeben.

Der “neue” Ultrablock direkt neben dem Gästeblock

In der “traditionellen Kurve” sind wohl eher die alten Haudegen zu finden. Beide Ultragruppen versammeln sich im zweiten Rang. Die etwas aktivere Kurve ist schon die “traditionelle” Heimkurve, aber die Ultras auf der anderen Seite machen auch gut Stimmung mit etwas modernerem Liedgut als die “alten Haudegen”. Beide Kurven scheinen sich aber zu respektieren und singen mit, wenn die jeweils andere etwas anstimmt. Auch das restliche Publikum stimmt hin und wieder komplett in die Gesänge der beiden Kurven mit ein. Aus Dender sind nur etwa 100 Fans mitgekommen, die sich im volllkommen überdimensionierten Gästeblock etwas verlieren.

Die “traditionelle Heimkurve”

Das Spiel: eher Magerkost

Das Spiel findet nicht gerade auf hohem Niveau statt. Wir sind uns einige, dass 1860 und RWe hier durchaus mithalten hätten können. Ein guter Beleg dafür ist, dass ein alter Bekannter aus der dritten Liga, nämlich Dennis Eckert-Ayensa, den Führungstreffer für Standard schießt (65. Minute) und zu den auffälligeren Akteuren an diesem Abend zählt. Generell spielt es Standard in der Offensive viel zu kompliziert und es scheint, als ob der Trainer die Vorgabe gemacht hat, dass jeder Angriff erstmal zur Grundlinie geführt werden muss, um den Ball dann irgendwie auf einen Spieler im Rückraum zu bringen. So kann Dender, dass noch limitierter als Standard agiert, immer wieder Löcher in der Defensive schließen und weitere Gegentore verhindern. Dender gibt aber nicht auf und kommt in der 85. Minute durch Kvet zum etwas glücklichen Ausgleich. Standard ist geschockt und kann nicht mehr reagieren. So endet das Spiel 1:1.

Kollektives Frustessen nach dem Spiel

Den Standard-Fans ist anzumerken, dass sie vom Unentschieden enttäuscht sind. Dennoch wird das Stadion nicht einfach verlassen und nach Hause gegangen. An den Ständen inner- und außerhalb des Stadion bilden sich riesige Schlangen und die Menschen nehmen hier hier ihr Abendessen ein und diskutieren über das Spiel. Wir nehmen auch noch einen Snack und ein Bierchen (also ich, der Sohn kriegt brav ein Wasser). Danach machen wir uns auf zur Trambahn, die immer noch erst ab der vorletzten Station verkehrt. Sie ist wieder ziemlich leer für nach einem Fußballspiel, denn ein Großteil der Standard-Fans befindet sich noch in und um das Stadion, um das bei einem Snack und einem Bier revue passieren zu lassen. Alles in Allem ist der Besuch eines Spiels von Standard Lüttich definitiv empfehlenswert. Das steile Stadion Sclessin ist alleine die Reise wert. Wirklich positiv aufgefallen sind uns die Fans, für die ein Spiel von Standard weit mehr als 90 Minuten auf dem Feld sind.

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