Ein neuer Text der – unregelmäßig – auf sechzger.de erscheinenden Artikelserie Poppular Demand von Sabine. Sie hebt – bei aller Euphorie, die insbesondere nach dem vergangenen Freitagabend in Giesing herrscht – den Zeigefinger. Am Montag danach.
Freedom? There ain’t no fucking freedom!
Diese Textzeile von Cockney Rejects hat sich in meinen Kopf gespült, seit ich über unser erstes Heimspiel in Freiheit nachdenke.
Freiheit.
Ein großes und mächtiges Wort. Ein Wort, das bei Sechzig gerade ziemlich oft fällt und sogar auf der Brust unseres Trikots prangt.
Das erste Heimspiel in Freiheit liegt also hinter uns: Alle zusammen. Alle ziehen an einem Strang. Miteinander. Gemeinsam. In Einigkeit.
Superlative geben sich die Hand und das Farbenspiel des Himmels hatte sich beim Heimspielauftakt die größte Mühe gegeben, dem Ganzen einen wahrlich “epischen” Anstrich zu geben. Und doch schwanke ich zwischen Euphorie und Skepsis. Denn ich kenne Sechzig.
Sechzig war lange der Verein, über den alle gelacht haben. Der Chaosverein. Immer eine neue skandalöse Geschichte, immer irgendein Streit, irgendein Drama, irgendeine Katastrophe. Und der Größenwahn reichte sich dabei zuverlässig den Staffelstab.

Und jetzt beginnt also ein neues Zeitalter?
Freiheit. Gemeinsam. Einigkeit. Everybody’s Darling.
Und genau da werde ich misstrauisch. Denn mal ehrlich: Seit wann ist Sechzig everybody’s Darling?
Und will ich das überhaupt?
Es gab einmal diesen schönen Slogan: “Mehr Hass!”
Nicht selten hatte ich ihn beim letzten Spiel auf den Lippen.
Denn Fußball darf dreckig sein. Laut. Wütend. Unvernünftig. Hässlich.
Fußball muss nicht pädagogisch wertvoll sein. Er muss nicht immer klug sein. Und er muss schon gar nicht immer harmonisch sein.
Am Freitag stand ich in der Kurve und vor mir unterhielten sich zwei Menschen gefühlt eine halbe Ewigkeit über ihre Facharbeiten.
Während unten Fußball gespielt wurde. Ich dachte irgendwann: Leute, wir sind hier beim Fußball! Diskutiert eure scheiß Facharbeit woanders!
Und vielleicht ist genau das mein Problem mit der neuen, schönen Fußballwelt.
Denn auch Freiheit kostet ihren Preis. Mag ich es, dass auf unserer altehrwürdigen Anzeigetafel irgendein Sponsor steht?
Nein. Das mag ich nicht.
Ich will dabei gar nicht alles schlechtreden.
Im Gegenteil.
Es ist unglaublich viel Gutes passiert. Die aktive Fanszene hat sich enorm engagiert und etwas einzigartiges und hoffentlich nachhaltiges auf die Beine gestellt. Menschen haben Geld gegeben. Football for the People – ich mag diesen Slogan sehr, ähnlich wie ich immer “Reclaim the Game” sehr mochte.
Menschen haben Verantwortung übernommen. Sich solidarisch gezeigt.
Und man spürt diese Energie.
Ich finde das großartig.
Aber genau deshalb darf man sich darauf jetzt nicht ausruhen.
Freiheit ist kein Zustand, den man einmal ausruft und dann ist er da.
Freiheit muss ausgehalten werden.
Und Freiheit bedeutet auch, dass man den Menschen widerspricht, die gerade etwas Gutes auf die Beine gestellt haben.
Vielleicht sogar gerade dann. Denn Macht bleibt Macht. Und es ist selten gut, wenn eine Macht einfach durch eine andere ersetzt wird.
Auch dann nicht, wenn die Menschen, die sie haben, es gut meinen.
Auch dann nicht, wenn sie Sechzig lieben.
Macht muss kritisch betrachtet werden.
Immer.
Und mächtige Menschen müssen dazu angehalten werden, sich selbst kritisch zu betrachten.
Das ist keine Undankbarkeit.
Das ist Demokratie.
Und vielleicht ist es auch Fußball.
Denn ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass Sechzig plötzlich der Verein wird, den alle liebhaben.
Vielleicht würde mir sogar etwas fehlen.
Der Streit.
Der Widerspruch.
Der Wahnsinn.
Der Dreck.
Vielleicht sogar der Hass.
Nicht der Hass auf Menschen.
Sondern diese alte, widerspenstige, punkige Energie, die sagt: Wir lassen uns nicht alles gefallen. Auch nicht von denen, die es gut mit uns meinen. Wir bleiben unangepasst.
Denn vielleicht ist das die eigentliche Prüfung unserer neuen Freiheit. Nicht, ob jetzt alle miteinander klarkommen. Sondern ob wir uns trauen, auch in einem neuen, harmonischen, sauberen Sechzig unbequem zu bleiben. Ich hoffe, dass diese neue Zeit funktioniert.
Wirklich.
Vielleicht funktioniert sie sogar besser, als ich denke. Aber ich kenne Sechzig. Bei uns bleibt es nicht lange harmonisch.
Vielleicht ja diesmal doch?
Das wäre schön.
Aber Freiheit bedeutet eben auch, unbequem zu bleiben.
Und Fußball darf dreckig sein.
Also diskutiert eure Facharbeit in der Mensa – und schreit euch beim nächsten Spiel die Seele für unser freies Sechzig aus dem Leib!











Bei dem Satz “Aber ich kenne Sechzig. Bei uns bleibt es nicht lange harmonisch.” musste ich gleich an “meine bessere Hälfte” denken. Immer wenn sie sagt “Ich kenne Dich doch”, habe ich das Gefühl, jetzt liegt sie aber komplett daneben.
Ich finde diesen Kommentar extrem daneben. Gatekeeping ist Mist, egal ob es “die Meinen” oder “die Anderen” betreiben.
Habe ich im Stadion überhaupt was zu suchen? Ich bin ein salonlinker Gutmensch und nicht im Blaumann von der Schicht ins Stadion gekommen. Ich war die letzten 20 Jahre auf Grund diverser Umstände nicht oft im Stadion. Bin ich überhaupt “echt” genug für dich, Sabine?
Ich hatte meinen Sohn dabei, der, obwohl Lebensmitlgied, doch eher Teilzeit-Löwe ist. Der hat, als das Spiel in der 2. Halbzeit bisschen dahingeplätschert ist, mehr Aufmerksamkeit darauf verwendet, Becher zu sammeln, damit er sich das neue Barcelona-Trikot leisten kann. Andererseits ist er einer der 4000, von denen du kürzlich geschrieben hast. Was machen wir jetzt mit dem, Sabine?
Wegen mir darf jeder Hipster, den die aktuelle Welle der Solidarität anspült, kommen und bleiben. Wer gespendet hat, darf sich auch gerne feiern lassen. Football is for you and me. Punkt.
Keine Angst, über uns wird man noch sehr lange lachen. Wenn die Saison zu Ende ist und wir nicht aufgestiegen sein werden (was auch keiner, der sich halbwegs mit der Materie beschäftigt, annimmt), werden sie alle daherkommen und sagen: “Haha, war wohl nix mit euerer Wiedergeburt, ihr Spaßvögel”.
Durchatmen und Text nochmal lesen würd ich empfehlen.
Lieber Christian, so wie der Text geschrieben ist, MUSS er Widerspruch provozieren. Ob da eine dahinerstehende “Message” rüberkommt oder nicht, ist da unerheblich. Die Art wie hier darauf reagiert wird, finde ich erfrischend lebendig und vielfältig. Was will man mehr?
Super Kommentar. Danke.
Da fällt einem nur eins ein: WTF?!
Der Artikel fasst perfekt zusammen, dass Sechzig für jeden was anderes bedeutet.
Das geht fast schon wieder in die Diskussion Fan oder nicht- Fan, OG- Jünger oder Ruinenanbeter.
Mich langweilt es, dass jeder Individuell glaubt, dass er Sechzig definieren darf und damit entscheidet, was 14.999 andere im Stadion zu tun oder zu lassen haben.
Da ist das GWS nur ein Auszug aus dem Leben von über 80mio in DE oder hunderten von Millionen in Europa.
Sei mir ned böse, aber es steht Dir einfach nicht zu, dass Du Dich über Facharbeit der Kollegen im Stadion aufzuregen hast. Lass die zwei einfach machen.
Taugt es mir nicht, dann geh ich in der West woanders hin oder stimme einfach mehr im Gesang an, dann hör ich eh nix um mich rum.
X mal schon im GWS passiert.
Es ist nämlich einfach so, dass hier jeder zusammenkommt, ob ich ihn mag oder nicht, ob ich die Person riechen kann oder nicht, ob ich mit der Person reden kann oder nicht. Genau das ist aber das Stadionerlebnis.
Hunderte Leute genau 1x kennengelernt, gut unterhalten für ein Spiel und danach vergessen. Aber auch schon welche erlebt, die will ich auch nicht nochmal kennenlernen.
Aber alle gehen zu den Löwen und verdienen sich den Löwen auf der Brust.
Dein Artikel hat richtig gute Elemente, aber hängen bleibt bei mir, unbequem zu bleiben für eine Freiheit, die jeder anders definiert.
Wie wärs, wenn wir uns einfach alle mal in Ruhe lassen und jeder sein Ding machen kann.
Wenn jeder einfach mal etwas weniger über den anderen reden würde, dann wäre das Leben auch im Block nochmals entspannter. Aber viele glauben immer, dass sie Sechzig definieren und was besseres sind.
Reg ich mich über jedes Kind oder Jugendlichen auf, die vielleicht jetzt zu dem Löwen finden, weil wir halt cooler als die xTe Meisterschaft sind? Nein, jawohl. geil. her mit euch. Die Jungen sind die Zukunft.
Chance auf eine neue Hütte umgebaut in Giesing, die vielleicht nicht jedem taugt, weil des war früher halt besser? Ja, bitte, saniert die Bruchbude mit einem Dach und die Stimmung explodiert. Macht einfach.
Ist das Trikot nicht mein Geschmack, weil der xTe graue Blauton halt doch nicht meinem Auge gefällt. Ja, draufgeschissen. Es kommen eh 3-4 pro Jahr raus und dann kann jeder tragen was er will. Oder ich warte halt ein Jahr.
Steigen wir die Saison nicht auf? vielleicht auch nicht die nächste? Ja, mei, wird schon irgendwann passieren.
Bis dahin, freu mich auf jedes weitere Heimspiel und viele nette Leute von jung bis alt.
Auf die Löwen
Der Löwe neigt ja gerne zum Generalisieren. Der Ringelstätter hat es ja mal sehr treffend auf den Punkt gebracht.
Aber das wird mir manchmal schon etwas zu wild. Freiheit? Ist ja noch nicht mal gesagt, solange das Insolvenz Verfahren nicht Rum ist und alles juristische geklärt ist.
Da lobt man meiner Meinung nach den Tag schon sehr früh vor dem Abend.
2 Unentschieden und jeder stellt sich auf tabellarisches Mittelfeld ein. Puh…
Kann meiner Meinung nach alles passieren die Saison. Auf oder Abstieg. Niemand weiß es.
Die Verwaschung zum Hipster Klub, nachdem es ein Heimspiel gegeben hat und nicht gleich wieder der Grant hoch gekommen ist. Samma doch froh, dass es auch mal ein paar schöne Tage gibt. Und keine Sorge. Die grantigen und tristen Tage, an denen man wieder sein gesamtes Fantum in Frage stellt, kommen schnell genug.
Ich würde mir wünschen, dass die Vereinsführung bei allem Hoch einen kühlen Kopf bewahrt und entschlossen so weiter arbeitet.
Weil Rückschlüsse für die Zukunft kann man aus den letzten paar Wochen noch nicht ziehen.
Aber das genau bearbeitet doch der Text.
Kritisch & skeptisch bleiben!
Gerade nachdem ich gestern eine whattsapp mit dem Inhalt “Krass, unser Sechzig ist jetzt voll der scheiß Hipster-Club geworden!” bekommen habe, kann ich deine Zeilen sehr, sehr gut nachvollziehen.
Aber ich kenne mein Sechzig auch gut genug: Es gibt immer was zu tun. Es gibt immer was zu diskutieren. Und es gibt nie Zeit, sich auszuruhen!
Aber trotzdem darf man so Abende wie den Freitag einfach mal genießen, weil wir ihn uns wirklich alle gemeinsam erarbeitet haben. Aber ausruhen, dürfen wir uns nicht darauf!
Und beim Tennis und in der Uni sind wir auch nicht, da bin ich vollkommen bei dir!
Samstag in der S-Bahn zwei Jugendlichen zugehört, die sich darüber unterhalten haben, dass ein dritter Kumpel ja nur sagt, dass er Sechzger ist, weil das cool ist.
Da wusste ich auch nicht, ob ich mich freuen oder kotzen soll.
Sechzig ist schon immer cool.
Für jemanden wie mich, der nicht aus Giesing kommt, war 1860 schon vor immer cool.
Und da kenne ich noch mehr.
Kann ich schon irgendwo verstehen diese Reaktion. Wie wenn die Band, die man schon vor langer Zeit entdeckt hat, plötzlich jeder kennt. Auch da nervt’s, wenn sich nebenan ständig Leute unterhalten.
Trotzdem: Der Zuwachs an Mitgliedern, der zur Rekordanzahl von 29.000 geführt hat, kommt ja auch nicht von ungefähr. Da sind auch einige dabei, die über “Trendsportarten” wie Radsport, Padel oder die Running-Abteilung (ich sage bewusst Running, weil hipper als Joggen) dazu gekommen sind. Und wenn sich davon auch ein paar ins Stadion verirren, ist das ja auch nicht schlecht oder?
Diejenigen, denen es nicht so sehr um den Fußball geht, werden von sich aus früher oder später dem Stadion fernbleiben, wenn die erste Euphorie des Saisonbeginns etwas abebbt und der Event Charakter vielleicht etwas weniger wird. Und aus dem Rest werden vielleicht noch echte Fans, wer weiß…
Wer definiert denn wer ein “echter Fan” ist? Oder was muss ich erfüllen um mich dazu zählen zu dürfen? 😉
Ich sicher nicht 😉 Das mit den “echten Fans” war eher eine Anspielung auf den Grundton des Artikels und ein paar Kommentare hier. Im Grunde sollte das niemand definieren, weil das Fansein wohl etwas sehr individuelles ist.
Also die “Hipsterisierung” von Sechzig (und Giesing) – die ich persönlich auch ätzend finde – hat nun wirklich nicht erst jetzt angefangen. Dazu gehören u.a. auch die beiden eV Trikots (& eigentlich 90% des eV Fanshops), die ich persönlich aber auch beide habe und geil finde, so ehrlich müssen wir schon sein.
Nochmal, ich gebe euch Recht, als dass ich es auch lieber dreckig-workingclass hätte, aber gerade vor einer zu schnellen Vereinnahmung (im Stadion) schützt uns doch allein schon, dass 2/3 der Tickets über Dauerkarten vergeben sind. Gerade jetzt beim ersten Heimspiel können nicht viele “neue” Hipster im Stadion gewesen sein, da hatten alteingesessene Fans ohne DK schon Schwierigkeiten an Tickets zu kommen.
Geil oder ätzend? Hipsterisierung ist es nur, wenn’s die anderen machen, oder?