Ein herzliches Grüß Gott zur Taktiktafel vor dem Spiel gegen FC Ingolstadt 04, den neuen Verein unseres Ex-Trainers Michael Köllner und unseres ehemaligen Rechtsverteidigers Yannick Deichmann.

FC Ingolstadt – TSV 1860: Viele sprechen da von Derby, um diesen Terminus zu benutzen ist mir der Definition des Begriffs nach zu wenig echte Rivalität vorhanden. Sei es drum, das soll hier nun nicht das Thema sein.

Michael Köllner wechselt die Grundformationen der Schanzer bisher sehr häufig, das kannten wir von unserem Prediger aus Fuchsmühl bisher so eher nicht. Als er noch bei uns war, schien das 4-1-4-1 in Stein gemeißelt. Bei Experimenten in andere Systeme gab es häufig blaue Augen.

Wie stellt sich das nun beim FCI dar? 4-2-3-1, 3-4-1-2 und 3-4-3 waren bisher die gewählten Formationen der Ingolstädter. Grundsätzlich gingen die Schanzer ihre Spiele meistens mit im Raum gehaltenen Pressing auf unterschiedlichen Linien an, je nach Spielort (zuhause oder auswärts) und Ergebnis hoch oder mittel positioniert und mal mehr mal weniger erfolgreichen Versuchen, Pressingfallen in der eigenen Tiefe aufzustellen.

Auffällig ist, dass dann, wenn die Pressinglinie hoch steht, die Defensivlinie selten über ein mittleres Niveau heraus nach vorne schiebt, außer der FCI liegt hinten.

Bei eigenem Ballbesitz erkennt man bei den Ingolstädtern deutlich die Handschrift des gelernten Zahnarzthelfers aus der Oberpfalz. Viel läuft über die Flügel. Generell versucht Köllners Mannschaft das anzunehmen, was der Gegner anbietet und daraus das Beste zu machen. Bisher reichte es zu vier Punkten aus fünf Spielen.

Bevor wir zur Spielweise und den anderen wichtigen Informationen zu Ingolstadt kommen, wie immer die statistischen Werte des FCI bisher.

Statistische Werte des FCI 04

  • Ballbesitz: 42%
  • Passgenauigkeit: 78%
  • Defensive Zweikampfquote: 62%
  • Flankengenauigkeit: 41%
  • PPDA (zugelassene Pässe pro Defensivaktion): 12,35

Wie spielt der FCI?

Bei Ballbesitz

Systemunabhängig sieht es bei den Schanzern so aus, dass das Flügelspiel klar dominiert, wenn sie selbst den Ball haben. Obwohl deutlich erkennbar ist, dass die Mannschaft von Michael Köllner den kurzen Aufbau im Positionsspiel bevorzugt, schafft sie es eher selten, sich aus dem Pressing des Gegners zu befreien, wenn dieser hoch steht mit Kombinationsfußball über die Außenverteidiger und die/den Sechser aus dem eigenen Drittel. Der lange Ball bzw. der progressive Pass ist dann das Mittel der Wahl. Im Kampf um den zweiten Ball ist Ingolstadt dann allerdings oft erfolgreich und kann über dadurch entstehende Umschaltmomente nach kurzzeitigem Ballverlust über gewonnene Zweikämpfe im Mittelfeld ins letzte Drittel eindringen.

Das Spiel über die Flügel dominiert klar, die Flankengenauigkeit ist exorbitant hoch. Auch die Schussgenauigkeit bewegt sich in einem Bereich, der annehmen ließe, dass Ingolstadt besser dastehen sollte als es der Fall ist. Das Problem bei Ingolstadt ist oft die jeweilige Position des abgegebenen Schusses und somit die zu erwartende Wahrscheinlichkeit eines Treffers. Kommt Euch das bekannt vor? Mir auch.

Gegen den Ball

Wie oben schon geschrieben, ist das Pressing der Schanzer ehe raumorientiert als auf den direkten Ballgewinn ausgerichtet. In der Pressingreihe stehen oft allerdings nur zwei Spieler mit einer versetzt stehenden Dreierkette dahinter. Die fünf verbleibenden Feldspieler stehen meist gut im Raum gestaffelt, um die Pressingfallen für den Gegner aufzustellen, der zu weiten Bällen gezwungen werden soll. Im Detail sieht das so aus, dass der ballnahe Spieler in der Pressinglinie Druck auf den ballführenden Spieler ausübt und der ballferne Spieler gleichzeitig einen Passweg zustellt – je nach Situation den auf einen der Sechser oder auf den ballfernen Außenverteidiger.

In dem Moment, in dem ein Pass auf die schwache Seite der Kette erfolgt, stößt dann ein weiterer Spieler aus der Kette hinter der Pressinglinie, um entweder dort Druck auszuüben oder um die zentrale Position in der Pressingreihe zu übernehmen. Die nötigen logischen Verschiebungen nach vorne aus den anderen Mannschaftsteilen erfolgen dann oft zu langsam. So entstehen Lücken im Mittelfeld, die der Gegner zum Aufbau nutzen kann, wenn dessen Spieler mitdenken.

Im eigenen letzten Drittel ergibt sich bei Ingolstadt je nach gewähltem System ein Verteidigungsblock, der entweder eine 4-5 Formation vor der eigenen Box aufweist oder bei Dreierkette logischerweise zum 5-4 verschiebt.

Köllners Mannschaft verteidigt im eigenen letzten Drittel grundsätzlich gut und erfolgreich. Auffällig ist allerdings, dass die Spieler in den zentralen Schnittstellen oft zu weite Abstände haben, was den zentralen Steilpass bei schnellem Spiel des Gegners stark begünstigt.

Alles in allem lässt Ingolstadt sehr viele Schüsse im eigenen Zentrum nach Steilpässen dorthin zu.

Wie kann man Ingolstadt knacken?

Zunächst ist es von allergrößter Wichtigkeit, die Gefährlichkeit, die Ingolstadt über die Außenpositionen mit der hohen Flankengenauigkeit entwickeln kann, nicht zu unterschätzen. Die Flügel gegen den Ball daher doppelt besetzt zu halten und dort stark zu verdichten, halte ich für essentiell, um den FCI dort nicht zur Entfaltung kommen zu lassen. Schafft man es so, die Schanzer ins Zentrum zu zwingen, wird es schwer für den FCI Lösungen zu finden, denn dort sieht man bei den Aktionen häufig, dass Ideen fehlen und notwendige Rochaden, um Räume freizuspielen, nicht stattfinden.

Ähnlich sieht es aus, wenn man selbst im Angriff ist. Auf den Flügeln verteidigt Ingolstadt bärenstark und fast fehlerfrei im eigenen letzten Drittel. Im Zentrum findet man – wie oben beschrieben – allerdings oft die nötigen Lücken. Dazu muss jedoch sichergestellt sein, dass die Spieler, die dort agieren, das immer mit Tempo und viel Bewegung bewerkstelligen. Das bedeutet: Umschaltspiel und Konterangriffe aus einer kompakten Defensive heraus kann der Weg zum Erfolg gegen die Schanzer sein. Schnelle, ballsichere Spieler, die über die Zentrale oder die Halbräume mit vielen Rochaden auf den kurzen Wegen aus der Tiefe kommen, können entscheidend dazu beitragen, Ingolstadt das ein oder andere Tor einzuschenken.

Die Systemfrage

Die Systemfrage zu beantworten ist diesmal wahrlich nicht so einfach. Wie oben beschrieben, nutzte Michael Köllner in fünf bisherigen Spielen in der Liga drei Systeme. Nutzt er eines dieser Systeme gegen den TSV 1860 oder hat er aufgrund der Entwicklung, die der FC Ingolstadt bisher genommen hat, die Länderspielpause genutzt, um sich etwas gänzlich anderes auszudenken? Kommt er möglicherweise gar mit dem uns allen bekannten 4-1-4-1 um die Ecke? Darauf habe ich leider keine Antwort und der Taktikfuchs aus Fuchsmühl ist in diesem Punkt durchaus für eine Überraschung gut.

Wie würde ich das Team systematisch an Köllners Stelle auflaufen lassen, ist nun die Frage, die ich mir stelle. Ich würde die Grundformation 4-2-3-1 wählen und bei Ballbesitz auf ein 4-1-2-3 mit ballnah gependeltem Außenverteidiger verschieben lassen. Auf dem Feld entstünde dann bei Ballbesitz optisch ein asymmetrisches 3-4-3.

Gegen den Ball sähen die Verschiebungen, die ich meiner Mannschaft mit auf den Weg geben würde, im letzten Drittel zwei kompakte Reihen in der flachen 4-5-1 Formation vor. Vor allem deshalb, um die bisher für die Abwehr des FC Ingolstadt sehr gefährlichen Steilpässe in die Schnittstellen möglichst effektiv zu unterbinden.

Stärken und Schwächen des 4-2-3-1

Die Stärken

Gegen den Ball ist das 4-2-3-1 in der Zentrale und Richtung eigener Box sehr kompakt. Es gibt den Gegnern kaum Raum, um dort vernünftiges Passkombinationsspiel aufzuziehen. Auch gegen zwei oder drei Stürmer ist man durch die beiden defensiven Mittelfeldspieler gut abgesichert.

Nach Balleroberung kann das Spiel über die beiden Sechser relativ variabel gestaltet werden. Sowohl über die Flügel als auch über das Zentrum sind schnelle Angriffe möglich, wenn man die Lücken im Raum schnell erfasst und alle Offensivspieler ihre Laufwege situationsbedingt richtig anlegen. Oft schaltet sich einer der beiden Sechser auch aktiv und nicht nur als Ballverteiler in das Offensivspiel mit ein. Dadurch wird die Offensive als Ganzes schwerer auszurechnen.

Die Schwächen

Gegen den Ball ist ein Gegner, der gern über die Flügel angreift, schwer zu kontrollieren, da die Wege, um einen Spieler zu doppeln, relativ weit sind und die Doppelung vom Angreifer oft schon erkannt wird, wenn sich der doppelnde Gegner aus seiner taktischen Grundposition löst. Das führt bei guter Spielübersicht und genauem Passspiel zu viel Raum für die angreifende Mannschaft.

Die Mittelfeldspieler auf den Außenpositionen müssen außerdem ein extrem hohes Laufpensum bewältigen, wenn sie die gegnerischen Flügel unter Kontrolle halten wollen. Im Spiel nach vorne ist vor allem das Fehlen eines zweiten Stürmers ein großes Manko, da sich dadurch für den Spieler in der Sturmzentrale nur wenig Raum zur Entfaltung seiner Fähigkeiten bietet. Deshalb sind torgefährliche Mittelfeldspieler, die mit aufrücken, zwingend erforderlich, um im 4-2-3-1 erfolgreich zu sein.

Schlüsselspieler

Im Tor steht Marius Funk (#1). Der 1,87 m große Keeper beherrscht seinen Strafraum relativ gut, hat aber erkennbare Schwächen was Reflexe und das Spiel eins gegen eins betrifft. Er kann allerdings auf acht Bundesligaspiele (30 Gegentore) und fünf Einsätze in der 2. Liga (4 Gegentore) zurückblicken. In Liga 3 kassierte der 27-Jährige in bisher 48 Spielen 80 Gegentore. Funk ist sicher kein Torwart, der einer Abwehr Sicherheit vermittelt. Zur Bestätigung liegt sein xGa Wert (erwartete Gegentore) niedriger als die Anzahl der tatsächlich kassierten Treffer.

Innenverteidiger Simon Lorenz (#32), vielen noch bekannt aus dem ersten Drittligajahr des TSV 1860, ist der Schlüsselspieler des FC Ingolstadt in der Abwehrzentrale. Der zweitligaerfahrene Verteidiger blickt auf 84 Spiele im Unterhaus zurück. Er paart exzellentes Stellungsspiel mit überdurchschnittlichem Zweikampfverhalten und überlegtem Passspiel im Aufbau im Positionsspiel.

Mittelfeld

Über Yannick Deichmann (#20), den es im Sommer vom TSV 1860 zum FC Ingolstadt zog, muss ich wohl keinem der Leser etwas über dessen Stärken oder Schwächen berichten – die sind jedermann bekannt. Lediglich das Bäumchen-wechsel-Dich-Spiel seines Übungsleiters bezüglich der Positionen, die Deichmann bisher einnahm, ist erwähnenswert. Box to Box Spieler auf der Sechs, Rechtsaußen im Fünfermittelfeld und Rechtsaußen im Dreiersturm durfte er bisher spielen. Sind wir gespannt, was Köllner für ihn am Samstag in Petto hat.

Nachdem der andere Schlüsselspieler im Mittelfeld, Lukas Fröde, eine Rotsperre absitzen muss und Dittgen offensichtlich verletzt fehlt, haben wir in diesem Mannschaftsteil keinen Akteur, der sich bisher in dieser Saison dieses Prädikat verdient hätte.

Sturm

Jannik Mause (#7) ist mit drei Treffern der bisher erfolgreichste Torschütze des FCI. Der  diesen Sommer aus Aachen zum FC Ingolstadt gewechselte Spieler hat eine unfassbar gute Schussgenauigkeit, hohes Durchsetzungsvermögen, eine gute Zweikampfstärke und für einen Spieler, der meistens erst im letzten Drittel in Ballbesitz kommt, eine sehr hohe Passgenauigkeit. Auf ihn muss man höllisch aufpassen.

Fazit

Punkte müssen her- am besten drei. Ob das funktioniert, hängt stark davon ab, inwieweit die Mannschaft fähig sein wird, über die gesamte Spielzeit konzentriert zu bleiben. Spielt der TSV 1860 München phasenweise wieder hirnlos und einzelne Spieler wieder eigensinnig, können wir uns gegen eine vermutlich hochmotivierte Mannschaft des FC Ingolstadt 04 warm anziehen. Die Schanzer sind alles in allem besser als es das Tabellenbild bisher zeigt.

Der größte Schwachpunkt steht dort im Tor. Wenn man es schafft, das auszunutzen, kann es für die Löwen ein erfolgreicher Nachmittagsausflug werden.

Ich bin vorsichtig optimistisch und glaube, dass die Spieler des TSV 1860 mittlerweile alle verstanden haben, was die Stunde geschlagen hat und keiner mehr im falschen Moment falsche Entscheidungen treffen wird.

Sollte das Spiel in die Hose gehen, wird die Luft für den ein oder anderen sehr, sehr dünn werden. Hoffen wir auf das Gegenteil und darauf, dass der TSV 1860 gegen den FC Ingolstadt da anknüpft, wo Mitte August der Faden riss.

So könnte Ingolstadt beginnen

Datenquelle: Wyscout

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