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Oh Sechzgerstadion, wie Du uns doch fehlst! Die Emotionen, die anderen Fans, die Spannung, das Spiel und das Drumherum. Fußball in Zeiten von Corona ist weit entfernt von dem, was wir kennen- und lieben gelernt haben und dennoch kommen wir nicht davon los – und wollen es auch gar nicht. Doch nicht nur hier leiden Tausende Fußballfans unter den Restriktionen. Auch andernorts hat sich Vieles verändert, Gewohnheiten wurden gebrochen und Spieltag verlaufen ganz anders, als man es über Jahre hinweg zelebriert hat.

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Wir präsentieren Euch heute einen Gastbeitrag von Simon, seines Zeichens Fan des FC Luzern, der zu den 100 Glücklichen (?) gehörte, denen eine Eintrittskarte für das Super League-Match gegen den FC Basel am 21.06.2020 zugelost wurde bzw. die für das Spiel akkreditiert wurden. Er gewährt tiefe Einblicke in seine Gefühlslage und das Geschehen rund um ein Profispiel ohne Zuschauer. Viel Spaß beim Lesen!

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Luzern an einem Sonntagnachmittag Mitte Juni, Viertel nach drei auf der Uhr. Ich schwinge mich, wie immer etwas in Eile, auf mein Velo und mache mich auf den Weg Richtung Stadion. Um vier wird die Meisterschaftspartie meines FCL gegen den FC Basel angepfiffen. Dass ich ohne große Zeitreserve an ein Sonntagsheimspiel aufbreche, ist nichts Außergewöhnliches. Doch damit hat es sich bereits mit den Gemeinsamkeiten zu einem üblichen Matchtag. Denn ab heute und bis auf Weiteres ist fast alles anders: Wir befinden uns in der Corona-Krise, die zwar mittlerweile etwas entschärft, aber bei Weitem noch nicht ausgestanden ist. Praktisch weltweit hat der organisierte Fußballbetrieb für die letzten drei Monate geruht. Die letzte FCL-Partie ist satte vier Monate her: Am 22. Februar holten wir in Thun einen Punkt. Dass dies das letzte Fußballspiel im gewohnten Rahmen für lange Zeit sein sollte, konnte zu diesem Zeitpunkt noch niemand wirklich erahnen. Ganz zu schweigen von den Auswärtsfahrten wie an jenem Samstagabend. In einer Zehnerliga mit 36 Runden, zu vielen austauschbaren, charakterlosen Stadien und Sonntagsspielen wurden sie zum Salz in der über die Jahre recht fad gewordenen Suppe. Hätten wir das damals gewusst, hätten wir im Berner Oberland vielleicht „ no vöu blöder to“. Höhö.

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Von nun an werden Geisterspiele in der Schweiz dominieren. Gut, streng genommen sind es hauchdünn keine Geisterspiele, denn total dürfen 300 Leute ins Stadion. Nach Abzug von Spielern, Betreuer*innen, Funktionär*innen, Medienschaffenden und sonstigem Personal bleibt noch ein mickriges Kontingent für Zuschauende übrig. Bei uns in Luzern wurden dabei neben einigen Akkreditierungen per Los 30 SaisonkartenbesitzerInnen auserkoren, die je zwei Matchbillette erhalten haben. Insgesamt werden dem heutigen Spiel also an die 100 Zuschauer*innen beiwohnen. Solche Zahlen ist man sich sonst von schlecht besuchten Drittliga-Spielen gewohnt.

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Ich passiere den Schwanenplatz, wo in normalen Zeiten die Touristen-Massen das Stadtbild dominieren und den umliegenden Uhrengeschäften auf ihren Blitzbesuchen die Türen einrennen. All das fehlt im Moment, aber vermissen tu ich es nicht. Die Linkskurve bringt mich zur Seebrücke. Trotz Corona sind viele Leute unterwegs, aber vom bevorstehenden Fußballspiel ist nichts zu spüren, nicht einmal ein paar Meter weiter beim Bahnhof. So wie es draußen aussieht, sieht es auch in mir drinnen aus. Was sonst spätestens frühmorgens mit ersten (Sinnlos-)Chat-Nachrichten, Apéroabmachungen und Heißmachparolen beginnt und Kopf, Herz und Nerven vereinnahmt, bleibt komplett aus. Meine Gefühlslage ist gerade ein undefinierbares Potpourri aus Gleichgültigkeit, Anschiss, Ungewissheit, Traurigkeit und Selbstzweifel. Was ist schon ein Match ohne Kurve? Was soll ich damit? Warum liege ich nicht einfach irgendwo in die Sonne? Wie trostlos wird die Stimmung? Gibt’s überhaupt Stimmung? Wann wird’s wieder wie vorher? Warum geh ich nun doch ins Stadion, obwohl ich immer behauptet habe, dass Fußball in diesem Rahmen keinen emotionalen Wert für mich hat? Obwohl ich das ganze Funktionärsgehabe über die angebliche Systemrelevanz des Schweizer und noch mehr des Weltfußballs kritisiert habe? Wie kann ich nur so inkonsequent sein? Verrate ich mich nicht selber damit? Und vor allem meine Freunde, mit denen ich diese Leidenschaft teile? Und das bloß, weil ich mir mal in den Kopf gesetzt habe, die perfekte Saison zu schaffen? Bin ich damit nicht keinen Deut besser als die Verbände und Ligen, die sich für wichtiger nehmen, als sie sind?

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Abgesehen von all den Fragen in meinem Kopf, die mich seit der Bekanntgabe des Wiederbeginns beschäftigen, gestalten sich Spieltagsgefühle von Match zu Match ein wenig anders. Ein Auswärtsmatch mit vierstündiger Extrazugfahrt ins Wallis an einem heißen Samstag ist ein hoher Feiertag gegen einen müden Sonntagnachmittagskick zuhause in der Goldschüssel. Das heute ist aber noch einmal eine ganz andere Hausnummer. Immer wieder ertappte ich mich zuvor, wie mir wieder in den Sinn kam, dass ja heute noch ein Spiel ansteht. Aber trotzdem radle ich raus auf die Allmend. Im Wissen, dass ich heute auf der Haupttribüne Platz nehmen werde und nicht wie sonst mit allen anderen in der Kurve stehen kann, hält sich die Vorfreude auf den Match arg in Grenzen. Unser Stehplatzbereich hinter dem Tor ist geschlossen, genauso der Gästesektor. Gerade gegen Basel dürfte das stimmungstechnisch ein krasser Kontrast werden. Es fühlt sich an, als würde ich zu einem Pflichttermin fahren. Zu irgendeiner lästigen Sitzung. Wobei, gewissermaßen ist es eine Art Pflichttermin für mich. Der FCL ist mein Klub, seit sich der Fußball in meinem Leben eingenistet hat. Blauweiß zu unterstützen ist für mich eine Selbstverständlichkeit, egal wann, egal wo. Jeder langjährige Fußballfan kennt das: Die Sinnhaftigkeit dieser bedingungslosen Hingabe wird gar nicht erst in Frage gestellt. Zu oft schon ist der Versuch fehlgeschlagen, darauf eine stichfeste Antwort zu finden. Sogar dann, wenns gerade besonders scheiße läuft. „Warum mach ich das bloß?“ fragt man sich dann, um am nächsten Wochenende doch wieder in der Heimkurve zu stehen, wenn der Aufsteiger deine eigene Mannschaft sang- und klanglos mit 3:0 deklassiert. Spätestens beim nächsten Auswärtssieg ist der ganze Zweifel wie vom Winde verweht und die Fußballwelt dreht sich fröhlich weiter. War irgendwas?

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Auf der Zentralstraße, wo sonst für die Extrazugankunft der Gäste alles hermetisch abgeriegelt ist, winkt mir Steve, ein guter Kumpel aus der Kurve, vom Trottoir aus zu. Er spaziert mit seiner Liebsten im Arm seelenruhig in die entgegengesetzte Richtung. Ins Stadion geht er heute definitiv nicht. Die absurde Situation verdichtet sich geradezu in diesem Bild. Keine 200 Meter später erspähe ich aus dem Augenwinkel eine Handvoll befreundeter FCL-Jungs vor der Capitol-Bar. Mit ihnen zusammen wurde ich vor über zehn Jahren als Grünschnabel in der Luzerner Kurve sozialisiert, damals noch auf der altehrwürdigen Allmend. Ihren Fanatismus haben sie bis heute, ins – für Schweizer Verhältnisse – hohe Kurvenalter, beibehalten. Das bewundere ich an ihnen nach wie vor. Normalerweise stehen sie zu dieser Zeit schon im Block, an den Choreoseilen oder verteilen den Stelzbock. Okay, gelegentlich auch am Bierstand. So viel Gemütlichkeit darfs im mittlerweile reiferen Fan-Alter auch mal sein. Und nun, eine halbe Stunde vor Anpfiff eines FCL-Spiels, gönnen sie sich gemütlich einen Gerstensaft fernab des Stadions. Ich drehe kurz um für einen Schwatz. Den Match würden sie sich, wenn überhaupt, hier in der Capitol-Bar anschauen. Das Kribbeln, die Nervosität, alles nicht da. Als wärs irgendein Testspiel gegen einen Viertligisten. Wobei, ein solches würden sie angesichts des sonstigen Ligaeinheitsbreis ganz sicher vor Ort mitverfolgen. Damit tun sie es der restlichen Kurve gleich: Die USL, Dachorganisation der Luzerner Fans, hat, wie die meisten anderen ihrer Pendants in der Schweiz, verlauten lassen, dass sie keinen organisierten Support leisten wird, solange sich die Umstände nicht wieder komplett normalisiert haben.

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Etwas wehmütig verabschiede ich mich. „Guete Match!“ Ein weiteres Mal wird mir unmissverständlich vor Augen geführt, dass das heute kein Spiel wie jedes andere werden wird. All die bekannten Gesichter aus der Kurve begegnen mir bestenfalls über die ganze Stadt verstreut, aber ganz sicher nicht dort, wo ich sie am liebsten treffe: auf den Stehplätzen im Stadion. Auch vor der Zone 5, unserem Fanlokal, sieht es aus, als wäre Dienstagmittag. Niemand am Rauchen, keine leeren Bierflaschen auf dem Fenstersims, Schotten dicht.

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Irgendwann nach halb vier biege ich auf die Zielgerade ein: Vor mir der riesige, leblose Messevorplatz. Um diese Zeit muss ich dort normalerweise die hart antrainierten Slalomkünste mit meiner Stadtlimousine unter Beweis stellen, um die zahllosen Menschengrüppchen zu umkurven, die sich Richtung Stadion bewegen. Heute hingegen könnte ich problemlos blindlings und fadengerade auf meinen gewohnten Parkplatz zusteuern. Nichts deutet hier auf Schweizer Spitzenfußball hin. Alles ausgestorben. Ich schließe meinen Drahtesel an meinem Stammplatz ab und passiere den leeren Stadionvorplatz, auf dem sonst Festbänke, Raclettewagen und ein Bierzelt stehen. Normalerweise betrete ich das Stadion just an dieser Ecke, heute aber sind sowohl der Kurven-, als auch der Gegentribüneneingang geschlossen. Mein Weg führt mich an den Medien- und Spielereingängen vorbei zur südlichen Ecke der Haupttribüne. Als erstes erspähe ich einen Desinfektionsmittelspender und den dringlichen Hinweis, stets zwei Meter Abstand zu seinen Nachbarn zu wahren. Am Eingang erwarten mich zwei maskierte Ordner, die mir neben einem Matchpaket mit FCL-Fahne, Bier- und Sandwich-Gutscheinen ein Formular aushändigen, auf dem ich meine Personalien notieren und versichern muss, dass ich in den vergangenen zwei Wochen von etlichen Allerweltsgebrechen wie Kopfweh, Schnupfen oder Husten verschont geblieben bin. Und dass ich außerdem keinen Kontakt zu einer Person mit derartigen Beschwerden hatte. Ich komme mir vor, als würde ich gleich in ein hochgefährliches Chemielabor eintreten. Nachdem ich alles brav ausgefüllt habe, werde ich freundlich Richtung Stadionumgang verabschiedet. Dort zeigt sich das nächste ungewohnte Bild: Keine Menschenseele da, Absperrgitter mitten im Weg und verriegelte Bierstände. Bonjour Tristesse. Hier soll in wenigen Minuten ein Fußballspiel steigen? Ernsthaft?

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Durch das Mundloch schlendere ich in den Innenraum. Tatsächlich, da steht diese Liga-Sponsoren-Was-auch-immer-Roll-Tafel auf dem Platz. Ich suche mir einen – notabene gepolsterten – Sitzplatz neben den vielleicht 50 weiteren Zuschauer*innen aus. Selbstverständlich mit genügend Abstand, wie sich das für ein Fußballspiel gehört. In mir drin regt sich nichts. So kurz vor dem Anpfiff verspüre ich bestenfalls Lethargie. Zu diesem Zeitpunkt macht der Capo die Kurve normalerweise ein letztes Mal heiß, jeden Moment würde „Marmor, Stein und Eisen bricht“ aus hunderten Kehlen ertönen. Mein Blick schweift rüber zur Kurve. Weit und breit leere Betonstufen. Das ist nicht der FCL, den ich (hass-)lieben gelernt habe. Das ist viel eher ein großes Freiluftsitzungszimmer. Im Hochhaus direkt hinter dem Stadion haben sich einige „Zaungäste“ auf den Balkonen mit Fahnen eingerichtet. Kurz vor vier laufen die Mannschaften ein. Nicht gemeinsam, sondern gestaffelt. Die Ersatzspieler nehmen statt auf der Ersatzbank auf unserer Tribüne weiter unten Platz. So sieht es das Corona-Schutzkonzept der SFL vor.

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Anpfiff. Es ist gespenstisch ruhig, ich bin verunsichert. Sind in diesem intimen Rahmen meine sonst gängigen, impulsiven Ausfälle bei x-beliebigen Spielszenen deplatziert? Da hört mich ja jeder! Bei einer Sitzung schreie ich schließlich auch nicht einfach ungefragt „So ein Scheiß!“ in die Runde oder fahre dem Moderator an den Karren. Die Präsentation läuft gerade auf dem Rasen, also schaue ich ganz gesittet zu. Wobei, wenn ich ehrlich bin, fehlt in mir jegliche Anspannung. Was mache ich hier überhaupt? Von mir aus können wir mit 0:5 untergehen, denk ich mir. Gleichzeitig steht aber noch die Europa-League-Qualifikation auf dem Spiel. Mit Neo-Trainer Celestini sind wir sensationell in die Rückrunde gestartet, stellen sogar die beste NLA-Mannschaft im laufenden Jahr. Da könnte also noch einiges gehen. Und wer schon mal dabei war, der weiß, dass Europacup-Quali-Ausflüge schlichtweg das Geilste überhaupt sind, was man in einer Fankarriere eines durchschnittlichen Schweizer A-Ligisten erleben kann. Sie sind quasi das Himalaya-Salz in der Ligaalltagseinheitssuppe. Und das ist noch untertrieben. Was ist los mit mir? Solch rosige Aussichten, und ich liege wie ein Kartoffelsack teilnahmslos im Haupttribünensessel? Aber dieses Jahr ist eben alles anders. Wer sagt denn, dass überhaupt eine EL-Qualifikation gespielt wird? Die UEFA wird im Zweifelsfall definitiv nicht ihren Goldesel, die Gruppenspiele, kastrieren, sondern viel eher die lästige Qualifikation drastisch abkürzen oder gleich ganz streichen. Und selbst wenn nicht – ist es überhaupt realistisch, diesen Sommer europäische Spiele mit Zuschauer*innen auszutragen? Wohl kaum.

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Nach knapp fünf Minuten schaltet sich der Videoschiedsrichter ein, auf dem Platz steht alles still, die Tribüne hält den Atem an. Hier könnte man jetzt eine Stecknadel auf den Boden fallen hören. Es ist, als würde in unserer Sitzung nun der Remote-Teilnehmer das Wort ergreifen. Nur leider ist Schiri Fedayi San der einzige im ganzen Sitzungszimmer, der ihm zuhören kann. Der VAR, das jüngste Ungetüm des modernen Fußballs, bekommt in dieser Situation gerade eine zuvor unbekannte, absurde Dimension. Die ganze Szenerie wirkt wie eingefroren. Niemand der Akteure auf dem Platz und den Rängen traut sich, auch nur ein Pieps von sich zu geben. Und dann: Entwarnung. Es war kein Luzerner Hands im eigenen Strafraum. Weiter geht’s.

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Auf dem Rasen geht in der ersten Viertelstunde (noch) nicht die Post ab. Ich ertappe mich, wie sich mein Fokus auf das Geschehen um mich herum verschiebt. „Très bien, Ibra!“ – „Du, redt de Ibra äigentlech Änglisch oder Französisch?“ – „Auä scho Französisch.“ Zwei ältere Herren führen einen typischen Sitzplatzdialog, dessen Natur ich von den kindheitlichen Matchbesuchen mit meinem Vater noch gut kenne. Alles wird süffisant kommentiert, diskutiert, erschlossen und selbstverständlich – wo nötig – korrigiert. „Esch es Offside gsi, Roland?“ – „Jojo, aso be de Ballabgab scho.“ An einem gewöhnlichen Fussballspiel auf der Allmend wäre dieser Dialog im Stimmenwirrwarr untergegangen, aber heute haben die beiden Gesprächspartner quasi die Stimmhoheit auf der Tribüne. Jede und jeder darf daran teilhaben. Plötzlich wendet sich ein anderer Zuschauer mit einer – fast schon unverschämt lauten – Botschaft an Taulant Xhaka im Basler Dress, der nach einem Foul liegenbleibt und kurz gepflegt wird: „Use, Tauli!“ Und weil wir ja heute unter uns sind, kommt prompt die Antwort in unverkennbarem Baseldeutsch vom Platz: „Bes ruig, wennde d Reegle ned khennsch!“ Ein astreines Fachgespräch zwischen Zuschauer und Fussballprofi hat gerade stattgefunden, was sonst bei vollen Rängen nie möglich gewesen wäre. Schmunzelnd schweife ich in Gedankenspiele ab. Als Fußballromantiker – und zu denen zähle ich mich auch – eröffnet einem die aktuelle Situation ganz neue Möglichkeiten. Auf einmal ist man den Kickern auf dem Platz viel näher, fast könnte man meinen, man kenne sich persönlich von all den Spielen. Ist es nicht das, was wir mitunter doch so gerne am modernen Profifußball kritisieren? Hier die zahlenden und konsumierenden Fans, genau genommen ganz einfach die Kunden – und dort die großverdienenden, abgehobenen Fußballstars in ihrer Schönen-Welt-Blase, mit keinerlei Bindung mehr zu Verein und Fans. Gut, in der Schweiz ist diese Diskrepanz zugegebenermaßen nicht wirklich vorhanden. Da reden wir eher von den Stammgästen in der Königsklasse. Trotzdem fühlt es sich plötzlich an, als wäre jene Bindung immer da gewesen. So, als würde man seinen Freunden auf dem Dorfplatz beim lokalen Drittliga-Derby zuschauen, mit denen man nach dem Spiel in der Klubbeiz ein paar Hülsen kippt.

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Apropos Hülsen: Das Bier wird heute nicht an den üblichen Verpflegungsständen im Stadionumgang ausgeschenkt, sondern im kleinen Rahmen direkt aus der Teppichetage hinter der Glasfront. Der Barkeeper bedeckt das frisch gezapfte Bier mit einem Plastikdeckel und reicht es mir übe r den Tresen. Ganz umweltbewusst wende ich freundlich ein, dass ich keinen Deckel benötige. „Geht nicht, der muss drauf wegen Infektionsgefahr.“ Na dann. Auf dem Rasen zeigt der FCL inzwischen ein ganz munteres Spiel, und in der 23. Minute münzt Margiotta auf Pass von Ndiaye die Überlegenheit in den 1:0-Führungstreffer um. Instinktiv dreht er in klassischer Flieger-Pose in Richtung leere Gegentribüne ab. Das hat etwas Tragikomisches, denn dort ist niemand, der seine Freude mit ihm teilen könnte. Meine Sitznachbarn springen auf und jubeln. Mich aber berührt die frohe Kunde nicht so recht. Irgendwie hat es dieses spezielle Fußballspiel bisher nicht geschafft, mich auf Betriebstemperatur zu bringen. Ich spende einen artigen Applaus im Sitzen. Im Sitzen! Wiederum verliere ich mich in Gedanken. Könnte ich mich so nach einem FCL-Tor von außen beobachten, würde ich mich nicht wiedererkennen. Man sagt mir zuweilen nach, dass ich grundsätzlich ein gelassenes Gemüt sei. Im Fußballstadion würde ich das aber definitiv verneinen. Der ungebändigte Torjubel ist schließlich die Essenz ein jeder Fan-Existenz, die auch ich ausgelassen zelebriere. Denn für genau diesen Moment, wenn unsere Mannschaft ein Tor schießt, gehen wir alle doch immer und immer wieder ins Stadion. Diese kollektive, in Sekundenbruchteilen entstehende Eruption von total banaler und doch purer, unverblümter Glückseligkeit, die einen alles andere kurzzeitig vergessen lässt – sie ist die unberechenbare Droge der Fußballsüchtigen. Und ich, ich klatsche verlegen. Ich komme mir gerade vor wie eine gespaltene Persönlichkeit. Klar, ich will, dass der FCL Tore schießt, gewinnt. Ich bin nun mal FCL-Fan. Deswegen bin ich hier, seit Jahren. Und ja, ich freue mich über das 1:0. Dennoch will die innere, rationale Stimme einfach nicht verstummen, die mir ständig einzutrichtern versucht, dass ein solches Fußballerlebnis viel zu weit weg von jenem ist, das mich zu dieser Chose gebracht hat. „Wie kannst du so etwas unterstützen?“, fragt sie mich vorwurfsvoll. Ich habe keine schlagkräftige Antwort.

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Mittlerweile ist Pause. Zu meinem Erstaunen erspähe ich Tanzbär – warum auch immer er so genannt wird – zwei Reihen unter mir. Ihn treffe ich sonst eher auf einem meiner unregelmäßigen Besuche im Salon Erika der großartigen Winterthurer „Schützi“ oder auf anderen Bolzplätzen an, aber nicht an einem FCL-Spiel. Er spendiert mir ein Bier, und mich nimmt es wunder, was ihn hierher verschlägt. Er komme schon lange nicht mehr auf die Allmend, zu groß und anonym sei es ihm geworden. Lieber tingele er auf Grounds tieferklassiger Dorfvereine der Schweiz umher, weil ihm die familiäre Atmosphäre dort so gut gefalle. Dass er diese heute für einmal mutmaßlich auch auf der Allmend vorfinden würde, habe ihn angelockt. Ganz richtig vermutet, denke ich mir.

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Die zweite Hälfte beginnt, und ich bemerke, wie mich der Match nun doch zunehmend zu packen vermag. Immerhin heißt der Gegner Basel, und Blauweiß hat hier das Zepter eindeutig in der Hand. An sich ist dieser ansteigende Verlauf von emotionaler Vereinnahmung mit zunehmender Spieldauer nichts Außergewöhnliches. Je näher es gen entscheidende Phase geht, desto hektischer wird’s auf dem Platz, desto mehr geht das Publikum mit. Das ist bei mir selbstverständlich nicht anders. Ob das wohl auch am inzwischen dritten Bier liegt, an dem ich genüsslich nippe?

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Für einen Lacher sorgt in der 68. Minute eine Stadiondurchsage, die das Publikum freundlich bittet, das „Pfeifen mit der Trillerpfeife zu unterlassen“. Haben sich denn sogar unter die auserwählten 30 Gäste ein paar Chaoten geschmuggelt? Auszumachen war jedenfalls lediglich die Trillerpfeife des Schiris. Die letzte Viertelstunde läuft, als Taulant Xhaka – von unserer Tribüne seit dem frühen Rencontre als dankbare Zielscheibe jeglicher Sticheleien auserkoren – für einen historischen Moment sorgt. Auf den Zuruf, dass er sich zusammenreißen soll, entgegnet er unüberhörbar: „Heb din Schlitte, du huere Schissdrägg!“ Carlos Varela lebt! Zwölf Jahre nach der Kreation jenes geradezu poetischen Meisterwerks hat sich dieses scheinbar nicht nur bei Fans, sondern auch bei den Spielern im Fussball-Standardvokabular etabliert. Für Unterhaltung ist hier definitiv gesorgt, wenn auch auf eine andere Art als gewöhnlich. Ab und zu schallt ein kurzes „Ho, ho, hopp Lozärn“ ins leere Rund, und die 300 Zuschauer*innen fiebern ungefiltert mit dem Geschehen auf dem Rasen mit, ganz ohne Klangteppich aus der Kurve.

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Dann kommt die 81. Minute. Males läuft durch die komplett unmotivierte Basler Verteidigung durch an die Grundlinie und legt mustergültig auf Eleke zurück, der zum 2:0 einnetzt. Jawohl! Die Freude ist groß, diesmal springe auch ich auf und juble fast wie in guten, alten Tagen. Für einen Moment sind die Bedenken und die Zweifel weit weg. Stehende Ovationen kommen jetzt von den Rängen. Ich gönne mir noch ein Bier, und in der allgemeinen Heiterkeit geht der 2:1-Anschlusstreffer der Basler komplett unter, als ich am Bierfenster stehe. Ziemlich verwundert erfahre ich durch den Stadionsprecher von Cabrals Tor, als ich mich gerade hingesetzt habe. Sind keine Gästefans da, bejubelt auch niemand auf den Rängen ein Gästetor. Ganz einfach. Abgesehen von der fehlenden Tor-Benachrichtigung aus der Kurve hat ein Fußballspiel ohne Gästefans auch sonst einen faden Beigeschmack. Und das, obwohl man sie während der gesamten 90 Minuten auf mehr oder weniger höfliche Art ins Pfefferland zurückwünscht. Das gegenseitige Hochschaukeln von Emotionen, das Wechselspiel mit den Akteuren auf dem Platz, das alles findet mit zwei gegnerischen Kurven im Stadion mindestens doppelt so intensiv statt. Und seien wir ehrlich: Wer verabschiedet den Gegner schon nach einem zuckersüßen Sieg nicht gerne mit einem hämischen Ständchen? „Schön gsi, schön sender do gsi …“

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Schlusspfiff. Luzern schlägt Basel mit 2:1. Die Basler Auswechselspieler rund um den langjährigen Luzerner Publikumsliebling Valentin Stocker verlassen ihre temporäre Ersatzbank auf der Tribüne und zotteln Richtung Katakomben. Während vereinzelte Spieler auf dem Platz Interviews geben, sind die Feierlichkeiten auf der Tribüne so schnell beendet, wie sie begonnen haben. Man verabschiedet sich zügig, denn ein Siegesbierchen ist mangels geschlossener Bierstände unmöglich. Was nun wohl in der Kurve los wäre? Fast schon nostalgisch blicke ich auf die kahlen Betonstufen. Die Mannschaft auf der Ehrenrunde, ein majestätisches UFFTA, und dann das gemeinsame, abschließende Tänzchen mit zwei, drei bengalischen Lichtern. Blessing, der auf dem Weg in die Kabine gefühlte acht Mal zurückschielt und sich noch eine letzte Ehrerweisung erhofft. Von Bierbechern gesäumte Treppenstufen, am Boden klebende Schuhe, siegestrunkene Gestalten, die Richtung Ausgang taumeln. Das alles fehlt heute. Ich lasse meinen inneren Film ablaufen und verlasse das Stadion mit einem kräftigen Spritzer aus dem Desinfektionsmittelspender.

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Auf dem Weg zu meinem Velo werde ich unmittelbar wieder in den Alltag zurückgeworfen. Wiederum keine Spur von einem gerade beendeten Fußballspiel. Bei der Zughaltestelle auf dem Messeplatz treffe ich Tobi und seine Freunde im FCL-Dress. Sie wollten sich den Matchbesuch nicht gänzlich nehmen lassen und haben sich zum gemeinsamen Schauen auf dem Laptop vor Ort mit ausreichend Dosenbier entschieden. Eine weitere Möglichkeit, die kommende Corona-Zeit als Fußballfan zu bewältigen. Mit vielen Eindrücken im Gepäck verabschiede ich mich und steuere meinen Drahtesel in Richtung andere Seeseite. Bei einer Schale in der Abendsonne lasse ich die ganzen Erlebnisse sacken. Die ständigen Gedankenspielereien haben kaum dazu beigetragen, meine chaotische Gefühlslage zu ordnen. Trotzdem werde ich und alle anderen Fußballfans sich darauf einstellen müssen, dass unser Fußball in absehbarer Frist nicht zurückkehren wird und ich mit der Situation bestmöglich ins Reine komme. Immerhin bleibt dafür reichlich Zeit.

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