Für viele Löwen ist der Trip nach Leeds noch heute ein Höhepunkt ihrer Fankarriere und auch ich denke immer wieder gerne an die Tage in Yorkshire und Umgebung zurück. Ich nutzte die attraktive (wenn auch sportlich sehr undankbare) Auslosung, um eine Woche in England zu verbringen und mir noch ein paar weitere Matches anzuschauen. Insgesamt wurden fünf Spiele an fünf Tagen besucht, die Champions League-Quali an der Elland Road war der würdige Abschluss eines rundherum gelungenen Ausflugs.

Mein Flug ging von München nach Manchester, wo ich mich in einem günstig gelegenen Youth Hostel einquartierte und erstmal die Stadt erkundete. Ich war schon des Öfteren in England gewesen, jedoch noch nie in Manchester und das Erste, was mir auffiel, war, wie viele Leute im Hochsommer in Jogginghose und Trikot rumliefen. Dass Joggingstyle heute wieder trendy ist, ist eh klar, aber das war vor 20 Jahren. Aber mei, war halt auch das entsprechende Klientel…

Natürlich standen Abstecher nach Old Trafford und an die Maine Road (altes Stadion von City) auf dem Programm, Fußball wurde dort jedoch jeweils nicht gespielt und so folgte bereits am zweiten Tag der erste Ausflug: per Bus quer durch den Peak District National Park nach Huddersfield, wo die Terriers (aktueller Club von Christopher Schindler) just auf Leeds United trafen. Es war also direkt mal eine gute Gelegenheit, sich den kommenden Gegner anzusehen und die Peacocks taten das, was sie zu der Zeit am besten konnten: gnadenlos effektiv zuschlagen. United war keineswegs besser als die Gastgeber, nutze seine Chancen aber eiskalt und gewann mit 2:0.

 

Tags drauf verschlug es mich zu Oldham Athletic und siehe da, der Gegner hieß erneut Leeds United! Diesmal durfte jedoch eine verstärkte Reserve-Elf ran, die beim 1:3 gegen den unterklassigen Gegner nicht gerade gut aussah. Nette Anekdote am Rand: Ich hatte meinen 1860-Rucksack dabei und stand gerade in der Schlange, um mir mein Ticket zu kaufen, als mir ein älterer Herr auf die Schulter klopfte, mir erklärte, dass er Leeds abgrundtief hasse, Glück fürs Spiel wünsche und ach ja, er sei der Vater eines der Spieler von Oldham und hätte noch ne Freikarte übrig. So muss das sein.

Am folgenden Tag stand Match 3 auf dem Programm und auch diesmal ging es nicht ohne Leeds United. Diesmal trat die U19 bei der Herrenmannschaft von Salford City an. Der Club aus dem Vorort vom Manchester kickte damals noch jenseits von Gut und Böse (jetzt League Two, also viertklassig), ließ den Jungs aus Leeds jedoch nicht den Hauch einer Chance und siegte mit 5:2. Damals war der Verein noch sehr sympathisch, spätestens mit dem Einstieg mehrerer Manchester United-Legenden (u.a. die beiden Neville-Brüder, Ryan Giggs, Paul Scholes und David Beckham), der Veränderung der Klubfarben und des Wappens änderte sich dies jedoch nachhaltig. Schade eigentlich.

Tag 4, Match 4 – und diesmal tatsächlich ohne die Peacocks! Die Begegnung war indes irgendwie grotesk, denn der unterklassige Verein Stockport County hatte Athletic Bilbao zu Gast, um so das Testimonial eines seiner Spieler zu begehen. Zur Erklärung: In England ist es Usus, dass Vereine ein Freundschaftsspiel gegen einen attraktiven Gegner veranstalten, wenn einer der Spieler seit 10 Jahren im Club ist, wobei die Einnahmen komplett dem Spieler zugute kommen. Warum es in diesem Fall jedoch ausgerechnet die Basken sein sollten, konnte mir keiner erklären. Die Gäste bekleckerten sich nicht gerade mit Ruhm und gewannen nur durch ein Eigentor glücklich mit 2:1.

Und dann kam der Tag der Tage! 09.08.2000, Qualifikation zu Champions League, Elland Road!

Erneut stieg ich in den Bus, diesmal nach Leeds und dort angekommen wurde ich von einem Bauarbeiter (Look: Althool), der am Busbahnhof beschäftigt war, mit erhobener Mörtelkelle und den reizenden Worten “We’ll stab you!” empfangen. Liebe auf den ersten Blick sieht anders aus. Dies sollte aber tatsächlich die einzige unschöne Situation bleiben, ansonsten war das Verhältnis zwischen Löwen und Peacocks durchaus kameradschaftlich und sowohl tagsüber in der Stadt als auch später im Stadionumfeld wurde gemeinsam getrunken und gefeiert.

Rund 1200 Löwenfans (oder wie es Herr Lorant ausdrückte: “ein paar Hanseln”) fanden sich auf der Hintertortribüne ein, wo leicht überfordert wirkende Stewards darauf bestanden, dass man die Sitze auch ihrer Bestimmung folgend nutzen sollte. Pro forma kam man der Aufforderung nach, bei der nächsten Gelegenheit stand man aber wieder auf und so wiederholte sich dieses Spielchen immer und immer wieder. Der Support war alles in allem grandios, man hörte (außer bei den Gegentoren) quasi nur Sechzig. Dass dies selbst den Heimfans imponierte, bekam man bei den Post-Match-Bierchen wiederholt zu hören.

Aufs Spiel selber will ich gar nicht groß eingehen, weil das vermutlich eh jeder schon gesehen hat. Der Schiedsrichter hatte nicht seinen besten Tag, Leeds führte bis tief in die Nachspielzeit mit 2:0 und der Traum von der Champions League schien bereits nach dem Hinspiel ausgeträumt. Ein letzter Angriff, eine letzte Flanke und Paul Agostino schraubt sich hoch, kommt zum Kopfball und versenkt den Ball unhaltbar zum Anschlusstreffer. Ekstase pur, der Löwenblock explodiert und die Hoffnung ist mit einem Schlag wieder da. Ein Moment, den ich nie vergessen werde. Selbst heute, 20 Jahre später, läufts mit eiskalt den Buckel runter, wenn ich daran denke. Danach gings im Pub natürlich entsprechend euphorisch und beschwingt weiter, aber darüber breiten wir den Mantel des Schweigens… Wie und wann ich zurück nach Manchester kam, weiß ich gar nicht mehr, aber am Tag drauf stand auch schon wieder der Heimflug auf dem Programm, weil wiederum einen Tag später die Amateure in Elversberg kickten und da durfte ich natürlich nicht fehlen…

Dass das Kapitel Champions League zwei Wochen später dennoch endete, ist allseits bekannt. Trotz einer beeindruckenden Leistung und zahlreicher Großchancen unterlag man im Rückspiel im Olympiastadion vor 56.000 Zuschauern (nicht ausverkauft!) mit 0:1 und durfte fortan im UEFA-Cup teilnehmen, während Leeds bis ins Halbfinale der Champions League vordrang.

Doch auch für United folgte keine goldene Zukunft – ganz im Gegenteil! Wir hatten Euch die traurige Geschichte im Rahmen unserer Reihe “Investoren-Desaster” bereits erzählt, nun scheint ein Happy End in Sicht, denn nach zwischenzeitlicher Drittklassigkeit ist Leeds diesen Sommer unter Trainer-Gott Marcelo Bielsa endlich wieder in die Premier League aufgestigen.

 

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Schöne Erinnerungen. War ein klasse Trip damals!