Der Zaunfahnen-Brand beim Auswärtsspiel des TSV 1860 München in Schweinfurt hat die Debatte um Pyrotechnik mal wieder neu entflammt. Nach unserem Artikel, der ein Ende der Verbotspolitik und ein Pyro-Pilotprojekt nach norwegischem Vorbild vorschlug, hat sechzger.de im Bayerischen Landtag nachgefragt. Das Ergebnis überrascht: Bis auf die CSU fordern alle befragten Fraktionen sowie der Regierungspartner einen Paradigmenwechsel.

Der Vorfall von Schweinfurt untermauerte, was Fanforscher seit Jahren predigen: Die Kriminalisierung von Pyrotechnik und die drakonischen DFB-Strafen verhindern das Zünden nicht, sie machen es durch die erzwungene Enge und Heimlichkeit erst recht gefährlich.

Ein Blick nach Norwegen zeigt den Gegenentwurf: Dort wurde ein staatliches Pilotprojekt für das kontrollierte Abbrennen in ausgewiesenen Zonen aufgrund des enormen Sicherheitsgewinns gerade offiziell bis 2027 verlängert. Wäre ein solcher pragmatischer Weg, bei dem Verein, Feuerwehr und Polizei ein Sicherheitskonzept erarbeiten, auch für den TSV 1860 München auf Landesebene denkbar? sechzger.de hat alle demokratischen Landtagsfraktionen damit konfrontiert.

Die CSU beharrt auf der Null-Toleranz-Linie

Wenig überraschend hält die stärkste Fraktion im bayerischen Landtag, die als Dienstherr des Innenministeriums auch die polizeiliche Linie vorgibt, strikt am Status quo fest. Martin Stock, sportpolitischer Sprecher der CSU-Landtagsfraktion, erteilt Träumen von kontrollierten Zonen eine klare Absage.

„Fußball lebt von Leidenschaft, Emotionen und einer großartigen Stimmung in den Stadien. Dafür braucht es aber keine Böller oder Pyrotechnik“, stellt Stock auf unsere Anfrage klar. Er verweist auf die familiäre Struktur im Stadion und die Belastung der Einsatzkräfte: „Unsere Fans zeigen ihre Begeisterung mit Gesängen, Fahnen und lautstarker Unterstützung – und das unter hohem Einsatz unserer Polizei, die in Bayern bereits heute enorme Sicherheitsaufgaben rund um Fußballspiele übernimmt.“

In Zeiten einer angespannten Sicherheitslage gelte es, sehr genau abzuwägen, ob zusätzliche Risiken notwendig seien. „Deshalb sehen wir mögliche Pilotprojekte äußerst kritisch. Aus heutiger Sicht überwiegen jedoch die Sicherheitsbedenken klar den möglichen Nutzen“, so Stock, der für das weitere Vorgehen auf die laufenden Beratungen der Innenministerkonferenz und der Bund-Länder-Arbeitsgruppe verweist.

Freie Wähler kritisieren DFB-Doppelmoral

Dass die Haltung der CSU jedoch keineswegs unumstritten ist, zeigt die bemerkenswerte Antwort des eigenen Koalitionspartners. Hans Martin Grötsch, Generalsekretär der Freien Wähler in Bayern, widerspricht der reinen Repressionspolitik deutlich. Basierend auf seinen langjährigen Erfahrungen in der Fanpolitik (unter anderem im Fanbeirat des 1. FC Nürnberg) bewertet Grötsch das norwegische Modell als „sehr sinnvoll“. Er übt zudem ungewohnt scharfe Kritik an der Doppelmoral der Verbände: „Ich finde es widersprüchlich, wenn in Werbevideos oft mit der emotionalen Pyro-Stimmung geworben wird, die Fans im Stadion dafür aber verteufelt werden. Das norwegische Modell beendet dieses Messen mit zweierlei Maß durch klare, ehrliche Regeln.“

Grötsch erinnert an die enorme Kompromissbereitschaft der Fanszene um das Jahr 2011. Dass der DFB damals die Gespräche kurz vor einem geplanten Pilotprojekt in Hannover einseitig abbrach, empfand er als „maßlos enttäuschend“ – ein Schritt, der das Klima nachhaltig beschädigt habe. Umso mehr plädiert der FW-Generalsekretär nun für einen neuen Anlauf: „Ich würde ein Pilotprojekt in zwei oder drei Stadien über verschiedene Ligen hinweg ausdrücklich begrüßen. Wir sollten die Chance nutzen, die theoretischen Konzepte in der Praxis zu beobachten. Wenn Vereine wie der TSV 1860 München gemeinsam mit den zuständigen Behörden ein stimmiges Sicherheitskonzept vorlegen, ist das ein mutiger Weg, den ich unterstütze.“

SPD signalisiert Offenheit unter strikten Auflagen

Auch in den Reihen der größten Oppositionsfraktionen findet der Ruf nach einem Paradigmenwechsel breite Zustimmung. Arif Tasdelen, innenpolitischer Sprecher der SPD-Landtagsfraktion, räumt ein, dass es trotz strikter Verbotspolitik immer wieder zu unkontrolliertem Abbrennen komme, das unbeteiligte Stadionbesucher gefährde.

Innovative Ansätze aus Skandinavien beobachte die SPD daher mit Interesse: „Wenn so das illegale Abbrennen zurückgedrängt und Verletzungen vermieden werden können, sollten wir diesen Ansatz auch in Deutschland und Bayern prüfen.“ Angesprochen auf den TSV 1860 München nimmt Tasdelen die Münchner Behörden und den Verein in die Pflicht: „Sofern ein mit den Behörden, insbesondere Polizei und Feuerwehr, abgestimmtes tragfähiges Sicherheitskonzept vorgelegt wird, könnten wir uns eine Unterstützung eines solchen Pilotprojekts vorstellen.“

 

 

Grüne fordern den Weg aus der Eskalationsspirale

Maximilian Deisenhofer, sportpolitischer Sprecher der Grünen, zieht ebenfalls ein nüchternes Fazit der bisherigen DFB- und Regierungslinie: „Die letzten Jahre haben gezeigt, dass wir mit reiner Repression beim Thema Pyrotechnik nicht weiterkommen. Gleichzeitig hat das Abbrennen seit der Coronapause aus meiner Sicht nochmal massiv zugenommen. Ein Pilotprojekt nach norwegischem Modell würde ich auf jeden Fall befürworten. So könnte man Verletzungen und gegebenfalls auch die Strafen für die Vereine reduzieren.“ Einem Vorstoß stünde man positiv gegenüber, um Verletzungen und Strafen für die Vereine zu reduzieren.

Deisenhofer beweist dabei ein tiefes Verständnis für die Dynamik in den aktiven Fankurven. Er unterliegt nicht der Illusion, dass das illegale Zünden durch legale Zonen völlig verschwinden werde, „solange Pyrotechnik nicht nur als Stilmittel bei einer Choreografie benutzt wird, sondern von den Szenen auch als Protestmittel gebraucht wird.“ Dennoch – oder gerade deshalb – sei der Schritt hin zu Pilotprojekten essenziell, um aus der „Eskalationsspirale herauszukommen“.

Kalte Pyro: Ein Technik-Kompromiss, der spaltet

Ein interessantes Bild zeichnet sich bei der Frage nach „kalter Pyrotechnik“ ab, die deutlich kühler brennt und oft als harmloserer Kompromiss gehandelt wird. CSU-Mann Stock lehnt diese vehement ab: „Auch sogenannte ‚kalte Pyrotechnik‘ ist keineswegs ungefährlich.“ Rückendeckung bekommt er in diesem speziellen Punkt von der SPD. Arif Tasdelen betrachtet die Ersatz-Fackeln mit Skepsis: „Sie brennt auch bei 200 Grad. Zudem wäre es für die Polizei schwer bis unmöglich, im Einsatz zulässige und unzulässige Pyrotechnik zu unterscheiden.“

Die Freien Wähler und die Grünen hingegen sehen in der kalten Variante einen „vernünftigen Kompromiss“ (Grötsch) und einen legitimen Baustein, um „Sicherheit und Leidenschaft endlich wieder in Einklang zu bringen.“

Pyro-Pilotprojekt: Der Ball liegt beim TSV 1860 München

Die exklusive Umfrage von sechzger.de im Bayerischen Landtag zeigt ein interessantes politisches Bild: Die Befürworter von Prävention und kontrollierten Pilotprojekten nach norwegischem Vorbild sind deutlich in der Überzahl. SPD, Grüne und sogar der Regierungspartner der CSU, die Freien Wähler, bescheinigen der aktuellen Verbotspolitik ihr Scheitern und ermutigen zu neuen, pragmatischen Wegen.

Dass das CSU-geführte Innenministerium den größten Stolperstein auf diesem Weg darstellt, liegt in der Natur der Sache. Doch die Argumentation der stärksten Fraktion geht an der empirischen Realität in den deutschen Fankurven schlichtweg vorbei. Wenn die CSU betont, dass es für Emotionen keine Pyrotechnik „brauche“ und auf die Arbeit der Polizei verweist, ignoriert sie einen unumstößlichen Fakt: Verbot und Polizeipräsenz hin oder her – die Kurven brennen an jedem Wochenende. Wer diese Lebensrealität der Ultraszene ideologisch ausblendet und weiter stur auf Repression setzt, zementiert genau jene gefährlichen Zustände der Heimlichkeit, die in Schweinfurt zum Brand geführt haben.

Die breite politische Flanke für einen anderen Weg ist nun jedoch geöffnet. Für den TSV 1860 München bedeutet das: Die Tür für einen proaktiven Vorstoß ist politisch so weit offen wie lange nicht mehr. Wenn das Präsidium und die KGaA gemeinsam mit der Fanszene und den städtischen Behörden in München ein wasserdichtes Konzept erarbeiten, könnte man nicht nur die unsinnigen DFB-Geldstrafen eindämmen, sondern bundesweit zum Vorreiter für eine sichere, lebendige Fankultur werden.

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D.Pest

Schon der rote Reiter hat die Quantität der blauen Stimmen unterschätzt. Das müsste der CSU zu denken geben..

Kraiburger

Kommt mir ein wenig vor wie die Kiff-Legalisierung!

Da kommst mit Vernunft, Argumenten und sogar einem bundesweiten Gesetz ja auch nicht an die CSU ran.

Bruck Loewe

Dann halt bei Flutlichtspielen Wunderkerzen statt Bengalo 😂

Wie beim Eishockey.Obwohl jetz kaum noch zu sehen und zu Hedos-Zeiten schon “offiziell verboten”.

Als ich beim letzten Spiel der Haie im SAP-Garden meine Wunderkerzen im Gästeblock verteilt hab und später zum Getränke holen raus bin gabs erst “böse Worte” von einem Ordner,die Polizisten meinten aber “es schaut besser aus als das Leuchten der Handytaschenlampen