Ein brennendes Banner beim Auswärtsspiel des TSV 1860 München in Schweinfurt führt die Gefahren unkontrolliert gezündeter Pyrotechnik schonungslos vor Augen. Statt immer höherer Geldstrafen bedarf es im deutschen Fußball einer ehrlichen Debatte über kontrolliertes Abbrennen. Ist es Zeit für einen Paradigmenwechsel? Ein Blick nach Skandinavien zeigt, dass es auch anders geht.
Die Fehler im System: ein gescheiterter Status Quo
Es sollte ein stimmungsvoller Support werden, endete jedoch in vereinsinternem Ärger und einer gefährlichen Situation: Beim Auswärtsspiel des TSV 1860 München beim 1. FC Schweinfurt 05 fing durch unachtsames Hantieren mit Bengalos die große “Mein Verein für alle Zeit”-Zaunfahne Feuer. Dieser Vorfall illustriert den Kern eines ungelösten Problems im deutschen Fußball. Die Kriminalisierung von Pyrotechnik verhindert deren Einsatz nicht – sie schafft vielmehr erst die Rahmenbedingungen, die ihn unberechenbar und gefährlich machen.
Seit Jahrzehnten verfolgen der Deutsche Fußball-Bund (DFB) und die Deutsche Fußball Liga (DFL) eine strikte Null-Toleranz-Politik. Begleitet wird diese von scharfen Einlasskontrollen, Stadionverboten und immensen Geldstrafen für die Vereine. Doch die empirische Realität in den deutschen und europäischen Fankurven sprechen eine gänzlich andere Sprache. Pyrotechnik ist aus der Ultrakultur nicht wegzudenken und wird trotz aller Sanktionen an jedem Wochenende flächendeckend eingesetzt.
Die drastischen DFB-Strafen, die sich in den Profiligen schnell auf fünf- bis sechsstellige Beträge summieren, verfehlen ihren präventiven Zweck dabei vollständig. Sie füllen primär die Kassen des Verbandes, stürzen aber insbesondere unterklassige Vereine in empfindliche finanzielle Nöte. Ein Lerneffekt auf Seiten der verursachenden Fans bleibt nachweislich aus; das Zünden wird als Teil der freien Fankultur verstanden und gegen alle Widerstände verteidigt.
Das Risiko der Illegalität: Enge, Hektik und Unachtsamkeit
Das starre Festhalten am Verbot zwingt die aktive Fanszene dazu, Pyrotechnik in dicht gedrängten Blöcken zu entzünden – ohne den nötigen Platz und oft unter großer Hektik, um einer Identifizierung zu entgehen. Genau diese Kombination aus fehlendem Raum und der Illegalität der Aktion führt zu der Unachtsamkeit, die Vorfälle wie den Brand in Schweinfurt maßgeblich begünstigt. Wenn mit über 1.000 Grad heißen Fackeln in der Enge der Kurve hantiert wird, reicht eine kleine Unachtsamkeit, um umstehende Personen oder Material zu gefährden.
Würde das Abbrennen entkriminalisiert und in einen regulierten Rahmen überführt, könnten essenzielle Brandschutzmaßnahmen greifen. Die Gleichung ist simpel: In ausgewiesenen Bereichen ließen sich die nötigen Sicherheitsabstände wahren, sodass Unachtsamkeiten im dichten Gedränge gar nicht erst zu einer Gefahr werden. Löschmittel wie Sandeimer könnten bereitgestellt und sichergestellt werden, dass ausschließlich geschulte und nüchterne Personen agieren.
Der Blick über den Tellerrand: Norwegen liefert den Erfolgsbeweis
Dass ein reguliertes Modell kein utopisches Konstrukt ist, belegt Norwegen mittlerweile eindrucksvoll in der Praxis. Dort startete die Regierung in enger Zusammenarbeit mit Fanverbänden bereits zur Saison 2024/2025 ein offizielles Versuchsprojekt in den ersten beiden Ligen. Die Ergebnisse sind derart positiv, dass das norwegische Justiz- und Kulturministerium die Sondergenehmigung im Frühjahr 2026 offiziell bis zum Ende der Saison 2027 verlängert haben. Die staatliche Evaluierung ergab klar: Die Regelung erfüllt ihren Zweck und reduziert die unkontrollierte, gefährliche Nutzung signifikant.
Dass “legal” hierbei nicht “völlig unreguliert” bedeutet, veranschaulichen die strengen Parameter, unter denen das Zünden in Norwegen abläuft. Sie bilden den exakten Gegenentwurf zum unachtsamen Hantieren im Block:
- Klare Zonen: Es gibt maximal zwei definierte und ausgeschilderte Bereiche pro Arena. Diese verfügen über gekennzeichnete Fluchtwege und gewährleisten klare Sicherheitsabstände.
- Strenge Kategorisierung: Es sind ausschließlich zugelassene, handgehaltene Bengalos der Kategorie P1 erlaubt.
- Personenbezogene Auflagen: Wer zündet, muss über 18 Jahre alt, nüchtern und für den Umgang geschult sein. Zudem ist eine Identifizierbarkeit zwingend erforderlich – Vermummung ist ausgeschlossen.
- Inklusion und Gesundheitsschutz: Das Abbrennen muss so geschehen, dass Personen mit gesundheitlichen Einschränkungen (z. B. Asthma) nicht gefährdet oder vom Stadionerlebnis ausgeschlossen werden. Vor jedem Spiel muss zudem proaktiv die Feuerwehr informiert werden.
Bemerkenswert: Der norwegische Fußballverband setzt auf Kooperation statt Eskalation und hat im Zuge dessen sogar die Geldstrafen für das weiterhin verbotene, unkontrollierte Zünden gesenkt.
Auch in Deutschland gab es bereits vielversprechende Ansätze: Im Februar 2020 genehmigten die Behörden und der DFB beim Zweitligaspiel des Hamburger SV gegen den Karlsruher SC erstmals offiziell das kontrollierte Abbrennen von Rauchtöpfen im Stadioninnenraum. Dass die Erkenntnis eines nötigen Paradigmenwechsels allmählich breiteren Rückhalt findet, zeigte zuletzt auch ein Vorstoß der FDP in der Bremer Bürgerschaft, die sich explizit für Pilotprojekte für sichere, legale Pyrotechnik aussprach.
Pragmatismus statt Ideologie
Das Festhalten am Status quo ist angesichts der Faktenlage weder sicherheitstechnisch noch wirtschaftlich zielführend. Das ewige Katz-und-Maus-Spiel zwischen Fans, Vereinen und Verbänden bindet enorme Ressourcen und erhöht die Gefahr in den Kurven durch Enge und Unachtsamkeit, anstatt sie einzudämmen.
Es ist an der Zeit, dass DFB und DFL die ideologischen Gräben verlassen und sich einer pragmatischen Lösung öffnen, wie sie in Skandinavien längst bewiesene Realität ist. Ein legaler, regulierter Rahmen für den Umgang mit Pyrotechnik würde die Gegebenheiten in den Stadien anerkennen, Emotionen respektieren und gleichzeitig das höchste Gut im Fußball schützen: die körperliche Unversehrtheit aller Zuschauer. Der Vorfall in Schweinfurt sollte nicht der Anlass für die nächste unverhältnismäßige Geldstrafe sein, sondern der Startschuss für ein längst überfälliges Umdenken.
Soll 1860 proaktiv vorangehen?
Warum sollte ein Traditionsverein mit einer der größten und lebendigsten Fanszenen des Landes nicht proaktiv den Weg des norwegischen Modells vorschlagen? Die Löwen-Führung könnte den Vorfall von Schweinfurt nutzen, um mit einem klaren Konzept auf den DFB, die lokalen Sicherheitsbehörden und die eigene Fanszene zuzugehen. Das Angebot: Der TSV 1860 München stellt sich ab der kommenden Saison als offizielles Pilotprojekt zur Verfügung.
Nutzt man die verbleibenden Wochen der aktuellen Spielzeit, um sich gemeinsam an einen Tisch zu setzen und strenge, aber legale Rahmenbedingungen zu erarbeiten, ließe sich beweisen, dass passionierte Fankultur und maximale Sicherheit keine Gegensätze sein müssen. Es wäre ein mutiger, aber längst überfälliger Schritt. Wer das Problem der Pyrotechnik wirklich lösen will, darf nicht länger nur reagieren und sanktionieren – er muss aktiv eine sichere Alternative gestalten.










