Tatort Sechzgerstadion, gestern Nachmittag gegen 15:55 Uhr: Sascha Mölders wird im Interview mit dem BR laut und deutlich: “Vor der Saison waren wir Abstiegskandidat Nummer eins, jetzt stehen wir relativ gut da und du redest von einer Krise, ich hab kein Bock mehr.” Sprach er und zog von Dannen. Diesem – ich darf es vorwegnehmen – aus meiner Warte völlig berechtigten Wutausbruch war nicht nur ein extrem emotionales Fußballspiel vorausgegangen, in dem sich das Team, dem Mölders als Kapitän vorangeht, durchaus als vom Schiedsrichter benachteiligt bezeichnen durfte. Nein, in den sieben Tagen zuvor hatte die Münchner Medienlandschaft wieder einmal ganze Arbeit geleistet:  Der einst stolze TSV  München von 1860 e.V. stand – so der Eindruck – kurz vor seiner Auflösung. Und wenn es nicht den ganzen Verein mit seinem vielschichtigen Breitensportangebot erwischen sollte, dann zumindest die gleichnamige Fußballgesellschaft.

Nachdem zehn Löwen im Spiel gegen elf mauernde Uerdinger zum Auftakt in die Englische Woche mit den Spieltagen elf, zwölf und 13 der 3. Liga lediglich ein beschämendes 0:0 zu Wege gebracht hatten (Achtung: Ironie), ging es am Dienstag vor dem Spiel in Paderborn gegen Aufsteiger SC Verl richtig los: Eine Boulevardzeitung entschuldigte sich zwar im Fließtext für das grauenhafte Wortspiel in der Schlagzeile und erläuterte auch, warum man der Ansicht sei, dass in Ostwestfalen „VERLieren verboten“ sei – so richtig überzeugend kam die Erklärung aber nicht daher und die Unterstellung, es ginge mit einer solchen Titelzeile doch nur um die Klicks, darf geäußert werden. Am selben Tag kopierte ein Onlineblog nicht nur das Wortspiel, sondern rief gleich noch die „Woche der Wahrheit“ aus. Das klingt dramatisch, das mögen wohl auch jene Anhänger, für die Sechzgerspiele in der 3. Liga schon per se völlig unter der eigenen Würde sind. Mit der Realität hat das halt nur wenig zu tun. Nachdem sich das vorsaisonale Gejammer, mit „diesem Kader“ hätte man in der Liga keine Chance, nach ein paar Spielen – wie durch ein Wunder – in die bedingungslose Forderung nach dem sofortigen Aufstieg in die 2. Liga umgewandelt hat, am besten noch vor dem Weihnachtsfeste, bleibt der neutrale, außenstehende Betrachter völlig ratlos zurück: Spinnen die, die Löwen?

In Paderborn wurde dann nicht VERLoren (langsam beginnt mir dieses Wortspiel direkt zu gefallen 😊), sondern die Löwen erkämpften gegen einen starken Aufsteiger in einer spannenden Partie einen verdienten Punkt. Für die medialen Ansprüche aber schon wieder viel zu wenig. Gestern folgte dann zum Ende der Englischen Woche die von Teilen der berichtenden Zunft zum „Spiel um die Nummer Zwei im Münchner Fußball“ hochstilisierte Partie gegen einen weiteren ambitionierten Aufsteiger. Und zum dritten Mal in dieser „Woche der Wahrheit“ erkämpften die Löwen – erneut in Unterzahl – ein leistungsgerechtes Remis.

Damit wir uns richtig verstehen: Auch wir von sechzger.de sind mit Leidenschaft, mit Euphorie und auch mal mit tiefer Depression bei unseren Löwen dabei. Aber um vor dem Spiel ein Kribbeln zu erzeugen, müssen wir weder mehrmals die Woche Endspiele um die Existenz (oder eben die „Wahrheit“) ausrufen, noch durch an den Haaren herbeigezogene Weltuntergangsszenarien die Mannschaft zusätzlich unter Druck setzen. Uns, und wir glauben und hoffen, da für zahlreiche Löwenfans zu sprechen, reicht die Freude am Fußballspiel, die Spannung aufgrund der Unsicherheit, vorher nicht zu wissen, wer nach 90 Minuten als Sieger vom Platz geht. Und gerade in durchaus als ernst zu bezeichnenden Zeiten wie diesen, in denen eine Pandemie die Menschen beschäftigt und nicht Wenige um ihre (wirtschaftliche oder gesundheitliche) Lebensgrundlage fürchten, ist es besonders verwerflich, die schönste Nebensache der Welt permanent in den Rang des Existenziellen zu heben.

Vielleicht ist das ganze Dramatisieren rund um die Löwen aber auch für eine Sache gut: Trainer Michael Köllner scheint das Schauspiel mitunter zu amüsieren. So zitiert er die besonders pathetischen Formulierungen der schreibenden Zunft gerne mal mit einem Schmunzeln in der LÖWENRUNDE. Wahrscheinlich die einzig richtige Methode, damit umzugehen. Inwieweit so ein Umgang mit dem von Außen aufgebauten Druck auch der Mannschaft gelingt, inwieweit es Köllner schafft, seine Souveränität und positive Grundhaltung auf seine Schützlinge zu übertragen, darf angesichts der eingangs beschriebenen Mölderschen Schimpftirade von gestern Nachmittag zumindest angezweifelt werden. Dass jene Berichterstatter, deren wirtschaftliche Grundlage die Sensation ist, die Klicks generiert und Zündstoff einsetzt, wo eigentlich keiner hingehört, ein Interesse daran haben, möglichst viel Druck auf das Löwenteam aufzubauen, ist ein nachvollziehbares Muster in unserer Mediengesellschaft. Dafür, dass sich in den Sozialen Medien die Menschen, die sich als Fans dieses Vereins bezeichnen, an den völlig überzogenen sportlichen Forderungen beteiligen und schon nach einem Drittel der Saison finale Urteile fällen, fehlt mir jedes Verständnis.

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