Herzlich Willkommen zur Taktiktafelanalyse nach der Heimniederlage im Spiel TSV 1860 München – FSV Zwickau.

Michael Köllner ließ den TSV 1860 München im 4-1-4-1 antreten. Wein als defensiver Mittelfeldspieler auf der Sechser Position wurde von Dressel, der in der Rolle des Box to Box Spielers einer der Aktivpunkte im Spiel der Löwen war, unterstützt. Dieser Aufstellung stellte Joe Enochs ein 4-4-2 mit Doppelsechs entgegen. Dabei ließ sich im letzten Drittel oft einer der beiden Sechser mit in die Viererkette zurückfallen, um mit fünf Leuten gegen den Ball in der letzten Reihe zu stehen.

Die optisch zwischen den Boxen überlegenen Löwen fanden über neunzig Minuten nicht das richtige Rezept, die tiefstehende, konsequent und diszipliniert verteidigende Defensive der Schwäne zu überwinden. Woran lag das?

Die wichtigsten statistischen Werte TSV 1860 – FSV Zwickau

  • Ballbesitz TSV 1860 65% – FSV Zwickau 35%
  • Passgenauigkeit TSV 1860 82% – FSV Zwickau 67%
  • Defensive Zweikampfquote TSV 1860 70% – FSV Zwickau 60/
  • Schüsse/aufs Tor TSV 1860 16/6 – FSV Zwickau 7/4
  • PPDA (Zugelassene Pässe pro Defensivaktion) TSV 1860 4,94 – FSV Zwickau 11,23

Die erste Halbzeit

In Halbzeit eins spielte der TSV 1860 gegen den FSV Zwickau sehr souverän und verteidigte abgesehen vom Gegentreffer größtenteils fehlerfrei. Warum nicht konsequent, konzentriert und vor allem schnell genug nach vorn gespielt wurde, um endlich öfter hinter die letzte Reihe zu kommen, muss man allerdings hinterfragen.

Die relativen Zahlen stellen den Löwen durchaus ein positives Zeugnis aus. Die absoluten Zahlen zeigen allerdings deutlich ein großes Problem auf. Die Mannschaft von Michel Köllner konnte bei 65% Ballbesitz 21 Positionsangriffe bis ins letzte Drittel bringen. Das bedeutet: In 31 Minuten Ballbesitz kam man etwa alle 1,5 Minuten ins letzte Drittel und schloss diese Angriffe fünfmal mit einem oder mehreren Schüssen ab.

Des Weiteren erspielten sich die Sechzger sechs Eckbälle und zwei Freistöße in relativer Tornähe, von denen jeweils ein Versuch in einem Schuss endete. Nur zwei dieser insgesamt sieben Schussversuche waren gut genug, um dem Torhüter der Zwickauer Arbeit zu verschaffen. Ein Flachschuss von Biankadi war kein Problem für den Zwickauer Keeper. Ein weiterer von Mölders zwang ihn zu einer Glanzparade.

Sehr gut waren die Aktionen des FSV Zwickau, wenn es galt Schüsse des TSV 1860 im Strafraumzentrum zu blocken. Nkansah und Reinthaler waren nicht zu überwinden und konnten alle Schüsse aus dem Zentrum, die potentiell für Torgefahr hätten sorgen können, blocken.

Zwickau hatte bei nur 35 % Ballbesitz 19 bis ins letzte Drittel vorgetragene Positionsangriffe mit 4 Schüssen, 2 durchgebrachte Konter mit einem Schuss und eine Ecke, die ebenfalls mit einem Schuss abgeschlossen werden konnte. Das bedeutet: in nur 17 Minuten Ballbesitz konnten die Zwickauer ebensoviele Angriffe zu Ende spielen wie die Mannschaft des TSV 1860 München. Pro Angriff brauchte der FSV im Schnitt aber lediglich 48 Sekunden um ihn zu Ende zu Spielen.

Diese Diskrepanz im Spieltempo darf nun jeder Leser gerne selbst interpretieren.

Aggressives Pressing war von den Zwickauern nicht zu sehen, aber die Sechzger wurden im Raum von den Schwänen konsequent und diszipliniert derart zugestellt, dass die Spieler des TSV 1860 München kaum Anspielstationen fanden. Wenn die Spieleröffnung klappte, dann meist über lange Bälle auf den Außenpositionen oder über diagonales Spiel hoch und weit. Dort bekamen die Sechzger dann oft eine defensive Dopplung der Zwickauer, an der sich die Löwen ohne Hilfe eines Mitspielers meistens die Zähne ausbissen.

Zwickau machte den Löwen das Positionsspiel sehr schwer. Die Probleme, die die Sechzger gegen eine tiefstehende Abwehr haben, wurden leider wieder deutlich aufgezeigt.

In der ersten Halbzeit kamen die Löwen übrigens zu 18 Ballkontakten im Strafraum der Zwickauer. Dass dabei lediglich drei Schüsse in der Box heraussprangen und kein einziger Ballkontakt im Strafraumzentrum stattfand, zeigt leider den sich fortsetzenden Trend bei den Problemen in der gegnerischen Box.

Die Zweite Halbzeit

Die zweite Halbzeit verlief, wenn man auf die statistischen Werte blickt, eigentlich besser für die Sechzger als die erste. Tatsächlich aber markierte Zwickau mit einem Traumtor den Endstand.

Die Statistik zeigt eben nur Zahlen. Diese eigentlich guten Zahlen spiegeln leider die fehlende Kreativität und die fehlende Bewegung in der Offensive der Löwen nicht wieder.

Lediglich eine einzige wirklich gute Torchance sprang bei den insgesamt 20 ins letzte Drittel gebrachten Positionsangriffen heraus. Bei dieser “passte” Stefan Lex in der 68. Minute, freistehend vor Brinkies, diesem den Ball die Arme, anstatt einfach mal mit dem “Bauernspitz” draufzuhauen. Fünf dieser Angriffe endeten mit einem oder mehreren Schüssen. Bei fünf Ecken und sieben Freistößen konnte auch nur jeweils ein Schuss abgegeben werden.

Hohe Bälle aus dem Zentrum nach vorne und hohe Flanken in den Strafraum waren das größtenteils eingesetzte Mittel, mit dem die Offensivspieler des TSV 1860 München eingesetzt werden sollten. Für die beiden Zwickauer Türme in der Verteidigung, Reinthaler und vor allem Nkansah, den kopfballstärksten Spieler der Liga, waren diese Anspielversuche jedoch ein gefundenes Fressen.

Mit der Einwechslung von Tim Linsbichler kam ein Lichtblick im Spiel der Löwen aufs Feld. Neben Dressel und Neudecker war Linsbichler, den ich gerne mal von Anfang an sehen würde, der beste Löwe an diesem Samstag Nachmittag in Giesing. Er verlor ein Kopfballduell, hatte sowohl offensiv als auch defensiv eine positive Zweikampfbilanz, und spielte nur zwei Fehlpässe.

Zwickau verteidigte gegen die ohne Plan B agierenden Löwen sehr souverän. Die Schwäne hatten abgesehen von der Chance von Stefan Lex und einem zu hohen Kopfball von Steinhart zehn Minuten später, aus dem Spiel heraus kaum Probleme gegen die beim Spiel in der Box wieder einmal ratlos wirkende Mannschaft des TSV 1860 München. Das Tor zum 2:0 war einerseits einer schlechten Kollektivleistung der Löwen in der defensiven Umschaltbewegung geschuldet. Andererseits dem genauen Spiel nach vorn der beteiligten Gomez, Hauptmann und Möker.

Nur ganze neun Positionsangriffe spielten übrigens die Gäste in der zweiten Halbzeit ins gegnerische letzte Drittel. Diesen entsprangen zwei Schüsse. Einer davon war drin, der andere wurde von der Abwehr der Löwen geblockt.

Ein Freistoß (81.), den Brinkies souverän parierte, war neben Lex’ vergebener hundertprozentiger Chance noch erwähnenswert.

14 Ballkontakte der Sechzger im gegnerischen Strafraum während der zweiten 45 Minuten führten zu nur fünf Schüssen. Drei davon gingen aufs Tor. Gefährlich war keiner. Erfreulich im Gegensatz zu Halbzeit eins war allerdings, dass die Sechzger nun auch im Zentrum vor dem Tor an den Ball kamen. Negativ dabei leider, dass von dort lediglich drei Schüsse abgesetzt werden konnten die alle nicht das erwünschte Ergebnis hatten.

Die Tore

Das 0:1

Der erste Gegentreffer fiel nach einem Angriff der Zwickauer, der zunächst schon geklärt schien. Nach einer Abwehraktion im eigenen Strafraum von Salger entscheidet sich zunächst Neudecker falsch. Er kommt deshalb nicht an den hohen Ball. So landet das Leder wieder bei den Schwänen, auf deren rechter Angriffsseite. Schikora schlägt nach einem Einwurf einen hohen Ball auf Lokotsch, der sein Kopfballduell gegen Salger etwa acht Meter vor der Box auf der halblinken Seite gewinnt. Sein Kopfball landet bei Gomez, den Belkahia nicht stoppen kann. Gomez legt den Ball etwa einen Meter in der Box am strauchelnden Innenverteidiger der Löwen vorbei und schließt dann aus sieben Metern in zentraler Position vor dem Kasten ab. Hiller war hier chancenlos.

Beim Kopfball von Lokotsch hebt Belkahia zunächst das Abseits auf. Dann konnte er, obwohl er nah am Gegner dran war, und den Ball selbst auch noch an den Kopf bekommt, die Aktion des quirligen Zwickauers nicht stören, geschweige denn unterbinden.

Das 0:2

Die Entscheidung für den FSV Zwickau in der 63. Minute fiel bei einem direkten Gegenstoß der Westsachsen nach einem Angriff der Sechzger, bei dem zunächst Reinthaler eine Flanke von Steinhart per Kopf klärt. Zunächst kommt Neudecker noch den abgewehrten Ball. Gomez, der Neuzugang vom FC Porto, luchst Neudecker jedoch den Ball etwa 20 Meter vor der Mittellinie ab.

Er startet dann in Richtung Spielfeldhälfte der Löwen, mit hohem Tempo zunächst diagonal auf die Seitenauslinie zu. Dort angekommen treibt Gomez die Kugel an ihr entlang vor sich her. Kurz vor der Mittellinie spielt Gomez mit einem Pass die Linie entlang Hauptmann auf dem Flügel an. Hauptmann mit viel Raum vor sich geht mit dem Ball am Fuß, begleitet von Dressel, bis ans rechte Strafraumeck. Dann legt er die Kugel auf den aus dem Hintergrund in die Halbposition einlaufenden Möker zurück. Möker, dem der Ball bei der Annahme zwar etwas verspringt, hat ebenfalls viel Raum und zieht, nach zwei Schritten, aus etwa achtzehn Metern direkt ab und versenkt die Kugel im Kasten der Löwen. Hiller war zwar noch dran, aber letztlich ohne Chance das Tor zu verhindern.

Fazit zum Spiel TSV 1860 München – FSV Zwickau

Bis zum Sechzehner des Gegners läuft das Spiel des TSV 1860 München tatsächlich gut. Da kann man an der Offensive keine Kritik üben. Bälle hinter die letzte Reihe bei Tempoangriffen sieht man jedoch äußerst selten. Genauso, wie Läufe zur Grundlinie, bei denen dann nachrückende Spieler flach in der kleinen Box bedient werden könnten. Das liegt allerdings nicht an den Außenspielern, die schon gerne in die Tiefe gehen. Es liegt daran, dass die Spieler im Zentrum nicht konsequent in die kleine Box drücken. Wenn sie es dennoch tun, können sie sich nicht in der Art vom Gegenspieler lösen, um dann einen Fuß an den Ball zu bekommen.

Der Stellungsfehler beim 1:0, als Belkahia das Abseits aufhebt und in der Folge gegen Gomez unglücklich agiert, war ein herber Schlag für die Mannschaft. Dies hat den Spielverlauf der ersten Halbzeit komplett auf den Kopf gestellt.

Die Räume, die sich nach dem Ballgewinn durch Gomez vor dem 2:0 für ihn, Hauptmann und Möker ergeben, darf man so nicht aufreißen lassen.

Dass der TSV 1860 München Probleme mit tiefstehenden Teams hat, weiß mittlerweile wohl jeder in der Dritten Liga. Wie kann man dieses Problem lösen?

Patentrezept gibt es sicherlich keins. Wenn wir weiterhin beim Ballbesitz dominieren wollen, müssen die Spieler im Zentrum mit mehr Bewegung und Rotation dort Räume schaffen. Falls das weiterhin nicht klappen sollte, muss man dem Gegner den Ball lassen und selbst versuchen, mit einer tiefer agierenden Defensive über temporeiches Spiel zu Chancen zu kommen.

Datenquelle: Wyscout

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Wie immer eine sehr fundierte Analyse!