Ein Herzliches Grüß Gott zur Taktiktafel vor dem Heimspiel unseres TSV 1860 München gegen den FC Erzgebirge Aue. Trainer Timo Rost ließ die Schachter in den bisherigen acht Spielen in sage und schreibe fünf verschiedenen Systemen antreten. Die taktische Ausrichtung ging dabei von kontrolliert offensiv bis zu tief stehend auf Konter lauernd. Womit müssen wir am Abend rechnen, wenn der Tabellenletzte im Grünwalder Stadion aufläuft?

TSV 1860 – FC Erzgebirge heißt es heute Abend. Die von Michael Köllner trainierten Löwen werden versuchen Wiedergutmachung für die Pleite im Saarland zu leisten. Da der Auer Trainer systematisch ein munteres “Bäumchen wechsel dich” betreibt und auch bis auf ein paar Ausnahmen kaum ein Spieler das Prädikat Stammspieler verdient, ist eine Vorhersage in welchem System der FCE heute Abend aufläuft kein einfaches Unterfangen. Aufgrund dessen welche Probleme unsere Sechzger mit Dreier- bzw. Fünferketten haben würde ich, wäre ich Timo Rost, ein System wählen, das darauf fußt.

Des Weiteren sieht die Tabelle aus Auer Sicht schlimmer aus als es die Statistiken sagen. Darauf werde ich weiter unten im Fazit der heutigen Taktiktafel eingehen. Womit wir bei den wichtigsten statistischen Werten der Schachter angelangt wären.

Die wichtigsten statistischen Wert des FC Erzgebirge

  • Ballbesitz 49%
  • Passgenauigkeit 75%
  • Defensive Zweikampfquote 63%
  • Flankengenauigkeit 33%
  • PPDA (zugelassene Pässe pro Defensivaktion) 7,72 (drittbester Wert in Liga 3)

Wie wird Aue spielen?

Wie wird Timo Rost das Spiel des FC Erzgebirge systematisch und taktisch gegen den TSV 1860 anlegen? Taktisch dürfte es keine große Überraschung geben. Allein aufgrund der Tabellensituation wird Aue höchstwahrscheinlich mit tiefer Pressing- und tiefer Defensivlinie beginnen. Gegen die Offensivkraft unserer Löwen kann es für den Tabellenletzten zunächst nur darum gehen defensive Sicherheit zu erlangen. Sobald das gesichert ist, müssen die Schachter mit schnellem, vertikalem Spiel, das bisher relativ gut funktioniert, agieren.

Systematisch rechne ich in der Defensive mit einer Dreierkette, die gegen den Ball zu einer Fünferkette verschoben wird. Nicht aus dem Grund, weil Aue das besonders gut könnte, sondern weil die Sechzger damit meistens Probleme im eigenen Positionsspiel haben.

Ob das dann als 3-5-2 (3-4-1-2) oder 3-4-3 bei eigenem Ballbesitz interpretiert wird, werden wir im Spiel sehen.

Im letzten Drittel des TSV 1860 München wird der FC Erzgebirge Aue versuchen, eine 3-2 oder 2-3 Formation in den vordersten Linien zu etablieren. Dabei wird der jeweils ballferne Außenspieler auf die Halbposition in der Box der Sechzger einrücken. Gleichzeitig wird entweder der offensivere der beiden zentralen Mittelfeldspieler sich hinter den Mittelstürmern als Schattenstürmer einreihen, oder es wird der ballferne Mittelstürmer als hängende Spitze knapp hinter seinem Sturmkollegen positioniert.

Wo liegen die Probleme beim Zweitligaabsteiger?

Offensiv

92% der Schüsse, die Aue abfeuert, entstehen aus Spielsituationen – das ist der gleiche Wert wie bei unseren Sechzgern. Auch was die Schussanzahl anbelangt findet sich Aue nicht weit hinter dem TSV 1860. Die Krux beim FCE sind somit die Schussgenauigkeit und Alupech.

Sieht man sich die Werte aller Vereine im Vergleich an fehlt Aue, die im statistischen Schnitt nur einmal seltener pro Spiel aufs Tor schießen als beispielsweise Sechzig und sogar zweimal häufiger als der Tabellendritte Saarbrücken, einerseits Zielwasser und andererseits Strafraumpräsenz.

Defensiv

Gegen den Ball kann der FCE die eigene Box oft nicht so verteidigen, dass der Gegner nicht an die Kugel käme.

Anders ausgedrückt bedeutet dies: Aue hat bei eigenem Ballbesitz bei der Hälfte aller Bälle, die in die gegnerische Box gespielt werden einen Ballkontakt. Im Gegensatz dazu kann der Gegner 75% aller in den Auer Strafraum gespielten Bälle sinnvoll verarbeiten.

Das fällt dann auch bei der Betrachtung der Spiele auf. Viel zu oft stimmt die defensive Zuordnung nicht. Die Gegenspieler kommen frei an den Ball und können abschließen oder unbedrängt auf einen besser postierten Nebenmann ablegen, der dann den Spielzug mit einem Schuss vollendet.

Zusammenfassend kann man über die Auer Defensive sagen: sie lassen es zwar nicht oft zu, dass der Ball in die eigene Box kommt. Wenn aber die Gegner das schaffen, ist eine Torchance nicht unwahrscheinlich.

Wie knackt man die Schachter?

Wenn der FC Erzgebirge es nicht schaffen sollte die Defensive im Stellungsspiel, vor allem in der eigenen Box, besser zu organisieren, wird der Spielstil, den der TSV 1860 seit Saisonbeginn zeigt, für viel Wirbel im Strafraum der Lilaweißen sorgen.

Das Ziel der Sechzger muss es sein den Ball mit schnellen Kombinationen zügig über die Flügel ins gegnerische letzte Drittel zu bekommen. Dort angekommen sollten dann diagonale Läufe von außen oder zielgenaue Flanken, die im Fall Aue aufgrund der Räume, welche die Auer Defensivspieler den Gegnern bisher mit ihrer fahrlässigen Art die eigene Box zu verteidigen gelassen haben, nicht zwangsläufig ins Strafraumzentrum kommen müssen, Stress in der Hintermannschaft der Gäste verursachen.

Schafft man es diesen Stress bei Aue zu verursachen, werden die Spieler des FCE zwangsläufig Fehler begehen, die dann im Endeffekt zu mehr Abschlüssen in der Box führen werden als wir es von unseren Löwen bisher gewohnt sind.

Gegen den Ball haben die Sechzger vor allem eine Aufgabe, diese lautet: keine zentralen Abschlüsse zuzulassen. Das hat bisher zumindest in Heimspielen immer sehr gut funktioniert. Aue hat bei eigenem Ballbesitz bisher wenig Probleme sich von hinten heraus zu organisieren. Das Mittelfeld können sie schnell überbrücken. Dabei Überzahl zu schaffen gelingt jedoch eher selten. Aue spielt schnell von hinten heraus, findet im Mittelfeld auch die Lösungen, um dann effektiv ins letzte Drittel des Gegners nach vorne durchzustoßen. Danach verzettelt sich aber kein anderes Team, das ich bisher in dieser Saison beobachtet habe, öfter in unnötige Zweikämpfe oder Laufduelle als der FC Erzgebirge.

Spielentscheidend werden also die defensiven Zweikämpfe im Mittelfeld, die daraus entstehenden Umschaltmomente und die Effektivität bei deren Ausnutzung sein.

Stärken und Schwächen des 3-5-2

Stärken

Das System ermöglicht bei Ballbesitz eine gute Staffelung in der Breite und Tiefe. Dadurch kann eine für Passkombinationen gute Raumaufteilung entstehen.

Zwei Stürmer in der Spitze bringen starke Präsenz im Zentrum des gegnerischen Abwehrdrittels. Durch ein kompaktes Mittelfeldzentrum lässt man dem Gegner gegen den Ball wenig Raum.

Schwächen

Es ergeben sich bei Ballverlust teilweise weite Abstände, die der Gegner bei schnellem Spiel gut ausnutzen kann.

Die für die Flügelspieler langen Laufwege können in einem dynamischen Spiel mit viel Ballbesitzwechsel zu verfrühtem Kraftverlust der Außenspieler und damit zum Erlahmen des Drucks führen, der über die Flügel aufgebaut werden soll.

Die Flügel sind nur einfach besetzt. Deshalb können entweder Defensive oder Offensive dort schwächeln.

Gegen Systeme in denen mit zwei oder mehr Stürmern agiert wird kann es bei Kontern des Gegners oder zügigen Positionsangriffen leicht zu einer Unterzahl in der Hintermannschaft kommen.

Schlüsselspieler

Abwehr

Philipp Klewin (#25) im Tor der Schachter ist ein unwahrscheinlich reflexstarker Keeper. Er wird in der statistischen Torhüterwertung zwar an drittletzter Stelle geführt, aber das ist, sieht man sich die Fakten an, falsch. Klewin kann nichts dafür, dass seine Vorderleute ihren Aufgaben häufig nicht so nachkommen wie man es erwarten darf. Er ist abgesehen von seinen starken Reflexen auch bei hohen Bällen eine Bank. Leichte Schwächen im eins gegen eins, wo ein Torhüter meist schlecht aussieht, wenn der Gegenspieler allein aufs Tor zuläuft, sind nicht überzubewerten.

Bei der Leistung, die die Innenverteidigung des FCE bisher im Saisonverlauf zeigt dort einen Schlüsselspieler auszumachen fällt mir persönlich sehr schwer. Steffen Nkansah (#24) oder Alexander Sorge (#6) sind wohl am ehesten für dieses Prädikat geeignet. Die Leistungen auf diesen Positionen müssen sich aber bei Aue deutlich verbessern, um defensiv von Schlüsselspielern zu sprechen. Der dritte Innenverteidiger im Bunde, Ex Löwe Korbinian Burger (#5), musste vor dem Spiel gegen Zwickau dreimal auf der Position des linken Verteidigers auflaufen. Gegen Zwickau durfte er wieder in der Innenverteidung ran. Er reihte sich leistungsmäßig aber genau dort ein, wo auch seine Kollegen oft stehen, nämlich zu weit weg von den Gegnern.

Mittelfeld

Im defensiven Mittelfeld scheint Trainer Timo Rost noch nicht die Idealbesetzung gefunden zu haben. Zumindest bei der statistischen Bewertung stechen Ulrich Taffertshofer (#3) und Box to Box Spieler Sam Schreck (#33) hervor. Ähnlich wie auch in der Innenverteidigung kann man nicht davon sprechen, dass sich ein Spieler in diesem Mannschaftsteil das Prädikat Schlüsselspieler verdient hätte.

Anders sieht das bei der offensiven Rolle im Mittelfeld aus. Dimitrij Nazarov (#10), der nur das erste Spiel wegen einer Grippe verpasst hat, ist nicht nur Kapitän der Schachter, er ist auch die Schaltzentrale und der Ideengeber im Spiel des FCE. Wenn Nazarov am Ball ist, darf man keine Gefangenen machen. Er muss konsequent vom Ball ferngehalten werden. Seine intelligente Spielweise würde, wenn die Stürmer der Auer sich besser in Szene setzen könnten, für viel Torgefahr sorgen. Am Ball kann er alles und seine Antizipation für sich entwickelnde Situationen ist großartig.

Sturm

Torgefahr und Aues Mittelstürmer sind zwei Sachen, die man momentan nicht in einem Satz nennen kann. Bei der Vorbereitung von Strafraumszenen und deren Vollendung tut sich zumindest Linksaußen Maximilian Thiel (#30), Neuzugang aus Wiesbaden, hervor. Mit nur vier Treffern bisher hat Aue auch im Sturm noch nicht die Lösung gefunden, die helfen würde sich aus der momentan prekären Situation zu befreien. Bezeichnend ist, dass noch kein Mittelstürmer getroffen hat. Für die Auer Tore sorgten bisher Thiel, der nun an einem Muskelfaserriss laborierende Marvin Stefaniak (#34) und der Mittelfeldspieler Sam Schreck (#33).

Fazit

Das alles  was vor diesem Fazit geschrieben steht, könnte dazu verleiten Aue auf die leichte Schulter zu nehmen. Damit tut man aber der Mannschaft von Timo Rost Unrecht. Wir müssen uns ganz klar auf ein hartes und schweres Spiel einstellen. Es geht für den Gegner des TSV 1860 München auch darum den Trainer im Amt zu halten.

Fakten, die man nicht unter den Tisch fallen lassen darf

Offensiv klebt dem FC Erzgebirge momentan das Pech an den Füßen. Eine hohe Prozentzahl von Pfosten- bzw. Lattentreffern bei insgesamt wenig Schüssen in der Box sind für die Auer momentan bezeichnend. Defensiv hat der FCE das Problem, dass es nicht gelingt in entscheidenden Situationen im eigenen Strafraum konsequent nah am Gegenspieler zu verteidigen.

In den Spielen, in denen Aue es geschafft hat, das Verhältnis zwischen Schüssen im gegnerischen Strafraum und von außerhalb ausgeglichen zu halten hat Aue hauptsächlich aufgrund der fehlenden Zielgenauigkeit den Kürzeren gezogen.

Es wurde bis auf das Spiel gegen Wiesbaden, in dem gefühlt jeder Schuss ein Treffer war, nie hoch verloren. Die weiteren Niederlagen sind mit nur einem Tor Unterschied äußerst knapp ausgefallen.

Statistisch gesehen müsste Aue eigentlich mindestens vier Treffer mehr auf dem Konto haben. Träfen statistische Werte und Realität zusammen, hätte Aue bisher erst zwei Spiele verloren.

Angst braucht die Mannschaft von Michael Köllner sicherlich keine vor den Schachtern zu haben. Man sollte aber annehmen, dass sich speziell die Innenverteidiger des FCE am Riemen reißen und bessere Leistungen abliefern als zuletzt.

Nichtsdestotrotz ist die Marschroute für die Löwen klar definiert. Es ist ein Heimspiel und es gilt Wiedergutmachung für die schwache Partie gegen Elversberg zu leisten. Das Saisonziel ist der Aufstieg. Wer aufsteigen will, darf sich zuhause keine Blöße geben.

So könnte Aue beginnen

Datenquelle: Wyscout

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