Bereits mit 14 Jahren wechselte Matthew Durrans aus seiner kanadischen Heimat zum TSV 1860 München. Bei den Löwen durchlief er in der Folge sämtliche Nachwuchsmannschaften, ehe er zur Spielzeit 2020/21 in den Profikader aufgenommen wurde. Leider reichte es nur zu zwei Kurzeinsätzen in der 3. Liga, sodass sich die Wege zum Saisonende trennten. Der 23-Jährige Stürmer wagt nun einen Neuanfang beim FC Edmonton in der höchsten Spielklasse Kanadas und trifft dort u.a. auf Ex-Löwe Nik Ledgerwood, der bei Cavalry FC unter Vertrag steht.

Von Giesing in die kanadische Heimat

sechzger.de: Servus Matt! Zunächst mal vielen Dank, dass Du Dir Zeit für ein Interview mit uns nimmst. Wo bist Du gerade und mit was vertreibst Du Dir die Zeit?

Matthew Durrans: Servus an alle. Danke für die Einladung zum Interview. Ich bin gerade mit meinem neuen Club FC Edmonton in Winnipeg, Manitoba. Wir sind dort bis zum 25. Juli und spielen unsere ersten 8 Ligaspiele aufgrund von Covid in einer Art Quarantäne-Bubble. Alle Mannschaften sind mehrere Wochen vor Ort und auch alle Liga-Spiele werden bis Ende Juli dort ausgetragen. Danach werden wir normale Heim- und Auswärtsspiele im ganzen Land austragen, bis die Saison im November endet.

sechzger.de: Dein Vertrag bei den Löwen ist ja zum 30.06. abgelaufen. Nun bist Du also in Deiner kanadischen Heimat gelandet. Zufrieden?

Matthew Durrans: Ja, ich habe einen 1-Jahres-Vertrag bis zum Ende der Saison beim FC Edmonton, in der 1. Liga in Kanada, bekannt als Canadian Premier League CPL, unterschrieben. Ich freue mich sehr auf diesen neuen Schritt, in einer der Top-Ligen Nordamerikas zu spielen und meine Erfahrungen aus Deutschland hier in die Fußballwelt einzubringen.

Die Quarantäne-Bubble als Vorteil

sechzger.de: Wie kam der Kontakt zustande? Wie wurdest du dort aufgenommen?

Matthew Durrans: Die Verbindung kam durch den Kontakt meines Managements zustande. Sie haben ein gutes Verhältnis zu Alan Koch, dem aktuellen Trainer des FC Edmonton. Sie führten über Wochen hinweg intensive Gespräche, um diesen Deal abzuschließen. In Kanada fängt die Saison eigentlich schon im März an. Schon aus diesem Grund war der Wechsel nicht so einfach zu organisieren. Beide Seiten waren aber sehr interessiert, diesen Deal zustande zu bringen. Daher freue ich mich, so schnell wie möglich mit dem Spielen und Mitmachen zu beginnen! Die Einführung in den Verein war bisher großartig, alle Spieler und Trainer freuen sich, mich hier zu haben, und haben mich toll aufgenommen. Da wir bis Ende Juli alle in der „Bubble” in Winnipeg sind, ich also rund um die Uhr mit dem gesamten Team hier im Hotel bin, lerne ich sehr schnell alles und jeden kennen, was toll ist, um mich hier gleich einzugewöhnen.

sechzger.de: Wie schätzt du das Niveau der Liga ein?

Matthew Durrans: Eine konkrete Einschätzung ist für mich noch schwer, da ich selbst nur wenige Spiele gesehen habe. Trotzdem denke ich, dass die Liga das Potenzial hat, sich zu einer sehr starken Liga zu entwickeln, mit vielen Einflüssen verschiedener Spieler aus verschiedenen Ligen aus der ganzen Welt. Es gibt natürlich viele Spieler aus Nord- und Südamerika, aber auch einige aus Europa, was der Liga hier einen interessanten Stil verleiht. Ich freue mich sehr, mich hier in der kanadischen Premier League weiterzuentwickeln und meine Schritte in der Fußballwelt weiter zu machen.

Drittliga-Debüt für Matthew Durrans gegen Waldhof Mannheim
Matthew Durrans bei seiner Einwechslung gegen Waldhof Mannheim

Durrans kam als Teenager zum TSV 1860

sechzger.de: Du warst ja auch beim VfR Aalen mit Trainer Uwe Wolf im Probetraining. Warum hat das nicht geklappt?

Matthew Durrans: Das Probetraining war gut und beide Seiten hatten auch Interesse. Es gab dann aber verschiedene Themen, die letztlich dazu führten, dass wir nicht zusammengekommen sind.

sechzger.de: Du kamst ja bereits mit 14 Jahren von Kanada nach Deutschland und hattest den Traum, Fußballprofi zu werden. Wie kam es dazu, dass Du damals ausgerechnet beim TSV 1860 gelandet bist? Haben Dich Deine Eltern nach Europa begleitet oder wo kamst Du damals unter?

Matthew Durrans: Den Traum Fußball-Profi zu werden, hatte ich schon in jungen Jahren und meinen Eltern war bewußt, dass eine fußballerische Ausbildung in Europa mich diesem Traum näher bringen kann. Die Nachwuchsakademien in Kanada hatten und haben noch nicht das Niveau von Europa. Nachdem mein Vater beruflich viele Wochen im Jahr in Europa zu tun hatte, haben wir uns umgehört. Über meinen kanadischen Agenten Dylan Hughes, der wiederum Verbindungen zu Erik Altmann im NLZ hatte, kam der Kontakt zu 1860 München zustande. Nach einem Probetraining beim damaligen U16-Trainer Wolfgang Schellenberg wurde mir angeboten, für den Rest der Saison bei der U16 zu bleiben. Rückblickend war das der Beginn von etwas ganz Besonderem.
Ja, ich hatte das Glück, dass meine Eltern mit mir umzogen, was im jungen Alter von 14 Jahren so wichtig war, wenn man plötzlich 10.000 km weg von zu Hause ist. Ich sage immer: Ohne meine Eltern wäre nichts von dem, was ich bisher erreicht habe, möglich gewesen! Daher bin ich ihnen für immer dankbar, dass sie mir erlaubt haben, das zu tun, was ich tue, und auf diese unglaubliche Reise zu gehen.

Über Umwege in den Profikader der Löwen

sechzger.de: Sportlich lief es zunächst nicht so gut. Bei den Löwen konntest Du Dich zuerst nicht durchsetzen und wechseltest zuerst nach Deisenhofen, dann zum VfR Garching. War der Glaube an eine Profikarriere noch immer vorhanden? Oder kamen da bereits Zweifel auf?

Matthew Durrans: Natürlich gibt es in jeder Spielerkarriere Höhen und Tiefen. Ich habe aber immer nach Möglichkeiten gesucht, mich nicht nur als Fußballer, sondern auch als Individuum zu verbessern und zu entwickeln. Dadurch konnte ich immer weiter nach vorne gehen. Genau das habe ich getan, als ich für diese zwei Jahre von 1860 München weggegangen bin. Ich habe mir immer vorgestellt, in den Verein zurückzukehren und meinen Traum zu verwirklichen, für die Profimannschaft zu spielen. Ein Traum, den ich schon hatte, als ich mit 14 zum Verein kam und ein Traum, den ich schließlich erreicht habe. Eine meiner größten Stärken ist meine mentale Stärke und mein ständiger Glaube an mich selbst. Die Dinge, die ich erreichen möchte, nie aufzugeben, auch wenn andere mich schon „abgeschrieben” haben. Ohne dies hätte ich es heute nicht so weit geschafft.

sechzger.de: 2019 kehrtest Du zum TSV 1860 zurück und kamst zunächst bei den Amateuren zum Einsatz. Für die Saison 2020/21 wurdest Du dann in den Profikader berufen. Beschreib bitte mal, wie sich das angefühlt hat.

Matthew Durrans: Unglaublich. Wie ich bereits erwähnt habe, war es von Anfang an ein großer Traum von mir, eines Tages im Grünwalder Stadion für die Profimannschaft zu spielen. Ich erinnere mich noch an den Tag, an dem mir am Telefon mitgeteilt wurde, dass mir von 1860 mein erster Profivertrag bei der 1. Mannschaft angeboten würde. Es war ein ganz besonderer Moment für mich, meine Familie, meine engen Freunde und alle, die mir gefolgt sind und mich unterstützt haben auf dem Weg. Ein oder zwei Glückstränen wurden an diesem Tag vergossen und ich werde diesen Tag nie vergessen!

Kantersieg beim Drittligadebüt

sechzger.de: Im Dezember 2020 wurdest Du dann gegen Waldhof Mannheim erstmals in der 3. Liga eingewechselt. Ein ganz besonderer Moment, oder?

Matthew Durrans: Absolut. Ein weiterer großer Moment für mich und meine Familie, der mich bis heute begeistert. Ich hatte am Morgen das Gefühl, dass dies der Tag sein würde, an dem ich als Profi für den Verein debütieren würde. Natürlich war ich aber immer noch nervös und ängstlich in den Momenten, bevor ich den Platz betrat! Als ich eingewechselt wurde, gewannen und kontrollierten wir das Spiel und ich hatte nicht viel Druck, was für meine ersten Momente auf dem Feld sicher ein guter Start war! Es wäre noch spezieller gewesen, wenn wir unser ganzes Stadion voller Fans hätten, die anfeuern und singen, aber dennoch ein unglaublicher Moment für mich in meiner bisherigen Karriere.

sechzger.de: Danach folgte nur noch ein Kurzeinsatz bei der Niederlage in Duisburg, anschließend warst Du nicht mehr im Spieltagskader. Hast Du eine Erklärung dafür?

Matthew Durrans: Nein, das kann ich ehrlich gesagt nicht erklären. Ich habe immer gut trainiert, auch im Training regelmäßig getroffen und hätte mir deshalb eine weitere Chance gewünscht und denke auch verdient gehabt. Aber am Ende ist es eine Entscheidung des Trainers, das muss man akzeptieren.

Verabschiedung Durrans Erdmann Agbowo Klassen
Bei der Verabschiedung von den Löwen floss bei Durrans die ein oder andere Träne

Durrans: Super Teamgeist beim TSV 1860

sechzger.de: Jetzt mal völlig unabhängig von Deiner persönlichen Situation: Wie empfandest Du die abgelaufene Saison bei den Löwen? Von außen sah das nach einem eingeschworenen Haufen aus, der zusammen durch Dick und Dünn geht. War es wirklich so?

Matthew Durrans: 100%! Es war genau so. Es war ein ganz besonderes Team in der letzten Saison. Ein tolles Teamgefühl, jeden Tag im Training und in den Spielen, wir waren eine enge Gruppe von Spielern, die sich respektiert, aber auch gedrängt haben, jeden Tag besser zu werden. Ich denke, das war der Hauptgrund, warum wir meiner Meinung nach so gut abgeschnitten haben. Es gibt viele Spieler, mit denen ich immer noch Kontakt habe und die ich auch außerhalb des Fußballs treffen werde, und das ist großartig. Ich denke, auch wenn wir unser Ziel des Aufstiegs in die 2. Bundesliga nicht erreicht haben, war die Saison dennoch ein Erfolg und hat das Ziel für den Verein für die nächste Saison vorgegeben!

sechzger.de: Was kannst Du zu Trainer Michael Köllner sagen? Wir in der Redaktion sind ja sehr begeistert von seiner Art.

Matthew Durrans: Ich auch. Ich werde Köllner immer dankbar sein. Nicht nur für die Möglichkeiten, die er mir in meiner ersten Profisaison im Team gegeben hat, sondern auch für die Ratschläge während der gesamten Zeit der Zusammenarbeit. Das Tolle an Köllner ist, dass er sich wirklich um seine Spieler kümmert. Er redet und kümmert sich nicht nur um den Fußball, sondern auch um das Privatleben. Er führt seine Spieler sehr gut, auch die jungen wie mich, und das passiert bei vielen Trainern in der Fußballwelt nicht immer. Ich denke, Köllner hat die Dynamik des Vereins verändert und eine neue Identität für die Mannschaft geschaffen, auf die die Fans und alle, die ihnen folgen, stolz sein können.

Unvergessliche Momente bei den Löwen

sechzger.de: Nochmal zurück zu Dir: Was nimmst Du mit aus Deiner Zeit beim TSV 1860? Welche Erinnerungen bleiben und was hast Du gelernt? Welche Freundschaften sind entstanden?

Matthew Durrans: Es gibt zu viele Dinge, um sie in einem Interview zu erwähnen. Ich habe so viele Jahre im Club verbracht, vom kleinen Jungen zum jungen Erwachsenen. Während meiner Zeit hier habe ich so viele unglaubliche Erfahrungen gemacht. Eine der ganz großen Erfahrungen war, Teil der U19-Bundesliga-Mannschaft zu sein, die 2016 im Signal Iduna Park das Halbfinale der Deutschen Meisterschaft gegen Borussia Dortmund gespielt hat. Es war großartig, gegen Top-Spieler wie Christian Pulisic zu spielen. Aus dieser Mannschaft sind einige große Spieler wie Florian Neuhaus von Borussia Mönchengladbach, oder Felix Uduokhai vom FC Augsburg hervorgegangen, der bis heute ein guter Freund von mir ist. Die Freunde, die ich über die Jahre gewonnen habe, werden mir immer wichtig sein und ich bin so froh, dass 1860 München ein Club ist, den ich mein Zuhause nennen kann! Der Fußball bei 1860 München hat mich so viel gelehrt und ich werde nie vergessen, was ich alles gelernt habe, die Menschen, die ich getroffen habe, die Orte, an denen ich war, und die Erinnerungen, die ich in so vielen verschiedenen Phasen meines Lebens gesammelt habe!

sechzger.de: War denn ein Verbleib bei den Amateuren der Löwen gar keine Option?

Matthew Durrans: Nein. Ich habe mich letzte Saison gut weiterentwickelt, was mir auch das Trainerteam und Günther Gorenzel zum Abschied noch einmal bestätigt haben und möchte meine Chance höherklassig suchen.

Für Durrans ist 1860 der “Heimatverein”

sechzger.de: Wir wünschen Dir dabei nur das Beste und drücken Dir die Daumen. Gibt es noch irgendwas, was Du den Löwenfans sagen möchtest?

Matthew Durrans: Einmal Löwe, immer Löwe. 1860 ist mein Heimatverein und wird es immer bleiben. Entsprechend wünsche ich den Fans und dem Verein nur das Beste für die Zukunft und den Aufstieg. Und vielleicht sieht man sich ja mal wieder…

sechzger.de: Vielen Dank und vielleicht sieht man sich ja tatsächlich bald mal im Grünwalder Stadion, wenn Du als Fan zu den Löwen zurückkehrst.

Matthew Durrans: Vielen Dank für die Einladung. Ja, das auf jeden Fall. Servus und bis dann!

Titelbild: TSV 1860 München

0 0 votes
Article Rating
Abonnieren
Benachrichtige mich bei
1 Kommentar
Newest
Oldest Most Voted
Inline Feedbacks
View all comments

alles gute und riesen Respekt!