Heute vor 60 Jahren krönte sich der TSV 1860 München durch ein 1:1 gegen den Hamburger SV zum Deutschen Meister. sechzger.de hat einige Zeitzeugen gebeten, ihre Erinnerungen an diesen besonderen Tag und diese unvergessliche Spielzeit in der Historie der Löwen niederzuschreiben. Im dritten Teil berichtet Euch Jost Kleeberg, wie er die Meistersaison erlebte.
Zeitzeuge Jost Kleeberg erinnert sich
Es gibt Erinnerungen, die bleiben ein Leben lang. Bei mir sind es die Nachmittage im Grünwalder Stadion, damals, als ich als Elfjähriger regelmäßig ins „Sechzger“ pilgerte. Meistens kam ich mit der Tram, bei schönem Wetter auch mal mit dem Radl. Vom Waldfriedhof aus zog sich der Weg zwar ordentlich – aber für die Löwen nahm man das natürlich auf sich.
Im Stadion stand ich dann meistens mit ein paar Spezln rechts neben der Haupttribüne oder ziemlich weit unten unter der Uhr. Direkt darunter war schon damals der „harte Kern“ zuhause, mit den großen Fahnen. Wir hatten, wenn überhaupt, nur die kleinen. Aber das tat der Begeisterung keinen Abbruch.
„Die Blaue – die Genaue“
Zum Stadionerlebnis gehörten damals auch die fliegenden Händler mit ihren Bauchläden. Lautstark boten sie „Zigaaan – Zigaretten“ an oder verkauften „Die Blaue – die Genaue“ mit der Mannschaftsaufstellung. Diese „Blaue“ war bei uns sehr beliebt, auch wenn sie nicht immer ganz hochaktuell war. Der medientechnische Fortschritt war eben noch nicht so weit.
Da war man schon froh, wenn in der Nähe jemand ein Radio dabeihatte und man ein bisschen mithören konnte, was „Heute im Stadion“ vermeldete. Mit großer Spannung erwarteten wir auch die Durchsagen in der Halbzeitpause und nach Spielende: „Der Sportinformationsdienst gibt bekannt…“ Dann kamen die aktuellen Ergebnisse – soweit man sie eben damals aktuell nennen konnte.
Autogramme am Spielerausgang
Nach dem Spiel ging es für mich meistens weiter zum Spielerausgang hinter der Tribüne. Dort konnte man die Spieler noch ganz direkt und ungeschützt ansprechen. Mit etwas Glück ergatterte man ein Autogramm – manchmal sogar auf einer Würstl-Pappe.
Würstl konnten wir uns nur selten leisten. 1,50 DM kosteten sie, glaube ich, dazu noch 20 Pfennig für eine zweite Semmel. Und natürlich: viel Senf, damit man auch satt wurde.
Wenn das Geld ganz knapp war, warteten wir manchmal einfach vor dem Stadion, bis nach etwa einer Stunde die Ausgänge geöffnet wurden. Dann konnten wir wenigstens noch eine halbe Stunde Stadionluft schnuppern. Auch das war Sechzig. Auch das war Glück.
Der Meistertag – Freude, Gesang und Fähnchen
An den Tag der Meisterschaft selbst habe ich vor allem eines in Erinnerung: unsere riesige Freude, gemeinsam mit allen anderen. Gesang, Fähnchen, Jubel – ein Gefühl, das man nicht vergisst.
Dass diese eine Meisterschaft für ein ganzes Leben reichen müsste, konnte damals natürlich keiner ahnen.
Aber als Löwenfan schraubt man seine Erwartungen wohl zwangsläufig immer weiter zurück. Meine ungebrochene Liebe zum TSV 1860 München gründet sich daher auch nicht allein auf sportlichen Glanz. Sie liegt vielmehr im Gesamtkunstwerk Sechzig: Immer ist etwas los, immer reibt sich irgendwer an irgendwem, dann kehrt vielleicht mal kurz Ruhe ein – und kaum glaubt man daran, geht es doch wieder weiter.
Genau das macht diesen Verein aus. Und genau deshalb bleibt man ihm treu.
Devotionalien, Erinnerungen und Rudi Brunnenmeier
Im Titelbild dieses Artikels sind einige meiner verbliebenen Löwen-Devotionalien zu sehen. Die RADI-Platte ist seine zweite; die erste, „Bin i Radi“, habe ich leider nicht mehr. Die hatte ich mir damals vom Taschengeld fuchzgerlweise zusammengespart, bis ich die fünf Mark beinand hatte.
Auch eine Vereinschronik des Gesamtvereins aus dem Jahr 1960 gehört zu meinen Erinnerungsstücken. Und dann ist da natürlich Rudi Brunnenmeier. Ihn durfte – oder musste – ich von seiner Glanzzeit bis zu seinem Absturz miterleben. Was für eine Tragödie.
Grüße in die alte Heimat
Ich wünsche sechzger.de viel Erfolg bei den weiteren Vorbereitungen und für das gesamte Projekt. Es ist schön zu sehen, mit wie viel Herzblut dort an der Geschichte und Gegenwart der Löwen gearbeitet wird.
In diesem Sinne: Alles Gute und viele Grüße in die alte Heimat.
Einmal Löwe – immer Löwe. 🦁
Livetalk mit Blick zurück
Auch in der dritten Ausgabe des sechzger.de Livetalks haben wir einen Blick zurück in die Vergangenheit gewagt und mit Zeitzeugen gesprochen. Eine Aufzeichnung der Veranstaltung im Bamboleo findet Ihr auf unserem YouTube-Channel.









