Herzlich willkommen zur Taktiktafelanalyse des zur Tabellenführung ausreichenden 1:1 unseres TSV 1860 München beim BVB II. Die wie erwartet im 3-5-2 (3-4-1-2) antretenden Dortmunder stellten für die wie gewohnt im 4-1-4-1 antretenden Sechzger eine unerwartet harte Nuss dar. Vor allem Verbesserungen im Stellungsspiel der Mannschaft von Christian Preußer während der zwei Wochen Länderspielpause waren der Schlüssel, dass sich die Löwen gegen die Borussen schwer taten.

Systematische Ausrichtung

BVB II – TSV 1860 München in einem quasi leeren Dortmunder Westfalenstadion. Michael Köllner schickte seine Elf in der flexiblen 4-1-4-1 Formation aufs Feld. Rieder gab den tiefen Sechser und Deichmann war in der Box to Box Rolle zu finden.

Die Dortmunder kamen im 3-5-2 mit sehr offensiv ausgerichteten Mittelfeldaußenspielern und Özcan und Eberwein auf der Doppelsechs auf den Platz. Eberwein, im Normalfall im offensiven Mittelfeld zu finden, machte seine Sache als Box to Box Spieler dort sehr gut und gab dem Spiel der Dortmunder gegen den Ball große Stabilität. Das hätte ich von dem nominellen Offensivmann so nicht erwartet.

Pressing-  und Defensivlinien

Dortmund agierte mit extrem hoher Pressingline und vorgeschobener Defensivlinie. Dadurch wurden die Räume für die Löwen sehr eng und somit ein vernünftiger Spielaufbau seitens der Sechzger gut von Dortmund verhindert.

Die Sechzger versuchten mit räumlichem Pressing auf nicht ganz vorderster Linie Ballgewinne im Mittelfeld zu erzwingen. Die hohe Passpräzision und das schnelle Spiel, das die junge Dortmunder Mannschaft seit Saisonbeginn auszeichnet, verhinderte aber Ballgewinne in dieser Zone und in der Folge logischerweise schnelles Umschaltspiel nach Ballgewinn im Mittelfeld.

Dortmund verbessert

In der Länderspielpause hat Christian Preußer mit seiner Mannschaft ganz offensichtlich am defensiven Stellungsspiel gearbeitet. Zwischen dem, was Dortmund in den Partien davor geleistet hat, und dem, was samstags zu sehen war, herrscht ein Unterschied wie Tag und Nacht. Damit kam der TSV 1860 München nicht zurecht. Die Sechzger wirkten teilweise überrascht. Sie mussten über den Kampf ins Spiel finden. Das gelang erst im letzten Drittel der ersten Halbzeit.

Wenn Preußer auch noch die Abschlussschwäche seines Teams beheben kann, wird die zweite Mannschaft des BVB nichts mit dem Abstieg zu tun haben.

Die Sechzger unkonzentriert

Unsere Sechzger waren bei eigenem Ballbesitz sehr unkonzentriert und daher im Passpiel nach vorne ungenau. Es fehlten von Anfang an auch Ideen, die durch das starke Dortmunder Stellungsspiel engen Räume vernünftig zu bespielen. So sah man ungewohnt viele lange Abschläge von Torhüter Hiller, um das Pressing des Gegners zu vermeiden. Sich über Pässe im Positionsspiel aus dem Pressingdruck der Dortmunder U23 zu befreien, war den Sechzgern an diesem Tag nicht in der Weise möglich, die man gewohnt ist.

Kommen wir nun zu den wichtigsten Statistischen Werten der Partie BVB II – TSV 1860

Die wichtigsten statistischen Werte des Spiels BVB II – TSV 1860

  • Ballbesitz: TSV 1860 39% – Borussia Dortmund II 61%
  • Passgenauigkeit: TSV 1860 70% – Borussia Dortmund II 81%
  • Defensive Zweikampfquote: TSV 1860 68% – Borussia Dortmund II 69%
  • Schüsse/aufs Tor: TSV 1860 15/4 – Borussia Dortmund II 12/3
  • PPDA (zugelassene Pässe pro Defensivaktion): TSV 1860 10,18 – Borussia Dortmund II 4,42

Analyse der statistischen Werte

Ballbesitz

Die hohe Ballbesitzquote der Gastgeber leitet sich nicht, wie oft in anderen Partien, in denen die Gegner der Sechzger keine Ideen haben, davon ab, dass Dortmund viel hintenherum gespielt hätte. Die U23 des BVB war über die gesamte Spielzeit nur daran interessiert, schnell und präzise nach vorne zu spielen und den Gegner mit Offensivdruck zu zermürben. Im letzten Drittel verzettelten sich die, nach Lösungen für den eigenen Abschluss suchenden, Dortmunder dann aber ein ums andere mal und kamen meist nur außerhalb der Box des TSV 1860 München zum Abschluss.

Die Sechzger konnten bei ihren eigenen Angriffen in den seltensten Fällen den Ball über mehr als drei Stationen hinweg behaupten. Im Schnitt landete jeder vierte Pass beim Gegenspieler. Dank sehr mannorientierter Defensivarbeit seitens des BVB II wurde den Spielern des TSV 1860 der Ball in vielen Situationen nach dem zweiten Ballkontakt eines Positionsangriffs im Zweikampf wieder abgenommen.

Der Ballbesitz sagt in diesem Spiel genau das aus, was man vermutet: Dortmund war über den Großteil der 90 Minuten hinweg die spielbestimmende Mannschaft.

Ist das ein Alarmsignal für unsere Löwen? Nicht unbedingt. Bisher spielte die Nachwuchself des zweiterfolgreichsten deutschen Vereins der letzten Jahrzehnte ganz klar unter ihren Möglichkeiten. Ständige Veränderungen im Kader durch Verletzungen in der ersten Elf des BVB trugen einiges dazu bei, dass keine Kontinuität in der U23 einkehren konnte. Wenn Dortmund sich weiter in dem Tempo der letzten zwei Wochen entwickelt, müssen wir hier über eine Spitzenmannschaft der Liga sprechen, nicht über einen Abstiegskandidaten.

Passgenauigkeit

Auch dieser Wert ist diesmal nicht von einfachen Pässen seitens des BVB geschönt. Die Dortmunder haben die Spitzenposition in Puncto Passgenauigkeit in der Liga im Blick und werden Osnabrück vermutlich bald in dieser Kategorie überholt haben.

Der TSV 1860 München hingegen hat diesmal vor allem deshalb bei der Passgenauigkeit einen schlechten Wert, weil man viele lange Bälle spielte um dem hohen Pressingdruck der U23 des BVB auszuweichen. Schönzureden ist dieser nicht. Es gelang kaum, zweite Bälle zu erobern. Wäre das gelungen, könnte man von einkalkulierten Fehlpässen sprechen. Nur etwas mehr als ein Drittel aller langen Bälle aus den Reihen der Sechzger kamen zwar beim Adressaten an. Das ist deutlich zu wenig, wenn man in der Folge entweder den Kampf um die zweiten Bälle nicht annimmt oder öfter verliert als gewinnt.

Defensive Zweikampfquote

Endlich ein guter Wert, oder? Sehen wir uns die absoluten Zahlen an und nicht nur die relativen in Prozent ausgedrückten Werte, wankt diese Sichtweise. Die Borussen haben insgesamt nur zehn defensive Zweikämpfe weniger geführt als unsere Sechzger. Wenn man nun bedenkt, dass Dortmund allerdings 22% Prozent mehr Ballbesitz hatte, ist diese Differenz in Abhängigkeit vom gegnerischen Ballbesitz eine Hausnummer, die auf den Magen schlägt.

Wäre das durch gutes Stellungsspiel kompensiert worden, wäre das kein Problem. Aber erst in der Zone, wo es bei Dortmund im Offensivspiel seit Saisonbeginn hapert, nämlich dem letzten Drittel des Gegners und dem gegnerischen Strafraum, konnte der TSV 1860 den BVB II tatsächlich im Zaum halten.

Im Gegensatz zur Defensivleistung des Sechzgermittelfelds ist das der Dortmunder U23 was Zweikämpfe gegen den Ball anbelangt unbedingt zu loben.

Die Zweikampfwerte im letzten Drittel, also die der Defensivspieler, sind hingegen absolut in Ordnung. In der Innenverteidigung ging überhaupt nur ein defensiver Zweikampf am Boden in die Binsen.

Schüsse

Hier kommt nun die Statistik, die etwas positiver auf das Spiel blicken lässt. Die Löwen feuerten mit fünfzehn Schüssen drei mehr ab als der BVB II. Dabei waren sie in der Schussgenauigkeit auch noch um knapp 2% besser als der BVB.

Dass die Dortmunder in Summe allerdings, wenn man den Elfmeter für den TSV 1860 abzieht, mehr Großchancen hatten, ist ein Manko.

Dass obendrein die, abgesehen vom Elfer, größten Torgelegenheiten Verlaat und Lang hatten und nicht einer der Offensivspieler des TSV 1860 München, gibt noch mehr zu denken.

Die Schüsse der Löwen kamen zu mehr als zwei dritteln Zentral aus der Box des Gegners, das ist ein Topwert.

Die gefährlichen Bälle, die dabei aufs Tor gingen, entsprangen allerdings hauptsächlich Standardsituationen. Sieben der fünfzehn Torschussversuche erfolgten nach Ecken oder Freistößen des TSV 1860. Wenn man sich darauf verlassen will, dass diese ins Tor gehen, muss man entweder mehr Druck hinter die Kugel bringen oder deutlich besser platziert abfeuern.

Die Dortmunder konnten zentral vor dem Tor – wie in den meisten Spielen zuvor – nur von außerhalb der Box des TSV 1860 München abschließen. Insgesamt gelangen den Dortmundern nur fünf Schussversuche in der Box der Sechzger. Penetration des Strafraums und zentrale Ballkontakte dort im Positionsspiel bleiben weiterhin ein Dortmunder Problem; genauso die Abschlussschwäche der Stürmer. Wenn Njinmah irgendwann einmal den Schalter umlegen kann und Pasalic weniger eigensinnig beim Abschluss wird, rollt Dortmund das Feld von hinten auf.

PPDA

Die Sechzger reihen sich mit der Pressingintensität etwas hinter dem eigenen Saisonschnitt ein. Das wäre grundsätzlich unproblematisch, hätte man es über die 90 Minuten und nicht nur sporadisch geschafft, den Dortmundern dann wie geplant im Mittelfeld die Bälle abzunehmen und das schnelle (im Normalfall auch gute) Umschaltspiel effektiv auf den Platz zu bringen.

Die Dortmunder hingegen waren bei ihrem hohen Presssing bissig, giftig und immer auf Ballhöhe. Sie zwangen den TSV 1860 somit zu einem Aufbauspiel, das man so nicht gewohnt ist. Der lange Abschlag von Torhüter Hiller auf die Spieler in der vordersten Reihe gehörte unter Michael Köllner bisher eher erst dann zum Repertoire, wenn man, um ein Spiel umzubiegen, die Brechstange herausholen musste. So zu agieren macht aber bei den ungewöhnlich schnellen Spielern, die Dortmund in der Offensive besitzt, durchaus Sinn. Geht im kurzen Aufbauspiel ein Ball verloren, ist die Chance auf ein Gegentor höher als nach einem verlorenen Zweikampf um den sogenannten zweiten Ball.

Die Tore

Hier könnt ihr nochmal die Highlights und die Tore des Spiels ansehen.

Das Gegentor durch Pasalics Sonntagsschuss, nachdem er Greilinger in die falsche Richtung schickte, kann man dem Linksverteidiger nicht allein anlasten.

Bei dem Angriff der Dortmunder schaut jeder Spieler der Löwen seinem Gegenspieler nur zu und alle halten Sicherheitsabstände ein. Natürlich ist es in gewissen Situationen gegen den Ball durchaus vernünftig, einen gewissen Abstand zum Gegenspieler zu haben. Speziell dann, wenn schnelle Gegenspieler auf dem Platz stehen, kann das wichtig sein. Allerdings nur, wenn hinter mir keine Absicherung mehr besteht. Oder dann, wenn das Durchbrechen des ballführenden oder angespielten Gegners Überzahl in einer Zone bedeutet. Nichts davon war hier der Fall. Fabian Greilinger erklärt die Situation auch nach dem Spiel im Interview bei Magenta Sport relativ gut.

Das fiel auf

  • Stark verbesserte Dortmunder überraschten die Sechzger. Ich denke, vor allem auf das stark verbesserte Stellungsspiel des BVB II war der TSV 1860 nicht vorbereitet. Die Lücken, die Dortmund bisher in der Defensive offenbart hatte, waren nicht mehr existent. Dortmund war in jeder Phase des Spiels defensiv hellwach, giftig und aggressiv, das schmeckte dem TSV 1860 gar nicht. So gelang es Dortmund – wie von Trainer Köllner angekündigt – die Löwen überall zu stressen.
  • Gute Zweikampfbilanz, aber zu wenige geführte Defensivzweikämpfe auf Seiten des TSV 1860. Das kann in einem Spiel gegen eine schnelle, technisch gute Mannschaft, wie es die Dortmunder sind, durchaus vorkommen. Das ist unproblematisch, sofern es sich nicht weiter durch die Saison zieht.
  • 23 Ballverluste in der eigenen Spielfeldhälfte. Das ist tatsächlich die geringste Anzahl von Ballverlusten dort in der gesamten bisherigen Saison. Es ist aber nur eine Folge dessen, dass man im Aufbauspiel hauptsächlich auf den langen Ball gesetzt hat und nie wirklich versucht hat, die Pressinglinie am Boden zu überspielen.
  • Nur 15 abgefangene Pässe im Mittelfeld über 90+ Minuten beim TSV 1860 München sind keine gute Bilanz.
  • Lang kommt frisch ins Team und setzt ein Zeichen. Er verliert keinen einzigen Defensivzweikampf, macht ein rundum solides Spiel und zeigt, dass der TSV 1860 vermutlich die größte Breite aller Drittligisten in diesem Mannschaftsteil hat.
  • Schwache Offensive: Lex war der einzige Offensivspieler, der Normalform erreichte. Deichmann konnte immerhin kämpferisch Akzente setzen.

Fazit

Ein glückliches Unentschieden bei einem stark verbesserten BVB II bringt dem TSV 1860 die Tabellenführung zurück.

Es muss allerdings von Anfang an bei eigenem Ballbesitz mehr Konzentration beim Passspiel und im Aufbau da sein. Des Weiteren muss das Spiel gegen den Ball im Mittelfeld energischer sein. Schafft man das umzusetzen, gestaltet man die Spiele wieder siegreich.

Bei dieser Spielweise ist die Eroberung zweiter Bälle existentiell. Das hat am Samstag kaum funktioniert.

Die Art und Weise, wie Dortmund jetzt und vor einigen Wochen Köln in den Spielen gegen die Löwen defensiv agiert haben, kann für alle Gegner, die nun auf den TSV 1860 zukommen, eine Blaupause sein.

Die Chance, dass wir gegen Ingolstadt am kommenden Wochenende ähnlich unter Druck geraten wie vergangenen Samstag, ist, wenn die Mannschaft offensiv weiterhin dermaßen unkonzentriert und ungenau spielt, sehr hoch.

Datenquelle: Wyscout

5 6 votes
Artikelbewertung
Vorheriger ArtikelTSV 1860 am Wochenende: Klarer Heimsieg für Löwinnen
Nächster ArtikelFotogalerie zur Partie Borussia Dortmund II – TSV 1860
Abonnieren
Benachrichtige mich bei
4 Comments
Newest
Oldest Most Voted
Inline Feedbacks
View all comments

Danke, diese Analysen lese ich immer mit dem höchsten Respekt.
Ich hoffe Köllner auch.

Super Analyse, sah das Spiel ganz genauso. Ich zitiere den Blog ja ungern, aber heute gibt es auf DB24 eine umfassende Statistik, die alle bisherigen Spiele der Löwen umfasst. Und da gibt es schon ein paar Werte, die auch mir immer wieder auffallen und wo wirklich dringend eine Verbesserung angesagt ist:

  • Bei der Passgenauigkeit liegen wir bei 75,3% und befinden uns dabei ligaweit auf dem 18. (!) Platz.
  • Bei der Erfolgsquote lange Pässe siehts noch schlimmer aus: Hier sind wird mit 46,4% auf dem letzten Platz.

Da gibt es noch mehr interessante Elemente, aber die beiden fallen mir nahezu bei jedem Spiel auf: Es gibt überhaupt keine Passsicherheit in unserem Spiel und wir operieren viel zu oft mit dem untauglichen Mittel der langen Bällen, wo wir ligaweit auch noch am Schlechtesten sind. Und das mit einer ganzen Reihe von Edeltechnikern in der Mannschaft. Wie kann das sein? Warum schafft es Köllner hier nicht ein gut strukturiertes Kurzpassspiel zu implementieren? Warum agieren wir im Spielaufbau so hektisch und entscheiden uns so oft auf das untauglichste Mittel des langen Passes? Das finde ich auch deswegen so merkwürdig, weil ich mich noch gut erinnern kann, wie Köllner hier angefangen hat und wir plötzlich ein vernünftiges, strukturiertes Kurzpassspiel zeigten, wie ich es seit Jahren nicht mehr gesehen hatte. Das fiel auch auch meinem Cousin auf, der süffisant bemerkte: Das seht ja plötzlich nach Fußball aus! Inzwischen ist komischerweise davon nicht mehr viel übrig und wir spielen derzeit einen ähnlichen Fußball wie unter Bierofka seinerseits.

Last edited 1 Monat zuvor by Alexander Schlegel

schade ist, dass wir die Umschaltchance kurz nach 1:0-Führung nicht nutzen konnten. da wären wir 5 gegen drei gewesen.

sehr gute Analyse, die spiegelt exakt meinen subjektiven Eindruck wider; mir fehlt in diesen Spielen manchmal ein Leader, der halt auch mal die Axt rausholt und einen technisch so versierten Gegenspieler die Lust am 17. Übersteiger nimmt;
und Deichmann finde ich auf der 8-er (?) Position so wie am Samstag komplett verbrannt, seine ganze Offensivwucht ist verschwunden, er auf der re. AV-Position war im schnellen Umschaltspiel eine brutale Waffe