Nach der Meisterschaft der kleinen Bayern in der 3. Liga ist – zumindest am Rande der klassischen Sommerpausen-Themen – eine Diskussion darüber entbrannt, wie DFB und DFL eigentlich grundsätzlich mit den Zweitvertretungen der großen Vereine verfahren sollten. Die Meinungen dazu gehen weit auseinander – auch hier bei sechzger.de.
Christian Jung
und Bernd Winninger präsentieren nachfolgend ihre konträren Positionen:

+++ PRO +++

Das war zu erwarten: Keine zwei Wochen, nachdem die zweite Mannschaft der FCB AG den Meistertitel in der 3. Liga sichergestellt hatte, meldete sich der Präsident aus der Seitenstraße, Herbert Hainer im kicker zu Wort und jammerte, was für eine Ungerechtigkeit es sei, dass die Bayern-Bubis trotz ihrer Platzierung, die sie nun einmal zum Aufrücken in die 2. Bundesliga berechtigen würde, nicht aufsteigen dürfen.

Und auch das war zu erwarten: Von Seiten der Fußballfreunde, insbesondere von jenen, die den Roten weniger gewogen sind, setzte sofort und reflexartig der Widerstands-Chor ein: Pfui Teufel! Welch Größenwahn! Die dummen Roten wollen mit ihrer Zweitvertretung in die zweite Liga. Unverschämtheit! Was bilden die sich ein?

Ich schicke vorweg, dass ich nichts im Weltfußball so verabscheue, wie den Verein aus der Seitenstraße und das Auftreten seiner Funktionäre und sehr vieler seiner Fans. Aber mal ganz ruhig und sachlich analysiert und einfach laut gedacht: Was spricht eigentlich dagegen, dass die Zweitvertretungen der Großklubs, die sich das leisten können und wollen (und auf dem „sich leisten können“, also auf der wirtschaftlichen Dimension liegt die Betonung) bis in die zweite Liga aufsteigen dürfen?

Ich habe bereits am Tag nach dem Spiel unserer Löwen gegen die U23 von München Rot Ende Juni hier auf sechzger.de dargestellt, welch himmelweiter Unterschied in der finanziellen Ausstattung zwischen den beiden Mannschaften, die sich am Vorabend ein rassiges Spiel geliefert hatten, besteht. Für alle, die den Text nicht mehr im Kopf haben: Vom reinen Kaderwert hätte das Zweitteam aus der Säbener Straße in der Saison 2019/2020 in der 2. Bundesliga den fünften Platz belegt.

Das Argument, dass es in anderen europäischen Ländern völlig normal ist, dass Zweitvertretungen bis in die 2. Liga aufsteigen, ist – mit ein paar Beispielen unterfüttert – ebenfalls besagtem Text zu entnehmen. Das kürzen wir hier gerne ab. Kann ja auch der ganz falsche Weg sein, den z.B. Spanien und Österreich da gehen.

Es stellt sich in diesem Zusammenhang ja die ganz grundsätzliche Frage, bis auf welches Liga-Niveau Zweitvertretungen aufsteigen sollen. Warum ist es aktuell hierzulande die 3. Liga, also eine Spielklasse, die eindeutig dem Profifußball zuzurechnen ist? Mit welcher Begründung wäre es eine Klasse tiefer, also in der Regionalliga sinnvoll, die häufig als gewünschte höchste Liga für diese Teams genannt wird? Und was bedeutet das in logischer Konsequenz eigentlich für den Amateurfußball? Hat nicht fast jeder größere Dorfverein zwei Mannschaften im Spielbetrieb? Gibt es da eine Obergrenze für Zweitvertretungen?

Ein häufig vorgetragenes Argument, zweite Mannschaften sollten doch am besten ganz aus dem normalen Spielbetrieb verschwinden, ihre eigene Liga betreiben und sich dann untereinander duellieren, greift leider zu kurz. Die älteren Semester unter uns erinnern sich dunkel, dass es so ein Modell schon einmal gab: Von 1994 bis 1996 wurde eine sogenannte „Bundesliga-Nachwuchsrunde“ (auch „Lizenzliga-Reserverunde“ genannt) durchgeführt, in der auch rekonvaleszente Spieler der jeweiligen Profikader Spielpraxis sammeln konnten. Das Modell wurde letztlich wieder fallengelassen. Und die Argumentation der betroffenen Vereine gegen eine solche eigene Liga ist schlüssig: Die Spieler der zweiten Mannschaften sollen an den normalen Profifußball-Betrieb herangeführt werden und der findet nun Mal – wenn nicht gerade Corona die Gesellschaft im Griff hat – vor richtigen Zuschauern in richtigen Stadien mit richtigen Gegnern statt. Und nicht in einer künstlichen Zweitvertretungsliga. So sehr mich der andere Verein in unserer Stadt nervt – dieses Argument ist schlüssig und nachvollziehbar. Und deswegen spielen diese Teams im normalen Ligenbetrieb mit.

Wer nun etwas polemisch nachhakt und provokativ gleich die Teilnahme von Bayern Zwei und vielleicht auch noch Drei und Vier in der höchsten Spielklasse vorschlägt, dem halte ich entgegen, dass – wie im Jahr 2008 richtigerweise auch für den DFB-Pokal angepasst – natürlich keine zwei Teams eines Vereins im gleichen Wettbewerb antreten dürfen, in dem sie dann (womöglich) aufeinandertreffen. Entsprechend müsste im Falle eines – sehr wünschenswerten, aber nicht wirklich vorstellbaren – Abstiegs der Roten in die 2. Liga dann auch deren B-Team wieder eine Liga runter. Zwei Mannschaften in den völlig identischen Farben in einer Liga – das geht auch mir zu weit.

Mein Fazit: Lasst die kleinen Roten doch einfach in der Liga spielen, in die ihre Mannschaft dem wirtschaftlichen Potenzial nach viel besser passt. Und wenn tatsächlich noch zwei oder drei weitere Vereine Gefallen daran finden, eine Zweitvertretung ins Rennen zu schicken (Dortmund, Hoffenheim oder die Leipziger Dosen werden in diesem Zusammenhang häufig genannt), dann wird das den Fußballbetrieb in Deutschland sicher nicht mehr stören, als die Teilnahme dieser Vereine an einer künstlich festgelegten höchsten Liga mit einem Aufgebot, dessen Kaderwert über dreimal so hoch ist, wie der der zweitteuersten Mannschaft in genau dieser Liga.

Christian Jung

— CONTRA —

Herbert Hainer fordert, auch zweite Mannschaften von Profivereinen in die 2. Liga aufsteigen zu lassen. Diese Forderung kann man natürlich verstehen – allerdings nur, wenn man sich die rote Bayernbrille aufsetzt. Wenn man das jedoch neutral betrachtet und sämtliche Faktoren, die da mit hineinspielen berücksichtigt, kann es nur ein klares „Nein“ als Antwort auf diese Forderung geben.

Zunächst ein paar Fakten zur zweiten Mannschaft des ungeliebten Nachbarn:

Bereits in der 3 Liga hat die rote Zweitvertretung laut www.transfermarkt.de einen Marktwert von 19,53 Mio. €; das entspricht einem Durchschnittsmarktwert von 610.000 €. Zum Vergleich hierzu: Der Durchschnittsmarktwert liegt selbst in der 2. Liga nur um 86.000 € höher (bei 696.000 €), in der 3. Liga gar bei nur 219.000 €. Zudem liefen in der abgelaufenen Spielzeit für die kleinen Bayern neun (!) Legionäre, darunter 2 A-Nationalspieler (Singh/Neuseeland und Ontuzans/Lettland), auf.

Kommen wir nun zur Argumentation:

Zum einen nimmt eine zweite Mannschaft (egal welchen Vereins) auf jeden Fall einer anderen ersten Mannschaft einen Platz in der Liga, in der sie spielt, weg. Das allein wäre eigentlich schon Grund genug, Zweitvertretungen generell in eine eigene Runde für Zweitmannschaften auszugliedern.

Zum anderen gibt es verschiedene Szenarien der sportlichen Wettbewerbsverzerrung, die möglich erscheinen und vermutlich auch einträten: Nehmen wir einmal an, die erste Mannschaft hat ein großes Verletzungsproblem und mehrere Spieler gleichzeitig würden ausfallen, sodass die zweite Mannschaft Spieler ihres Kaders an die Erste abstellen müsste. Der Gegner, der dann an diesem Wochenende gegen die Zweite spielt, hat es im Gegensatz zur Konkurrenz, die nicht gegen die ersatzgeschwächte Truppe spielen durfte, ungleich leichter, Punkte zu holen.
Auch in die umgekehrte Richtung ist so ein Szenario denkbar: Wenn beispielsweise die erste Mannschaft schon uneinholbar als Meister feststünde, es aber für die Zweite noch um wichtige Platzierungen (z.B. gegen den Abstieg) ginge, könnte der Fall eintreten, dass Profis von oben nach unten verschoben würden und auch durchaus ältere, als nur für U21 bzw. U23 Mannschaften spielberechtige, aufliefen. Denn es dürfen ja sehr wohl einige Spieler in diesen U-Teams antreten, die das Höchstalter bereits überschritten haben. Dann stell ich als Teammanager halt mal schnell den Nationaltorwart und den Torschützenkönig für die Zweite ab und schon klappt es mit den nötigen Siegen – und die faire Konkurrenz schaut in die Röhre.

Drittens: das liebe Geld bzw. die finanzielle Wettbewerbsverzerrung. Wie oben bereits erwähnt, beträgt der Marktwert beim diesjährigen Drittligameister in etwa so viel wie bei einem durchschnittlichen Zweitligisten. Was würde denn nun passieren, wenn sich die zweite Mannschaft des dann in die 2. Liga aufgestiegenen Vereins auch noch über die Geldtöpfe, die für die Teilnahme an der zweiten Liga ausgeschüttet werden (Fernsehgelder / Prämien / Sponsorengeld), hermacht? Der Etat für das Team würde sich wohl mindestens verdoppeln; damit käme man zwar immer noch nicht an die Ausgaben eines HSV oder von Hannover 96 ran, aber man schwämme auf alle Fälle im oberen Tabellenmittelfeld der Mannschaftsetats mit. Obendrein erspart sich eine 2 Mannschaft den gesamten Verwaltungsapparat, der ja auch mehr oder minder teuer sein kann, je nachdem was für Strukturen bzw. welche Infrastruktur es gibt, was weitere Vorteile zu Ungunsten der Konkurrenz bedeuten würde.

Eine weitere Frage, die mit der vom DFB gewollten Talentförderung bei U-Mannschaften zusammenhängt, wirft sich durch den dann erhöhten Etat ebenfalls auf: Wie viele weitere, nicht für die deutsche Nationalmannschaft spielberechtigte U23 Nachwuchstalente würde es dann für teures Geld in den Verein spülen? Man ist ja an der Säbener Straße und auch bei anderen Vereinen schon wieder fleißig damit beschäftigt, Talente abzuwerben, sodass sich sogar Leonardo von PSG genötigt fühlte, dazu Stellung zu beziehen.

Das einzige Fazit, dass sich aus der Drittligameisterschaft der U-Mannschaft von der Säbener Straße also ergeben kann, ist, dass es so schnell wie möglich bezüglich Zweitvertretungen klare Regeln geben muss, die einerseits die Talentförderung im eigenen Land bestärken und andererseits andere Vereine nicht benachteiligen oder ausschließen. Der Aufsteiger in die 3. Liga hätte bei so einer Regelung letztes Jahr zum Beispiel entweder Eichstätt oder Lübeck und nicht Wolfsburg II oder Bayern II geheißen.

Also liebe DFL und DFB Verantwortliche: Führen Sie Reserveligen ein, verpflichten sie alle 36 Proficlubs aus Liga 1 und 2 zur Installation einer zweiten Mannschaft und setzen Sie klare Richtlinien bezüglich der Regelung um, bis zu welchem Alter Spieler da spielberechtigt sind. Zweite Mannschaften haben im Profifußball nichts verloren.

Bernd Winninger

 

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