Vom Recht am eigenen Körper

Natürlich gäbe es von diesem Spieltag vieles, was man für die Giesinger Gedanken verwenden könnte. Die Tatsache, dass sich der gut gefüllte Löwenblock in Halle stark präsentiert und sich das ganze Auswärts endlich mal wieder richtig nach Fußball angefühlt hat.

Halle TSV 1860 München
TSV 1860 Fans in Halle

Oder natürlich unsere Löwen-Mannschaft, die sich meiner Meinung nach in Halle gut verkauft hat und drei Punkte verdient gehabt hätte. Wobei es mir insbesonders für Stefan Lex leid tut, dass sein Traumtor wohl wegen Abseits nicht gegolten hat. Warum es der Treffer nicht einmal in die Zusammenfassung vom Spiel geschafft hat, bleibt wohl das Geheimnis von Magenta.

Das bestimmende Thema – mal wieder: Corona

Das bestimmende Thema aus Löwensicht war jedoch – natürlich – die Tatsache, dass bedingt durch die Quarantäne wegen einer Corona-Infektion sowohl einige Spieler, als auch Löwen-Trainer Michael Köllner nicht mit dabei waren. Wobei es mich am Arsch interessiert, was das Gesundheitsamt in Halle zur Entscheidung des Münchner Gesundheitsamtes sagt und ob irgendwelche Ordner im Mannschaftsbus nach Michael Köllner suchen wollten oder nicht. Das sind Nebenkriegsschauplätze.

Dramatischer finde ich da schon die Reaktionen in den sozialen Netzwerken auf das Thema „Infektion bei den Löwen“. Offensichtlich gibt es nicht so wenige unter den Löwen-Fans, die der Meinung sind, dass ein Spieler oder ein Trainer mit seiner Unterschrift bei unserem Verein auch seine Seele und vor allem seinen Körper an diesen verkauft hat.

Warum einige unserer Spieler gar nicht und unser Coach erst so spät geimpft wurden, war in den letzten Tagen die häufigste Frage.

Die Antwort, die mir spontan darauf einfällt ist sinngemäß: „Das geht euch einen feuchten Scheißdreck an, weil es ihr Körper und ihre Entscheidung ist“.

Wenn man das ganze etwas höflicher und sachlicher begründet formulieren möchte, dann kommt man an einem Hit nicht vorbei:

„Google Is Your Friend“

Ein Smartphone ist heutzutage ein mächtiger Computer der Zugang zu mächtig viel Informationen preis gibt. Theoretisch. Leider wird dieses Potential durch den User zumeist nicht abgerufen. Facebook, Instagram, TikTok, Hasis Schergen, Pornhub, Tinder. Die Verlockungen, ohne sinnvolle Informationen die Zeit totzuschlagen sind schier grenzenlos.

Aber der Zugang zum Internet bietet soviel mehr. Man möge bei Google einfach nur einmal die Worte „Corona Impfung Leistungssport“ eingeben. In den Suchtreffern findet man ganz oben Artikel, dass Impfempfehlungen für Leistungssportler nicht 1:1 übernommen werden können. Begründung: weil deren Körper oftmals heftiger reagiert oder mit Leistungseinbrüchen zu kämpfen hat. Übrigens herausgegeben von der Deutschen Zeitschrift für Sportmedizin und nicht vom Wendler. Auf Platz drei findet man einen Zeitungsartikel vom Juni, in dem es darum geht dass Sportler um Olympia bangen, weil sie nach der Corona-Impfung Leistungseinbrüche haben.

Ich selber bin geimpft, aber meilenweit davon entfernt ein Leistungssportler zu sein. Meine Fitness-Daten tracke ich trotzdem schon lange. Die Delle nach der Corona-Impfung ist beachtlich. Dass das bei einem Leistungssportler heftiger ausfallen kann und der darauf keinen Bock hat? Versteh ich zu 100%.

In München sind rund 70% der impffähigen Bevölkerung geimpft, Deutschlandweit sind es etwas weniger. Warum verlangt man von Profisportlern deren Risiko eines Nachteiles durch eine Impfung deutlich höher ist als für den Otto-Normalverbraucher, dass er sich impfen lässt?

Warum hat man Verständnis dafür, dass über die Hälfte der Dauerkarteninhaber beim TSV 1860 München wegen vergleichsweise (!) harmloser Geschichten wie Registrierung, Abstand und Alkoholverbot nicht ins Stadion gehen und die Löwen anfeuern möchte – und verlangt zeitgleich von Spielern die bei diesem Verein lediglich ein Arbeitsverhältnis haben, dass sie sich impfen lassen?

Das passt für mich nicht zusammen.

Natürlich finde ich es schade, dass wir geschwächt in Halle aufgelaufen sind. Natürlich hätte ich von dort gerne drei Punkte mitgenommen, was für das Tabellenbild und die Stimmung rund um unseren geliebten Verein besser gewesen wäre.

Ich bin jedoch stolz auf diese Löwentruppe. Stolz – im großen und ganzen – auf den Umgang unseres Vereines mit dem Thema. Da wurde nicht groß lamentiert oder noch ein paar Verletzte aus dem Hut gezaubert um nicht antreten zu müssen. Sondern mit einer deutlich reduzierten Mannschaft vier Tage nach dem Pokalspiel in Burghausen wurde Halle deutlich dominiert. Die Hallenser hatten übrigens ihr letztes Pflichtspiel 15 Tage zuvor, dass nur am Rande.

Fakt ist, dass es nach wie vor von jedem seine Entscheidung ist wie er mit Corona umgeht: Ob man unter diesen Umständen nach Halle fahren möchte oder nicht, ob man unter diesen Umständen ins Sechzgerstadion gehen möchte oder nicht. Vor allem aber, ob man sich impfen lassen möchte oder nicht. Das ist und bleibt die persönliche Entscheidung von jedem einzelnen.

13 KOMMENTARE

  1. Ich möchte den von Andi und Michel60 angeführten Argumenten, denen ich voll zustimme, nur zwei Gedanken hinzufügen:
    1. Je egoistischer und unsolidarischer sich der Eimzelne in der Pandemie verhält, desto mehr muss der Staat zwangsläufig regulierend eingreifen und Grundrechte einschränken.
    2. Jeder sollte sich so verhalten, als wäre er positiv getestet worden und würde jemandem aus einer Risikogruppe gegenüberstehen (pandemischer Imperativ)

  2. Also Stephan ich schätze dich soweit ich es beurteilen kann sehr und finde Sechzger.de ein überragendes Projekt. Ihr seid die einzeigsten die dingsbums24 mal offen Paroli bieten, aber dieser Artikel schießt über das Ziel hinaus.

    1. Frag mal Sportler die corona hatten. Die leistungsdelle der Impfung zur Erkrankung ist vergleichsweise überschaubar.
    2.es darf doch jeder frei entscheiden ob er sich impfen läßt oder nicht. Sonst hätten wir ja eine impfpflicht. Dass in einer Pandemie die Frage Impfung ja nein aber gravierendere Folgen hat als ohne Pandemie sollte jedem klar sein, den es geht hier darum das Virus in den Griff zu bekommen. Stichwort Solidarität.
    3. Wenn ich sehe wie die Kinder unter den lockdowns gelitten haben, zum Schutz der älteren Bevölkerung gehört es für mich nun auch dazu die 0 bis 12 jährigen zu schützen. Das gehört bei einem überschaubaren Risiko bei der Impfung zur Verantwortung eines jeden.
    4. In Bezug auf 1860 kann ich deine Argumente noch am ehesten nachvollziehen, aber auch sollten sich alle maximal schützen. Die Jungs kommen sich ja teilweise schon ziemlich nahe. Das hat auch nichts mit Seele verkaufen zu tun.
    5. In Bezug auf den Erfolg von sechzig ist mir das Thema allerdings wurscht.

  3. Vielen Dank für diesen Artikel, ich dachte schon, die Gesellschaft in diversen Foren ist verrückt geworden. Natürlich muss eine Entscheidung für oder gegen eine Impfung von jedermann akzeptiert und toleriert werden – wie alle anderen Persönlichkeitsrechte
    Und zum User Michl60 sei gesagt, dass auch die Impfung nicht zu unterschätzende Risiken enthält. Und selbst wenn es „nur“ persönliche Gründe wären ist es ein Unding den Personen die Professionalität abzusprechen. Der eigene Körper geht niemanden anderen etwas an.
    Schöne Grüße

    • Nun, das sehe ich anders, aber jeder darf dazu seine Meinung haben. Alle, mit denen ich darüber geredet habe, waren übrigens meiner Meinung. Und wenn am Schluss der Saison dann genau diese Punkte fehlen werden, dann kann sich jeder wieder seine Gedanken machen, genauso, wenn der nächste positive Fall im Kader auftritt….

      • Ich verstehe Ihre Ansicht, aber dieser Aspekt, ob Impfen verpflichtend sein soll oder nicht, hat eben keine demokratische Grundlage (weil Sie schreiben , alle Ihre Gesprächspartner seien der gleichen Meinung), ist eben kein Mehrheitsprinzip, sondern die Unversehrtheit jedes einzelnen ist durch das Grundgesetz geschützt.
        Aber interessehalber die Frage: wenn ein Spieler aufgrund massiver Impfnebenwirkungen wochenlang ausfallen würde, hat er dann in Ihrer Ansicht auch unverantwortlich gegenüber dem Verein gehandelt oder wenn nicht, warum nicht?
        Schöne Grüße
        Altdorfer

    • Naja die Argumente “der eigene Körper geht niemand etwas an” ist zu schwach. Ich weiß was du meinst aber wenn jemand drogenabhängig ist oder sich selbst verletzt bietet die Gesellschaft auch Hilfe und Schutz an. Wenn zu mir jemand mit Grippe ins Büro kommt, will ich auch dass er nach Hause geht weil ich nicht angesteckt werden will.
      Wir leben nicht isoliert sondern in einer Gemeinschaft und da gehört die Rücksichtnahme auf schwächere dazu und wie immer im. Leben eine risikoabwägung. Ich möchte mich und andere schützen und glaube dass das Risiko mit einer Impfung im Vergleich zur Erkrankung gering ist. 100 pro Sicherheit gibt’s im Leben nirgends.

      • Hallo Andi, wenn jemand infektiös erkrankt ist, möchte ich auch dass er nach Hause geht und sich auskuriert, aber das hat nichts mit dem Impfen an sich zu tun. Ich möchte auch, dass ein COVID-geimpfter nach Hause geht, wenn er offensichtlich krank ist, genauso wie beim Ungeimpften.. Aber ich kann nicht von einem Menschen verlangen sich einen Chemiecocktail spritzen zu lassen, weil ich glaube, dass er dann vielleicht nicht krank wird. Viren mutieren und in diesem COVID-Fall wirkt die Impfe auch nur 6 Monate. Sollen wir uns alle 6 Monate impfen lassen -alle? Immer wieder? Diese Lösung ist für mich keine und ich glaube in 6-12 Monaten werden das viel mehr Menschen so sehen.
        Schöne Grüße
        Altdorfer

        • In der Tat finde ich die Vorstellung au h schrecklich dass sich alle alle paar Monate impfen lassen müssen. Bei Influenza ist es aber auch nicht anders…
          Ich glaube halt nur nicht dass das ein “Chemie Cocktail” ist sondern halt ein Arzneimittel wie viele andere auch. Chemie ist in der Medizin vieles, zB Antidepressiva. Aber es hilft halt.

        • Das Virus wird nicht mehr verschwinden und wir werden jedes Jahr zum Impfen gehen, wenn du es willst. Wenn nicht, musst du halt ggf. mit den Folgen einer Infektion leben. Das ist die Abwägung, die du dann jedes Jahr treffen musst, so wie dieses Jahr auch schon….

          Wenn du eine Alternative weißt, teile uns es bitte mit….

          • Ja, in der Tat, jeder muss für sich abwägen, ob er mit den Folgen einer Infektion oder mit den Folgen der Impfung leben möchte – Jahr für Jahr. Ich kenne mittlerweile mehrere Leute, die teils unmittelbar oder Monate nach der Impfung unter Beschwerden wie plötzliche oder nächtliche Schweißausbrüche, dauernde Abgeschlagenheit oder fehlende Leistungsfähigkeit leiden. Vielleicht vergehen die Beschwerden wieder, aber das sind sicher Leute, die sich kein drittes und x-tes Mal impfen lassen.
            Meine Alternative beruht auf den Zahlen des RKI oder des statistischen Bundesamtes, aber eben von mir interpretiert:
            – 99,9% der gesunden Menschen, also mit gutem Immunsystem sind nach einer Infektion nicht gestorben.
            – 97,5% der an COVID gestorbenen Menschen waren über 70 Jahre.
            – von den 2,5% Todesfällen unter 70 Jahren hatten fast alle Vorerkrankungen (Lungen- und Herzerkrankungen).
            – und anstecken werden wir uns alle irgendwann mit dem Virus – auch und die Geimpften – weil, wie Du schreibst, das Virus wird nicht mehr verschwinden.
            Also, Älteren und Vorerkrankten eine Impfempfehlung aussprechen, insbesondere in den Pflegeheimen, und allen anderen die Impfmöglichkeit anbieten, aber eine Immunisierung durch Ausheilung der Infektion anstreben.
            Meine Überzeugung ist, dass das in ein paar Jahren auch der Standard sein wird.
            Schöne Grüße

  4. Vorab: ich bin auch geimpft. Trotzdem spiegelt der Artikel in sehr großen Teilen meine persönliche Meinung wieder. Wie bei allem gibt es immer mehrere Meinungen. Die jeweils gegenteiligen Meinungen sind jedoch, wenn sie nicht über das Ziel hinaus schießen, zu respektieren. Das genau versucht der Verfasser auch klar auszudrücken.
    Deshalb ist das für mich (wieder mal) ein rundum gelungener Artikel!
    Danke @ sechziger.de!

  5. Eine Infektion mit Covid-19 hat allerdings meist auch einen Leistungseinbruch zur Folge. Und der wird mit etwas Pech sehr viel gravierender sein als nach der Impfung.

  6. Da bin ich völlig anderer Meinung wie du. Ein Mannschaftssportler ist nicht nur sich selbst verantwortlich, sondern auch für seine Mitspieler und seinen Verein. Mit einer Nichtimpfung gefährden diese Spieler den Erfolg bzw. das Saisonziel. Google doch auch mal Sportler, Corona und Herzmuskelentzündung, dann müsste eigentlich jedem Spitzensportler klar sein ob er diese Gefahr und auch das Karriereende riskieren möchte. Eine Nichtimpfung ist für mich mangelnde Professionalität. Gesundheitliche Gründe dürften bei den Spielern nicht dagegen sprechen, also sind es rein persönliche Gründe, die für mich aber nachrangig sind, wenn ich Profisportler sein will. Von der Verantwortung für die Gesellschaft und auch den Familienangehörigen gegenüber gar nicht zu sprechen…

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