Eines vorweg: Die andauernden Beleidigungen gegen Dietmar Hopp auf unterstem Niveau finde ich persönlich absolut daneben – und das ist noch harmlos ausgedrückt: Ohnehin bin ich der Meinung, dass mit dem Wort „Hurensohn“ inzwischen äußerst inflationär umgegangen wird:

Als ich noch ein Kind oder ein Jugendlicher war – ja, das ist ein paar Jahre her – war „Hurensohn“ die schlimmste Beleidigung, die man zu einem Menschen sagen konnte. Heutzutage ist das leider in vielen Kreisen eine „normale“ Beleidigung geworden, so wie früher der Ochse oder der Esel. Sangen die Fankurven  früher noch „Wir wollen keine – XY-Schweine“ so wird inzwischen immer öfter das Wort mit „Huren“ am Anfang und „Sohn“ am Ende benutzt. Muss das sein?

Wer ist in Fan-Gesängen nicht schon alles zum „Hurensohn“ geworden: Timo Werner, der BvB, jeder Rote oder der Torwart des Gegners: Arschloch – Wichser – Hurensohn – Hoeneß. So erschallt es zumindest im Sechzgerstadion regelmäßig. Vielleicht sollte man auch hier einmal den eigenen Sprachschatz überdenken und das Rad an der Eskalationsschraube wieder etwas zurückdrehen.

Allerdings ist es dann doch merkwürdig, dass genau zum jetzigen Zeitpunkt so ein Drama daraus gemacht wird, wenn das ganze gegen Dietmar Hopp geht. Hopp ist ein rühriger, erfolgreicher und ehrenwerter Mann, nah am achtzigsten Lebensjahr und hat diese massiven Beleidigungen sicherlich nicht verdient. Das ist das eine.

Allerdings gehört er als weißer Milliardär auch nicht zwingend zu der Sorte Mensch, die besonders diskriminiert werden oder einen besonderen Schutz brauchen: Hat den Timo Werner bekommen? Die Fans und Spieler des BvB? Die Schiedsrichterin Bibi Steinhaus, wenn sich Fankurven über ihre geringe Oberweite lustig gemacht oder das Lied von der kleinen Nymphomanin gesungen haben? Mir nicht bekannt.

Ganz vorne dabei in den Reihen der zutiefst betroffenen: Bayern-Vorstandschef Karl-Heinz-Rummenigge. Weil er den Dietmar Hopp für so einen tollen Menschen hält? Oder aber vielleicht doch eher, weil SAP seit 2014 Sponsor beim FC Bayern ist und Namenssponsor der neuen Multifunktionsarena im Olympiapark werden soll?

Überhaupt, der Rummenigge: Dass er vorbestraft ist, weil er zwei Luxusuhren nicht beim Zoll angab: Schwamm drüber. Er kam damals übrigens aus Katar. Das ist das Land, wo sein Verein seit Jahren das Trainingslager abhält und dessen Fluggesellschaft seit Jahren den Platz des Ärmelsponsors beim großen FC Bayern innehat. Dort findet auch die Fußball-Weltmeisterschaft 2022 statt – das ist die WM, für die vermutlich sehr viele Ligen-Spielpläne umgeschrieben werden müssen, weil der FIFA nach der Vergabe dann doch aufgefallen ist, dass es in Katar im Sommer zu warm ist. Sechs Tage vor dem heiligen Abend ist dann das Finale – aber auch das nur am Rande. Über die Vergabe dorthin ist ja genug spekuliert worden.

Wieviele Ausländer gestorben sein werden, bis die Stadien für die WM dort fertig sind? Das wird man vermutlich nie genau erfahren, aber eine kleine Ahnung erhält man, wenn man sich diesen Artikel von der Tagesschau anschaut – dort erfährt man auch, unter welchen Bedingungen diese Menschen arbeiten:

https://www.tagesschau.de/ausland/fussball-wm-katar100.html

Wen die Menschrenrechtslage in Katar interessiert, der möge sich bitte einfach diesen Artikel auf Wikipedia durchlesen – aber Vorsicht, das ist keine leichte Kost:

https://de.wikipedia.org/wiki/Menschenrechte_in_Katar

Dass Karl-Heinz-Rummenigge jetzt quasi Krokodilstränen vergießt weil ein Milliardär beleidigt wird, kann man wahlweise entweder als gedankenlos oder als äußerst zynisch bezeichnen.

Dass Hoffenheimer- und Bayern-Spieler für ihre faire Geste des Ball hin- und herschiebens gefeiert werden, ist auch der Hohn: Immerhin stand es zu diesem Zeitpunkt 6:0 aus Sicht der Bayern – da hätten auch der Platzwart und der Kalle ein bißchen herumkicken können, es wäre das gleiche herausgekommen. Bei einem knappen Spielstand hätte das vermutlich anders ausgesehen.

Mindestens genau so schlimm wie die „Betroffenheit“ diverser Funktionäre sind jedoch auch die Kommentare in den Medien, deren Kommentarspalten und den sozialen Netzwerken:

Ja, es ist ein Mann unflätig beleidigt worden – und das ist absolut nicht in Ordnung. Aber in einem anderen Land sterben gerade Menschen, damit wir im Winter 2022 eine Fußball-WM anschauen können.

Darüber könnten und sollten sich die Menschen aufregen. Kann man das von den Stammtischen der Republik erwarten? Vielleicht. Kann man das vom Vorstandsvorsitzenden des FC Bayern verlangen? Oder der Presse?

Zumindest das Wissen und den nötigen Weitblick sollten die Personen haben. Aber wie heißt ein so schöner Spruch: „Wessen Brot ich ess, dessen Lied ich sing“.

Also schweigt man zum Thema Katar und empört sich im Falle Hopp.Dass alle dieses Spielchen mitspielen – Hopp, Kalle, FCB & DFB wird es freuen. Kann man doch endlich etwas gegen die bösen Ultras machen, die man schon lange zum Feindbild erkoren hat – schließlich kann man damit so wunderschön von den wirklichen Missständen ablenken. Davon gibt es nämlich mehr als genug.

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