Herzlich Willkommen zur Taktiktafelanalyse des Spiels SVWW – TSV 1860 München. Bevor wir in Medias Res gehen muss ich sagen, dass ein Spiel mit so einem Auswärtssupport auch für mich vor dem Fernseher Balsam für die Seele war. Jeder einzelne, der dabei war, kann stolz auf sich sein. Solche Aktionen zeigen warum Sechzig der geilste Club der Welt ist. Nun aber weiter zum Thema dieses Beitrags:

Systeme

Der TSV 1860 München war – wie schon gegen Würzburg – mit einem 4-1-3-2 System ins Spiel gegangen. Dem stellten die Wiesbadener zuächst ein 5-4-1, das bei eigenem Ballbesitz auf 3-5-2 oder 3-4-3 verschoben wurde, entgegen. In der Rückwärtsbewegung wirkte es für mich am Fernseher, als verschöbe Wiesbaden zunächst auf 4-1-4-1 um erst im letzten Drittel mit Fünferkette in der letzten Reihe zu verteidigen.

Verschiebungen in den Systemen

Bei den Löwen ließen sich Richy Neudecker und Erik Tallig gegen den Ball immer wieder zurück ins defensive Mittelfeld fallen, um Quirin Moll bei der Defensivarbeit vor der Viererkette zu unterstützen.

Die Verschiebungen aus der Abwehrreihe nach vorn ins Mittelfeld kamen bei Wiesbaden von den beiden Außenverteidigern. Vom Mittelfeld aus verstärkten Goppel und Lankford die Sturmreihe, um den Mittelstürmer Nilsson zu unterstützen.

Wir haben im Prinzip ein Spiel mit drei Phasen gesehen. Die kurze Anfangsoffensive der Löwen während der ersten rund zehn Minuten. Dann die etwa 35-minütige Powerfußballphase der Wiesbadener, in der die Mannschaft des TSV 1860 München  kaum Mittel fand, den Gegner im Zaum zu halten. Es folgte – als dritte Phase – eine sehr ausgeglichene zweite Halbzeit, in der sich beide Mannschaften auf Augenhöhe begegneten.

Die statistischen Werte des Spiels TSV 1860 München – Wehen Wiesbaden

Ballbesitz: TSV 1860 54%  –  SVWW 46%

Passgenauigkeit: TSV 1860 77%  –  SVWW 78%

Defensive Zweikampfquote: TSV 1860 64%  –  SVWW 72%

Schüsse/aufs Tor:  TSV 1860 4/0  –  SVWW 11/5

PPDA (Zugelassene Pässe pro Defensivaktion):  TSV 1860 10,2   –  SVWW 14,63

Phase eins: Zehn Minuten Sturm und Drang des TSV 1860 München

In den ersten zehn Minuten hatten die Löwen das Spiel gut im Griff und verbuchten da auch ihren einzigen Torschuss in der ersten Halbzeit. Talligs Schuss konnten die Wiesbadener blocken, weshalb er nicht als Schuss aufs Tor in die Statistik eingeht. Dem spielerischen Element der Sechzger setzten die Hausherren das wohl von allen genau so erwartete schnelle vertikale Spiel entgegen.

Die Abwehr der Löwen stand allerdings stabil und die Angriffe des SVWW führten während dieser Phase trotz guter Anspiele in die Box der Giesinger nicht zu Torschüssen.

Noch hatten die Löwen keine Probleme damit, sich dem Pressing des Gegners zu entziehen. Somit waren Ballbesitz und Feldvorteile zuerst klar auf Seiten der Löwen.

Phase zwei: Wiesbaden drückt

Nach diesem guten Beginn der Sechzger gab es aber im Defensivverhalten und im Stellungsspiel bei den Löwen einen Bruch. Fortan liefen die Spieler des TSV 1860 München gegen den Ball ihren Gegenspielern und dem Spielgerät regelmäßig hinterher.

Gegen den Ball zu Passiv

Wiesbaden kombinierte schnell und sicher im Mittelfeld und kam einerseits durch den schnellen und technisch exzellent ausgebildeten Goppel, der Phillipp Steinhart immer wieder vor große Probleme stellte, gut ins Spiel. Andererseits half die Passivität, die Sechzig in den ersten beiden Reihen gegen den Ball zeigte und zu große Abstände zu Gegenspielern im Mittelfeld, den Gastgebern, den Druck auf das Tor der Löwen stetig zu steigern.

Goppel war in dieser Phase beim SVWW der Spieler mit den meisten offensiven Ballkontakten und von der Löwendefensive nur schwer in Zaum zu halten. Wenn der Neuzugang aus den Niederlanden diese Form halten, oder sogar verbessern kann, ist er für mich der Beste Griff des Transferfensters bisher für die Konkurrenz der Sechzger.

Die Wiesbadener variierten in der folgenden halben Stunde bis zur Pause ihre Angriffe derart gut, dass sich die Löwen gegen Ball schwer taten, ein Mittel zur Abwehr zu finden. Bei zehn Strafraumszenen für die Wiesbadener in diesem Zeitraum kam es zu ebenfalls zehn Ballkontakten in der Box, die zu drei teils brandgefährlichen Schüssen von innerhalb des Sechzehners führten. Weitere fünf Schüsse auf Tom Kretzschmers Tor gaben die Hausherren von Außerhalb ab. Kretschmars Leistung war die Garantie für das 0:0 zur Halbzeit

Ein weiteres großes Plus der Wehener war die konsequente und faire Zweikampfführung in der eigenen Defensive. Nur drei defensive Zweikämpfe Mann gegen Mann gab der SVWW in der Phase bis zur Halbzeit verloren. Fünfzehnmal konnten Pässe der Löwen abgefangen werden und dreimal mussten die Spieler des SVWW einen Angriff der Sechzger mit einem Foul unterbinden.

TSV 1860 München bei eigenem Ballbesitz zu ungenau

Die Versuche, wenn man den Ball erobert hatte, nach vorne zu spielen endeten bei fast jedem Versuch entweder mit einem verlorenen Offensivzweikampf oder einem Fehlpass. Zwei Ecken, die sich die Löwen herausspielen konnten, wurden ohne einen Ballkontakt der Sechzger zuzulassen von Wiesbaden verteidigt.

Der Verlauf dieser ersten Halbzeit erinnerte mich sehr an das Auswärtsspiel in Saarbrücken vergangene Saison.

Phase drei: Ausgeglichene zweite Hälfte

In Phase drei, welche die komplette zweite Halbzeit andauerte wurde aus dem einseitigen Match ein ausgeglichenes Fußballspiel.

Mit dem Anpfiff zur zweiten Spielhälfte hatte die Mannschaft des TSV 1860 München ein anderes Gesicht. Einerseits natürlich wegen der Einwechslungen von Dennis Dressel und Stefan Lex, die dem Spiel sehr gute Impulse geben konnten, andererseits aber weil die gesamte Elf der Löwen nun viel besser im Raum stand. Bei Ballverlusten arbeitete das ganze Kollektiv mit nach hinten, sodass z.B. ein Sascha Mölders des öfteren bei eigenen Angriffen wenn es schnell nach vorne ging im Mittelfeld zu finden war, anstatt in der vordersten Reihe.

Die Ausgeglichenheit der Teams lässt sich auch sehr gut an Zahlen aus der Statistik ablesen. Sowohl die in den Strafraum gespielten Bälle als auch die Ballkontakte in des Gegners Strafraum waren auf ähnlichem Niveau. Beide Teams gaben in Halbzeit Nummer zwei gleich viele Schüsse ab. Die Quote gewonnener Defensivzweikämpfen und abgefangener Pässe war bis auf einen Prozentpunkt gleich. Die zwei Pässe die der TSV 1860 München mehr abfing, als der Gegner, fallen da nicht wirklich ins Gewicht.

Die einzigen wichtigen Statistiken bei denen es zwischen beiden Teams Diskrepanzen gibt, sind einerseits die Passgenauigkeit, wo der SVWW klare Vorteile besitzt. Die Löwen hatten dagegen ein klares Übergewicht bei gewonnenen Kopfballduellen in der Defensive. Fast 26% mehr Kopfballduelle gewann 1860 im Vergleich. Wenn man sieht, dass Wiesbaden so viele Spieler mit “Gardemaß” hat ist das wirklich ein gutes Zeichen für die weiß-blaue Defensive.

Fazit

In einem stark umkämpften Match, das aufgrund der ersten Halbzeit im SVWW sicher einen Sieger verdient gehabt hätte, konnten die Löwen dank einer übermenschlichen Leistung des phantastisch haltenden Tom Kretzschmer einen Punkt aus der hessischen Landeshauptstadt entführen.

Auf der zweiten Halbzeit und deren Verlauf können die Sechzger aufbauen. Eine Defensivleistung wie in Durchgang eins wollen wir aber bitte nicht mehr sehen! Da waren einige Situationen dabei, in denen ich und bestimmt viele andere Zuschauer auch, knapp dem Herzinfarkt entgingen.

Die wenigen Torschüsse sehe ich hingegen nicht als großes Problem. Dass man gegen Wiesbaden selten zum Abschluss kommen würde, war schon vor dem Match klar.

Einige Situationen im und um den Strafraum herum hätten die Sechzger weniger kompliziert lösen können. So wären mehr Abschlussgelegenheiten generiert worden.

Alles in allem braucht sich der TSV 1860 München aber mit der Offensivleistung aus der zweiten Halbzeit gegen kompakte Wehener keineswegs verstecken.

Der ein oder andere Kritiker in den Sozialen Netzwerken und Foren benennt die ungenauen langen Bälle als Grund für das Ergebnis. Ich denke man hat mit dieser Taktik versucht, den SVWW ein Stück weit mit seinen eigenen Waffen zu schlagen: Wenn die Rechnung aufgeht und man öfter auch mal zweite Bälle gewinnt und dann ein wenig direkter den Weg zum Tor sucht, dann ist das ein gutes Mittel um die engmaschigen Ketten in der Wehener Defensivabteilung zu durchdringen.

Für mich bleibt vom Wochenende unter dem Strich ein Punktgewinn hängen und keine zwei verlorenen Punkte.

Es sind nur noch wenige Tage bis zur nächsten Taktiktafel. Bis dahin könnt ihr bei uns auf sechzger.de etwas gewinnen. Viel Glück!

Datenquelle: Wyscout

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