Herzlich willkommen zur Taktiktafelanalyse des Spiels TSV 1860 München – VfB Oldenburg. Zum ersten Mal trafen diese beiden Vereine in einem Pflichtspiel aufeinander. Am Ende hatten die Giesinger das bessere Ende verdientermaßen für sich.

Oldenburg trat gegen den TSV 1860 erwartungsgemäß mit drei Innenverteidigern an. Das System der Gäste war also nominell ein 3-4-3, respektive 5-4-1, wenn es gegen den Ball ging. Deichmann – Appiah – Steurer war das Trio in der letzten Reihe. Mit den beiden vorgeschobenen Außenverteidigern Plautz und Ndure, die ballnah gegen den Ball asymmetrisch abkippten und so aus dem Dreierabwehrverbund anstatt einer Fünferkette oft eine Viererkette machten, hatte Dario Fossi, der Trainer des VfB, zwei Flügelspieler auf den Außenpositionen, die immer wieder für Gefahr nach vorne sorgten.

Die Sechzger wurden von Michael Köllner im altbekannten flexiblen 4-1-4-1 in die Partie geschickt. Bei eigenem Ballbesitz verschob die Mannschaft des TSV 1860 München auf 4-3-3, wobei die drei Akteure, die dann in der vordersten Linie tätig waren (Tallig – Skenderovic – Vrenezi), sehr flexibel agierten. Yannick Deichmann, wie in der vergangenen Saison so auch am Samstag zunächst auf der Rechtsverteidigerposition, schaltete sich bei nahezu jedem Angriff der Löwen mit in die Offensive ein, und spulte vermutlich die meisten Kilometer aller am Spiel beteiligten Akteure ab.

Gegen den Ball verschob sich das System des TSV 1860 München im eigenen letzten Drittel auf 4-2-3-1. Kobylanski fungierte wohl als Box to Box Spieler, war aber oft gegen den Ball nicht schnell genug auf einer Höhe mit Rieder, der deshalb immer wieder aus seiner zentralen Position herausgezogen wurde. Das verhalf dem VfB bis zur Einwechslung von Joseph Boyamba zu Räumen, welche die Offensivbemühungen des Aufsteigers begünstigten.

Bevor wir mit der Analyse starten, gibt es wie immer die wichtigsten statistischen Werte.

Statistische Werte der Partie TSV 1860 – VfB Oldenburg

  • Ballbesitz: TSV 1860 53% – VfB Oldenburg 47%
  • Passgenauigkeit: TSV 1860 78% – VfB  Oldenburg 75%
  • defensive Zweikampfquote: TSV 1860 80% – VfB Oldenburg 65%
  • Schüsse/aufs Tor: TSV1860 22/5 – VfB  Oldenburg 8/3
  • PPDA (zugelassene Pässe pro Defensivaktion): TSV1860 11,43 – VfB  Oldenburg 13,84

Analyse der statistischen Werte

Ballbesitz

Der Ballbesitz war sehr ausgeglichen und beide Mannschaften versuchten auch, sobald der Ball erobert war, schnell und offensiv vorzugehen. Das gelang dem TSV 1860 München eindeutig besser als dem VfB Oldenburg. Mehr als doppelt so viele zu Ende gespielte Positionsangriffe kann der TSV 1860 München in dieser Partie vorweisen. Für Oldenburg war in vielen Fällen vor dem letzten Drittel des TSV 1860 München Schluss.

Passgenauigkeit

Die Passgenauigkeit von knapp unter 80% ist durchaus als gutes Zeichen dafür zu werten, dass sich die Abläufe in der Offensive langsam automatisieren. Erstaunlich wenig Rückpässe gab es in der Defensive des TSV 1860. Nur 22 mal spielten die Defensivspieler inklusive Rieder einen Ball nach hinten. Das zeigt auf, dass die Passgenauigkeit nichts mit Sicherheitsgedanken zu tun hatte. Im Gegenteil: Die Pässe für Raumgewinn (wie groß der jeweils war, ist hier vernachlässigbar) kommen zu einem großen Teil an. Dass die sogenannten progressiven Pässe, also Pässe die für großen Raumgewinn sorgen, eine bessere Quote aufweisen als die Vorwärtspässe an sich, ist erwähnenswert, und setzt sich saisonübergreifend fort.

Defensive Zweikampfquote

80% defensive Zweikampfquote. Das ist ein Statement des TSV 1860 München, das sich sehen lassen kann. Im eigenen letzten Drittel verloren die Spieler der Giesinger lediglich sechs Zweikämpfe gegen den Ball. Im Großen und Ganzen eroberte der TSV 1860 München die Kugel meistens bereits im Mittelfeld.

Schüsse

Wer den Ball häufig im Mittelfeld erobert, hat hinten nicht viel zu tun. Aber wenn, dann wurde es durchaus brenzlig. Die Löwen ließen zwar nur acht Schüsse des Gegners zu, drei dieser Schüsse waren aber nicht nur dergestalt, dass sie Hiller im Kasten der Löwen Arbeit verschafften. Diese drei Schüsse waren alle brandgefährlich. Vor allem in den Situationen, in denen ein Spieler der Oldenburger allein auf Hiller zulaufen durfte, zeichnete sich der Torhüter des TSV 1860 München aus. Im Eins gegen Eins ist Hiller meines Erachtens einer der besten Torhüter in dieser Liga.

Selbst zum Abschluss kamen die Sechzger 22 mal. Sechs dieser Schüsse wurden geblockt. Fünf gingen aufs Tor, davon einer hinein. Die vielbeinige Oldenburger Abwehrzentrale war mit ein Grund, warum es bis zur 75. Minute dauerte, bis der Ball endlich im Netz zappelte.

Eine Abwehr, die viele Schüsse blocken muss, gerät gerne mal unter Stress. Wer unter Stress steht, macht Fehler und verhilft dem Gegner so zu weiteren Chancen. Mielitz, ein ehemaliger Bundesligaspieler und Europacupteilnehmer im Tor der Oldenburger, hielt, was zu halten war. Mit ihm hat Oldenburg einen guten Griff getan. Beim Gegentor hatte er keine Chance.

PPDA

Zu guter Letzt müssen wir noch über den relativ hohen PPDA Wert sprechen. Zu Beginn presste der TSV 1860 München durchaus aggressiv. Das ließ im Verlauf der ersten Spielhälfte stark nach. Oldenburg bekam nach etwa einer Viertelstunde im eigenen Positionsspiel beim Aufbau vom TSV 1860 mehr Räume angeboten, als ich erwartet hatte. Dafür stellten die Löwen dann ab etwa der Höhe des Mittelkreises in der gegnerischen Hälfte die Oldenburger Spieler eins gegen eins zu und machten es so für die Gegner extrem schwer, das Mittelfeld zu bespielen.

Michael Köllner hat hier in der Halbzeitpause nachjustiert. Im zweiten Durchgang war die Pressinglinie wieder etwas höher angelegt als noch in der letzten halben Stunde in Halbzeit eins. Erst nach dem goldenen Tor durch Verlaat wurde wieder aus einer tieferen Position heraus angelaufen.

Der hohen Präzision im Passspiel, die Oldenburg noch gegen Meppen gezeigt hatte, wurde so gut der Zahn gezogen.

Das fiel auf

Ein durchaus ambitionierter Aufsteiger aus Oldenburg forderte die Löwen in Giesing heraus und ärgerte den TSV 1860 München bis in die 75. Minute, als schlussendlich das erlösende 1:0 für die Gastgeber fiel. Am Ende steht ein verdienter Sieg des TSV 1860 München, der aber auch durchaus als glücklich bezeichnet werden darf. Glücklich, weil Löwenkeeper Hiller beim Stand von 0:0 mehrere hochkarätige Chancen des Gegners – nachdem Oldenburg die Kette ein paar mal überspielen konnte – zunichte machte.

Mit etwas mehr Effektivität beim Gegner kann so ein Spiel durchaus mit einer Punkteteilung oder einer unglücklichen/unverdienten Niederlage enden. Die Chancen von Badjie und Starke im ersten Durchgang dürften in der kommenden Woche Bestandteil der Videoanalyse sein.

Wo nimmt Yannick Deichmann die Puste her? Zunächst auf dem rechten Flügel vorne wie hinten zu finden. Nach Lannerts Einwechslung selbst als offensiver Spieler hinter den Spitzen. Deichmann ist ein Unruheherd, an dem diese Saison viele Defensivreihen zu knabbern haben werden.

Die Einwechselspieler fügten sich nahtlos ins Gefüge ein. Joseph Boyamba war im Gegensatz zu Kobylanski auch defensiv sehr engagiert. So erkämpfte er sich einige Bälle und startete dann Offensivaktionen der Löwen. Auf dem Weg nach vorne zeigte Boyamba meiner Meinung nach ebenfalls eine stärkere Leistung als der mit der Nummer 10 für die Löwen spielende Kobylanski. Sofern er fit genug ist, würde ich mir eine Berücksichtigung in der Startelf am Dienstag für ihn wünschen. Weiter so!

Christopher Lannert, vor Wochenfrist am Freitag im Pokal noch der große Pechvogel, war nach seiner Einwechslung richtig stark. Gegen den Ball fast fehlerfrei, und im Spiel nach vorne mit guten Ideen, einem guten Auge und der entscheidenden Flanke vor dem Siegtreffer. Auch die Flanke, die auslösend für die Eckenserie vor dem Treffer durch Verlaat war, kam von Neuzugang aus Verl. Lannert hat keinen direkten defensiven Zweikampf verloren. Er zog nur in dem ein oder anderen Laufduell mit den schnellen Außen der Oldenburger den Kürzeren. Die Defensivkollegen waren hier jedoch immer zur Stelle und konnten ausbügeln. Ganz nach dem Motte: “Alle für Einen.” Gut gemacht.

Das Tor

Lannert Flanke, Deichmann Kopf, Verlaat Brust und drin war das Ding. Am Ende einer kleinen Serie von Eckbällen gelangte der von rechts durch Albion Vrenezi getretene Ball ohne eine Berührung auf die linke Seite des Spielfelds wo Rieder ihn als erster verarbeiten konnte. Lannert startete hinter Rieder in Richtung Torauslinie und wurde durch den Sechser des TSV 1860 mustergültig in Szene gesetzt. Lannert brachte den Ball mit der ersten Berührung hoch in den Fünfer auf den langen Pfosten. Deichmann köpfte ihn ins Zentrum der kleinen Box, wo Verlaat mit der Brust abstaubte und das goldene Tor markierte.

Oldenburgs Defensivspieler waren hier nur Statisten.

Fazit

Ein wichtiger, vielleicht etwas glücklicher, aber letztendlich verdienter Sieg des TSV 1860 München über den Aufsteiger aus Oldenburg. So sehr ich mich über die drei Punkte freue, so deutlich muss ich aber auch sagen, es war am Samstag nicht alles Gold.

Das bekannte Problem, gegen vielbeinige Abwehrreihen schwer eine effektive Lösung in der Box zu finden, ist nicht verschwunden. Ein Torhüter auf Bundesliga-Niveau macht einem natürlich das Leben nicht gerade leicht. Verlaat, Skenderovic und Deichmann scheiterten teilweise mehrfach am glänzend haltenden Mielitz. Weitere Schüsse verschiedener Spieler aus durchaus vielversprechenden Positionen konnten von Oldenburg geblockt werden.

Wenige Schüsse kamen aus der zweiten Reihe. Hier hat sich der TSV 1860 München klar verbessert. Schoss man in der letzten Saison noch gerne, weil man keine Lösung fand in die Box zu kommen, auch von außerhalb des Sechzehners, hielten sich diese Versuche am Samstag – wie auch schon gegen Dresden – in Grenzen. Das Team findet also gute Lösungen, um dorthin zu kommen, wo es für den Gegner richtig gefährlich wird, wenn man abschließt. Lediglich die Quote der im Strafraum geblockten Bälle muss verbessert werden. Es ist davon auszugehen, dass das auch peu á peu passiert.

Im Großen und Ganzen dürfen wir mit den drei Punkten sehr zufrieden sein. Dass man trotz Feldüberlegenheit der Löwen von einem glücklichen Sieg sprechen muss, ist der Effektivität geschuldet. 4 von 8 Schüssen waren gegen Dresden drin, gegen Oldenburg gingen nur 5 von 22 so aufs Tor, dass sie drin sein hätten können.

In Situationen, in denen es schnell geht und der Gegner es schafft, die Abwehrreihe zu überspielen, bekommen wir aufgezeigt, wo man gegen den Ball die Hebel im Training ansetzen muss.

Die Mannschaft muss sich bei eigenem Ballbesitz vor allem beim Abschluss und, wenn der Gegner den Ball hat, bei schnellem vertikalen Spiel weiter verbessern.

Klappt das über kurz oder lang, sehen wir wohl tatsächlich den von den Ultras in der Choreo gegen Dortmund ausgerufenen goldenen Zeiten entgegen. Mich würde es freuen.

Datenquelle: Wyscout

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Interessant, ich habe unsere Formation eher als ein 3-1-4-2 in der Offensive (Mit Deichman als Gegenstück zu Tallig) und 4-1-4-1 in der Defensive interpretiert.
Nach den Wechseln habe ich dann auch eher das 4-3-3 gesehen.

Insgesamt fand ich, dass das 4-3-3 nach den wechseln um einiges dynamischer rüber kam. Kann natürlich auch dran liegen, dass Deichmann und Tallig dann auf der 8 gespielt haben und Vrenezi auf außen.
Vrenezi auf der 8 hat mir wirklich überhaupt nicht gefallen.

Wir haben im 4-1-4-1 begonnen und dann noch etwa 20 Minuten auf Dreierkette umgestellt, nachdem er gelobte Deichmann immer wieder spielend leicht überspielt wurde und an nahezu jeder Großchance von Oldenburg beteiligt war.

Super Analyse, danke Bernd!