Olympiastadion – für Fußball nur bedingt geeignet

Die Löwenfans können zahlreiche Lieder davon singen: Das Münchner Olympiastadion ist mit dem den Olympiapark überspannenden Zeltdach definitiv ein architektonisches Meisterwerk und ein Wahrzeichen der Stadt. Als Austragungsort für Fußballspiele ist es allerdings nur bedingt geeignet. Zum einen ist der überwiegende Teil der Plätze auf den Tribünen so weit vom Geschehen entfernt, dass nur die Mitnahme von Operngläsern, Feldstechern und ähnlichen Hilfsmitteln ein wirkliches Verfolgen der Geschehnisse auf dem grünen Rasen ermöglicht. Zum anderen kommt dort echte Fußballatmosphäre – wenn überhaupt – bestenfalls auf, wenn mehrere 10.000 stimmgewaltige und hoch motivierte Fans die Ränge bevölkern. Der Verfasser dieser Zeilen erinnert sich natürlich an Europacup-Schlachten gegen Rapid Wien und Leeds United oder an siegreiche Lokalderbys gegen den Verein aus der Seitenstraße… Echte Fußballfesttage! Aber leider eben auch an unzählige triste Veranstaltungen vor gefühlt nur einer Handvoll Löwenfans im zugigen Oly.

Türkgücü schreibt den Münchner Vereinen

Genau diese beschriebene Tristesse erlebt seit dem vorletzten Wochenende (erneut) das Fußballprojekt Türkgücü München, das – nach Ertüchtigungsmaßnahmen im Oly – Giesing den Rücken gekehrt hat und seine Heimspiele für den Rest der Saison am Oberwiesenfeld austrägt. Sorgte in der vergangenen Drittliga-Premierensaison des Emporkömlings noch die Corona-Pandemie für Geisterspiele im Olympiastadion, ist nun das sehr geringe Zuschauerinteresse an der Truppe von Coach Peter Hyballa der Grund für gähnende Leere auf den Rängen. Doch bei Türkgücü weiß man sich zu helfen: Die nachfolgend dokumentierte Email verschickten die Strategen aus der Heinrich Wieland-Straße jüngst an die Münchner Fußballvereine. Ein tolles Angebot für den Breitensport in der Landeshauptstadt oder der verzweifelte Versuch, irgendwie wenigstens ein paar Zuschauer in den Olympiapark zu locken?

 

Fragen, die sich stellen

50 Tickets für das nächste Spiel gegen Wehen Wiesbaden kann jeder Verein mit einem individualisierten Code abrufen. Es sei an dieser Stelle die Frage gestattet: Welchen tieferen Sinn hat die Teilnahme von Türkgücü am Profispielbetrieb der 3. Liga, wenn das Interesse an diesem Projekt so gering ist, dass massenhaft Freikarten unter das Münchner Amateurfußballervolk geworfen werden müssen, um irgendjemand hinter dem Ofen hervorzulocken? Und die vielleicht noch interessantere Frage: Wieviele Menschen werden von diesem Angebot letztlich wohl Gebrauch machen? Bei echten Groundhoppern jüngeren Alters steht der Besuch des Austragungsortes des WM-Finals von 1974 natürlich früher oder später auf der Agenda der dringend aufzusuchenden Arenen. Aber finden wir unter den Mitgliedern der Münchner Breitensportvereine so viele Fußballfans mit genau diesem Motiv für einen Stadionbesuch? Man darf gespannt sein auf den 17. Oktober.

Ende Januar wird es voll – auch ohne Freikarten

Die meisten jüngeren Löwenfans, deren Stadionpremiere erst nach 2005 stattfand, als 1860 das Olympiastadion bereits endgültig verlassen hatte, werden sich gewiss noch gedulden können und dann voraussichtlich am Wochenende um den 22. Januar des kommenden Jahres ins Oly pilgern. Wenn Münchens große Liebe zum Auswärtsspiel gegen Türkgücü antritt. Ob es da dann auch Freikarten gibt oder ob das mittelfristig an die Börse strebende Fußballunternehmen dann erstmals eine relevante Anzahl an Tickets gegen harte Eurowährung verkaufen wird, bleibt abzuwarten.

5 1 vote
Artikelbewertung
Vorheriger ArtikelTaktiktafelanalyse TSV 1860 München – Viktoria Berlin (11. Spieltag)
Nächster ArtikelBei 2G oder 3G plus: Wieder 15.000 Zuschauer in Giesing zugelassen
Abonnieren
Benachrichtige mich bei
3 Comments
Newest
Oldest Most Voted
Inline Feedbacks
View all comments

Sechzig hat doch früher in der Allianz Arena nichts anders gemacht. Da wurden auch fast schon verzweifelt Freikarten verschleudert. Dass Karten für Löwenspiele endlich wieder einen Wert haben, ist doch erst seit der Rückkehr nach Giesing der Fall.

Und das ist gut so.

Richtig. Und genau das war auch zu 100% abzulehnen!
Im Prinzip kannst Du die im Artikel aufgeworfene Frage auf die damaligen Aktivitäten umformulieren. Also in etwa:
“Welchen tieferen Sinn hat die Nutzung der Allianz Arena durch 1860, wenn das Interesse daran so gering ist, dass massenhaft Freikarten unter das Münchner Amateurfußballervolk geworfen werden müssen, um irgendjemand hinter dem Ofen hervorzulocken?”
🙂

Last edited 10 Monate zuvor by Christian Jung