Herzlich willkommen zur Taktiktafelanalyse des Auswärtsspiels unseres TSV 1860 München beim FC Viktoria Köln. Die Höhenberger um Kapitän Risse wurden von Trainer Janßen im erwarteten 4-2-3-1 auf den Platz geschickt. Wie gewohnt traten Michael Köllners Löwen die Partie im flexibel angelegten 4-1-4-1 an.

Viktoria Köln – TSV 1860 München: Am Ende steht ein gerechtes Unentschieden, sagen die einen, ein glückliches die anderen. Was war es denn nun wirklich, wenn man Zahlen und Spielverlauf auf einen Nenner bringt?

Mein erster Eindruck im Stadion direkt nach und auch schon während des Spiels war der des glücklichen, aber verdienten Unentschieden. Nachdem Köln sich auf das Spiel der Löwen eingestellt hatte, schien der FC Viktoria zunächst ein wenig dominanter und kreativer. Manchmal täuscht so ein erster Eindruck allerdings und relativiert sich in der Nachbetrachtung.

Die Viktoria begann gegen den Ball hoch pressend mit mittig angelegter Defensivlinie. Mit Sontheimer und Saghiri standen zwei zentrale Mittelfeldspieler auf der Doppelsechs, die sich gegenseitig in der Box to Box Rolle abwechselten. Dabei ging Sontheimer weitaus häufiger mit nach vorne als sein Nebenmann.

Bei eigenem Ballbesitz verschob die Viktoria das System asymmetrisch über rechts zunächst zu einem 3-1-4-2, das im letzten Drittel zu einem 3-4-3 wurde. Dazu schob zunächst der rechte Außenverteidiger Koronkiewitz ins Mittelfeld nach vorne. Während der offensive Sechser sich nach vorn orientierte, rückte auch Stehle als Schattenstürmer aus dem offensiven Mittelfeld weiter nach vorn, um zusammen mit Meißner zunächst die Doppelspitze zu formieren. Je nachdem, ob über die Außen oder durch die Mitte angegriffen wurde, rückte der ballferne Mittelfeldaußenspieler entweder auf die Halbposition in der Spitze oder er blieb leicht zurückhängend im Mittelfeld, um mögliche zweite Bälle zu ergattern.

Die Sechzger verschoben das 4-1-4-1 wie immer variabel. Der Plan war grundsätzlich mit dem gependelten Außenverteidiger über eine asymmetrische Verschiebung Überzahl im Mittelfeld herzustellen. Das System änderte sich also von 4-1-4-1 über 3-4-3 hin zu einem sehr offensiven 3-2-1-4 im letzten Drittel des Gegners.

Gegen den Ball ließ Michael Köllner die Spieler des TSV 1860 zunächst hoch anlaufen, ohne jedoch direkt auf Balleroberung zu setzen. Man wollte die Viktoria über Pressing im Raum zu Pässen in die Pressingfallen zwingen. Die Pressing- und die Defensivlinie waren dabei beide zunächst hoch angelegt.

Bevor wir in die Analyse einsteigen, die wichtigsten Zahlen aus der Statistik.

Statistische Werte

  • Ballbesitz: TSV 1860 49% – FC Viktoria 51%
  • Passgenauigkeit: TSV 1860 77% – FC Viktoria 78%
  • Defensive Zweikampfquote: TSV 1860 65% – FC Viktoria 60%
  • Schüsse/aufs Tor: TSV 1860 15/7 – FC Viktoria 9/2
  • PPDA (zugelassene Pässe pro Defensivaktion): TSV 1860 8,77 – FC Viktoria 13,52

Analyse der statistischen Werte

Ein Unentschieden der Löwen in Köln. Statistisch gesehen hatten beide Mannschaften etwa gleich viel Ballbesitz. Es gab kaum Unterschiede in der Kategorie Passgenauigkeit. Außerdem herrschte nur eine leichte Diskrepanz zugunsten des TSV 1860 München bei den defensiven Zweikämpfen. Deutliche Überlegenheit für die Sechzger ist dagegen in den Kategorien Schussgenauigkeit und Pressingintensität festzustellen.

Geht man nach dem, was die Statistik zeigt, war es also eher ein glücklicher Punkt für den FC Viktoria. Die Statistik ist aber – ohne das Spiel gesehen zu haben – untauglich. Hillers Rettungstat in der 20. Minute taucht z.B. statistisch gesehen nicht bei den Schüssen auf, sondern bei den Rückpässen. Klingt komisch, ist aber so.

Zu den ersten drei statistischen Wertegruppen braucht es tatsächlich kaum eine Analyse.

Ballbesitz

Beide Mannschaften hatten in etwa gleichviel gleichwertigen Ballbesitz. Beide Teams hielten sich kaum damit auf, hintenrum zu spielen. Rück- und Querpässe in der eigenen Defensive waren bei diesem Spiel ähnlich verteilt, mit einem leichten Vorteil für Köln bei den Rückpässen und einem kleinen Übergewicht für die Löwen bei den Querpässen. Auch bei den zu Ende gespielten Positionsangriffen liegt Köln mit nur einem Angriff mehr, der durchgebracht wurde, hauchdünn vorn.

Passgenauigkeit

Beide Mannschaften spielten auch in etwa gleich viele Vorwärtspässe mit gleich hoher Genauigkeit. Wie meistens bisher in dieser Saison, gab es eine leichte Überlegenheit der Sechzger bei der Genauigkeit der progressiven Pässe. Wobei Köln eine höhere Anzahl in dieser Unterkategorie der Vorwärtspässe spielte.

Defensivzweikämpfe

Prozentual liegt der TSV 1860 bei den gewonnenen Defensivzweikämpfen 5 Punkte besser als Köln. Beide Teams haben allerdings genau gleich viele defensive Zweikämpfe gewonnen. Unsere Löwen insgesamt aber weniger davon geführt.

Zusammenfassend kann man also sagen: Die ersten Kategorien der statistischen Werte sind diesmal so dermaßen homogen, dass man keine tiefgreifende Analyse braucht. Die statistische Ausgeglichenheit ist aber damit nun zu Ende.

Schussstatistik

In der Schussstatistik heißt es neun Schüsse für Köln, zwei davon aufs Tor von Hiller. Einer dieser Schüsse war der Elfmeter von Risse, der andere ein Schuss von Handle. Zusammen mit den Schüssen, die daneben gingen, summiert sich das statistisch zu einem expected Goal (xG) Wert für Köln von rund 1,5. Die Rettung von Hiller vor dem Schuss des eigenen Mannes taucht wie oben erwähnt nicht in dieser Statistik auf. Wäre anstatt Greilinger ein Kölner dort so an den Ball gekommen hätte die Chance, ein Tor zu machen, aus dieser Position in etwa 60% betragen, der xG Wert der Viktoria wäre also um 0,6% höher, als er tatsächlich ist.

Die fünfzehn Schüsse des TSV 1860, von denen mit sieben fast die Hälfte aufs Tor gingen, addieren sich zu einem xG Wert von 2,3. Das heißt im Endeffekt, der TSV 1860 hatte mehr Chancen, Viktoria Köln die klareren. Wir sehen also auch hier eine gewisse Ausgeglichenheit. Da beide xG Werte über 2 und auch unter der für die Rundung nach oben oder unten wichtigen 2,5 liegen, kann man die Differenz von 0,2 bei diesem Wert vernachlässigen.

PPDA

Bleibt als letztes die Pressingintensität, die mit dem PPDA Wert gemessen wird. Dieser Wert ist aber, ohne gesehen zu haben, wie eine Mannschaft anläuft und in welchen Bereichen des Spielfelds gepresst wird, wertlos. Die Pressinglinie der Viktoria verschob sich, nachdem sie zunächst hoch angelegt war, nach und nach immer weiter nach hinten. Bei den Sechzgern wurde aus dem Pressing im Raum mit der Absicht, Pressingfallen zu stellen, im Spielverlauf immer direkteres Pressing in den dafür relevanten Zonen im Mittelfeld und auf den Angriffspositionen. Wobei die Linien auf denen gepresst wurde, variierten. Einen tatsächlichen Beitrag zur Analyse liefert dieser Wert heute für kein Team.

Zusammenfassend könnte man nach der Analyse der Statistik also nun sagen, die Punkteteilung war gerecht.

Leuchten wir aber nochmal genauer auf den xG Wert im Speziellen und sehen uns nun nur die Großchancen an. Die Schüsse also, die eine hohe Wahrscheinlichkeit hatten, ins Tor zu gehen. Hier führt Köln mit einem xG Wert von 1,6:1,3. Damit beträgt die Diskrepanz 0,3. Und die Waage schlägt diesmal auch auf die andere Seite aus, was den Wert über und unter der für die Rundung wichtigen Nachkommastelle betrifft. Köln hatte also in diesem Spiel, wenn man nur die Großchancen betrachtet, die besseren Torgelegenheiten. Der TSV 1860 hat daher zwar einerseits ein glückliches, andererseits aber auch verdientes Unentschieden erkämpft.

Die Tore.

Alle Highlights gibt es hier.

Beleuchten wir die Entstehung des Gegentreffers, der per Elfmeter erzielt wurde. Wie kam es zu der Situation, die Morgalla zum Foulspiel zwang?

Ein langer Ball auf Stehle, der sich hinter dem herausrückenden Verlaat davon stibitzt, war der Grund, warum Morgalla Stehle übernehmen musste. Er kommt zunächst zu spät und nicht in den Zweikampf, in der Folge läuft er Stehle hinterher und bringt ihn rlfmeterreif zu Fall. Pech für Morgalla, dass ihm das passiert ist. Aber allein seine Schuld?

War es auch Verlaats Aufrücken, das diese Situation erst entstehen ließ?

In der Wiederholung des Spiels ab Spielminute 22 ist die Entstehung der Situation gut aufzulösen. Die Verschiebung in der Abwehrkette, um den linken Abwehrquadranten zu überladen, hat nicht richtig bzw. zu langsam funktioniert. Als Verlaat den entscheidenden Schritt macht, ist Lannert zwar schon bei Meißner, Morgalla aber noch nicht bei Stehle angelangt.

Es war also wohl ein Abstimmungsproblem. Ob Verlaat sich nun zu früh nach vorn bewegt oder ob Morgalla sich zu spät von Meißner löst, kann ich nicht definitiv sagen. Vielleicht ist es auch eine Kombination beider Faktoren. Das wäre eine Frage, die der Coach in der Pressekonferenz auflösen könnte. Im Endeffekt geht es nur um wenige Sekunden, in denen sich ein Spieler entweder zu früh, oder ein anderer zu spät bewegt hat.

Was fiel auf?

Hiller rettete den Punkt

Die drei Situationen, in denen der Ball so aufs Tor kam, dass er hätte hineingehen können, waren allesamt Hochkaräter. Gegen den Elfmeter war Hiller machtlos. Glänzend waren seine anderen beiden Paraden. Einmal gegen Handle und auch den eigenen Mitspieler Fabian Greilinger.

Faden verloren und wieder gefunden

Nach etwa einer Viertelstunde in der ersten Halbzeit verloren die Sechzger komplett den Faden im Spiel. Viktoria Köln stellte sich besser auf den TSV 1860 ein. Die Spieler der Löwen sahen vor allem gegen den Ball und bei Duellen um einen zweiten Ball nicht besonders gut aus. Die Wechsel nach dem Pausentee (Tallig für Kobylanski und Wein für Moll) brachten mehr Stabilität. Mit Tallig in der Box to Box Rolle und dem abgeklärt und ruhig spielenden Wein, dem man seine lange Verletzungspause fußballerisch überhaupt nicht anmerkte, wirkten die Löwen um einiges kompakter gegen die zuvor noch stark drängenden Kölner.

Rigorose Umstellung zur Punktrettung durch den Trainer

Verlaat als zweite Sturmspitze neben Zielspieler Lakenmacher einzusetzen, war entweder ein Geistesblitz oder eine Notnagel-Entscheidung. Erfahren werden wir es vermutlich nicht. Ich gehe allerdings von der Geistesblitz-Theorie aus. Um Verlaat vorne lassen zu können, musste die Sechzgerdefensive nun Spielintelligenz beweisen. Zunächst kippte in brenzligen Situationen noch Daniel Wein ab, um den zweiten Innenverteidiger zu geben. Später rückte Lannert eine Position weiter nach links in die Innenverteidigung und der für Lex eingewechselte Marius Willsch übernahm die rechte Außenverteidiger-Position.

Wenns spielerisch nicht klappt, muss die Brechstange her

Freistoß Vrenezi – Kopfball Deichmann – Vorlage durch zwei Gegenspieler hindurch Lakenmacher – Kopfball Verlaat aus nächster Nähe – Tor. Damit wäre bewiesen: Auch die Brechstange, um eine Partie umzubiegen, haben die Löwen mittlerweile im Werkzeugkoffer.

Fazit

Für mich war und ist es zwischen Viktoria Köln und dem TSV 1860 diesmal tatsächlich ein Unentschieden der glücklichen Sorte – aber keineswegs unverdient. In Köln haben schon ganz andere Mannschaften eine mitbekommen, also lassen wir die Kirche im Dorf und sind mit dem Pünktchen zufrieden. Ich für meinen Teil bin es nach dem Spielverlauf auf alle Fälle.

Köln hat sich stark präsentiert und wird noch viele andere Teams ärgern. Der TSV 1860 steht nach wie vor an der Tabellenspitze und führt die 3. Liga an.

Alles in allem haben wir ein gutes, spannendes Fußballspiel zweier Mannschaften gesehen,  die gern offensiv spielen. Dass am Ende “nur” ein 1:1 herauskam, ist wohl auch beiden Torhütern zu verdanken. Nicht nur Hiller hatte einen Bombentag, auch Voll im Tor der Kölner hielt fast alles, was zu halten war. Sechs Schüsse parierte der junge Kölner Torhüter, drei davon mit Reflexen, die bei einem Stürmer Alpträume hervorrufen können.

Unterm Strich sind vermutlich alle Sechzger zufrieden mit dem Punkt.

Datenquelle: Wyscout

4.2 5 votes
Artikelbewertung
Vorheriger ArtikelTorschütze Jesper Verlaat in kicker “Elf des Tages”
Nächster ArtikelTobias Schweinsteiger neuer Trainer des VfL Osnabrück
Abonnieren
Benachrichtige mich bei
4 Comments
Newest
Oldest Most Voted
Inline Feedbacks
View all comments

ich will und wollte das gestern nicht als Beschwerde verstanden wissen, aber die Situation Foul an Boyamba ist für mich schon höchst wahrscheinlich eine die Spiel entscheidend gewesen sein kann.

schlüssige Analyse, der nicht gegebene Elfer gegen Bombaya hätte ein Wendepunkt zu unseren Gunsten sein können
bin aber bei dir, Köln war gut und viel Spaß allen Teams, die dort noch antreten dürfen

Bombaya > Boyamba: war das Absicht wegen der Trikotwervechslung?
😉

Danke für die Nachlese!