Der Kassenwart lässt Euch regelmäßig teilhaben an seinen Gedanken. Diesmal geht es um das frühzeitige Aus von Türkgücü in der laufenden Drittligasaison. Gerecht? Sportlich fair?

Viel Diskussion um Türkgücü

Nun ist es also amtlich. Endlich, möchte man sagen. Seitdem Investor Hasan Kivran sich vom Projekt aus Perlach zurückgezogen und damit die Türkgücü Fussball KGaA in die Insolvenz getrieben hat, wird immer wieder die Frage nach sportlicher Fairness gestellt. Schließlich wirbelt die Einstellung des Spielbetriebs sieben Spieltage vor Ende der Saison das Tabellenbild ordentlich durcheinander. Und der Vorwurf der Wettbewerbsverzerrung durch Annullierung der Spielergebnisse steht im Raum. Wenn man es aber einmal sachlich analysiert, ist die Streichung aller Spielergebnisse tatsächlich die fairste und beste aller möglichen Alternativen.

Spielordnung der 3. Liga von allen akzeptiert

Beginnen wir mit einer formalen Bewertung: Alle 20 Vereine der 3. Liga haben sich mit ihrer Teilnahme an der Saison 2021/22 zum Ligastatut und der Spielordnung zur Einhaltung der Regularien verpflichtet. Es ist ein gemeinsamer Vertrag aller Teilnehmer zu Stande gekommen. Nachdem – von allen unerwartet – nun eine Klausel dieses Vertrages tatsächlich zur Anwendung kommt, muss man sich fragen, ob die dagegen medial laustark reklamierenden Ligateilnehmer die zuvor akzeptierte Spielordnung künftig je nach Spieltagsergebnis interpretieren möchten. Formal jedenfalls besteht kein Zweifel, dass alle Teilnehmer einen solchen Fall der Abwicklung der Einstellung des Spielbetriebs mit Lizenzantrag zur 3. Liga im Voraus akzeptiert haben. Mit der Entscheidung des DFB wurde dem Recht also Ausdruck verliehen. Aber ist die Folge daraus auch gerecht?

Rechtsempfinden vs. Gerechtigkeitsempfinden

Natürlich empfinden viele Fans der mittels bereinigter Tabelle benachteiligten Vereine das Ergebnis als ungerecht. Gerechtigkeit ist weit subjektiver als Recht, weswegen es häufig zu Differenzen zwischen einem Rechtsspruch und dem Gerechtigkeitsempfinden kommt. Aber in Wahrheit gibt es verschiedene Formen von Gerechtigkeit, wie Verteilungsgerechtigkeit, ausgleichende Gerechtigkeit, Kompensationsgerechtigkeit etc. Ist es also beispielsweise gerecht, wenn ein Verein übermäßig von nachweislichen Fehlentscheidungen der Unparteiischen profitiert und aufsteigt? Der Verein ist im Recht, aber ist es auch gerecht? Und war es letztes Jahr gerecht, dass 1860 München als einziger Profiklub in Deutschland sämtliche Heimspiele als Geisterspiele absolvieren musste, seinen gewohnten Heimvorteil nicht ausnutzen konnte, während andere vor vielen Tausend Zuschauern als zwölftem Mann spielten? Wo war die Solidarität der Vereine in diesem Fall der offensichtlichen Wettbewerbsverzerrung? Von Coronahilfen mal ganz abgesehen, welche 1860 durch die Gesellschafterstruktur als einer von wenigen auch nicht erhalten hat.

Zwei Spiele gegen Türkgücü unter extrem unterschiedlichen Vorzeichen

Und jetzt fragt man sich, was eher einem sportlich fairem Wettkampf entspricht: Die Spielergebnisse von 19 Vereinen, welche sich auf Augenhöhe begegnen und unter gleichen Bedingungen in 36 Hin- und Rückspielen messen. Oder die Ergebnisse aus 36+2 Spielen, wobei die “+2” jeweils unter vollkommen unterschiedlichen Rahmenbedingungen absolviert wurden. Mal mit, mal ohne Trainer mit gültiger Lizenz. Mal hochmotiviert mit einem hochklassigen Kader, mal resigniert mit der Bürde von elf Punkten Abzug. Manchmal in Bestbesetzung und manchmal sogar – um Kosten zu sparen – ohne Ersatztorwart. Ist das noch faires, sportliches Kräftemessen?

Daher muss sich jeder fragen: Handelt es sich bei der Annullierung der Ergebnisse in der Causa Türkgücü nicht um sich selbst kompensierende Wettbewerbsverzerrung, somit um Kompensationsgerechtigkeit?

19 Teams werden am Ende der Saison 2021/22 um Auf- und Abstieg gespielt haben, eines ist zwischenzeitlich ausgeschieden. Letztlich können in einem sportlich fairen Wettkampf auch nur die Ergebnisse dieser 19 Teams gegeneinander gelten. Ansonsten könnte man zur Attraktivitätssteigerung künftig auch Gastteams aus anderen Ländern außerhalb eigener Wertung mitspielen lassen und die Spielergebnisse in Auf- und Abstieg einrechnen.

Lautern, Uerdingen, Türkgücü – jedes Jahr ein Insolvenzfall

Der DFB und die Vereine sind gefordert, künftig die Lizenzierung ernster zu nehmen. Und den Vereinen zu mehr wirtschaftliche Stärke zu verhelfen. Die 2.Mannschaften, welche hohe Gehälter zahlen können und in Konkurrenz zu den regulären Drittligisten stehen, sind der nächste Sargnagel der 3. Liga und ein Insolvenzauslöser. Wir weisen als Fans gern mal darauf hin. Nicht, dass später wieder ein DFB-Verantwortlicher sagt, das sei alles nicht absehbar gewesen.

Weitergehende Leseempfehlung

PS: Wen es interessiert, wie man einen Fussballverein „elegant“ saniert: Es gibt einen sehr lehrreichen Aufsatz von Sportökonom Daniel Weimar. „Insolvenzrelevante Fußball-Verbandsregularien in Deutschland” Ausgehend von den Besonderheiten des Fußballmarktes bieten sowohl aktuelle verbandsseitige Insolvenzregelungen als auch die Insolvenzordnung an sich Anreize zu einer – aus Verbands- und Wettbewerbersicht – dysfunktionalen Ausnutzung der Rechtsräume. Weimar weist in seinem Aufsatz nach, dass Fussballvereine Eintritt und Zeitpunkt einer Insolvenz nahezu beliebig selbst planen können.
Das kennen wir aus der näheren Vergangenheit. Let’s play fair, 3. Liga-Klubs!

4.9 11 votes
Artikelbewertung
Vorheriger ArtikelSechzig ohne zehn nach Aubstadt / Kretzschmar im Tor?
Nächster ArtikelSechzig um Sieben: Türkgücü abgemeldet, Sechzig springt auf Platz 5
Abonnieren
Benachrichtige mich bei
7 Comments
Newest
Oldest Most Voted
Inline Feedbacks
View all comments

Und wer die Parallelen in dem Aufsatz des Sportökonoms Daniel Weimar zu einem aktuell in allen Belangen gut dastehenden Drittligisten findet, hat Recht. Ich denke deshalb kommen aus Richtung dieses Vereins auch nur sehr leise Töne. Die wissen genau, warum sie das Thema Insolvenz nicht in der Öffentlichkeit haben wollen, nachdem sie sich elegant aller Altlasten entsorgt hatten – genau nach Leitfaden von D.Weimar 😉

Der sportliche Wettkampf um Auf- und Abstieg findet/fand in dieser Saison nur zwischen 19 Teams in Liga 3 statt. Daher ist es sportlich fair, auch nur die Ergebnisse dieser Mannschaften zu zählen.

Last edited 6 Monate zuvor by Kassenwart

Genau meine Meinung.

In diesem Insolvenzfall Projekt TG gibt es kein gerechtes Urteil. Auch alle anderen denkbaren Lösungen wären letztlich ungerecht, was das Empfinden einzelner Vereine anbelangt. Der DFB kann nur so entscheiden, da dies , wie beschrieben, den Statuen entspricht und um sich selbst nicht angreifbar zu machen. Diese Rechtsprechung heute ist zumindest nachvollziehbar .

Und der Hinweis auf die zweiten Mannschaften ist auch gut: – aus meiner Sicht müsste es untersagt sein, dass zweite Mannschaften in einer Profiliga, also auch der 3. Liga, teilnehmen dürfen. Da diese Mannschaften meist personell gut bis sehr gut besetzt sind, aber nicht aufsteigen dürfen, fehlt nach Sicherung des Klassenerhaltes die letzte Motivation, was den Wettbewerb ebenso verzerrt. Pech für die Mannschaften, die am Anfang gegen die Zweiten spielen, Glück für die, die am Ende dran sind.

Grüße
Altdorfer

Lieber Herr Kassenwart,
danke für ihre Beiträge !

Sehr gut! Danke! Gut vorgetragene Argumente statt dumpfer Stimmungsmache. Du bist sicher kein Journalist.

Ein in jeder Hinsicht hervorragender Kommentar!
Danke!