Am Samstag rollt der Ball wieder, wenn der TSV 1860 im Stadion am Lotter Kreuz auf den SC Verl trifft. Die Ostwestfalen haben sich in ihrer Premierensaison in der 3. Liga viele Sympathien erarbeitet – auch bei den Löwen. Wir haben Norbert Meyer, den Pressesprecher des SC Verl, zum Interview gebeten.

Norbert Meyer (SC Verl) im Interview

sechzger.de: Zunächst mal viel Dank, dass Sie sich Zeit für dieses Interview nehmen. Lassen Sie uns zunächst auf die Vorsaison zurückblicken. Von vielen Experten als erster Abstiegskandidat gehandelt, belegte der SC Verl in der ersten Drittligasaison der Vereinsgeschichte einen überraschenden siebten Rang und schwebte zu keiner Zeit in Abstiegsgefahr. Wie groß war die Genugtuung, es den vermeintlichen Experten gezeigt zu haben?

Norbert Meyer: Genugtuung ist das falsche Wort. Eher die Bestätigung für unsere Philosophie. Unsere Idee, die Art, wie wir spielen wollen. Es ist wichtig, dass die Spieler auch charakterlich nach Verl passen. Und das ist genauso ein wichtiger Baustein für den aktuellen Erfolg wie das Team hinter dem Team. Es ziehen alle an einem Strang. Am Ende arbeiten alle für den Erfolg des Vereins.

sechzger.de: Trotz eines fast schon dramatischen Umbruchs im Kader (nur 11 der 27 Akteure aus dem Vorjahr sind geblieben) und den Abgängen mehrerer Leistungsträger, u.a. Lars Ritzka, Philipp Sander und Aygün Yildirim, ist der Start in die neue Saison durchaus als geglückt zu bezeichnen. Habt Ihr selbst mit dieser guten Punktausbeute aus den ersten Spielen gerechnet?

Norbert Meyer: Dass Spieler nach einer starken Runde für andere Vereine interessant sind, war uns von Anfang an bewusst. In Verl sind wir davon überzeugt, dass wir mit unserem jungen Kader – der riesiges Potenzial besitzt – eine gute Rolle spielen können. Viele stehen noch am Anfang ihrer Karriere. Alle wollen sich verbessern und saugen die vermittelten Inhalte förmlich auf. Am Ende sind die geholten Punkte ein Ergebnis aus der harten Vorbereitung und der gezielten Arbeit mit Blick Richtung Spieltag.

sechzger.de: Wie hat der SC Verl unter den aktuell herrschenden Corona-Auflagen und damit unter äußerst erschwerten Bedingungen die Integration der vielen Neuzugänge ermöglicht?

Norbert Meyer: Das war kein großes Thema. Trainiert wird in Verl. Gespielt wird in Lotte. Wir haben in der Vergangenheit auch das ein oder andere Spiel nicht in Verl austragen können. Und die Mannschaft hat es sehr gut gemacht. So gehen wir es auch diese Saison an.

Guerino Capretti, Trainer des SC Verl
Guerino Capretti, Trainer des SC Verl

Erfolgstrainer Guerino Capretti

sechzger.de: Welchen Anteil am Erfolg und am positiven Erscheinungsbild des Vereins hat Trainer Guerino Capretti, der seit 2017 beim SC Verl als Übungsleiter tätig ist?

Norbert Meyer: Natürlich ist es eine schöne Sache, dass Rino bereits viele Jahre in Verl ist. Der Verein steht für Kontinuität. Hier wird seriös gearbeitet. Bei Gegenwind fallen in Verl aber auch die handelnden Personen nicht um, sondern bewahren Ruhe und lassen das Trainerteam in Ruhe arbeiten. Zudem ist es uns wichtig: Wir sind ein Verein zum Anfassen. Und das wollen wir bleiben.

sechzger.de: Gab es nach dem erfolgreichen Drittligadebüt des SC Verl auch Anfragen anderer Vereine für Guerino Capretti? Gibt es Befürchtungen, dass der Trainer aufgrund seiner guten Arbeit in Verl bald abgeworben werden könnte?

Norbert Meyer: Dass ein Trainer, der erfolgreich arbeitet, durchaus für andere Vereine interessant ist, dies war und ist uns in Verl bewusst. Das ist auch das Business. Bereits in der Rückrunde der vergangenen Saison kam diese Frage vereinzelt immer einmal auf. Unser Präsident hat es mehrfach treffend formuliert. Rino hat Vertrag und wir haben nicht vor, ihn aus seinem laufenden Vertrag freizugeben.

Stadion am Lotter Kreuz in Lotte
Stadion am Lotter Kreuz in Lotte

Der SC Verl im Exil in Lotte

sechzger.de: Um das Thema Stadion kommen wir nicht herum. Leider darf der SC Verl in dieser Spielzeit seine Heimspiele nicht der Verler „Sportclub Arena” austragen, der DFB ordnete den Umzug in das mehr als 70 Km entfernte Lotte an. Wie hat man beim SC Verl diese aus der Entfernung äußerst unverständliche Entscheidung aufgenommen?

Norbert Meyer: Natürlich hat man gehofft, dass es eine Möglichkeit gibt, die Heimspiele in unserer wunderbaren Sportclub Arena austragen zu können. Das Regelwerk ist da jedoch eindeutig und deswegen haben wir Lotte entsprechend bei der Einreichung der Unterlagen als Ausweichstätte angegeben. Andre Theilmeier (Sprecher Verwaltungsrat) und Michael Beckhoff (Stadionbeauftragter) sind hier jeden Tag im Einsatz, um Lösungen zu erarbeiten. Lobend muss man auch erwähnen: Wir arbeiten gemeinsam und mit tatkräftiger Unterstützung des DFB an einer Stadionlösung für Verl.

sechzger.de: Welche Maßnahmen wären notwendig, um die „Sportclub Arena” in Verl drittligatauglich zu machen und ist dieser Aufwand für den SC Verl überhaupt finanziell zu stemmen?

Norbert Meyer: Diese Frage ist im Grunde aktuell nicht zu beantworten, weil wir die Lizensierungsauflagen der nächsten Saison noch nicht kennen. Investitionen in den Platz, die Rasenheizung, ein neues Flutlicht und verbesserte Kamerapositionen sind abgesichert und können durchgeführt werden. Wir warten ab, was von uns darüber hinaus gefordert wird.

sechzger.de: Wie wird das Stadion am Lotter Kreuz von den Verler Fans angenommen und welche Angebote stellt der SC Verl den eigenen Anhängern zur Verfügung, um in das ungeliebte Ausweichstadion zu kommen?

Norbert Meyer: Wir versuchen bei jedem Heimspiel in Lotte soviel Verl-Flair zu transportieren, wie möglich. Sowohl für unsere Fans, als auch für die zahlreichen Unterstützer des Vereins. Wir stellen einen kostenlosen Bus für den Transfer zur Verfügung, Vereinsmitglieder zahlen keinen Eintritt, organisierte Fans erhalten rabattierte Tickets, Gewinnspiele oder wie aktuell das Kombi-Ticket (drei Heimspiele besuchen, nur zwei bezahlen) sind immer mal wieder Teil diverser Aktionen.

Unser “Eisi” wurde beim Geisterspiel beim SC Verl in der Vorsaison beschenkt

Die 2. Bundesliga als Ziel?

sechzger.de: Haben kleinere Vereine, wie z.B. der TSV Havelse, der jetzt vor teilweise vor 780 Zuschauern in der fast 50.000 Zuschauer fassenden Arena in Hannover spielen muss, oder eben der SC Verl unter diesen Umständen überhaupt eine langfristige Überlebenschance in der 3. Liga?

Norbert Meyer: Für andere Vereine können wir das in Verl natürlich nicht beurteilen. Wir fühlen uns in der 3. Liga sehr wohl und wollen hier auch nicht so schnell raus. Wir bleiben unserer Linie treu und werden keine verrückten Dinge machen. Aber es ist in unseren Augen dringend erforderlich, dass sich der DFB und die Vereine auf tragbare und zeitgemäße Lizensierungsauflagen einigen. Alle wollen eine wirtschaftlich stabile 3. Liga, das erfordert neue Konzepte hinsichtlich des Zulassungsverfahrens. Auf Sicht braucht jeder Verein sein eigenes Heimstadion mit hohem Komfort, guter technischer Ausstattung aber in bezahlbaren und angemessenen Größenordnungen.

sechzger.de: Unter diesen Umständen: Ist es vorstellbar, dass der SC Verl bei sportlich optimalen Verlauf auch einmal eine Lizenz für die 2. Bundesliga beantragt oder ist die aktuelle Spielklasse das höchste der Gefühle?

Norbert Meyer: Wer leistungsorientierten Sport betreibt, möchte immer das Maximum. Es wäre jedoch vermessen, einen Aufstieg als Ziel auszurufen. Für den Fall, man befindet sich auf Tuchfühlung zur Spitze, würde man wie in der vergangenen Saison auch, die Lizenz für die 2. Bundesliga beantragen.

Betreuer des SC Verl räumt Ersatzbank auf
Alles andere als selbstverständlich: Ein Betreuer des SC Verl räumt im Sechzgerstadion auf

Positives Image

sechzger.de: Ihr habt als SC Verl bei den Löwenfans einen äußerst positiven Eindruck hinterlassen. Die Aktion, als einem zu den Geisterspiel mitreisenden Löwenfan ein Verler Schal vor dem Stadion in Paderborn überreicht wurde, oder als der Sportclub-Betreuer den Bereich der Gästespieler auf der Haupttribüne des Grünwalder Stadions selbst aufräumte, fanden in München viel Zuspruch und Aufmerksamkeit für den SC Verl. Ist diese positive Resonanz auf das sympathische Auftreten auch bei Euch angekommen?

Norbert Meyer: Ja, unser Fanbeauftragter Thorsten Nöthling und ich bekommen sowas natürlich schnell mit und kommunizieren es auch intern. Es ist schön zu sehen, dass „Kleinigkeiten” wahrgenommen werden und dem Sportclub Sympathien entgegengebracht werden. Aus unserer Sicht darf jeder sein Fanherz etwas öffnen und den Sportclub einziehen lassen 🙂

sechzger.de: Ein Teil des sympathischen Auftretens war zudem die Wiedereinführung des leider aus der Mode gekommenen Brauches des Wimpeltausch in der 3. Liga. Wie viele euer Gegner haben diese Geste erwidert?

Norbert Meyer: In unserem Premierenjahr war für uns klar: Wir übergeben jedem Verein einen SCV Wimpel. In der jetzigen Saison machen wir das ebenfalls bei allen Erstduellen (in Liga 3). Wir haben auch viele Wimpel erhalten. So ungewöhnlich ist es also gar nicht. Und unser Zeugwart Johannes König freut sich auch. Alle Wimpel hängen in seinen heiligen Hallen und hängen an den Wänden im Wäscheraum.

sechzger.de: Vielen Dank für das Gespräch und nach dem Spiel gegen die Löwen wieder viel Erfolg für den Sportclub.

Bus SC Verl 3.Liga
Der Mannschaftsbus des SC Verl beim Gastspiel in Giesing
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