Unser Vorbericht zum Nachholspiel der Löwen in Lübeck

Stell Dir mal vor…

Liebe Leserin, lieber Leser! Stell Dir mal vor, Du bist Fan eines norddeutschen Traditionsclubs. Die große Zeit Deines dennoch stolzen Vereins liegt schon lange zurück: In den 1950er- und 60er-Jahren war er in der Erstklassigkeit unterwegs, die Qualifikation zur 1963 eingeführten Bundesliga verpasste er zwar, aber danach spielte man über zehn Jahre immerhin konstant zweitklassig. Mit Einführung der eingleisigen 2. Bundesliga 1974 ging es – auch aufgrund finanzieller Schwierigkeiten – plötzlich runter in die Viertklassigkeit. In den Niederungen des Amateurfußballs fristete der Verein dann Jahrzehnte lang ein Dasein zwischen Oberliga, Regionalliga Nord und Verbandsliga Schleswig-Holstein, nur unterbrochen von insgesamt vier Jahren in der 2. Bundesliga rund um die Jahrtausendwende.

Endlich die Rückkehr in den Profifußball

Stell Dir weiter vor: Im Sommer 2020 schafft Dein Verein die Rückkehr auf die bundesweite Fußballbühne, er wird als Tabellenführer der RL Nord – nach Saisonabbruch wegen einer Pandemie – für die eingleisige 3. Liga gemeldet. Nach 16 Jahren bist Du endlich zurück im Profifußball, die Gegner heißen nun 1860 München, 1. FC Kaiserslautern oder MSV Duisburg. Aber wegen besagter Pandemie kannst Du weder den Aufstieg live miterleben und feiern, noch siehst Du einen einzigen dieser namhaften Gegner im eigenen oder fremden Stadion. Und dann passiert das Bitterste: Nach dieser komischen Saison mit ihren Geisterspielen und dem Tatenlos zu Hause vor dem Fernseher sitzen, verabschiedet sich Dein Verein wieder aus der 3. Liga. Wer weiß, für wie lange…

Mund-Nasen-Schutz in den Farben des VfB Lübeck: Später einmal eine Erinnerung an die Pandemie

Abstiegskampf von Anfang an

Dieses brutale Schicksal droht unserem heutigen Gegner, dem Verein für Bewegungsspiele Lübeck 1919 e.V. Schon die ganze Premierensaison in der 3. Liga läuft für die Hansestädter alles andere als gut. Nach einem Unentschieden zum Auftakt gegen den 1. FC Saarbrücken (übrigens vor genau 1860 Zuschauern) folgten fünf Niederlagen in sechs Spielen, ehe am 30. Oktober der erste Sieg eingefahren werden konnte (ein 2:0 in Köln). Dieser (vermeintlichen) Initialzündung folgten dann gleich drei weitere Siege in Serie. In der Tabelle schien es so, als schickten sich die Lübecker an, den drei Mitaufsteigern Türk Gücü, Saarbrücken und Verl in höhere Tabellenregionen nachzufolgen. Der Schein trog allerdings. Bis zum nächsten Dreier vergingen lange 9 ½ Wochen… Aktuell hält der VfB die Rote Laterne und da wir heute Abend das feste Ziel haben, alle drei Zähler mit gen Süden zu nehmen, dürfte dies auch so bleiben. Dann 24 Punkte aus 28 Spielen – genauso wie die Münchner Vorstädter – sehen nicht wirklich nach Klassenerhalt aus.

Für viele Löwenfans ein noch fehlender Ground

Es ist also zu befürchten, dass der VfB Lübeck wirklich – wie eingangs als eine Art Horrorszenario skizziert – nach einem Jahr in der 3. Liga schon wieder den Gang in die Regionalliga Nord antreten muss. Für viele der reisefreudigen Löwenfans bleibt dann auch das Stadion an der Lohmühle weiter unbesuchtes Terrain. In meinem Vorbericht zum Hinspiel am 10. Oktober 2020 äußerte ich noch die Hoffnung, dass in der Rückrunde zahlreiche Löwenfans den Traditionsground bevölkern würden. Aus heutiger Perspektive eine völlig illusorische Hoffnung. Fast so unwirklich wie die Erinnerung daran, dass für besagtes Hinspiel ursprünglich erst 3.000, dann 1.500 Eintrittskarten an die Löwenfans verkauft und von diesen ausgedruckt wurden. Gefühlt ist die Posse um eine Zuschauerzulassung im Sechzgerstadion, bei der die Stadtverwaltung München keine glückliche Figur abgab, eine Ewigkeit her.

Zweimal im DFB-Pokal in Lübeck

Wirklich lange her ist der erste der beiden einzigen bisherigen Auftritte – im DFB-Pokal – einer Mannschaft des TSV 1860 im fernen Lübeck: Am 27. Januar 1968 sahen 17.000 Zuschauer den Sieg des Erstligisten beim Regionalligisten in der 1. Runde (!) des DFB-Pokals. Über 38 Jahre später, am 10. September 2006 reiste Sechzig als Zweitligist zum erneut eine Liga tiefer angesiedelten Außenseiter – und enttäuschte. Das 0:1 vor 7.400 Zuschauern an der Lohmühle war das erste Erstrunden-Aus für den TSV 1860 seit der Rückkehr in den Profifußball 13 Jahre zuvor.

Nachholspiel vom 23. Spieltag

Das heutige Nachholspiel war ursprünglich für Samstag, den 6. Februar angesetzt, fiel aber dem Wintereinbruch in Norddeutschland zum Opfer. Gott sei Dank war der Löwentross zum Zeitpunkt der Absage noch nicht auf dem Weg in Richtung Ostsee. Und es blieb bislang unsere einzige Absage. Nachdem auf dem Betzenberg am vergangenen Samstag kurzfristig nicht gespielt werden konnte, gibt es in der 3. Liga in dieser Saison übrigens nun keinen einzigen Verein mehr, der nicht schon mindestens einmal Opfer einer Spielabsage geworden ist. Für den Gegner der Lauterer, den FSV Zwickau war dies schon die neunte Stornierung in 2020/21 – durchschnittlich jedes dritte Spiel!

Die Lohmühle Anfang Februar: An Fußballspielen war da nicht wirklich zu denken
Anfang Oktober 2020 sah das noch anders aus. Und auch gegen Duisburg waren 1.860 Zuschauer live dabei

Für Euch vor Ort

Trotz ungünstigem Mittwochstermin haben wir heute Abend – wie immer – natürlich wieder einen Vertreter vor Ort, der den Löwen ganz nah ist und die Daheimgebliebenen mit Informationen und Bildern versorgt. Zu finden in unserem sechzger.de-Liveticker.

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Danke für den Vorbericht. Es ist in der Tat schon traurig, wie es den Lübecker und vielen anderen engagierten Fussballfans in diesen Zeiten ergeht. Aber wir sollten doch alle nicht vergessen, wei schlecht
es den Erkrankten, deren Familien und vor allen Dingen in anderen Teilen der Welt ergeht und unter dieser Pandemie leiden.
In dem Sinne noch gute gesunde Löwenwoche und heute ein klarer Auswärtssieg.